Revisited: Joris Luyendijks Interviews mit Bankern

 

9783608503388Tom Hayes, ehemaliger Händler bei UBS und dann Citicorp, ist gestern von einem Londoner Geschworenengericht zu 14 Jahren Haft verurteilt worden. Zusammen mit anderen hat er über Jahre hinweg den wichtigen Zinssatz Libor manipuliert. Die geheimen Absprachen seien branchenüblich gewesen, meinte der Händler, weshalb er die Beweise für sein Vorgehen in Form von Chats und Emails nicht löschte. Schuld ist nach seinem Verständnis also das System, nicht er persönlich. Das Gericht war anderer Meinung und verwies auf seine persönliche Verantwortung und fehlende Integrität.

An dem Urteil entzündet sich die alte Debatte der Kriminalpsychologie, welcher Einfluss der gewichtigere bei Regelverstössen im Wirtschaftsleben ist: Sind eher individuelle Persönlichkeitszüge für die Unehrlichkeit verantwortlich (das ist die These der „nativists“) oder ist es das Umfeld, das die Gelegenheit für den Betrug schafft (das ist der Ansatzpunkt der „environmentalists“)?

Das Urteil ist ein guter Anlass, noch einmal den Banking Blog von Joris Luyendijk durchzulesen. Er geht in seinen zahlreichen Interviews mit Bankern genau dieser Frage nach. Inzwischen ist der Blog auch in Buchform und zudem in deutscher Übersetzung verfügbar. Von allen Büchern über Banker und die Finanzkrise, die ich gelesen habe, ist Joris Luyendijks „Unter Bankern. Eine Spezies wird besichtigt“ das amüsanteste. Die Distanz des niederländischen Ethnologen zur Finanzwelt, ihrem Jargon und den Menschen, die sie ausmachen, hilft ihm enorm, das Thema unterhaltsam und kritisch distanziert darzustellen. Was er im Buch erzählt, ist alles nicht neu, aber seine humanistische und entspannte Herangehensweise entkrampft ungemein. Seine Interviews sind mehr eine Annäherung als eine Verurteilung. Vor allem, das ist der Schwerpunkt des Buches, lässt er die Banker reichlich selber zu Wort kommen. Er nutzt ihre eigenen Worte, um die Parallelwelt der Finanzwelt zu beschreiben.

Er spricht dabei weniger von Personen als von den Funktionen, die die interviewten Personen in der Bank ausüben. Dieser dramaturgische Kniff hat damit zu tun, dass er die Anonymität seiner Interviewpartner wahren muss. Da ist die Marketingchefin, die ihr Jahresgehalt nicht aussprechen kann, sondern es nur verschämt auf einem Zettel niederschreiben darf. Da sind die Leute, die im Fusionsgeschäft arbeiten oder auch die Asset Manager, die beim Schreiben ihrer Newsletter für die Kundschaft beobachtet werden. Eine prominente Rolle spielen auch die Quants und ihre Sicht auf die Finanzwelt. Durch diesen Rückzug auf die Bankfunktionen seiner Interviewpartner bleiben die dargestellten Schicksale mehrheitlich gesichtslos. Zumindest ging mir das so, auch wenn ich die Branche seit 20 Jahren kenne und ziemlich genau weiss, welche Typen in der Bank herumlaufen. Gleichzeitig gibt Luyendijk einen Einblick in die riskante Spezialisierung der Investmentbanken. Der Kunstgriff mit den Funktionen dient aber auch der Kernaussage Luyendijks. Schuld ist nicht der einzelne, Schuld ist das System:

Wie ich von Anfang an merkte, wollen viele Außenstehende nicht wahrhaben, dass die Finanzwelt zu einem maßgeblichen Teil nicht von Menschen bevölkert ist, die mutwillig Schaden anrichten, sondern von Konformisten, die sich die Frage nach Gut und Böse überhaupt nicht mehr stellen. Sie haben sich in ihrer Seifenblase prima eingerichtet und verkehren ohnehin nur noch mit Gleichgesinnten. (S. 219).

Deshalb schlägt Luyendijk vor, dass wir unsere Vorwürfe nicht gegen einzelne Banker richten, die Fehlanreizen nachgegeben hätten, sondern dass wir „unsere Energie darauf verwenden, diese (Fehlanreize) anzupacken und abzuschaffen.“ (S. 249)

Ich glaube, dem ist nicht zu widersprechen. Für meinen Geschmack klingt „Das Problem ist das System“ jedoch zu viel nach Kollektivschuld. Mir fehlt bei dieser Perspektive der Aspekt der persönlichen Integrität. Genau das ist auch der Punkt des Londoner Gerichts, wobei ich hoffe, die Geschworenen haben die Frage nach der persönlichen Verantwortung ernsthaft gemeint und nicht nur als Vorwand genommen, mit Hayes populistisch ein Exempel zu statuieren.

Weshalb verletzen einige, so wie Tom Hayes und seine Kollegen, das existierende Regelwerk? Weshalb verhalten sich andere regelkonform? Schliesslich schafft es die überwiegende Mehrheit aller Bankmitarbeitenden ihr Leben lang ehrlich zu bleiben, auch wenn ihre Branche mehr als alle anderen von Wirtschaftsdelikten aus den eigenen Reihen geplagt wird. An diesem Punkt hätte ich gerne mehr über die Persönlichkeitsstruktur dieser Menschen erfahren. Erhellend wären in diesem Kontext sicherlich Interviews mit verurteilten Kriminellen aus der Finanzbranche, die Aufschluss über die jeweilige individuelle Motivation geben.

Das Buch von Joris Luyendijk ist dieses Jahr bei Klett-Cotta erschienen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 05. August 2015.

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About Barbara Bohr

I teach communication and project management at a technical college. My Interests are: Text analysis, (financial) innovation for the common good.

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