„Man dachte, die Welt wächst in den Himmel“

Das dachten viele Investmentbanker vor dem Beginn der Finanzkrise 2008. Und wenn man sich die westlichen Aktienmärkte anschaut, hat dasselbe Spiel längst wieder von vorne begonnen. Die Aussage aus dem Titel stammt aus einer Sammlung von Interviews mit Bankern, die in dem Band Strukturierte Verantwortungslosigkeit  2010 von Claudia Honegger, Sighard Neckel und Chantal Magnin herausgegeben wurden. Was der Anthropologe  Joris Luyendijk im Banking Blog des Guardian für die Londoner City aufgezeichnet hat, haben die drei Soziologen für die deutschsprachige Welt in Buchform veröffentlicht. Anders als bei Luyendijk, dessen Interviews sehr authentisch und nah am Geschehen sind, erlaubt diese Veröffentlichungsform eine kritischere Distanz. Essays ergänzen die Gespräche.

Buchcover: Strukturierte Verantwortungslosigkeit

Wer also wissen möchte, was Menschen dazu bewegt, für eine Bank zu arbeiten bzw. wie es ihnen dann dort ergeht, dem bietet sich ein wunderbarer psychologischer Einblick in eine Welt, die so geheimnisvoll tut, deren Akteure dann doch erschreckend normal und banal erscheinen. Die Vignetten zeigen vor allem, dass weder die Menge an Geld an sich oder die technologische Entwicklung allein das Risiko darstellen, sondern wie die Akteure mit ihnen umgehen (vgl. 303).

Die staatlichen Rettungsaktionen haben dazu geführt, dass sich das Selbstbild der Banker nicht wesentlich hat wandeln müssen. Während nach aussen Bescheidenheit und ein Hang zur sozialen Verpflichtung beschworen wird, herrscht intern weiterhin ein sozialdarwinistisches Modell vor, in dem nur die Allerstärksten überleben. „In harten Zeiten gibt’s keinen Favor“, sagt denn auch eine Absolventin der HSG aus der Ostschweiz, die zum Zeitpunkt des Interviews bei einer Investmentbank in der Schweiz tätig war. Obwohl die Interviews ein paar Jahre zurück liegen, haben sie nichts an Aktualität eingebüsst.

Das Buch ist eine sehr lohnende Lektüre. Ich habe sehr oft gedacht: Ja, genauso ist es gewesen. Natürlich driften die interviewten Personen oft in ihren Jargon ab, so dass Nichtbanker anfangs wenig Gefallen an der Sprache finden werden. Für mich ist dieser Jargon allerdings auch ein Zeichen dafür, wie sehr sich die Bankenwelt auch sprachlich verselbständigt hat. Die grösste Blase am Finanzmarkt ist die sprachliche. Von daher lohnt sich meines Erachtens die Mühe des Einlesens. Fachbegriffe werden ausserdem in einem Glossar erläutert. Das Buch enthält überdies eine Einführung in die Bankensysteme der drei deutschsprachigen Länder.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 10.01.2014

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About Barbara Bohr

I teach communication and project management at a technical college. My Interests are: Text analysis, (financial) innovation for the common good.

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