Rückblick: 10 Jahre Mikrofinanz bei der Credit Suisse

Am letzten Freitag hatte die Credit Suisse zum 10jährigen Geburtstag ihres Engagements in der Mikrofinanz zu einer Konferenz „Financing solutions for the poor. Linking the top with the base of the economic pyramid“ im Forum St. Peter in der Nähe des Zürcher Paradeplatzes eingeladen.

Der Oberbegriff Mikrofinanz umfasst  finanzielle Basisdienstleistungen wie Kredite, Sparbücher oder Versicherungen für arme und einkommensschwache Menschen. Meist bezieht sich der Begriff auf die Vergabe von Kleinstkrediten an Mikrounternehmer/innen, die bei einer konventionellen Bank keine Chance auf ein Darlehen haben. Populär wurde diese Finanzierungsform durch Muhammad Yunus, der zusammen mit der von ihm gegründeten Grameen Bank 2006 den Friedensnobelpreis für seine Leistungen auf diesem Gebiet erhielt. Die Mikrofinanz gilt als wichtiges Instrument der Armutsbekämpfung.

Die Credit Suisse verwaltet nach eigenen Angaben im Bereich Mikrofinanz momentan ein Vermögen in der Grössenordnung von USD 1,6 Mrd. (ca. CHF 1,5 Mrd.) und dürfte somit einer der derzeit grössten Akteure im Markt sein. Gelder ihrer Kunden fliessen somit zu Kleinunternehmen in die Länder des Südens. Das ist ein stolzes Wachstum, wenn man bedenkt, dass der erste Mikrofinanz-Fonds, den die Credit Suisse gemeinsam mit der ResponsAbility AG vor 10 Jahren auflegte, mit einem Startvolumen von  USD 5,6 Millionen an den Start ging. Angesichts verwalteter Kundengelder im Private Banking in Höhe von insgesamt CHF 927,9 Mrd. (Stand Ende 2011) und dem selbst erklärten Anspruch, mittels der Initiative die Reichen der Welt mit dem sogenannten „bottom of the pyramid“ (BOP) zu verbinden,  wirkt der investierte Betrag wie ein Tropfen auf dem heissen Stein.

Natürlich handelte es sich bei der Veranstaltung zunächst um eine Marketingveranstaltung, in der sich die Schweizer Grossbank ordentlich von Geschäftspartnern und Investoren loben liess. Der langjährige Weggefährte der Credit Suisse in Sachen Mikrofinanz, Klaus Tischhauser, Mitgründer und CEO der ResponsAbility AG, war dabei, genauso wie die beiden amerikanischen Pioniere der sozialen Kleinkredite, Rupert Scofield, CEO von FINCA International, und Michael Schlein, Präsident und CEO von Accion International. Besonders aufschlussreich fand ich die Diskussion zwischen Ed Wu, der für PlaNet Finance in China tätig ist, Pia Elia, die von der Credit Suisse entsandt an einem dreimonatigen Praktikum in Ghana teilnahm sowie Veronique Su, die für Swisscontact in Kenia arbeitet. Sie zeigten eindrucksvolle Beispiele aus dem Arbeitsalltag mit Mikrofinanz in ganz unterschiedlichen Kulturen. Gut fand ich auch Mary Ellen Iskenderian, President und CEO  der Women’s World Banking, weil sie das zeigte, was es für dieses Geschäft auch braucht: viel Herz und Begeisterungsfähigkeit. Die notwendigen Zahlen hat sie darüber trotzdem nicht vergessen, denn sie kannte ihr Publikum. Natürlich wurde auch die Krise der Mikrofinanz offen angesprochen und mehr Regulierung gefordert. Das fand ich recht bemerkenswert, sind doch Banker ansonsten nicht gerade diejenigen, die nach mehr Marktregulierung rufen.

Es gab zwei Punkte, die mir weniger gefielen: Zum einen die inszenierte  Selbstbeweihräucherung der Gutbetuchten, etwas Grossartiges geleistet zu haben. Credit Suisse hat im Schweizer Markt ohne Zweifel Mut bewiesen und gute Arbeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten geleistet. Ich kann mir gut vorstellen, wie hart es war, vor 10 Jahren einem knorrigen Steering Committee diesen Business Case zu präsentieren. Dennoch: Für mehr als ein „feel good“ reicht es unterm Strich vorerst nicht. Dann störte mich der ständige Rechtfertigungszwang aller Redner, dass sich die Geschäfte auch tatsächlich rentieren und dem Wettbewerb mit konventionellen Anlagen Stand halten. Das ist immer noch lupenreiner Neoliberalismus, der die wirtschaftliche Effizienz über alles stellt. Wer ernsthaft die Armut in der Welt bekämpfen möchte, darf ökonomische Kriterien nicht zum ausschlaggebenden Faktor machen, sondern muss einen breiteren, ethisch fundierten Standpunkt vertreten, damit auf dieser Welt 7 Milliarden Menschen in Würde leben können.

Abschliessend noch ein Link zu einem Interview mit Arthur Vayloyan, der als Head Private Banking Schweiz und Global External Asset Managers, für die Mikrofinanz bei der CS verantwortlich zeichnet.

Bärbel Bohr (https://twitter.com/nachrichtenlos)

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About Barbara Bohr

I teach communication and project management at a technical college. My Interests are: Text analysis, (financial) innovation for the common good.

One response to “Rückblick: 10 Jahre Mikrofinanz bei der Credit Suisse”

  1. Dominik Haitz says :

    Interessant! Ich habe ein paar hundert franken in kiva. 2-3 verluste habe ich schon eingefahren, aber das ist nicht so tragisch, das positive überwiegt.
    Wer auch mitmachen will: kiva.org, gruppe „swisstweets“

    Gefällt mir

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