Finanzethik lehren

Ethik lehren ist schwer, Finanzethik noch viel schwerer. Studierenden und Führungskräften vergeht gleichermassen schnell die Lust, wenn sie sich mit den Fundamenten ethischer Werte und ihrer historischen Entwicklung im Unterricht auseinandersetzen sollen. Es ist nämlich oft nicht einfach, mit dem erworbenen theoretischen Wissen im Zweifelsfall die richtige ethische Entscheidung zu treffen. Das Thema Wirtschafts- bzw. Finanzethik fristet nicht nur deshalb ein Mauerblümchendasein an den meisten Hochschulen, weil es von der Norm der Profitmaximierung ablenken könnte, sondern auch, weil es eine grosse didaktische Herausforderung darstellt. Der Transfer des Gelernten in den Berufsalltag erscheint unendlich schwer, auch wenn es noch so schön formulierte „Codes of Conducts“ gibt. Zu oft prallen eigene Wertevorstellungen und Berufsrealität aufeinander.

Da @azuleta und ich gerade ein Modul für Nachhaltige Finanzwirtschaft entwickeln, haben wir uns auf die Suche nach ergänzenden Methoden gemacht. Durch den Austausch mit Eduardo Schmidt, Professor an der Graduiertenschule der Universidad del Pacífico in Lima, den ich hoffentlich nächste Woche auch endlich persönlich kennenlernen werde, sind wir auf das Programm „Giving Voice to Values“ gestossen. Das Curriculum ist von Mary C. Gentile am Aspen Institute entwickelt worden und heute am Bostoner Babbson College angesiedelt.

Worin besteht nun der Unterschied zu traditionellen Unterrichtseinheiten in Wirtschaftsethik? Sehr praxisorientiert, geht es weniger darum, das Wissen für eine ethisch fundierte Analyse aufzubauen, sondern das Rüstzeug zu vermitteln, in einer konkreten beruflichen Situation auf Basis der eigenen Wertvorstellungen ethisch zu handeln. Logisch, dass dies bedeutet, dass vor allem mit Case Studies gearbeitet wird. Also wieder nur eine US-amerikanische Leadership-Methode, die alten Wein in neuen Schläuchen präsentiert? Möglicherweise, aber es gibt ein paar sehr positive Elemente, die gefallen. So können alle Hochschullehrer, die an dem Programm partizipieren, eigene kommentierte Fallstudien einreichen. Diese werden von der Community qualitätsgesichert. Dadurch sind Fälle aus vielen unterschiedlichen Branchen und Kulturen vorhanden. Es gibt etwa sehr gute Fallstudien aus dem Banking, wie zum Beispiel dieses Dilemma der Angestellten einer indischen Investmentbank. Ausserdem sind die Fallstudien so aufgebaut, dass sie nicht nur in Kursen zur Wirtschaftsethik, sondern direkt im Fachunterricht – Accounting, Banking, Marketing – eingesetzt werden können. Die Beifügungen „ethisch“ und „nachhaltig“ aus Kursangeboten endlich wieder streichen können, weil sie in den Standardkursen integriert sind – wäre das nicht gut?

Mir gefällt auch sehr gut, dass anders als bei vielen US-amerikanischen Leadership-Methoden das Programm offensichtlich ohne Trademark auskommt und zahlreiche Materialien für den nichtkommerziellen Gebrauch, also auch an Hochschulen, kostenlos zur Verfügung stehen. Natürlich kann man behaupten, dass insgesamt die philosophische Grundlagendiskussion zu kurz kommt und dadurch das langfristige Reflexionsniveau der Teilnehmer weniger stark gefördert ist; aber natürlich steht es – je nach Zielgruppe – jeder Lehrkraft frei, theoretische Themen zu ergänzen.

Auch die HSG ist inzwischen auf das Programm aufmerksam geworden, wobei ich noch nicht herausgefunden habe, ob sie auch damit in der Lehre arbeiten. Wer hat von euch praktische Erfahrungen mit dem Einsatz dieses Curriculums gemacht? Ich wäre an einem Austausch interessiert.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 11.07.2013

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2 Gedanken zu “Finanzethik lehren

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