Was hat die Gesellschaft vom Finanzsektor?

Ein funktionierendes Banksystem ist eine nützliche Sache für eine Gesellschaft: Wir müssen uns keine Sorgen machen, dass unser Bargeld gestohlen wird, denn wir können Geld bei der Bank deponieren. Die Bank stellt uns die Technik zur Verfügung, Rechnungen zu bezahlen. Sie gibt Kredit, wenn eine Familie ein Haus kaufen möchte.

Luigi Zingales

So sinnvoll dies erscheint: Luigi Zingales, Finanzprofessor  an der Booth Business School der Universität von Chicago führt in einer Rede vor der American Finance Association aus, dass ein aufgeblähter Finanzsektor nicht unbedingt zum Wachstum der Wirtschaft beitrage. Es gäbe keine Evidenz, dass Aktienmärkte, Swap- sowie Options- und Futuresmärkte eine positive Rolle hätten. Vielmehr hätten die Ereignisse der letzten Jahre gezeigt, dass diese der Gesellschaft schaden würden. Sozial erscheint es wenig sinnvoll, wenn diese Märkte lediglich dazu dienen, Vermögen von den Armen zu den Reichen zu verteilen.

Statt sich immer wieder auf die Nützlichkeit der Basisdienstleistungen von Banken zu berufen, müsse man hinterfragen, weshalb die Finanzwelt so empfänglich für Masslosigkeit und Fehlverhalten sei.

Einer der Schlüsselsätze in seinem Vortrag lautet:

Ein Grossteil der Tricks und Betrügereien  besteht in einer echten Umverteilung von den Betrogenen zu den Betrügern
(S. 22).

Eine gute Regulierung könne einen wertvollen Beitrag leisten, dass Banken und Finanzjongleure der Gesellschaft dienen und nicht schaden. In dieser Hinsicht argumentiert er ähnlich wie Andy Haldane von der Bank of England. Die Regulierung solle einfachen Regeln folgen. Einfache Regeln seien nicht nur für Banker leichter einzuhalten, sie seien auch leichter von aussen zu kontrollieren.

Finanzwissenschaftler sollten, so Zingales, durch ihre Studien die Verzerrungen des Finanzsektors transparent machen („to act as whistleblowser“, S. 32) und methodisch selbstkritisch bleiben. Deskriptive Vorgehensweisen seien keine Entschuldigung, Unehrlichkeit  und unmoralisches Verhalten unter den Studierenden zu fördern. Normative Analysen dürften nicht in wenig besuchte Kurse für angeblich weniger begabte Studierende ausgelagert werden (S.32). Zingales führt diesen Teil mit bemerkenswerter Offenheit aus.

Der  Vortrag ist hier zu sehen:

Wer lieber liest als schaut, hier ist der Text der Rede. Die im Beitrag erwähnten Seitenzahlen beziehen sich auf diese Quelle.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 10.05.2015. Gefunden habe ich die Rede dank eines Tweets von Carolina Garay über den sehr guten Blogbeitrag von Timothy Taylor, dem „conversable economist“.

 

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