Wider das Finanzanalphabetentum

Zwei Madrider Ökonominnen, Marta Soria und Rebeca Gimeno, haben einen bemerkenswerten Aufruf zu mehr und besserer Finanzbildung veröffentlicht. Geschrieben ist er so, dass er von jedem und jeder verstanden werden kann, vor allem auch von jungen Menschen, die wenig Erfahrung mit Finanzgeschäften haben.

Marta Soria y Rebeca Gimeno

Es ist eine Sache, auf mehr Regulierung durch den Staat und stärkere Transparenz von Seiten der Banken zu drängen, aber solange es diese nicht gibt und die Finanzprodukte für die meisten Menschen ein Buch mit sieben Siegeln bleiben, hilft nur die eigene Vorsicht und das eigene Wissen, um von den Banken nicht über den Tisch gezogen zu werden.

Und wer nun in der Schweiz mit stolz geschwellter Brust behauptet, dass wir als Bankerland  anders als Spanien über eine sehr hohe Bildung in Sachen Finanzangelegenheiten verfügen, der möge sich einmal die steigende Verschuldungsrate junger Leute ansehen, die nicht lernen, mit dem ersten verdienten Geld nachhaltig umzugehen. Ebenso zeigt eine Studie der ZHAW, dass auch Schweizer dazu tendieren, ihr Finanzwissen zu überschätzen und dadurch die mit Finanzprodukten einhergehenden Risiken zu unterschätzen.

Da wir diesen erfrischenden Blogpost gerne mit euch teilen möchten, haben wir den Text ins Deutsche übersetzt. Das spanische Original findet sich hier. Das Blog der beiden haben wir in unseren Blogroll aufgenommen.

Wozu überhaupt dieses Manifest?

Vorzugsaktien, Clips, nachrangige Verbindlichkeiten, Collars, Swaps…kommen euch diese Begriffe irgendwie bekannt vor?

Es handelt sich um Finanzprodukte, die an Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller verkauft wurden, ohne dass diese wussten, was sie kauften bzw. sie ihr Geld investierten. Häufig hört man solche Sätze wie: „Ich verstehe nichts von Finanzen, das hat mir mein Bankberater empfohlen“ oder „Ich wollte eine feste Laufzeit und der von der Bank sagte mir, das sei das Gleiche“. Jetzt sitzen Hunderttausende spanischer Familie auf diesen Produkten fest und verlieren eine Menge Geld mit ihren Aktien. „Ja, ich wusste, dass man mit Aktien Geld verlieren kann, aber der von der Bank sagte mir, dass die, die ich kaufte, sehr sicher seien.“

Damit wir solchen und ähnlichen Ammenmärchen nicht wieder aufsitzen, haben wir das folgende Manifest gegen das Finanzanalphabetentum geschrieben:

1. Ich stecke mein Geld nicht in ein Finanzprodukt, das ich nicht verstehe. Wenn wir in ein Modehaus gehen, wissen wir auch, ob wir einen Rock, eine Hose oder eine Bluse kaufen möchten. Wir wissen bei jedem dieser Kleidungsstücke, um was es sich handelt. Stellt euch nur einmal vor, ihr kommt nach Hause und zeigt der Mama eure Einkäufe: „Schau, ich habe mir eine Bluse gekauft“ und zieht dann einen Rock aus der Einkaufstüte. Genauso muss es bei Bankgeschäften sein: Wir müssen wissen, ob wir ein laufendes Konto eröffnen, eine Einlage tätigen, einen Investmentfonds mit fest- oder variabel verzinslichen Wertpapieren kaufen, und welche Eigenschaften sie jeweils haben. Ich lasse mich nicht vom Namen des Produkts blenden, sondern vergewissere mich, was drinsteckt.

2. Der von der Bank ist kein Freund. Er ist ein Geschäftsmann. Im Modehaus gefallen mir zwei Röcke. Einer kostet 20 Euro, der andere 35. Ich probiere beide an und die Verkäuferin sagt: „Der da (der 35 Euro kostet) steht dir viel besser. Kann ja sein, aber…vermutest du vielleicht auch, dass sie es bloss sagt, weil es der teurere ist?

3. Der von der Bank weiss nicht alles. Ein Rock gefällt mir, aber der Stoff ist irgendwie komisch. „Was ist das für ein Stoff?“ frage ich die Verkäuferin. „Oh, es ist ein neues Gewebe, das sehr geschmeidig fällt.“ – „ Kann man ihn in der Waschmaschine waschen?“ „Ich denke schon“ –  Du guckst auf das Wäscheetikett, auf dem es heisst: „ Trockenreinigung“. Du kaufst ihn also nicht; oder doch, weil er dir so gut gefallen hat, aber du weißt,  was jeder Fleck aufs Neue bedeutet: ab in die Reinigung.

4. Wenn mir die Bank ein Produkt anbietet, das mich „gegen etwas absichert“ oder „meine Risiken deckelt“, weiss ich, dass es sich um ein kompliziertes Produkt handelt. Dabei gehe ich davon aus, dass ich eine Wette abschliesse und die Bank auf das genaue Gegenteil wettet. Als sie zum Beispiel den Hypothekarschuldnern Swaps anboten, sagten sie ihnen, dass es sie gegen einen steigenden Euribor absichere. Sollte er steigen, würde sich die Belastung für den Schuldner durch die Hypothek verringern. In Wirklichkeit wettete die Bank allerdings darauf, dass der Euribor bald sinken werde, und die Hypothekarschuldner wetteten, ohne es zu wissen, auf einen steigenden Euribor. Innerhalb weniger Monate sank der Euribor (hey, Mensch, klar, es ist doch normal, dass die Bank mehr als du weisst), d.h. die Schuldner mussten mit ansehen, wie ihre Hypotheken jeden Monat mehrere Hundert Euro teurer wurden.

5. Was nicht auf meinen laufenden Konten oder meinen Sparkonten ist, kann ich verlieren. Nur diese Produkte sind bis zu einem Maximalbetrag von 100’000 Euro pro Kontoinhaber und Konto durch den Einlagensicherungsfonds garantiert. Investmentfonds und Pensionsfonds sind nicht garantiert.

6. Wenn ich kein Spieler bin (denn natürlich gibt es auch die, die gerne mit ihrem Geld spielen, so als wären sie im Casino, und diese Freiheit soll, bitteschön, jeder haben), dann frage ich immer, ob das Produkt durch den Einlagensicherungsfonds abgedeckt ist. Kommt es zum Garantiefall, zahlt mir die Nationalbank mein Geld bis zu diesem Höchstbetrag von 100’000 Euro pro Kontoinhaber und Konto zurück.

7. Investmentfonds, die in festverzinslichen Papieren anlegen, zahlen keine feste Rendite. Das Geld wird in Schuldnerpapieren investiert, in Anleihen, in Wechseln. Wenn ich mein Geld zurückgezahlt haben möchte und der Fonds zu einem niedrigeren Preis als dem Kaufpreis gehandelt wird, verliere ich Geld. Vor ein paar Jahren, zu Beginn dieser Krise, begleitete ich meine kleine Schwester zur Bank, wo sie die wenigen Euro, die sie hatte sparen können, auf ein Jahr anlegen wollte. Der Bankangestellte empfahl: „Steckt das Geld in einen festverzinslichen Rentenfonds.“ Ich darauf: „Nein, ihr kommt es nicht darauf an, mit ihrem wenigen Geld zu verdienen. Sie möchte ihr Geld an einem sicheren Ort wissen.“ – Angestellter: „Aber das hier ist supersicher. Ich habe selber auch diese Investmentfonds in meinem Depot.“ – Ich: „Wirklich, es macht ihr nichts aus, wenig zu verdienen, aber sie möchte sichergehen, dass sie ihr Geld nicht verliert.“ – Angestellter: „Mensch, da es sich um einen festverzinslichen Investmentfonds handelt, ist die Rendite auch fest.“ – Ich: (erstaunt) „Tatsächlich, ¿Und wie hoch genau ist die feste Rendite dieses Investmentfonds?“ – Angestellter: „Also, äh, es kommt darauf an.“ Der Angestellte war mehr als 50 Jahre alt und hatte seine gesamte Berufslaufbahn im Bankgeschäft verbracht. Ich bin überzeugt, der er uns nicht über den Tisch ziehen wollte, sondern dass er nicht wusste, wie das Produkt funktionierte.

8. Was für mich wichtig ist, möchte ich schriftlich festgehalten sehen. Es reicht mir nicht, dass es mir der von der Bank mündlich mitteilt.

9. Auch wenn es mühsam ist, ich werde in Ruhe die gesamte Dokumentation lesen und erst den Kaufvertrag für das Produkt unterschreiben, wenn ich sie verstanden habe.

10.Wenn ich den Test zu meinen Finanzkenntnissen ausfülle, gebe ich nicht an, dass ich alles verstehe, weil mir die Themen so irgendwie bekannt vorkommen.

Diese zehn Punkte lassen sich auf zwei zurückführen: „Ich lasse mich nicht von Geldgier blenden, noch wünsche ich mir aus Habgier Gewinne, die mir nicht zustehen.“

Bärbel Bohr (@nachrichtenlos) und Alberto Zuleta (@azuleta)

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