Reiche Nachbarn ohne Besitz

«Ursprünglich gehört niemandem etwas, alles ist für wen auch immer benutzbar. Man kann alles gratis und frei benutzen.» – Diese Utopie versucht die Yamagishi-Gemeinschaft in Hagenbuch (ZH) zu verwirklichen. Wie kann das funktionieren?

«Bald gehört euch das halbe Dorf» – diese Aussage müssen sich die Mitglieder der Yamagishi-Gemeinde manchmal von ihren Nachbarn anhören. «Manche Bewohner finden es tatsächlich nicht gut, dass die Yamagishi viele Häuser im Dorf kaufen», sagt Karl Sommer, bis vor kurzem Gemeindepräsident von Hagenbuch. Die erworbenen Liegenschaften würden aber immer gut unterhalten und – was die Gemeinde schätzte – auch meist mit Photovoltaikanlagen bestückt. Für den Verkäufer, so ergänzt Sommer, sei meist der Preis ausschlaggebend. «Geld regiert eben die Welt», bringt er die Sache aus seiner Sicht auf den Punkt.

Genau diesem Grundsatz haben die zwölf Mitglieder der Yamagishi-Gemeinschaft in der Schweiz abgeschworen. Seit 1995 leben sie am Rande der 1000-Seelen-Gemeinde in der Nähe Frauenfelds. Sie bewirtschaften mehrere Bauernhöfe und leben vom Verkauf ihrer Produkte. Nach Feierabend gehen ihre Wege nicht auseinander. Sie leben wie eine Grossfamilie zusammen. Grundlage des Zusammenlebens ist der weitgehende Verzicht auf persönlichen Besitz. Alles gehört allen – eine bedingungslose Gütergemeinschaft sozusagen. Es gibt keine Chefs. Jede Person kann bestimmen, welchen Arbeitsbeitrag sie zur Gemeinschaft leisten mag. Individuelle Ausgaben werden besprochen und aus einer Haushaltskasse bestritten.

Verkaufsauto der Yamagishi

Eine egalitäre Bewegung

Die Lebensphilosophie geht auf den japanischen Bauern Miyozo Yamagishi zurück, der 1956 die Bewegung schuf und zwei Jahre später mit Gleichgesinnten die erste Gemeinschaft gründete. Vierzig Dörfer gibt es heute weltweit. Ziel der egalitären Bewegung ist ein gelasseneres und selbstgestaltetes Leben im Einklang mit der Natur. Man will negative Elemente des eigenen Denkens und Verhaltens erkennen und diese überwinden.

Gelassen und gleichzeitig aufmerksam wirken denn auch Agnes und André Cotting, Christoph Federer und Antje Heinss, wenn es darum geht, Auskunft über ihr Leben zu geben. Sie strahlen grosse Ruhe aus, obwohl sie mitten in den Vorbereitungen für das jährliche Hoffest stecken. Die brummenden Traktoren auf den umliegenden Feldern und das herrliche Wetter drängen zur ersten Mahd. Doch stressen lässt sich hier niemand. Sie nehmen sich viel Zeit, ihr etwas anderes Leben zu erklären.

 Annäherung und Distanz

Wie überall in einem Dorf, gab und gibt es auch in Hagenbuch Spannungen mit den Bewohnern. «Es gibt immer noch Leute, die uns meiden», räumt Cotting ein. Einige der Yamagishi-Mitglieder engagieren sich im Bienenzüchterverein, im Chor und im Turnverein. Die Leute aus dem Dorf kaufen bei der Gemeinschaft ein. Die Schulklassen kommen zu Besuch. Das insgesamt gute nachbarschaftliche Verhältnis bestätigt auch der ehemalige Gemeindepräsident Sommer. Ihr Ziel, so André Cotting, sei es immer gewesen, sich nicht mit dem System anzulegen, «sondern etwas Neues in diesem System aufzubauen. Davon versprechen wir uns zum einen ein glückliches Leben für uns und unsere Gemeinschaft, zum andern auch Impulse für die Gesellschaft als Ganzes.»

Am Anfang gab es Gerüchte im Dorf, dass es sich bei der Yamagishi-Gemeinschaft um eine Sekte handle. Auch der Vater von Antje Heinss hatte diese Vermutung, als sie und ihr Bruder sich für ein Praktikum in einem der Dörfer in Japan anmeldeten. Yamagishi wird von der Sektenberatungsstelle Infosekta in Zürich als «spirituelle Gruppe mit einigen durchaus sektenhaften Aspekten» eingeschätzt. Nach Auskunft von Regina Spiess, Mitarbeiterin der Zürcher Fachstelle, stammt die letzte Anfrage zu Yamagishi aus dem Jahr 2007. Die meisten Nachfragen gab es 1994 bis 1997, den Anfangsjahren in Hagenbuch.

Geld spielt keine Rolle

Die Yamagishi-Mitglieder müssen beim Eintritt ihr gesamtes Vermögen der Gemeinschaft übergeben und bekommen es bei einem Austritt nicht wieder zurück. Wer austritt bekommt stattdessen eine individuelle Starthilfe. Die Mitglieder begründen dies damit, dass der Eintritt in die Gemeinschaft auf das ganze Leben ausgerichtet sei und nicht nur auf einen beliebigen Lebensabschnitt.

Für die Mitglieder selber spielt Geld keine Rolle. Sie haben von allem genug. Sie wirtschaften gut und leben gleichzeitig bescheiden. Sie vermeiden viele Ausgaben, weil sie Dinge gemeinsam benutzen. Besitzlosigkeit ist für sie eine grosse Entlastung. Dennoch: Die Yamagishi-Mitglieder sind zwar grosse Idealisten, weltfremd sind sie nicht. Da sie nicht in eine Pensionskasse einzahlen, investieren sie in Immobilien, um für die Zukunft vorzusorgen. Sie tun es dort, wo sie sich wohlfühlen: in der Nachbarschaft.

Link zur Webseite des Dorfes im Dorf.

Barbara Bohr, auf Twitter @nachrichtenlos, 22.10.2014. Auf Nachfrage veröffentliche ich gerne an dieser Stelle die kleine Reportage, die ich im Mai für die „Moneta“ 3/14 geschrieben habe.

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