Peinliches Schweigen um die Geldschöpfung

Ich wurde eher zufällig aufgeklärt – auf Youtube. Irgendwie interessierte mich die Sache einfach immer mehr, und nachdem ich etwas gegoogelt hatte und einige Links anklickte, lief da dieses Video. Es war nicht gerade professionell gemacht und vom eher dümmlichen Plot war sofort klar, dass es den Machern nicht um die Rahmenhandlung ging, sondern nur um das Eine… die Geldschöpfung.

Die wenigsten Menschen verstehen, wie die Geldschöpfung heute funktioniert. Wenn sie es verstehen, haben sie es ziemlich sicher nicht in der Schule oder an der Uni gelernt, sondern es sich selbst beigebracht. Möglicherweise auch mit Hilfe von Youtube. Dass dies kein Zufall ist, will der Journalist und Autor Norbert Häring* in einem Artikel [1] aufzeigen, der in der neusten Ausgabe der Real World Economics Review [2] erschien. Am Beispiel von zwei deutschen Bundesbankern und zwei populären Lehrbüchern illustriert er, dass Zentralbanker und Professoren den Prozess der Geldschöpfung verzerrt darstellen. Und er argumentiert, dies geschehe mit Absicht.

Eine schöne Geschichte – leider stimmt sie nicht
Die Geschichte, welche die Zentralbanker erzählen, geht so: Zentralbanken wurden von Regierungen geschaffen, damit diese nach Belieben Geld herstellen und ausgeben können. Die historische Erfahrung zeigt, dass dies immer wieder Inflation zur Folge hatte. Darum ist es heute so wichtig, dass Zentralbanken von der Regierung unabhängig sind um die Geldmenge im allgemeinen Interesse regulieren zu können, und nicht den Interessen der Politiker dienen müssen.

Häring kritisiert diese Geschichte in allen Punkten. Erstens verschweigen die Zentralbanker, dass es vor allem die Geschäftsbanken sind, welche die kaufkräftige Geldmenge herstellen. Tatsächlich ist es sogar so, dass die Zentralbanken die Geldschöpfung der Geschäftsbanken oft nur passiv nachvollziehen, indem sie die von den Geschäftsbanken benötigten Reserven an Zentralbankgeld nachträglich zur Verfügung stellen.

Zweitens zeigt Häring, dass der behauptete Zusammenhang zwischen von Regierungen gegründeten und kontrollierten Zentralbanken und Inflation nicht unbedingt besteht. Er führt dabei unter anderem die Bank of England und die Federal Reserve an, welche beide als private Institute gegründet wurden. Die Bank of England wurde erst 1946 verstaatlicht und die US-Notenbank ist bis heute eine private Organisation im Besitz ihrer Mitgliedsbanken. Die Preussische Bank, welche später zur Reichsbank wurde, ist hingegen ein Beispiel einer von der Regierung eng kontrollierten Zentralbank, die sich der Inflationsgefahr wohl bewusst war und als sehr gut geführt und erfolgreich galt.

Was die Zentralbanker, drittens, gänzlich verschweigen, ist das Privileg des Geldschöpfungsgewinns (Seignorage), der überwiegend den privaten Geschäftsbanken zu Gute kommt, da sie den Grossteil des Geldes schaffen.

Lehrbücher mit Leerstellen
Wie die Zentralbanker stellen auch die von Häring untersuchten Lehrbücher den Sachverhalt unvollständig und verzerrt dar. Die erste Kritik an den Lehrbüchern aber ist, dass sie dem Thema Geldschöpfung sehr wenig Bedeutung zumessen. Beide Lehrbücher (von Krugmann/Wells und Mankiw/Taylor) widmen sich der Frage, woher das Geld kommt, erst nach frühestens 600 Seiten, obwohl die Art und Weise, wie Geld hergestellt und allokiert wird, einen sehr grossen – und oft unterschätzten – Einfluss auf das Funktionieren der Wirtschaft hat.

Zur Geschichte und Organisation der wichtigsten Zentralbanken äussern sich die beiden Lehrbücher nur bruchstückhaft, so dass der Leser den Eindruck gewinnen muss, die Bank of England und die Federal Reserve seien öffentliche Institutionen und dies schon seit jeher. Wie oben beschrieben, ist dies nicht korrekt.

Und die eigentliche Gretchenfrage umgehen die vier Autoren in ihren zwei Büchern im Zick-Zack-Kurs. Wie funktioniert der Prozess der Geldschöpfung? – Dies wird nur unzulänglich erklärt mit Hilfe des Geldmultiplikators,  obwohl dieser Erklärungsansatz laut Häring veraltet ist. Und dann enden auch schon die Erklärungen, obwohl es gerade erst interessant würde. Wem nämlich nützt diese Art der Geldschöpfung? Und welche Nachteile hat dieses System? Darüber schweigen die Lehrbücher.

Qui bono?
Aus dem Vorhergehenden schliesst Häring: die Zentralbanker und Lehrbuch-Autoren wollen das Publikum glauben machen, die Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken sei normal, harmlos, alternativlos und unter der Kontrolle der Zentralbanken. Aber warum? Laut Häring steht zum einen der Wunsch der Zentralbanker dahinter, ihren Einfluss auf die Wirtschaft nicht allzu deutlich herausstreichen zu wollen. Vor allem aber sei es der Wunsch der privaten Banken, dass ihr sehr profitables Privileg des Geldschöpfungsgewinns nicht ins öffentliche Bewusstsein gelange. Weil die Finanzelite mit den Zentralbankern und den Wirtschaftswissenschaftern eng verzahnt ist, schaffe sie es, diese Verschwiegenheit aufrecht zu halten.

Ich bin kein Fan von Verschwörungstheorien und mag Härings Verdacht nicht einfach so teilen. Allerdings legt er den Finger mit Recht auf einen wunden Punkt: das Mass an Unwissen und Unverständnis in der breiten Bevölkerung über Geld und Geldschöpfung ist ein Problem und zugleich ein Rätsel. Es ist wahr, dass die Geldschöpfung und verwandte Themen an Schulen und Universitäten aber auch in der Politik ungenügend thematisiert werden. Hier gibt es noch viel zu tun und die Frage, woran es liegt, soll gestellt werden. Andererseits ist es doch erstaunlich, wie wenig sich die Menschen – speziell die Journalisten und Wirtschaftswissenschaftler – für das Thema interessieren. An der Verfügbarkeit der Informationen liegt es nicht. Die Komplexität des Themas kann ebenfalls nicht ausschlaggebend sein – zum Klimawandel hat ja auch jeder eine Meinung. Sogar wenn das Sprechen über die Geldschöpfung für gewisse Berufsgruppen, zum Beispiel Notenbanker, ein Tabu sein sollte, erstaunt es doch, dass von all den anderen intelligenten Leuten so wenige von der Neugier gepackt werden. Warum nicht einfach mal nach einem handgestrickten, dümmlichen Youtube-Filmchen googeln?

*Der Autor
Norbert Häring ist Journalist beim deutschen Handelsblatt [3] und Autor populärwissenschaftlicher Bücher, welche sich kritisch mit der aktuellen Wirtschaftswissenschaft auseinandersetzen. Er war auch Mitinitiator und Gründungsmitglied der World Economics Association [4]. Diese gibt die Real World Economics Review heraus, in welcher der besprochene Artikel erschien.

[1] http://www.paecon.net/PAEReview/issue63/Haring63.pdf
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Real-world_economics_review
[3] http://www.handelsblatt.com/norbert-haering-1377222/1986060.html
[4] http://www.worldeconomicsassociation.org/

 

Peter Kaufmann, 04. April 2013

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