Die Bankenwelt gerät nur im Roman ins Wanken

suter„Bitte einen Roman über Banker“ – diesen Wunsch der ZEIT aus einem Interview mit Ernst-Wilhelm Händler (2010) hat uns der Schweizer Autor Martin Suter nun erfüllt. In seinem neuesten Roman „Montecristo“ macht er die Allmacht der Banken in der Schweiz zum Hauptthema. Das macht Suter in sehr kompakter Form und – wie immer – gut recherchiert. Die Geschichte von der grossen moralischen Bankenkrise der Schweiz klingt unglaublich, aber auch völlig plausibel. Natürlich möchte ich vom Plot nicht allzu viel verraten, denn Suters Romane leben von ihrer überraschenden Dramaturgie. Auch wenn ich sagen muss, dass dieses Mal das Ende doch ziemlich leicht vorhersehbar ist. Lese ich etwa zu oft Fefes Blog und sehe Verschwörung an allen Ecken? „Montecristo“ ist Fefe in Romanform.

Nur so viel möchte ich verraten: Schweizer Banken scheinen nicht vor Mord und Betrug zurückzuschrecken, wenn es darum geht, Verluste aus riskanten Handelspositionen zu verdecken. Das ist in etwa das, was auch bereits der Klappentext verrät. Diesen Machenschaften kommt ungewollt der mittelmässige Boulevardjournalist Jonas Brand auf die Spur.

Dabei wirken die Branchenvertreter des Romans weniger primitv-neureich und hemmungslos als die Hollywood-Spielarten des „bösen Bankers“, wie etwa Jordan Belfort oder Gordon Gecko. Suters Banker sind gut erzogen. Wohlerzogene Skrupellosigkeit ist noch schwerer zu ertragen als feiste Rüpelhaftigkeit. Sie sind in Sorge, dass sie zu spät zur Opernpremiere kommen, weil sie noch ein vertrauliches Gespräch mit dem Chef der Finanzaufsicht führen müssen. Sie haben immer eine zweite Flasche Champagner als Reserve zur Hand, nicht weil sie  und ihre Mitverschwörer aus Politik und Wirtschaft Trinker sind, sondern aus reiner Vorsicht: Die erste Flasche könnte womöglich korken. Das möchte man dem Gast nun wirklich nicht zumuten. Ein wenig manieriert wirken die detailverliebten Beschreibungen aus den edlen, getäfelten Hinterzimmern der Schweizer Macht. Da geht der Werbetexter manchmal durch mit Suter.

Ich fand die Personen des Romans etwas sehr konventionell und typenhaft gezeichnet.  Braucht es gerade diese Spannung zwischen dem Gewöhnlichen, auf Äusserlichkeiten Reduzierten und dem kaum vorstellbaren, intriganten Handlungsablauf? Vielleicht, ich hätte aber doch gerne genauer gewusst, was diese Herren letztlich zu ihrem Handeln auf individueller Ebene antreibt. Darauf erhalte ich keine Antwort. Apropos Herren, natürlich gibt es auch einige weibliche Nebenrollen. Alles, was diesbezüglich zur Figur der Marina Ruiz zu sagen ist, hat Christopher Schmidt bereits auf den Punkt gebracht (Achtung: Spoiler!).

Das Buch ist sehr unterhaltsam und gut an einem (arbeitsfreien) Tag zu lesen. Neben der Finanzbranche nimmt Suter übrigens auch noch eine andere aufs Korn: Die Krise des Journalismus ist ein durchgängiges Nebenthema des Romans. Ich bin froh, dass es beim „Nebenbei“ bleibt, denn der Bogen, den Suter spannt, ist auch so schon gross genug.

Das Buch ist 2015 im Diogenes-Verlag erschienen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 19.04.2015

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About Barbara Bohr

I teach communication and project management at a technical college. My Interests are: Text analysis, (financial) innovation for the common good.

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