Hase-und-Igel-Spiel von Banken und Aufsichtsbehörden

Ihr ethisch oft zweifelhaftes Handeln hat das Vertrauen in die Banken erschüttert. Inzwischen haben Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden eine Fülle neuer Vorschriften erlassen. Doch diese reichen nicht aus, denn die Banken suchen neue Schlupflöcher. Eine bessere, wertorientierte Ausbildung der (zukünftigen) Mitarbeitenden in den Banken könnte die Situation grundlegend ändern.

Der Glaube an die Redlichkeit einer Person oder den guten Ausgang eines Geschäfts hilft uns, die Komplexität der modernen Welt zu meistern. Diese Vereinfachung, die der Soziologe Niklas Luhmann beschrieben hat, erspart uns im Alltag viel Kontrollarbeit. Was aber, wenn dieses Vertrauen verloren geht? Kunden, Steuerzahler und Aufsichtsbehörden haben seit dem Ausbruch der Finanzkrise in vielen Ländern das Vertrauen in die Banken verloren. In einer Branche, die mit Geld handelt – einem Gut, dessen Wert auf Vertrauen basiert – ist das verheerend.

Auf den Vertrauensmissbrauch durch die Banken haben die Behörden mit verschärften Kontrollen reagiert. Dazu gehören Vorschriften mit Bezeichnungen wie «Basel III» und «Swiss Finish», «Dodd-Frank», «MiFID«, «Fatca» oder das «Kollektivanlagegesetz» (1). Das alles klingt nicht nur kompliziert, es ist es auch. Die neuen Regelungen decken zahlreiche Themengebiete ab: von der Einlagensicherung über Liquiditätsvorschriften, Produkteignungsprüfungen, Steuer- und Abgaberegelungen bis hin zu Vorschriften für selbstständige Vermögensverwalter. Das Fehlen von Vertrauen hat die Komplexität dieses Systems erheblich vergrössert.

Klagen über Vorschriften

Man mag sich darüber streiten, wie effizient die Massnahmen sind, vor allem, weil sie für ganz unterschiedliche Banken gelten. Immerhin zeigt die bank- und wirtschaftsnahe metrobasel-Studie «Bankenregulierung im internationalen Vergleich», dass die Bankenregulierung in der Schweiz 2008 – 2012 einen gesamtwirtschaftlichen Nutzen gebracht hat und dass diese Vorteile bis 2020 nur geringfügig abnehmen werden.

Vermutlich zeigt sich der Nutzen vor allem darin, dass die sogenannten «systemischen Risiken», die von den beiden Schweizer Grossbanken ausgehen, reduziert werden konnten. Dennoch klagen die Banken über den erheblichen administrativen Mehraufwand, und viele meinen, die neuen Vorschriften zeigten wenig Nutzen. Einige Anbieter würden sogar vom Markt gedrängt, stellte die Finanzmarktaufsicht ( Finma ) vor Kurzem fest.

Hase und Igel

Kaum ein Umdenken feststellbar

Die vielen neuen Vorschriften haben bei den Banken bisher noch kaum zu einem Umdenken geführt. Im Gegenteil : Die ablehnende Grundhaltung bei den Instituten ist deutlich zu spüren. Der erhoffte kulturelle Wandel ist ausgeblieben. Banken sehen sich als Leidtragende der Regulierung, kaum als verantwortliche Akteure, die mir ihrem Verhalten die neuen Vorschriften erst ausgelöst haben. Sie setzen murrend um, was von ihnen verlangt wird, ohne über die Rechtmässigkeit und den Sinn nachzudenken.

Die Vorschriften werden als Behinderung des Kerngeschäfts gesehen, dabei sind sie als Dienst am Kunden entstanden, der geschützt werden muss. Oder zum Schutz der Gesellschaft, der die Kosten einer Bankenpleite nicht aufgebürdet werden dürfen. Die legalistische Haltung der Banken sorgt dafür, dass nur genau die Geschäfte unterbleiben, die explizit verboten sind. Die Motivation, neue Schlupflöcher zu suchen, bleibt erhalten und wird vielleicht sogar noch verstärkt.

Angehende Finanzanalystinnen und -analysten lernen die Regulierungsvorschriften auswendig, um sie für ihre Prüfung zu beherrschen. Und in manchen Banken legt das Personal jedes Jahr eine Prüfung zum hausinternen Ethikkodex ab. Doch was lernen die Mitarbeitenden daraus, wenn eine inhaltliche Auseinandersetzung fehlt? Wohl dies: Alles, was nicht explizit verboten ist, bleibt erlaubt und wird umgesetzt. Denn an der Gewinnmaximierung als oberstem Unternehmensziel, das bis auf die einzelnen Mitarbeitenden heruntergebrochen wird, hat sich bisher in den meisten Banken nichts geändert – trotz neuer Normen und viel Kritik in den Medien. Seitens der Bankmitarbeitenden wird jede neue Regulierung vor allem als Hindernis im internationalen Wettbewerb um die Kunden betrachtet. Ohne einen Kulturwandel bleibt das Verhältnis von Bank und Aufsichtsbehörde ein «Hase-und-Igel»-Spiel, ein Wettlauf um immer neue Ideen und deren nachträgliche Reglementierung, sobald wieder irgendwo ein Schaden eingetreten ist.

Die heutigen Regulierungen stellen wegen ihrer Komplexität und wegen der so entstehenden Bürokratie das Vertrauen nicht wieder her. Voraussetzung für ein neues Vertrauen wäre zuallererst die Einsicht in die Notwendigkeit einer gewissen Regulierung. Diese darf jedoch nicht als auswendig gelernte Paragrafen daherkommen, sondern muss den eigenen ethischen Werten entsprechen. Ethisches Verhalten kann nicht an eine Aufsichtsbehörde delegiert werden. Und nur eine Änderung der eigenen ethischen Grundeinstellung kann dazu beitragen, die Regulierungen abzubauen, ohne dass Banken und Aufsichtsbehörden in den unseligen Wettkampf um die Suche und das Schliessen von Gesetzeslücken geraten.

Früh schulen

Ein guter Unterricht in Finanzethik kann einen wichtigen Beitrag leisten, die Interdependenz zwischen Regulierung und «gutem Handeln » erfahrbar zu machen. Das setzt für die jetzige Führungsriege in den Banken wohl zu spät an, aber für die künftige Generation könnte eine wichtige ethische Basis gelegt werden. Doch wie können in der Ausbildung und im Studium Antworten auf die Frage nach dem eigenen, angemessenen Verhalten im Beruf vermittelt werden?

Die Antwort auf diese Frage ist komplex, denn je grösser die zu schulende Gruppe ist, desto unterschiedlichere und widersprüchlichere Interessen sind vorhanden. Der heutige Ethikunterricht legt meist Wert darauf, das Bewusstsein für die Interessenkonflikte und die ethischen Dilemmata zu schaffen. Dazu werden Fälle aus der Praxis auf ihren philosophischen und betriebswirtschaftlichen Diskurs hin analysiert. Dabei kommt aber eine stärkere Handlungsorientierung häufig zu kurz: Wie kann ich in einer kritischen Situation handeln und mein Tun auf der Basis der eigenen Werte begründen? Wie kann ich mich äussern, wenn ich in meinem direkten Umfeld unethisches Verhalten feststelle? Zum Beispiel wenn ein Unternehmen einen Kredit bekommt, obwohl dessen Produktionsprozess nicht den vorgegebenen ökologischen Kriterien entspricht, die Kollegen aber zum Abschluss drängen, damit die Zahlen stimmen?

Integrative Unterrichtsmodelle

Angesichts solcher Ausbildungslücken (nicht nur im Finanzsektor) hat die US-Amerikanerin Mary C. Gentile eine Methode entwickelt, die sie «Giving voice to your values» (GVV) nennt. Sie richtet sich damit konsequenterweise an Mitarbeitende aller Hierarchiestufen, während viele klassische Fallstudien zu ethischen Dilemmata meist nur aus der Perspektive der obersten Chefs geschildert werden. Mit der Hilfe von Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt hat Gentile ein offen zugängliches Curriculum geschaffen, das in den «normalen» Unterricht integriert werden kann.

Es ist dann nicht unbedingt die Ethikdozentin, die über mögliche unethische Darstellungen in einem Werbespot, der «leichtes Geld» verspricht, diskutiert. Es soll auch der Marketingdozent sein, der diesen Fall in seiner Fachvorlesung vorstellt und bearbeiten lässt. Es ist nicht die Philosophieprofessorin, die über die ethische Qualität synthetischer Finanzmarktprodukte referiert, sondern es sind die Studierenden, die im Fach «Financial Engineering» mit der Frage konfrontiert werden, wie weit ihre «innovativen Produkte» ethisch vertretbar sind.

Mit diesem Ansatz sollen keine allgemeinen wirtschaftsethischen Veranstaltungen verdrängt, sondern durch einen direkten fachlichen Kontext ergänzt werden. Im Grunde genommen erfüllt das Konzept damit die Vorstellung einer integrativen Wirtschaftsethik, wie sie Peter Ulrich im Rahmen seiner Tätigkeit an der Universität St. Gallen entworfen hat. So ist es denn auch die Universität St. Gallen, die Aspekte von «Giving voice to your values» derzeit in der Weiterbildung von Führungskräften erprobt. Die Einbettung in ein globales Netzwerk von Dozierenden ermöglicht es auch, dass regionale und kulturelle Besonderheiten in den Fallbeispielen berücksichtigt sind.

Ethik kann eine wirkungsvolle Gesetzgebung nicht ersetzen, aber sie kann ihre Ausgestaltung und Anwendung wirkungsvoll verbessern. Wenn Regulierung und Ethik sich sinnvoll ergänzen, wird das «Hase-und-Igel»- Rennen zwischen Banken und Aufsichtsbehörden ein Ende haben.

(1) Die wichtigsten Regelungen kurz erklärt:

Im Zuge der Finanzkrise haben Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden eine lange Liste neuer Vorschriften in Kraft gesetzt. Die bekanntesten regeln folgende Bereiche :

  • «Basel III»: Als Konsequenz aus der Finanzkrise müssen die Banken ihr Eigenkapital erhöhen. «Basel III» heisst die Regelung, weil sie bei der Bank für internationalen Zahlungsausgleich mit Sitz in Basel ausgearbeitet wurde.
  • «Swiss Finish»: Schweizer Vorschriften, die über die international vereinbarten Mindestregelungen der Basler Vertragswerke hinausgehen.
  • «Dodd-Frank»: 2010 erlassenes US-Gesetz mit weitreichenden Auswirkungen auf alle Finanzgeschäfte und ihre Regulierung. Es trägt den Namen seiner beiden «Väter», der demokratischen Politiker Chris Dodd und Barney Frank. Zu den spezifischen Regeln des Gesetzeswerks gehört auch die berühmte „Volcker-Rule“, die Investmentbanken ab 2015 den Eigenhandel untersagt.
  •  «MiFID»: «Markets in Financial Instruments Directive». EU-Richtlinie zur Harmonisierung der nationalen Finanzmärkte. Auch Schweizer Banken orientieren sich an ihr, entweder weil sie grenzüberschreitende Geschäfte mit EU-Bürgern tätigen oder im Vorgriff auf die für 2018 geplanten neuen Vertriebsregeln der Finma.
  • «Fatca»: «Foreign Account Tax Compliance Act» ist die amerikanische Vorschrift, die verlangt, dass amerikanische Steuerpflichtige auch alle ihre Auslandkonten offenlegen und versteuern.
  •  «Kollektivanlagegesetz»: Das im März 2013 revidierte Schweizer Gesetz reguliert den Bereich, der in Fonds verwalteten Vermögen. Es berücksichtigt nun internationale Geschäfte und verbessert den Anlegerschutz.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos) und Alberto Zuleta (@azuleta), im November 2013. Zuerst erschienen in «moneta», Zeitschrift für Geld und Geist». Alternative Bank Schweiz (ABS), Ausgabe 4/2013, mit kleinen Aktualisierungen vom 11.12.2013.

Hier geht es zur Printausgabe (S.14-15).

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About Barbara Bohr

I teach communication and project management at a technical college. My Interests are: Text analysis, (financial) innovation for the common good.

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