Kapitalflucht anno 2013

Bis Mitte der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts kam unmittelbar Lateinamerika in den Sinn, wenn es um das Thema Kapitalflucht ging. Tatsächlich legen viele Studien zum Thema ihren Schwerpunkt auf den amerikanischen Subkontinent. In einigen Ländern, wie beispielsweise Argentinien und Venezuela, war und ist die Problematik bis heute offenkundig. Doch wer hätte gedacht, dass Kapitalflucht ein Problem für die Europäische Währungsunion des 21. Jahrunderts werden würde, wird die europäische Staatengemeinschaft nicht nur durch eine gemeinsame Währung, sondern auch ein stabiles demokratisches System geeint.

Seit Ausbruch der grossen Finanzkrise sind beträchtliche Kapitalabflüsse in Griechenland und Spanien, teils  Richtung Deutschland, teils in die Schweiz zu beobachten. Die Nettokapitalflucht aus Spanien betrug beispielsweise ungefähr 180 Mrd. Euro im letzten Jahr. Das sind 144% mehr als 2011.

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Dass Kapitalflucht in einen „safe haven“ innerhalb des Euroraums ein durchaus zweischneidiges Schwert sein kann, haben vor kurzem Kapitalflüchtlinge aus Russland und der Ukraine erfahren müssen, die ihre Gelder nach Zypern gebracht hatten. Sollte die finanzielle Rettung Zyperns wirklich zum „Template“ für andere EU-Länder werden, ist zudem eine verstärkte Kapitalflucht aus dem gesamten südlichen Euroraum zu befürchten. Da erscheint es logisch, dass die neutrale und sichere Schweiz von dieser Angst um die Stabilität des Euroraums besonders profitiert. Kapitalflucht als europäisches Phänomen ist für unsere Generation eine neue Erfahrung. Deshalb fassen wir hier nochmals die schmale, aber grundlegende Studie des Volkswirts Rüdiger Dornbusch zusammen, die bereits 1990 auf den Erfahrungen der lateinamerikanischen Länder verfasst, bis heute ihre Gültigkeit bewahrt hat. (1)

Für Rüdiger Dornbusch trat die Kapitalflucht in Lateinamerika bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts sporadisch und in Verbindung mit der fehlenden Stabilität des jeweiligen Landes auf. Diese Situation veränderte sich, so der MIT-Professor, in den Achtzigerjahren, als aufgrund allgemeiner makroökonomischer Instabilitäten und der Verschuldungskrise die ganze  Region von der Problematik und nicht mehr nur ein bestimmtes Land von der Kapitalflucht erfasst wurde. Eines der Hauptprobleme, die Dornbusch darlegt, ist die Schwierigkeit, die wirkliche Höhe der Kapitalflucht zu messen. Ausserdem zeigt er, dass die Rückführung der Fluchtgelder in ihre jeweiligen Heimatländer ein wichtiger Bestandteil für die Lösung der zugrundeliegenden wirtschaftlichen Probleme ist.

Insgesamt führt Dornbusch in dem schmalen Bändchen vier Hauptgründe für die Entstehung des Problems an: die erwarteten Wechselkursschwankungen, politisches Risiko, finanzielle Repression und die Steuermoral.

Nehmen wir für den Grund der Wechselkursschwankungen exemplarisch einen mexikanischen Anleger: Hält man als einheimischer Investor den mexikanischen Peso gegenüber dem US-Dollar zum Beispiel für zeitweise überbewertet, so ist es typisch, eine baldige erhebliche Abwertung der eigenen Währung zu erwarten. Deshalb legt man das eigene Geld lieber von vorneherein in einer harten Währung an, von der man sich durch das Ausschalten des Wechselkursrisikos eine höhere reale Verzinsung als im Heimatland verspricht.

Das politische Risiko besteht in der Angst vor plötzlichen politischen Regimewechseln, die eine grosse Änderung der Wirtschaftspolitik mit sich bringen könnsn. Dies kann von Enteignung bis zu einer höheren Steuerbelastung von Einkommen und Vermögen reichen. Das ist eine Furcht, die sich längst nicht nur auf Lateinamerika beschränkt, dessen Wirtschaft unter häufig wechselnden dirigistischen Mitteln leiden musste. Wir haben in Europa ein ähnliches Verhalten bei der letzten Präsidentschaftswahl in Frankreich sehen können. So drohten viele Franzosen während des Wahlkampfs mit einem Wegzug ins Ausland, sollte Hollande seine 75%-Steuer für sehr hohe Einkommen umsetzen. Lieblingsziel war meist die Schweiz. Anderen war es sogar lieber, die Nationalität eines Landes, mit dem sie wenig gemeinsam hatten, anzunehmen, als eine Einkommenssteuer zu zahlen, die durch demokratische Wahl bestimmt worden war.

Die sogenannte Finanzrepression ist  vor allem durch einen unterentwickelten Finanzsektor eines Landes bedingt. Heute würde man eine solche Gesellschaft mit “underbanked” bezeichnen. Ein wenig diversifizierter Finanzplatz bietet nur wenige Möglichkeiten, Geld anzusparen bzw. im eigenen Land zu investieren und eine angemessene Verzinsung zu erwarten.

Natürlich ist auch Steuerflucht ein integraler Bestandteil von Kapitalflucht, besonders wenn es sich um Systeme mit hoher Steuerprogression handelt und effiziente Kontrollen zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung fehlen. Fehlende Steuermoral kann zu einer spürbaren  makroökonomischen Destabilisierung führen.

Die Verlagerung von Finanzkapital von einem Land in ein anderes kann für die gesamte internationale Wirtschaft schädlich sein. Erfolgt der Transfer von einem Land mit kleinem Kapitalstock in ein kleines Land, das sich vor Kapitalzufluss kaum retten kann, stehen wir vor einem ethischen Problem. Darüberhinaus können wir in diesem Fall das Versagen der klassischen ökonomischen Theorie beobachten. Wenn der “Markt” effizient wäre, dann müsste die Rendite in dem Land, in dem Kapitalknappheit herrscht, höher sein als in dem Land, in dem ein Überangebot an Kapital herrscht. Das ist jedoch aufgrund der vorherrschenden Finanzrepression nicht der Fall. “Investoren” aus Kapitalfluchtländern legen obendrein ihr Geld vorzugsweise in spekulativen Finanzanlagen solcher Länder an, in denen Gesetzgebung und Regulierung eher lax sind. Eine bessere, harmonisierte Regulierung und globale Initiativen zur Vereinheitlichung der Besteuerung könnten der Kapital- und Steuerflucht wirksam vorbeugen, aber sie sind nicht die perfekte Lösung.

Weitere wirtschaftliche Aspekte, vor allem die der sozialen Gerechtigkeit, müssen berücksichtigt werden, um das Problem an der Wurzel zu packen. Wenn auch die Fluchtgelder nicht in den Ländern reinvestiert wurden, wo sie enstanden, finanzierten in den zurückliegenden Jahrzehnte die Eliten der rückständigen Staaten des Südens mit ihren Vermögen doch wenigstens die europäische Industrie. Das Geld aus der Dritten Welt diente der Realwirtschaft hierzulande. Aufgrund des Trends zum reinen Finanzmarkt-Kapitalismus sind diese Effekte weitestgehend verpufft. Heute werden diese Zuflüsse von den Banken der Kapitalimporteure eingesetzt, um auf den nächsten Staatsbankrott oder eine spekulative abgeleitete Wertschöpfung zu wetten – ohne positiven Effekt auf die Realökonomie, was die Stabilität des gesamten internationalen Währungssystems und des marktwirtschaftlichen Systems  immer stärker schädigt.

Einige Ökonomen, wie zum Beispiel Gaggero, beschuldigen die Regierungen der armen Länder sich zu stark in ihrem Entscheidungsspielraum zu beschränken, indem sie sich nicht an eine bessere nationale Regulierung heranwagen.(2) Ausserdem wirft er gleichermassen den regionalen Wirtschaftsblöcken wie auch den globalen Institutionen Gleichgültigkeit und fehlende Koordination vor, um das Thema in den Griff zu kriegen. Tatsächlich kann man beobachten, dass lange Zeit nicht einmal multilaterale Institutionen, wie Weltbank oder IWF, den Kapitalfluss aus dem Süden in den Norden als Problem gesehen hatten. Interessant ist aber, dass sich diese Einstellung geändert hat, da seit Beginn der Finanzkrise sowohl eine Mehrheit der Länder,  die von der unkontrollierten Kapitalflucht profitieren als auch diejenigen, die durch diese Abflüsse am meisten in Mitleidenschaft gezogen werden, zur Gruppe der G20 gehören.

(1) Dornbusch, R. (1990) Capital Flight: Theory, measurement, and policy issues. Inter-American Development Bank, Washington.
(2) Gaggero, J. (2010) “La fuga de capitales 2002-2010” Realidad Económica Nr. 254/2010 IADE Buenos Aires.

Alberto Zuleta (@azuleta), deutsche Bearbeitung Barbara Bohr (@nachrichtenlos)

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