Mit welchem Schiff wird Greenpeace gegen die Banken segeln?

Esperanza

Vor einem halben Jahr lehnte sich Kumi Naidoo in Rio de Janeiro weit aus dem Fenster. In gekonnt provokanter Manier erklärte der Executive Director von Greenpeace International den Banken den verbalen Krieg. Seine Forderung an die Banken bestand darin, alle Kreditvergaben, die einen Zusammenhang mit Erdöl,Kohle, Gas und Abholzung haben, einzustellen. Beim ansonsten glanzlosen Umweltgipfel in Rio de Janeiro erkannte Greenpeace endlich, dass die ökologischen und sozialen Folgen ganzer Industriezweige nur wirksam überwacht werden können, wenn man die Finanzströme dahinter kennt und kontrolliert. Der Zeitpunkt schien günstig, stehen die Banken doch seit dem Beginn der Finanzkrise am Pranger. Doch was hat sich seit dieser Ankündigung getan?

Grosse Kampagnen im typischen Greenpeace-Stil gegen den Finanzsektor sind bisher ausgeblieben. In einer Podiumsdiskussion im Zürcher Zunfthaus zur Schmiden, die von Christian Kobler, Mitgründer und Verwaltungsratschef der Forma Futura Invest geleitet wurde, hatte Kumi Naidoo am Montag Gelegenheit, Stellung zu den Greenpeace-Aktivitäten im Finanzsektor zu beziehen. Hauptproblem, so der Greenpeace-Aktivist, sei in erster Linie die Undurchschaubarkeit der Finanzprodukte. Daher liegt seine Hauptforderung auch auf mehr Transparenz, durch die Kunden und Investoren erst in die Lage versetzt würden, Kritik zu äussern oder konkrete Änderungen bei ihrer Bank einzufordern. Er erwartet für die Bankenindustrie eine ähnliche Flut von Gerichtsverfahren, wie sie die Tabakindustrie erlebt hat. Vorläufig räumt Naidoo ein, dass der Einfluss von Greenpeace auf den Sektor nur gering sei. Auch die Verleihung des Jurypreises im Rahmen der „Public Eye Awards“ am Davoser WEF an Goldman Sachs hat zwar zu viel Publizität, jedoch nicht einmal zu einem Schulterzucken bei der Investmentbank selbst geführt. Dies wiederum ist für de Greenpeace-Chef wenig überraschend:  Naidoo erwartet keine Lösung der Probleme durch die Institutionen selber, sondern nur durch eine kritische Menge an Menschen, die eine grundlegende Transformation des Sektors einfordern. Seine Botschaft hat der ehemalige Anti-Apartheids-Kämpfer aus dem südafrikanischen Durban charmant, witzig und mit Leidenschaft bei seinem Zürcher Publikum platzieren können.

Ob sich aus seinem Appell konkrete Handlungsschritte der Zuhörer ergeben, wird sich zeigen. Denn auch im Schweizer Markt für nachhaltige Anlagen, der eine vergleichsweise gute Volumensentwicklung aufweist, bilden diese Produkte eine Luxusnische. Welche Ansätze zu alternativen Geldanlagen in der Schweiz inzwischen überhaupt möglich sind, zeigte in der Diskussion Inge Schumacher-Hummel, verantwortlich für das Business Development dieses Geschäftszweigs beim Bankhaus Kaiser Partner, auf. Allerdings sind auch diese Möglichkeiten als Babyschritte zu werten. Im Jahr 2011 sind gerade einmal 3.7% des gesamten Anlagevermögens des Schweizer Finanzmarkts in nachhaltige Finanzprodukte geflossen.

Die Gäste der Podiumsdiskussion, von links nach rechts: Christian Guggisberg, Kumi Naidoo, Christian Kobler, Inge Schumacher-Hummel und Olivia Bosshart (vom Veranstalter Kion).

Viel einfacher hatte es in der Diskussion Christian Guggisberg, Chef-Lebensmitteleinkäufer bei der Coop. Was durch den eigenen Magen geht, wird von den Konsumenten wesentlich kritischer verfolgt und hat bei Coop zu einem breiten Angebot nachhaltiger Produkte geführt, die drei Schwerpunkte haben: biologisch produzierte Waren, Fair Trade und artgerechte Tierhaltung. Gleichzeitig versucht Coop das Angebot auch aktiv in diese Richtung zu beeinflussen. Dies tut Coop sicherlich auch, weil dieses eher hochpreisigem Segment die bessere Marge bringt. Man darf aber auch nicht vergessen, dass nachhaltig eben nur ist, was neben dem ökologischen und sozialen Effekt auch wirtschaftlich sinnvoll ist.

Während inzwischen viele Konsumenten bei Lebensmitteln bereit sind, auf die Herkunft der Erzeugnisse zu achten, klafft weiterhin eine grosse Wissenslücke, wenn es um Bankprodukte geht. Abstrakt wirkende Finanzströme und ihre Folgen auf Umwelt und Menschen für die Konsumenten wahrnehmbar und verständlich zu machen, bleibt eine grosse Herausforderung. Da müssen sich die Campaigner bei Greenpeace noch etwas einfallen lassen. Noch ist nur wenigen klar, dass Greenpeace-Kampagnen gegen Erdölbohrungen in der Arktis oder Abholzungen des tropischen Regenwaldes immer auch Kampagnen gegen die Banken sind, die diese Unterfangen finanzieren.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 29.01.2013. Die Autorin nahm auf Einladung von Greenpeace Schweiz an dem Event teil. Die Veranstaltung wurde gemeinsam von Kion und Greenpeace Schweiz durchgeführt.

 

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