„Betrug“

Schon seit einiger Zeit wollte ich den im Internet verfügbaren spanischen Dokumentarfilm „Betrug“ besprechen. Die Goldinitiative der Schweizerischen Volkspartei (SVP), welche der Nationalbank (SNB) einen fixen Goldanteil an den Währungsreserven vorschreiben will (und zu der sich unüblicherweise sogar der Präsident der SNB geäussert hat [1]), liefert mir nun einen überraschenden Aktualitätsbezug.

Der Film befasst sich mit „der Krise“ und ihren Ursachen. Wie wir noch sehen werden, hat er eine ganz klare ideologische Ausrichtung. So will er zum Beispiel beweisen, dass nicht „der Markt“ an der Krise schuld ist, sondern der Staat.

Der Verdienst des Filmes, und das unterscheidet ihn von dem, was uns meist im Fernsehen so vorgesetzt wird, ist es, dass er sich nicht mit sekundären Phänomenen abgibt, wie zum Beispiel die Gier der Banker oder zu komplizierte Finanzprodukte. Stattdessen sucht der Film nach den tieferen Gründen der Krise und identifiziert das aktuelle Geldsystem als Ursache von Konjunkturzyklen – und daher auch als Ursache der aktuellen Krise. Die zentrale These der Filmmacher:

Das fraktionale Reservesystem, welches den Geschäftsbanken erlaubt, die Geldmenge praktisch beliebig auszuweiten, begünstigt Spekulationsblasen und ist darum Schuld an den Konjunkturzyklen – d.h. auch an der gegenwärtigen „grossen Rezession“. Das System ist von den Regierenden so gewollt, denn dank dem beliebig produzierbaren Papiergeld können sie mehr Geld ausgeben, als eigentlich vorhanden ist. Anstatt über unpopuläre Steuern finanzieren die Regierungen ihre Mehrausgaben so über die Inflation. Die Lösung wäre durch Gold gedecktes, privates Geld, welches sowohl das Problem der Blasenbildung wie auch das Problem der staatlichen Ausgabenwut und der damit einhergehenden Verzerrung der Märkte beheben würde.

Hier muss ich nun einen Vorbehalt anmelden: der Film ist durch eine libertäre Grundhaltung charakterisiert, die sich auf die österreichische Schule der Nationalökonomie beruft. Teils implizit, teils explizit zieht sich diese ideologische Richtung durch den ganzen Film. Dieser ist darum eigentlich kein Dokumentar- sondern ein libertärer Propagandafilm und kann nur einem vorgewarnten Publikum empfohlen werden. Die ideologische Färbung gipfelt in folgendem, aus dem Off gesprochenen, Satz (51:18): „Die Saat des Bösen, […] [war] vor Jahren durch Keynes gesät worden.“

Der Haupt-Interviewpartner und hauptsächliche Träger des ideologischen Programms – die anderen Interviewpartner teilen seine Ansichten, fungieren aber eher als Sekundanten und Fakten-Lieferanten – ist Professor Jesús Huerta de Soto (in unnachahmlicher Pose im Schaukelstuhl) [2]. Sein Reformvorschlag für das Geldsystem sieht drei Eingriffe vor:

1. Einführen einer 100% Reservepflicht (d.h. Abschaffen des fraktionalen Reservesystems)
2. Abschaffen der Zentralbanken
3. (Wieder-)Einführen des Goldstandards

Bei dieser Aufzählung stutzte ich. Denn die erste und dritte Forderung werden in der Schweiz heute auch erhoben, aber von völlig gegensätzlichen Akteuren.

Die Einführung einer Art 100%-Geldes wird in der Schweiz durch den Verein Monetäre Modernisierung (MoMo) propagiert, welcher eine „Vollgeldreform“ fordert. [3] Diese Reform beinhaltet eine Stärkung der Nationalbank, welche zur vierten Staatsgewalt, der sogenannten „Monetative“ werden soll.

Eine Art Mini-Goldstandard (nämlich eine 20%-Deckung) verlangt die SVP-Goldinitiative. [4] Das Volksbegehren sagt nichts zur Stellung der Nationalbank, will aber offensichtlich ihren Handlungsspielraum einschränken. Obwohl die SVP nicht die Abschaffung der Nationalbank fordert, darf man wohl trotzdem annehmen, dass sie ihre Macht gerne schwächen würde. Die führende Rolle von SVP-Politikern in der Affäre Hildebrand weist auch in diese Richtung.

Wie es scheint, werden also politische Forderungen, wie das Geldsystem ausgestaltet werden soll, von Akteuren geteilt, welche sich an sehr unterschiedlichen Orten des politischen Spektrums befinden. Die im Film interviewten Professoren und Finanzprofis kann man wohl ins liberal-libertäre Milieu einordnen während die SVP (liberal-) konservativ ist. Die MoMo-Leute sind etwas schwieriger zu verorten, aber wenn man eine ganz grobe Einteilung machen will, dann stehen sie sicherlich (einiges) weiter Links als die beiden vorgenannten Gruppen.

Diese unklaren Fronten scheinen mir symptomatisch für die immer noch herrschende Verwirrung im Bezug auf Ursachen, Folgen und Lösungen für die seit 2007 grassierende Finanzkrise. Leider trägt der Film „Betrug“ nicht viel zur Klärung der Situation bei, und so komme ich zu folgender durchzogenen Bewertung:

Der „Dokumentar“-Film will nichts weniger als die aktuelle Krise erklären und eine pfannenfertige Lösung anbieten, wie alle Krisen in Zukunft verhindert werden können. Ein solcher Anspruch ist natürlich nicht erfüllbar, ausser man bewegt sich innerhalb eines klar abgegrenzten ideologischen Programmes – dies ist hier der Fall. Was meine ich damit? Die Macher des Filmes und ihre Interviewpartner haben klare Vorstellungen über die Natur der Menschen, die Natur des Geldes, das Funktionieren der Wirtschaft und der Politik und über die Art der Gesellschaft, welche es zu errichten gilt. Alle diese Annahmen können legitimerweise in Frage gestellt werden. Diese Diskussion wird im Film aber nicht geführt. Wenn man sich dessen beim Schauen des Filmes bewusst ist, dann kann man einiges lernen, und sei es nur, was eine libertäre Weltanschauung im Bereich des Geldwesens bedeutet. Zuschauer hingegen, die sich einen kritischen, aber objektiven Blick auf die Krise und das Geldwesen wünschen, müssen sich nach anderen Quellen umsehen.

Betrug von amagifilms on Vimeo.

[1] http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/1.18071710
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Jes%C3%BAs_Huerta_de_Soto
[3] http://vollgeld.ch/
[4] http://www.goldinitiative.ch/

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