Geld und Nachhaltigkeit

Deutschsprachige Ausgabe

Am 15. September jährte sich die Lehmann-Pleite zum fünften Mal. Die Insolvenz der US-Investmentbank im Jahr 2008 machte der Weltöffentlichkeit schlagartig bewusst, dass im Finanzsystem etwas nicht mehr stimmte. Seither scheinen die Krisen kein Ende mehr zu nehmen: Finanzkrise, Staatsschuldenkrise, Eurokrise…

Aber gab es vor 2008 keine Krisen? Doch, wir erinnern uns nur nicht mehr so genau. Tatsächlich gab es laut dem Internationalen Währungsfonds alleine zwischen 1970 und 2010 in 145 Ländern Bankenkrisen, 208 Währungszusammenbrüche und 72 Staatsschuldenkrisen. Zusammen macht das 425 Systemkrisen in durchschnittlich zehn Ländern pro Jahr. Und jedes Mal haben wir geglaubt: This time is different.

Wir haben die Tendenz, jede Krise als Einzelereignis zu sehen. Aber könnte es nicht sein, dass es einen systemischen Grund für die Instabilität des Finanz- und Wirtschaftssystems gibt? Und gibt es vielleicht auch einen Zusammenhang zwischen den Krisen des Finanzsystems und den Problemen der Realwirtschaft wie zum Beispiel die nicht-nachhaltige Produktionsweise und Kurzfristorientierung?

Diese Thematik untersuchen die vier Autoren Lietaer, Arnsberger, Goerner und Brunnhuber [1] des Buchs „Geld und Nachhaltigkeit“ [2]. Das Buch ist als Bericht an das EU-Chapter des Club of Rome [3] verfasst und erinnert damit an den vor vierzig Jahren veröffentlichten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ [4].

Geldsystem als „missing link“

Gleich zu Beginn präsentieren die Autoren ihre These, wonach der bisher übersehene Anknüpfungspunkt zwischen den Krisen des Finanzsystems und der gegenwärtigen, nicht-nachhaltigen Produktions- und Konsumwelt im Geldsystem selber liegt.

Es ist die Art und Weise, wie unser Geld geschöpft wird, wie es funktioniert und verwaltet wird, die zu den wiederkehrenden Krisen in der Finanzwelt und der realen Welt führt.

Dieses Argument entwickeln die Autoren ausführlich und mit einem breiten, interdisziplinären Ansatz. Zu Beginn halten sie aber erst einmal fest, dass man über die Finanz- und Wirtschaftsordnung durchaus nachdenken kann und dass es verschiedene mögliche Sichtweisen (Paradigmen) gibt. Denn die Annahmen, welche der Wirtschaftsordnung zu Grunde liegen, sind keine Naturgesetze. Darum folgern die Autoren: „Wir haben sie uns ausgedacht, und daher können wir sie auch ändern.“ [Seite 74]

Bevor die Änderungsvorschläge kommen, muss natürlich zuerst das Problem identifiziert werden. Darum folgt eine empirische Darstellung des instabilen Finanzsystems mit seinen 425 Systemkrisen seit 1970 und dann ein Ausflug in die Physik. Mit Erkenntnissen aus der Physik kann man nämlich die Stabilität komplexer Systeme messen. Komplexe Systeme sind dann stabil, wenn ein Gleichgewicht zwischen Effizienz und Widerstandsfähigkeit (Resilienz) herrscht. Dabei besteht Resilienz aus den zwei Elementen Vielfalt und Vernetzung. Beim Geld herrscht aber weltweit keine Vielfalt, sondern Monokultur. In allen Währungsräumen besteht Geld als eine durch Bankschulden geschaffene nationale Währung. Das Finanzsystem ist darum nicht besonders widerstandsfähig.  Als Gegenmittel fordern die Autoren eine grössere Vielfalt von Zahlungsmitteln, ein sogenanntes „monetäres Ökosystem“. Ein Beispiel für ein alternatives Zahlungsmittel, das neben der Hauptwährung existiert, ist die Verrechnungseinheit WIR (der „WIR-Cheque“) [5], welche in der Schweiz seit fast 80 Jahren grossflächig für Unternehmen des Mittelstands im Umlauf ist. Die in Basel und Zürich beheimatete WIR-Bank ist nicht nur Kundenbank, sondern auch gleichzeitig Zentralbank dieser Komplementärwährung.

In einem zweiten Argumentationsstrang zeigen die Autoren, welche negativen Effekte das aktuelle Geldsystem hat und wie es dazu kam, dass es sich trotzdem weltweit etablierte. Dabei anerkennen sie bei aller Kritik auch die Leistungen des aktuellen Geldsystems: „Es hat einen Quantensprung in den Wissenschaften sowie die materiell produktivste Zivilisation in der Geschichte der Menschheit ermöglicht.“ [Seite 159] Aber es verstärkt auch den Wirtschaftszyklus („Boom-and-bust-cycle“), fördert das kurzfristige Denken und zwanghaftes Wachstum und führt zur Konzentration von Reichtum und zur Abwertung des Sozialkapitals.

Komplementärwährungen als Lösung

Zum Schluss präsentieren die Autoren neun verschiedene Ideen für Komplementärwährungen. Sie alle können parallel zum „normalen“ Geld funktionieren. Jede erfüllt einen ganz speziellen Zweck und kommt ohne die erwähnten Schwächen des normalen Geldes aus. Fünf der Projekte können privat, von NGO oder Unternehmen gestartet werden, für vier weitere Projekte braucht es die Unterstützung des Staates.

Zum Beispiel für die Torekes [6], welche in der belgischen Stadt Gent schon seit 2010 in Gebrauch sind. Mit den Torekes wird im armen Quartier Rabot die Lebensqualität verbessert, indem ökologische, gesundheitsfördernde und Stadtbild-verschönernde Aktivitäten angeregt werden. Die Menschen des Quartiers hatten sich in einer Umfrage vor allem einen Garten gewünscht und das machte sich die Stadt zu Nutzen. Sie stellt Land zur Verfügung, wo man für 150 Torekes im Jahr vier Quadratmeter Garten pachten kann. Torekes verdienen kann man sich bei Aktivitäten, welche der Gemeinschaft zugutekommen und die von der Stadt organisiert werden (zum Beispiel aufräumen nach einem Fussballmatch oder Montieren von Blumenkästen).

Ein Buch für viele Zwecke

Diese Handlungsorientiertheit ist eine der Stärken des Buches. Die Autoren beschränken sich nicht auf eine Problemdiskussion, sondern sie präsentieren auch umsetzbare Lösungen. Man spürt den Wunsch der Autoren nach konkreten Folgen ihres Berichts auch in der der leichten Lesbarkeit. Hier wurde bewusst für ein breites Publikum geschrieben, die Sprache ist nicht akademisiert und Fachbegriffe werden erklärt. Die klare und sinnvolle Gliederung in Kapitel und Abschnitte und die Verwendung von Kästen und Fussnoten erleichtern die Lektüre. Das Buch eignet sich dank der thematischen Breite, der übersichtlichen Struktur und den vielen Verweisen auf weiterführende Materialien übrigens auch als Nachschlagewerk und Ausgangspunkt für die weitere Lektüre.

Zusätzliches Material gibt es auf einer speziellen Webseite [7], auf welche im Buch an mehreren Stellen verwiesen wird. Diese Webseite ist leider ein Schwachpunkt des Buches. Sie ist von der Gestaltung und der Interaktivität her nicht auf der Höhe der Zeit. Und einer der Anhänge, auf welche im Buch verwiesen wird, ist nicht vorhanden. Zudem gibt es die Website nur auf Englisch.

Die grösste Schwäche des Buches ist allerdings, dass nicht erklärt wird, wie das konventionelle moderne „Bankschuldengeld“ geschaffen wird. Während andere Konzepte im Buch selbst erklärt werden, wird die moderne Geldschöpfung in einen Anhang auf der Webseite verbannt. Dabei handelt es sich hier um das Kernproblem, das jeder Leser verstanden haben sollte. Es ist darum sehr schade, dass dieser Schritt in einen Online-Anhang ausgelagert wurde. [8]

Trotzdem handelt es sich bei „Geld und Nachhaltigkeit“ um ein sehr lesenswertes Buch, dem eine grosse Leserschaft zu wünschen ist. In einer Zeit, in welcher allenthalben nach neuen Ideen zur Lösung der Finanz- und Staatsschuldenkrisen gesucht wird, zeigt dieser Bericht Lösungsansätze auf, welche zwar ausserhalb des Erwarteten liegen – aber nicht ausserhalb des Möglichen.

[1] Bernard Lietaer (www.lietaer.com), Christian Arnsperger (www.eco-transitions.blogspot.de), Sally Goerner (www.integralscienceinstitute.org/about_ISI.html), Stefan Brunnhuber (www.stefan-brunnhuber.de)

[2] Bei Books.ch: http://www.books.ch/detail/ISBN-9783944305066/Lietaer-Bernard/Geld-und-Nachhaltigkeit; bei Amazon: http://www.amazon.de/Geld-Nachhaltigkeit-%C3%BCberholten-Finanzsystem-%C3%96kosystem/dp/394430506X/

[3] http://www.clubofrome.eu/

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Grenzen_des_Wachstums

[5] http://www.wir.ch/

[6] http://www.torekes.be/

[7] http://www.money-sustainability.net/

[8] http://www.money-sustainability.net/appendix-a-a-primer-on-how-money-works-your-money-in-its-world/

Peter Kaufmann, 19.09.2013

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