„On the Future of Europe“ – Joe Stiglitz in Basel

Basel ist ein guter Ort um über Europas Zukunft zu sprechen. Zum einen bietet die „trinationale Agglomeration“ 830’000 Menschen aus der Schweiz, Frankreich und Deutschland Platz zum Wohnen und Arbeiten, zum anderen beherbergt Basel auch die Bank für internationalen Zahlungsausgleich als Gralshüterin der Stabilität des globalen Finanzsystems.

Wer die wirtschaftspolitischen Einstellungen des Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz kennt, wird gestern Abend nicht viel Neues erfahren haben; aber ich hatte trotzdem grossen Spass ihm zuzuhören: immer pointiert, humorvoll, sehr gut verständlich. Gerade der stete und bissige Vergleich mit der Situation in den USA sollte die Zuhörer darauf aufmerksam machen, dass Europa endlich aufhören solle, die USA als ökonomisches Vorbild zu betrachten, und sich stattdessen auf seine eigenen aufklärerischen Werte besinne. Den in Davos häufig zitierten „cautious optimism“ hält er dabei für irrational. Auch wenn zwangsläufig der wirtschaftliche Abschwung zu Ende komme, sei das grosse, strukturelle Problem der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die wachsende Ungleichheit, noch lange nicht beseitigt.

Bekannterweise hält Stiglitz den Euro für einen der grossen Fehler der europäischen Wirtschaftspolitik. Dies nicht, weil er nichts von einer Einheitswährung für die Europäische Union hält, sondern weil es zu wenig politische Kohäsion gab (und gibt), um diese Währung langfristig erfolgreich zu machen. Was kann seiner Meinung nach getan werden, um die Fehler in der Konzeption der Währungsunion zu korrigieren?

  1. eine Fiskalunion schaffen, die es den Teilnehmern erlaubt, zu insgesamt niedrigerem Zins gemeinsame Bonds zu begeben,
  2. zeitnah eine schlagkräftige Bankenunion aufbauen und
  3. die Austeritätspolitik durch eine nachhaltige Wachstumspolitik ersetzen.

Natürlich sieht Stiglitz, dass es für alle diese Massnahmen weiterhin an politischem Willen fehlt (vor allem in Deutschland), was ihn aber nicht daran hindert, an seinen Vorschlägen gebetsmühlenartig festzuhalten. Auch Ausstiegsoptionen hat er diskutiert, wobei der Ausstieg Deutschlands aus dem Euro als die pragmatischste erschien, Stiglitz diese aber für politisch wenig realistisch hält.

Die Fragesession war leider sehr kurz, aber gut. Seine Kritik an der Intransparenz und fehlenden demokratischen Legitimierung der Verhandlungen über die Freihandelsabkommen der USA mit dem Pazifikraum und mit Europa war deutlich: So nicht. Seine weiteren Antworten waren geprägt von seiner Vorstellung der „sichtbaren Hand“, was möglicherweise nicht jedem der dunkel Betuchten im Stadtcasino gefallen hat. Sichtbar wird diese „Hand“ in seinen Ausführungen vor allem über das Steuersystem eines Staates. Geschwächelt hat er ein wenig, als es um die Zukunft der Schweiz und ihrer Beziehung zur EU ging. Ich denke, er hat wohl grössere Probleme für die Weltwirtschaft zu lösen. Gerade die Schweiz ist aber auch, so möchte ich anmerken, ein Beispiel für das von ihm geforderte effektive Steuersystem, in dem der Erfolg des privaten Sektors sehr stark von öffentlichen, demokratisch legitimierten Leistungen abhängt: die Verkehrsinfrastruktur, das Bildungssystem, die Pflege der Mehrsprachigkeit, Grundlagen- und Anwendungsforschung, Anreize für den Umweltschutz – alles von uns Steuerzahlern finanziert. Mit einem humorvollen, auch selbstironischen Seitenhieb erinnerte denn auch Stiglitz seinen Veranstalter und Sponsor des Vortrags, Ernst Fehr, daran, dass dieser nicht nur Gelder von der UBS erhalte, sondern auch von der öffentlichen Hand. Der Vortrag fand auf gemeinsame Einladung des UBS Center of Economics in Society der Universität Zürich sowie der Universität Basel statt.

Barbara Bohr, auf Twitter @nachrichtenlos, 28.01.2014

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About Barbara Bohr

I teach communication and project management at a technical college. My Interests are: Text analysis, (financial) innovation for the common good.

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