Wem gehört das Gold im Fluss?

Eigentumsrechte an Rohstoffen – Jeden Tag kommen die «Barequeros» zum Fluss Nechí im wasser- und rohstoffreichen Nordosten des kolumbianischen Departments Antioquia. Sie suchen mit primitiven Hilfsmitteln nach Gold. Trotz unbedeutender Ausbeute werden sie von den grossen Goldschürferfirmen bedrängt. Doch jetzt wehren sie sich und machen klar: Der Fluss gehört allen.


Knie- bis hüfttief stehen Frauen, Männer und oft auch Kinder im Fluss. Sie kommen nicht um Wasser zu holen, zu fischen oder um zu baden. Sie kommen zum Arbeiten – die «Barequeros». Die Goldschürfer nutzen einfachste Mittel um das Edelmetall aus den Flusssedimenten auszuwaschen. Ihr wichtigstes Arbeitsgerät ist eine Wok-ähnliche, flache Pfanne aus Holz und ein Eisenstab. Damit waschen sie den Flussschlamm aus und suchen die Goldpartikel. Sie arbeiten noch immer so wie ihre Vorfahren, die hier schon im Fluss standen bevor die Spanier nach Südamerika kamen und bevor Kolumbien als Staat gegründet wurde.

Die archaische Arbeitsweise, die andernorts nur noch als Touristenerlebnis taugt, ist bis heute die Grundlage für ihren Lebensunterhalt. Die «Barequeros» arbeiten auf eigene Rechnung, meist alleine, ohne Bewilligung – aber auch ohne Steuern zu bezahlen. Manche beginnen bereits als Kinder. Eltern und Freunde bringen ihnen die Technik bei. Zwar herrscht in Kolumbien Schulpflicht, doch die Mehrheit der «Barequeros» verlässt die Schule vorzeitig und meist als Analphabeten. Aufgrund des informellen Charakters ihrer Arbeit gibt es kaum verlässliche Angaben dazu, wie viele Menschen von dieser Art der Goldsuche leben und wie viel Gold sie finden. Man weiss auch nicht, wie viel sie verdienen – aber klar ist: Sie werden nie eine Rente erhalten.

Barequeros bei El Bagre

Die Ausbeute dieser Goldwäsche sind immer nur winzige Mengen. Für die grossen Goldfirmen, die mit ihren riesigen Baggern dasselbe Flussbett aufgraben, sind sie deshalb keine Konkurrenz. Während die Maschinen meist in der Mitte des Flusses arbeiten, bleiben die «Barequeros» am seichten Flussufer. Und sie sind auch dort anzutreffen, wo der industrielle Abbau abgeschlossen ist und sich der Einsatz der teuren Abbautechnik nicht mehr lohnt.

Goldwäscher unter Druck

Trotzdem geraten sie immer mehr unter Druck, denn die Eigentums- und Nutzungsrechte am Nechí waren nicht geklärt. Dem Staat waren diese Rechte lange egal. Mit dem Ausbruch des neuen Goldfiebers, das die internationalen Rohstofffirmen nach Kolumbien lockt, versucht die Regierung in Bogotá seit Beginn der 2000er-Jahre die Goldförderung stärker zu regulieren – zu Gunsten der industriellen Ausbeute. Die kleineren Goldminenbesitzer streiten seither mit der Regierung, die die grossen multinationalen Konzerne bevorzuge. Das Gesetz regelt auch, wo und wie die «Barequeros» arbeiten dürfen. Das hat zur Klärung ihrer Situation einiges beigetragen, auch wenn viele Betroffene nichts von den neuen Gesetzen wissen. Anders als die kleineren Minenbesitzer und die grossen multinationalen Konzerne arbeiten sie weiterhin ohne offizielle Lizenz zum Goldabbau. Sie leiten ihren Anspruch auf Eigentum am gefundenen Gold vom Gewohnheitsrecht ab: Der Nechí, dessen Name in der indigenen Sprache Katío «Goldfluss» bedeutet, soll weiterhin allen gehören, auch ihnen.

Am Ende des Tages, spätestens mit dem tropischen Sonnenuntergang, verkaufen die «Barequeros» ihre winzigen Fundstücke an einen Goldhändler. An manchen Tagen bleiben sie allerdings erfolglos, dann reicht es oft nicht für den Lebensunterhalt. Haben sie ein paar Goldklümpchen gefunden, gehen einige der Männer zunächst ins Bordell und zum Tanz. Die Mehrheit aber geht zum Lebensmittelladen, um ihre Schulden zu begleichen und um von dem, was bleibt, neue Lebensmittel einzukaufen. Die sind teuer, denn in der Region selbst wird kaum Landwirtschaft betrieben. Fast alles wird aus Medellín, der Hauptstadt des Departments, hergebracht. Für die 320 Kilometer lange Strecke durch die unwegsamen Kordilleren der Anden benötigt ein Lastwagen 14 Stunden.

Während den «Barequeros» der Erlös ihrer Arbeit kaum zum Überleben reicht, machen die Händler ein äusserst lukratives Geschäft. Sie leben vor allem vom Ankauf des industriell geschürften Goldes. Die Umsätze mit den «Barequeros» machen nur einen Bruchteil ihres Geschäftes aus. Allerdings leben auch die Händler mit einem Risiko, denn sowohl der Transport des Goldes nach Medellín als auch der Nachschub von Bargeld zur Bezahlung der Goldankäufe sind immer gefährdet – auch wenn sich die Sicherheitslage des Landes in den letzten Jahren deutlich verbessert hat.

Alberto Zuleta, auf Twitter @azuleta, 12.10.2014. Der Text ist ursprünglich in der Zeitschrift MONETA, 3/2014, erschienen.

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