Der Preis des Geldes

Da das Interesse an Theorie und Geschichte des Geldes derzeit sehr gross ist, veröffentliche ich an dieser Stelle nochmals meine Buchkritik von Christina von Brauns kulturwissenschaftlichem Buch „Der Preis des Geldes“, das im Jahr 2012 erschienen ist. Das Buch bietet vor allem Ökonomen mal eine ganz andere Perspektive auf die Entstehung der unterschiedlichen Geldfunktionen und sicherlich auch ganz viel Diskussionsstoff.

Christina von Brauns „Der Preis des Geldes“

Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles. Das trifft nicht nur auf die Akteure des Wirtschaftslebens selber zu, sondern auch auf diejenigen, die sich kritisch mit eben diesem auseinandersetzen. So hätte das marktgerechte Timing von Christina von Braun besser nicht sein können. Inmitten der seit 2008 währenden Vertrauenskrise in unser Banken- und Geldsystem veröffentlicht die Professorin für Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin und Vizepräsidentin des Goethe-Instituts mit „Der Preis des Geldes„eine umfangreiche Kulturgeschichte des Geldes. Die Autorin, zu deren Forschungschwerpunkten Kulturtheorie, Geschlechterforschung und Medientheorie gehören, schlägt historisch und methodisch einen weiten Bogen in ihrem neuesten Buch.

Das abstrakte und angeblich von allen materiellen Dingen befreite Geldkonstrukt ist tatsächlich an den Körper gebunden, so lautet ihre Kernthese, die sie anhand vieler Beispiele aus der Kulturgeschichte zu belegen versucht. Wir alle stehen also mit unserem Körper ein für das Geld, das wir verdienen, anlegen und ausgeben. Die einfachste Erläuterung ihrer These findet sich in der abhängigen Lohnarbeit, in der wir unsere zeitliche Verfügbarkeit physisch an einen Arbeitgeber abgeben, um gegen Arbeit Geld zu erhalten. Braun führt ihre Hypothese zurück auf die Entstehungsgeschichte des Geldes als Teil religiöser Kulte: Geld fungierte in den frühen Zivilisationen Vorderasiens als Objekt für Gaben- und Opferrituale. Von Braun greift damit auf die Theorie des Altertumsforschers und Ökonomen Bernhard Laum aus seinem Traktat „Heiliges Geld“ (1924) zurück. So wurde beispielsweise der Stier – als Ersatz für das Menschenopfer – den Göttern als Opfer dargebracht.

Aus diesem Stier wurde symbolisch später ein Lederbeutel aus Stierhaut, in dem Münzen aufbewahrt wurden, die den Göttern ebenfalls als Gabe oder Opferersatz dargebracht wurden. Sie ahnen es vielleicht schon, von der Münze ist es bei von Braun nicht weit zur formgleichen Hostie, die den Leib Jesu symbolisiert. Und von dort ist es nicht mehr weit zu den modernen Bullenskulpturen, die vor den modernen Börsengebäuden die Macht der Finanzmärkte verkörpern. Von Braun belässt es nicht bei dieser simplen Analogienbildung. Vielmehr bildet das Geld eine Art „Kastrationsmechanismus“, durch den der männliche Körper (zeitweilig) auf die Realisierung seiner sexuellen Potenz verzichtet, um gleichzeitig durch den Erwerb von Geld „geistige Potenz“, also Macht, aufzubauen. Um mit Freud zu sprechen, handelt es sich bei der Schaffung und Mehrung von Geld um Sublimierung.

Gemäß der Theorie von Brauns haben Frauen in der Geschichte den Preis dieser symbolischen Kastration weniger zu zahlen gehabt, woraus die Forscherin die Hoffnung ableitet, dass sich die Begeisterung von Frauen für das Geld eher im Zaum hält als die der Männer, und diese die zukünftige Geldkritik deshalb stärker vorantreiben könnten. Das ist natürlich eine These, über die sich trefflich streiten lässt, denn Mann und Frau haben sich in der Geldgeschichte auch als wunderbare Komplizen zusammengerauft, was eine derart geschlechtsspezifische Ausdifferenzierung in Frage stellt. Nirgendwo kommt dies schöner zum Ausdruck als in Quentin Massys Gemälde „Der Geldwechsler und seine Frau“ von 1514. Kontroversen an der Geschlechterfront gewohnt, tut von Braun gut daran, diese Behauptung als reine Hoffnung zu bezeichnen.

Quentin Massys: Der Geldwechsler und seine Frau

Vom eklektischen Ansatz her ist ihr Buch am ehesten mit David Graebers „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ zu vergleichen, wobei dieser wesentlich stärker an sozialwissenschaftlichen Bezügen interessiert ist und dadurch auch Soziologen und Ökonomen zu erreichen versteht. Das Interesse von Brauns ist stärker religions-, philosophie- und sprachgeschichtlich. Obwohl sie chronologisch vorgeht, von Opferritualen im alten Mesopotamien bis hin zur modernen Reproduktionstechnik und der symbolischen Speicherung männlicher Fruchtbarkeit in Samenbanken, verweist sie in allen Kapiteln immer wieder auf Auswirkungen ihrer Thesen auf die Gegenwart. Ihre vielen etymologischen Hinweise, die zur Geschichte des Geldes gehören, sind sicherlich für jeden Sprachinteressierten ein Fest. Jedoch wirkt das Buch dadurch auch zu sehr wie eine Ansammlung zufälliger Geschichten.

Sich ähnelnde Phänomene stellt sie für meinen Geschmack viel zu oft in einen Kausalzusammenhang. Plausibilität ersetzt zu häufig Kausalität. Das hat auch Christoph Fleischmann bereits in seiner Buchkritik für den SWR2 festgestellt. Zudem hätte sie die Glaubwürdigkeit ihrer These steigern können, indem sie die Geschichte der Geldentwicklung in einen kontrastiven Bezug zu anderen Kulturen, wie der chinesischen oder nicht verschriftlichten Kulturen gesetzt hätte, anstatt unzählige Beispiele für die uns bekannten Kulturen anzuhäufen. In ihrem Fokus bleiben, was ihrem Interesse an alphabetischen Schriftsystemen geschuldet ist, die Kulturen, die von den drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam geprägt wurden.

Das Buch ist gut und auch episodenhaft zu lesen und überrascht den Leser mit vielen verblüffenden Einblicken in die Entwicklung des Geldes und unserer Beziehung zu ihm. Das ist oft entlarvend und höchst amüsant. Was ich allerdings schade finde, ist, dass von Braun mit ihrer kulturwissenschaftlichen Methodik und barocken Fülle an Beispielen, die jede gut strukturierte Gliederung sprengen, wohl kaum die Leser erreicht, die ich dem Buch in erster Linie wünschen würde. Ich spreche von den Ökonomen.

Es gibt inzwischen zahlreiche neuere Monografien und Aufsätze über die Theorie des Geldes. Sie alle stammen von Nichtökonomen, wie zum Beispiel dem bereits erwähnten Anthropologen David Graeber oder im weiteren Sinne auch der Soziologin Eva Illouz, auf die sich von Braun häufiger bezieht. Wichtig wäre es, dass endlich einmal ein Dialog mit den Ökonomen entsteht, nicht nur ein Reden über deren Themen. An keiner Stelle des Buches zeigt von Braun überzeugend, wie gut sie die Klassiker der Nationalökonomie kennt, versteht und damit das Recht erwirbt, deren eingeschränktes Welt- und Menschenbild zu kritisieren. Anekdotenhaft werden Zitate der Herren Smith, Ricardo, Hayek, Mises und Keynes gebracht, ohne dass von Braun das Grundgerüst der nationalökonomischen Modelle systematisch vorstellt. Diese Denker gehören jedoch meines Erachtens ebenfalls zu einer vollständigen Kulturgeschichte des Geldes, auch wenn sie die Funktionen des Geldes so ganz anders deuten als von Braun.

Ich kann das Buch dennoch einem breiten Lesepublikum empfehlen, denn es bietet einen reichen Fundus an Geschichten und Reflexionen über die Rolle, die das Geld in unserem Leben spielt. Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich auf den üppigen Erzählstil und eine gewisse Redundanz einzulassen. Selbstverständlich ist es auch wünschenswert, wenn der ein oder andere professionelle Wirtschaftswissenschaftler über seinen Schatten springt und Feedback von der ökonomischen Zunft zu diesem Werk gibt. Christina von Brauns Buch ist im Aufbau-Verlag erschienen und in jeder guten Buchhandlung zu beziehen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), der Originalbeitrag ist am 18.09.2012 bei  „The Intelligence“ erschienen.
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About Barbara Bohr

I teach communication and project management at a technical college. My Interests are: Text analysis, (financial) innovation for the common good.

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