Mit Robert Shiller in guter Gesellschaft

Es wäre so schön gewesen, die Zürcher Honoratioren hätten Robert Shiller als neuen Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften empfangen dürfen. Obwohl es dieses Jahr noch nicht ganz gereicht hat, war die Aula der Zürcher Universität bis auf den letzten Platz gefüllt, als Shiller am letzten Donnerstag sein neuestes Buch Finance and the Good Society (Titel der deutschen Übersetzung:  Märkte für Menschen: So schaffen wir ein besseres Finanzsystem) vorstellte.

Shillers Rede war Balsam für die anwesenden Vertreter der Zürcher Finanzbranche. Der Vertreter der Behavioral Finance, der sich als einer der ersten renommierten Ökonomen gegen die Hypothese der Markteffizienz ausgesprochen hat,  wendet sich in seinem Buch nämlich gegen das derzeitig vorherrschende Bankenbashing der Öffentlichkeit, indem er die innovativen Fähigkeiten des Finanzsystems im Dienste der Gesellschaft betont.

Nach einem schnellen historischen Durchlauf, wie innovative Finanzinstrumente die Gesellschaft in der Vergangenheit vorangebracht haben, stellte Shiller Beispiele aus seiner Ideenkammer für die Finanzmärkte vor, die diesen Fortschritt auch für die Zukunft ermöglichen könnten.

  1. Anteilscheine am BIP eines Landes anstelle von Obligationen einführen: Am Beispiel Griechenlands zeigte er, wie Wachstum und Finanzierungsbedarf eines Landes in eine neue Balance kommen könnten. Anteilseigner hätten so ein vitaleres Interesse an einer gesunden, wachstumsstarken Wirtschaft, als  – wie im Falle der Bondeigner – stur auf die Zurückzahlung fester Zinsen und Fälligkeiten zu beharren.
  2. Die Attraktivität der Philanthropie durch steuerliche Anreize erhöhen: Damit könnte verstärkt überschüssiges Kapital von Privaten und Unternehmen in wohltätige Aktivitäten investiert und soziale Ungleichgewichte abgefedert werden. Beispielsweise könnten die Dividenden einer B-Corporation gemäss Satzung zwingend in eine Wohltätigkeitsorganisation reinvestiert werden, was diese Art der Investition steuerlich besonders attraktiv macht.
  3. Die Änderung der Zahlungsbedingungen für Hypothekarkredite bei fallenden Immobilienpreisen bereits bei Vertragsabschluss einplanen: Dies verhindere Nachschusspflichten bei sinkendem Belastungswert, sodass eine finanzielle Überforderung der Kreditnehmer entstehe, führte Shiller aus. Die Subprime-Krise habe gezeigt, dass bei sinkenden Immobilienpreise viele Schuldner in eine Teufelsspirale geraten seien, die zu unangemessenen monatlichen Ausgaben und damit in die Überschuldungsfalle und die Zwangsversteigerung geführt hätten.
  4.  Die Erhöhung der Steuersätze für die Reichen, wenn die Ungleichheit in einem Land einen bestimmten Wert überschreitet: Ein progressives Steuersystem, so Shiller, sei ein ausgezeichnetes Risikomanagementwerkzeug des Staates.

Diese Anreizsysteme klingen inhaltlich alle elegant und überzeugend, wenn auch Shiller nicht ganz der eloquente Redner war, den ich erwartet hatte. Getragen wird seine Zukunftszuversicht für die Welt der Finanzen von einem durchweg positiven Menschenbild. Shiller bezog sich mehrfach auf Stephen Pinkers The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined, um zu zeigen, dass sich die Menschheit weiterhin auf dem Fortschrittspfad befindet. Diese idealistische Einstellung mag man Shiller hoch anrechnen, doch geht er mir manchmal dann doch zu nachsichtig mit den derzeitigen Entgleisungen der Banker um. Abgesehen von seinem Loblied auf das progressive Steuersystem, das nun nicht unmittelbar von den Finanzmärkten selber abhängt, wirkten seine Beispiele eher wie Stückwerk. Mir als Vorbänker fehlte im Vortrag eine stärker systemisch ausgerichtete Betrachtung der heutigen und zukünftigen Finanzwelt.

Bärbel Bohr (@nachrichtenlos)

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