Wirtschaftsskandale und welchen Einfluss sie auf Studierende haben können

Im Ethikunterricht werden häufig Fallbeispiele genutzt. Das hilft, ethische Entscheidungsfindung praxisrelevant und handlungsorientiert einzuüben. Haben diese Fallbeispiele aber tatsächlich einen Einfluss auf das ethische Bewusstsein der Studierenden?

Julie Cagle und Melissa Baucus sind dieser Frage in einer Studie mit ihren eigenen Studierenden (Bachelor und MBA-Niveau, Vertiefung Finance) nachgegangen. Das haben die beiden nicht ganz uneigennützig gemacht. Denn in einer Welt der Business Schools mit überladenen Curricula muss die Einbindung ethischer Entscheidungsfindung in den Fachunterricht einen „Impact“ zeigen, um weiterhin Berücksichtigung zu finden. Die beiden Forscherinnen bieten nämlich keine separaten Module in Wirtschaftsethik an, sondern integrieren die Fälle in ihre Unterrichtseinheiten aus den Bereichen „Corporate Finance“ bzw „Entrepreneurship“.

Wie sind die beiden Pädagoginnen bei ihrer Studie vorgegangen?

Die Studierenden haben jeweils Fälle anhand bekannter und öffentlich zugänglicher Informationen selber erarbeitet und gemeinsam diskutiert. Dazu gehörten u.a. Skandale wie die um Adelphia, Tyco und die Mutter aller Buchhaltungsskandale, Enron.

Vor und nach den Fallbearbeitungen haben die beiden Dozentinnen mit ihren Studierenden einen Test mit identischen Fragen durchgeführt, um herauszufinden, wie die Studierenden jeweils das eigene ethische Entscheidungsvermögen und das Verhalten einer „typischen Person aus der Geschäftswelt“  einschätzen. Bei den zehn Fragen geht es um die konkrete Bewertung von Verhalten in fragwürdigen Situationen, den sogenannten „grey zones“.

Was sind die Ergebnisse?

  1. Männliche Studenten finden ethisch fragwürdiges Verhalten tendenziell eher akzeptabel als weibliche.
  2. Es gibt keine altersbedingten Unterschiede in der Einschätzung ethischen Verhaltens (wobei in der untersuchten Gruppe der Altersunterschied gering war).
  3. Es gibt keine signifikanten Unterschiede der Ergebnisse zwischen Bachelor- und Master-Studierenden. Der Bildungsunterschied spielt in der Testgruppe also keine Rolle.
  4. Die Sensibilität für ethische Entscheidungsfindung wird durch die Fallbearbeitung gestärkt – nicht nur in der Selbstwahrnehmung, sondern auch in der Einschätzung der typischen Vertreter der Geschäftswelt („the typical business person“).

Gerade der letzte Punkt ist besonders interessant. Wenig überraschend ist, dass sich die Studierenden als ethisch bewusster und gestärkter einschätzen als die durchschnittliche Geschäftsperson. Wir alle tendieren dazu, uns selber für besser zu halten als die anderen. Wenig überraschend an der Untersuchung ist auch, dass die ethische Wahrnehmung der Studierenden selber durch die Fallbeispiele sensibilisiert wird. Überraschender dagegen ist, dass die Studierenden nach der Teilnahme am Kurs auch die Geschäftswelt insgesamt für ethischer einschätzen als vorher, obwohl man vermuten könnte, dass die Beschäftigung mit den Fällen zu einer negativeren, zynischen Einschätzung der Geschäftswelt führt. Ein Grund für diese positivere Sicht könnte das gewachsene Verständnis für die Komplexität ethischer Probleme in Unternehmen durch die Fallbearbeitung sein. Ausserdem gab es in vielen Fallbeispielen handelnde Personen, die sich zumindest teils für eine ethische Entscheidungsfindung stark machten – auch wenn sie letztlich nicht konsequent waren (wie z.B. Sherron Watkins bei Enron). Es ist also durchaus möglich, dass diese Personen trotz ihrer Schwächen eine Art Vorbildfunktion auf die Studierenden ausüben, die das ethische Bewusstsein stärkt. Die Ergebnisse sind selbstverständlich ohne weitere Studien nicht zu verallgemeinern, aber geben gute Anhaltspunkte für die Unterrichtsgestaltung.

Deshalb sind wir auch weiterhin  an persönlichen Darstellungen von Bankern zu ihrem Verhalten in kritischen ethischen Situationen interessiert, auch wenn Sie sich intern letztlich nicht haben durchsetzen können. Schreiben Sie uns: dievorbaenker(at)gmail.com.

Wer die Studie inclusive Fragebogen und Einzelauswertungen lesen möchte, für den sind hier die vollständigen bibliographischen Angaben: Julie A. B. Cagle, Melissa S. Baucus: „Case Studies of Ethics Scandals: Effects on Ethical Perceptions of Finance Students“. in: Journal of Business Ethics (2006) 64: 213-229 (DOI 10.1007/s10551-005-8503-5).

Barbara Bohr, auf Twitter @nachrichtenlos, 26.03.2014

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