Wie der Schweizer Finanzplatz zu einer weissen Weste kommen will

Das Zürcher Sustainability Forum und die Genfer Organisation Sustainable Finance haben eine Strategie für den zukünftigen Schweizer Finanzstandort veröffentlicht.  Das Thema Nachhaltigkeit soll die gegenwärtigen Probleme des Standortes lösen und helfen, sich im internationalen Wettbewerb einen Spitzenplatz zu sichern. Nachhaltigkeit als wesentlicher Bestandteil des zukünftigen Bankgeschäfts, das hört sich sehr gut an. Immerhin gilt der Schweizer Bankplatz als einer der Pioniere auf diesem Gebiet.

Paper Cover

Da es sich um ein Policy Paper für Politiker und Regulatoren handelt, werden die Autoren auch recht konkret. Zu den Vorschlägen gehören:

  • Schaffung eines rechtlichen Rahmens, der sozial- und umweltverträgliche Anlagefonds bevorzugt
  • steuerliche Anreize zur Förderung nachhaltiger Anlagen
  • Einrichtung einer entsprechenden Vermittlerplattform für institutionelle Anleger
  • Schaffung einer eigenständigen Börse zur Kotierung nachhaltiger Unternehmen (wie es sie beispielsweise in Singapur bereits gibt)
  • Übernahme des Modells  «Report or Explain» für börsennotierte Unternehmen (d.h. entweder veröffentlicht ein Unternehmen einen ESG-Report oder muss den Verzicht darauf begründen).
  • Verbesserung der Berufsausbildung zum Thema „nachhaltige Geldanlagen“

Mittels dieser Massnahmen verspricht man sich eine gute internationale Positionierung als Finanzplatz. Insgesamt handelt es sich weitgehend um Vorschläge, die die Vorbänker mittragen würden. Nachhaltigkeit ist ein Thema, an dem Banken nicht vorbeikommen werden. Kaum eine andere Branche hat einen ähnlich grossen Hebel, um das Thema voranzutreiben. Deshalb möchten wir auch ein Rating für Banken einführen, mit dem wir messen können, wie nachhaltig sie wirklich agieren.

Wenn jedoch die mächtige Schweizer Bankenbranche, die sonst lieber auf die Selbstregulierung des Marktes setzt, in Bern um Hilfe bittet und der Staat zum Garanten der Wettbewerbsfähigkeit hochgejubelt wird, heisst es aufgepasst. Nachher fangen wir uns wieder solche Konstrukte, wie etwa die Abzugsfähigkeit privater Schuldzinsen (in Kombination mit der Versteuerung des Eigenmietwerts), ein. Diese hat u.a. bekanntlich dazu geführt, dass viele Schweizer lieber jahrzehntelang Zinsen für ihr Hypothekendarlehen an ihre Bank zahlen als Steuern an ihre Gemeinde. Das sind die Resultate knallharter Lobbyarbeit.

Was gibt es noch Kritisches zu bemerken?

Die Banken haben in aller Welt für einen immensen volkswirtschaftlichen Schaden gesorgt. Da wäre etwas mehr Demut angebracht. Dazu würde für mich auch eine Grundsatzerklärung gehören, die ein klares Primat der Ethik über die Profitmaximierung zum Ausdruck gebracht hätte. Tatsächlich ist es so, dass nachhaltiges Investment für die Profitabilität förderlich sein kann, wie dieser Vergleich gezeigt hat. Leider wirkt die vorliegende Studie stellenweise eher so, dass Nachhaltigkeit lediglich instrumentalisiert wird. Die Trittbrettfahrerhaltung zeigt sich vor allem in der sehr schwammigen Beschreibung der Aktivitäten zu „green and social issues“.

Die PwC hat diese Standortstrategie im Auftrag der beiden Interessenverbände der Branche anhand qualitativer Interviews entwickelt. Zu den Interviewten gehört – neben einigen Vertretern des Impact Investing – fast die gesamte  Crème de la Crème des Schweizer Bankestablishments: Von den Regulatoren, die von sich aus bisher nichts für Nachhaltigkeit getan haben, bis zu den CEOs der grossen Banken, die mit dem Thema Nachhaltigkeit nur ihre Macht retten wollen – sie sind alle vertreten. Auch hier hätte die Studie an Glaubwürdigkeit gewinnen können, wenn man für die Vertiefungsinterviews auch Exponenten derjenigen Banken, die bereits heute nach nachhaltigen Kriterien arbeiten, und Vertreter der alternativen Szene angefragt hätte, die sich seit langem für den Aufbau einer lokalen und nachhaltigen Ökonomie einsetzen.

Insgesamt beinhaltet die Studie einige gute Ansätze, um Nachhaltigkeit als Kernthema in der Bankenbranche zu etablieren. Nur müssen den Absichtserklärungen auch endlich die richtigen Taten folgen. Das wird wohl erst gelingen, wenn sich die Grundeinstellung der Banken zu  ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufgabe ändert.

Wer mit uns über das Für und Wider der Studie diskutieren möchte, findet den kompletten Text hier.

Bärbel Bohr, (@nachrichtenlos), 02.07.2013

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