Extremadura: mit sozialen Krediten der Krise trotzen

Ethisches Banking, deine Zeit ist gekommen  –  diesen vielversprechenden Titel hat SETEM Extremadura, ein Verbund spanischer Entwicklungshilfeorganisationen, für ihre aktuelle Bestandsaufnahme des ethischen Bankings in der Extremadura gewählt. Die Krise in Spanien hat jedoch die schwache Nachfrage für ethische Finanzprodukte gerade in den wirtschaftsschwachen Regionen Spaniens bei Privatkunden nicht gerade beflügelt, so dass sich die verschiedenen Akteure gezwungen sehen, ihre Kräfte zu bündeln. Da wir es wichtig finden, ab und an über den Tellerrand der eigenen Aktivitäten hinauszublicken, sollen hier kurz die wichtigsten Entwicklungsphasen des ethischen Bankings in der Extremadura vorgestellt werden.

Nun ist es in der Extremadura nicht ganz so einfach wie in der wohlhabenden Schweiz, eine ethische Bank aufzubauen. Die Extremadura ist eine der 17 autonomen Regionen Spaniens und eine der wirtschaftlich schwächsten. Das Pro-Kopf-BIP der autonomen Region liegt bei nur 68% des spanischen Durchschnitts. Die Bevölkerungsdichte ist vergleichsweise niedrig. Viele hat es in der Vergangenheit in die grossen spanischen Städte oder auch ins Ausland gezogen. Die Region hängt ziemlich stark am Tropf des EU-Strukturfonds. Immerhin zeigt sich, dass sich die Investitionen durchaus lohnen: Bereits im Jahr 2010 wurde der gesamte Strombedarf der Region aus erneuerbaren Energien gedeckt.

Veranstaltungplakat: 3. Jahrestagung der Finanzas Éticas in der Extremadura
Veranstaltungplakat: 3. Jahrestagung der Finanzas Éticas in der Extremadura

Angefangen hat die Entwicklung des ethischen Bankings in einem sehr begrenzten Umfang 2001-2002. Eine kleine gemeinnützige Organisation in Badajoz, die im Umfeld der Migrantenbetreuung engagiert ist, vergibt aus ihren Genossenschaftseinlagen Darlehen. Aus diesen Aktivitäten entsteht 2003-2004 die Vereinigung der „Ethischen Bank in Badajoz“ (Banca Ética de Badajoz, mit BEB abgekürzt). 2005 werden die Geschäfte offiziell aufgenommen. Die BEB bleibt eine gemeinnützige Organisation. Alle Entscheide werden über die Mitgliederversammlung vorgenommen, wobei die praktische Geschäftsführung inzwischen in den Händen von acht Personen liegt. Die angenommenen Spargelder werden nach sozialen Kritieren vergeben, so dass auch bedürftige und randständige Menschen einen Kredit erhalten, der ihnen hilft, ihre Situation zu verbessern. Der Kreis der Geldgeber beschränkt sich auf ungefähr 100 Menschen. Die Einlagen betragen insgesamt 60’000 Euro.  Zum Vergleich: allein das zinslose Genossenschaftskapital bei der für Schweizer Verhältnissen sehr kleinen Freien Gemeinschaftsbank in Basel beträgt bereits 8,2 Mio Schweizer Franken. Die BEB gibt über jedes vergebene Darlehen Auskunft. Alle Kreditnehmer sind persönlich bekannt. Der letzte aufgelistete Kredit sind beispielsweise 600 Euro Einschreibegebühr für einen Doktoratskurs. Schon traurig, dass die Krise dazu geführt hat, dass Doktoranden als sozial bedürftig gelten und bei einer normalen Bank keinen Kredit mehr erhalten.

Den Aktivisten in Badajoz geht es nicht um Menge und Wachstum, sondern um die Gewissheit, dass ihre Gelder sorgsam nach sozialen Kriterien vergeben werden. Neben der Kreditvergabe versuchen sie vor allem über Aufklärungsarbeit, vor allem an der Universität und den Sekundarschulen, für ethisches Banking Werbung zu machen und weiten kontinuierlich ihre Netzwerkarbeit mit anderen Organisationen, die sich für eine solidarische Wirtschaft einsetzen, aus. 2010 schliesst sich die Vereinigung Alternatives Banking (Asociación Banca Alternativa) der BEB an. Die Initiative „Yo me largo“ (analog zum britischen „Move your money“) bringt im Zuge der Bankenkrise ebenfalls neuen Schwung in die Aktivitäten.

Seit 2013 arbeitet die BEB mit Fiare zusammen. Fiare ist nun nicht einfach nur eine weitere NGO aus dem Bereich der solidarischen Wirtschaft, sondern die spanische Vertretung der italienischen Genossenschaftsbank Banca Popolare Ética aus Padua. Sie ist angesichts der Krise der konventionellen Banken erheblich expandiert und  möchte zu einer gesamteuropäischen Ethikbank werden. Aus meiner Sicht steht hinter diesem grossen Schritt die Erkenntnis: Im kleinen Kreis Gutes tun, mag gut für die persönliche Befindlichkeit sein. Gesellschaftlich ändern kann man nur, wenn man sich mit anderen zusammentut.

Ich werde versuchen, mit einem oder mehreren der Gesellschafter Interviews zu führen, um mehr über die Zukunftspläne der Organisation zu erfahren. Welche Fragen würdet ihr stellen?

 

Barbara Bohr, auf Twitter @nachrichtenlos, 14.02.2014.

Mit einem Dank an Maite Silveira de la Osa von SETEM Extremadura, die mir den im letzten Jahr erschienenen Band der Tagung von 2011 zur Verfügung gestellt hat. Der vorliegende Artikel bezieht sich in erster Linie auf den Vortrag „Trayectoria de finanzas éticas extremeñas“ von Modesto González Valle. Eine spanische Zusammenfassung dieses Artikels findet sich übrigens hier.

 

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