Warum wir keine Steuerparadiese brauchen

Wenn berühmte Leute dabei erwischt werden, dass sie Einkommen und Vermögen nicht richtig versteuern, hören wir für einen Moment zu. Wenn Messi vor Gericht muss, weil er bei der Steuererklärung einen Teil seiner Einkünfte vergass; dann macht ihn das fast menschlich. Schadenfreude kommt auf, wenn am Morgen die Villa eines vermögenden Vorstandsmitglieds durchsucht wird. Alle sind entrüstet, wenn Amazon angesichts florierender Umsätze so wenig Steuern in Deutschland zahlt. Und natürlich regen wir uns alle über die korrupte FIFA auf, die trotz hoher Gewinne überhaupt gar keine Steuern zahlen muss. Die Geschichten verschwinden jedoch schnell aus den Schlagzeilen, ohne dass sich etwas an den Ursachen dieser Steuervergehen ändern würde.

Die Steuergerechtigkeit weltweit zu erhöhen ist dagegen ein langfristig angelegtes und oft mühseliges Unterfangen. Die Radiojournalistin Naomi Fowler hat sich dieses Thema seit 2012 auf die Fahnen geschrieben. Sie publiziert im Auftrag der unabhängigen NGO Tax Justice Network monatlich den Taxcast, in dem sie über aktuelle, aber auch grundsätzliche Fragestellungen der aktuellen Steuergesetzgebungen informiert. Ihr Ziel ist es, einen Beitrag zu leisten, um die Transparenz über internationale Geldflüsse zu erhöhen und somit auf Ungerechtigkeiten in der Verteilung der Steuerlast aufmerksam zu machen. Naomi versteht den Taxcast als Aufklärungskampagne, damit auch „gewöhnliche“ Steuerzahlende verstehen, wie Unternehmen und Vermögende das Steuerrecht zu ihren Gunsten verbiegen oder umgehen. Letztlich sind sie es, die die finanziellen Lücken der öffentlichen Haushalte, die durch die Steuerhinterziehung entstehen, mit ihren eigenen Steuern und Abgaben ausgleichen oder aber auf staatliche Leistungen verzichten müssen. Wer systematisch Steuern hinterzieht, trägt auch Verantwortung dafür, wenn sein Staat immer mehr Schulden aufnehmen muss. Vielleicht liegt es am Medium Radio, vielleicht ist es die persönliche Motivation: Sie schafft es, mit ihren Beiträgen ein trockenes und abstraktes Thema informativ und verständlich zu präsentieren. Ich habe mit ihr gesprochen, um mehr über ihre Arbeit zu erfahren.

Zunächst landete die freie Journalistin mit den Themen zu Korruption und Steuerhinterziehung nicht bei ihren normalen Auftragebern. Dazu zählen etwa die BBC, die Deutsche Welle oder auch Radio Nederlands, um nur drei Radiosender zu nennen. Man sah Korruption nicht als relevantes Thema. Korruption, das gab es nur in den armen Ländern des Südens. Erst beim Tax Justice Network fand sie Gehör, um Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung auch aus der Perspektive der wohlhabenden Länder zu schildern.

Die meisten Zuhörer hat Naomi in den USA, gefolgt von UK, Kanada und Australien. Deutschland und die Schweiz sind ebenfalls unter den Top Ten der Länder, in denen der Podcast gerne gehört wird. Die Sendung wird auch von zahlreichen Radiostationen weltweit ausgestrahlt und erreicht auf diese Art auch sein Publikum in Uganda.

Für Naomi stehen dieses Jahr die folgenden Themen ganz oben auf der Agenda:

  1. Das Country-to-Country-Reporting der multinationalen Unternehmen innerhalb der EU¹ (Common Consolidated Tax Base, kurz CCTB): Künftig sollen die grossen Konzerne dort die Steuern zahlen, wo sie entwickeln, produzieren sowie verkaufen und nicht dort, wo die Steuersätze besonders niedrig sind. Abmachungen, wie sie in den LuxLeaks bekannt wurden, sollen dann endgültig der Vergangenheit angehören.
  2. Wirtschaftlich Berechtigte (also diejenigen, die den wirtschaftlichen Nutzen aus einem Investment ziehen oder die Kontrolle über ein Unternehmen ausüben) müssen zukünftig in UK bekannt gemacht werden, d.h. sie können sich nicht mehr hinter einem künstlichen Konstrukt, wie einer Stiftung, einem Trust oder einer anderen Art von Briefkastenfirma, verstecken. Bisher war es erlaubt, dass diese Anspruchsberechtigung nicht offen gelegt werden musste. Banken, spezialisierte Anwälte, Steuerberater und Trustfirmen  haben sich in der Vergangenheit eine goldene Nase daran verdient, ihren Kunden beim Verstecken ihrer Gelder „offshore“ zu helfen.
  3. Im November bringt das Network den neuen Financial Secrecy Index heraus („Schattenfinanzindex“). Dieser Index erlaubt Aussagen darüber, welche Länder die Geheimhaltung finanzieller Daten besonders schützen und Steuerhinterziehung erleichtern. Damit ist er ein wirksames und transparentes Tool, um sogenannte Steuerparadiese zu identifizieren. Nummer 1 der jetzigen Rangliste ist übrigens die Schweiz.
Finanical Secrecy Index 2013 (Quelle: http://www.financialsecrecyindex.com/introduction/fsi-2013-results)

Ausserdem steckt Naomi mitten in den Vorbereitungen, bald einen ähnlichen Podcast in spanischer Sprache mit regional relevanten Themen für Lateinamerika produzieren zu können. Noch steht das Funding nicht definitiv, doch sie ist zuversichtlich, dass es klappt. Sie ist überzeugt, dass auch ein Podcast in deutscher Sprache erfolgreich sein könnte. Mit Naomi als erfahrener Radioproduzentin an der Seite findet ein gut gemachter, kurzweiliger Podcast sicherlich auch bei uns Anklang. Wer nimmt den Ball auf und hat Lust ins Thema einzusteigen?

Naomi ist auch auf Twitter. Es lohnt sich, ihr zu folgen.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 11.05.2015.

¹ Am 11.6. geändert. Das ursprünglich erwähnte OECD-Vorhaben erscheint Naomi weniger konstruktiv und konsequent als der Plan der EU, dessen erste Version bereits 2011 entstand.

 

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