Mit Farmville & Co. Finanzbildung erlangen?

Geht das? Das Team von Three Coins, Start-Up am Hub Wien, glaubt fest daran. Sie entwickeln Videospiele, mit denen junge Leute Finanzbildung erwerben, ohne das Gefühl zu haben, auf der Schulbank zu sitzen. Ich habe mit Kathi Norden, Geschäftsführerin des Jungunternehmens und diese Woche bei uns am Hub Zürich auf Besuch, gesprochen, wie sie mit ihrer Firma das Thema angehen.

Bisher haben nämlich alle konventionellen Methoden, das Finanzwissen der Bevölkerung zu verbessern, kläglich versagt. Das hat letzte Woche noch Buttonwood, Blogger beim Economist, in einem Beitrag erneut eindrücklich gezeigt. Geld ist an Schulen und sogar im familiären Kreis weiterhin ein Tabuthema. Über Geld spricht man nicht, viel weniger noch über Schulden. Das bleibt nicht ohne gesamtwirtschaftliche Folgen. Die Verschuldung junger Leute nimmt stetig zu, weil Geld für Konsumismus immer leichter zur Verfügung steht. So haben deutsche Kinder  2012 in Summe 10% mehr Taschengeld als 2011 erhalten, wie der SPIEGEL berichtet. Das ist ein stolzer Kaufkraftzuwachs angesichts der europäischen Finanzkrise. Wie lernen Kinder und Jugendliche sinnvoll mit diesem Mehr an Geld umzugehen? Oft lernen sie nichts und geben letztlich mehr aus als sie haben. Immer mehr junge Menschen kommen nicht mehr von ihrem Schuldenberg runter. Das zeigen auch aktuelle Zahlen zur Jugendverschuldung in der noch wohlhabenderen Schweiz.

Three Coins versucht die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie am leichtesten zu erreichen sind: auf Social-Media-Plattformen mit ihren Spielangeboten. Wissenschaftlich basieren die Spiele auf Erkenntnissen der Verhaltensökonomie. Konsumentscheidungen werden nämlich in der Regel von Intuition und spontanem Verlangen geleitet, nicht von Rationalität und Wissen. Der alltägliche Umgang mit Geld wird von tief sitzenden Verhaltensmustern motiviert, die sich im Alter zwischen 13-19 Jahren formieren. Mit Hilfe der Spiele sollen Verhaltensmuster trainiert werden, die langfristig tragbare finanzielle Entscheidungen unterstützen. Es geht also nicht nur darum, das Spielern beispielsweise nur das Geld aus der Tasche gezogen wird für noch mehr Saatgut oder eine neue Scheune, sondern dass sie sorgfältig mit ihrem Geld umgehen lernen. Dabei wird im ersten Spiel, das in diesem Sommer lanciert wird, überhaupt nicht von Geld gesprochen. Der Umgang mit der knappen Ressource findet metaphorisch statt. Das soll Lernhemmungen mit dem ungeliebten Thema vermeiden.

Natürlich  kann Finanzbildung nicht durch Spiele alleine verbessert werden. Gamification ist kein Allheilmittel. Weiterhin in der Pflicht bleiben die Eltern. Wie viele Eltern verstecken sorgsam Konto- und Depotauszüge vor den Kindern? Wozu eigentlich? Wieso nicht mit den Kindern Haushaltsplanung und Budgets der Familie offen besprechen? Dann lernen sie, so denn die Eltern es selber erklären können. Was nicht immer der Fall ist. Finanzanalphabetentum ist nicht nur ein Problem von Jugendlichen. Deshalb sollte Finanzbildung auch in der Schule endlich ein Thema werden, denn ganz ohne kognitive Basis geht es auch nicht. Immerhin hat Grossbritannien inzwischen das Thema „financial literacy“ im allgemeinen Schulcurriculum verankert. In den deutschsprachigen Schulen sind wir davon weit entfernt. Und zu guter Letzt bleiben auch Banken und Konsumgüterindustrie ethisch gefordert, die Transparenz ihrer Produkte zu erhöhen, damit Kunden die finanziellen Auswirkungen besser verstehen können.

Was haltet ihr von dem Produktkonzept? Probiert es aus. Hier ist ein Teaser zum Spiel.


Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 03.03.2013.

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About Barbara Bohr

I teach communication and project management at a technical college. My Interests are: Text analysis, (financial) innovation for the common good.

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