Ein Stups reicht nicht aus

Vielleicht bin ich altmodisch, aber von einer BWL-Lehrstuhlinhaberin hätte ich mir eine ausführlichere und nüchterne Faktenbasis gewünscht. Was Evi Hartmann, Professorin für Supply Chain Management an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, in ihrem Buch Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral präsentiert, ist eine Empörungstirade. Und die hält sie konsequent über 224 Seiten durch.

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Hartmanns Ziel ist es, Konsumenten und Konsumentinnen dazu zu bringen, mehr und häufiger faire Produkte zu kaufen. Denn durch mehr fairen Konsum wird der Sklavenarbeit langfristig die Grundlage entzogen, so ihre These. Dank globalisierter Wertschöpfungsketten arbeiten  etwa 60 Menschen in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen für jeden Konsumenten hierzulande, auch wenn die Sklaverei weltweit längst verboten ist.

Hartmann  wählt ganz bewusst nicht den kognitiven Weg über Statistiken, ethische Prinzipien und Entscheidungsfindung oder gar politische Kampagnen, sondern den psychologischen Weg, sich selber moralisches Verhalten so einfach wie möglich zu machen. Es braucht nur einen Stups und etwas Gewohnheit, dann kann ich mein Verhalten so ändern, dass ich fair konsumiere.  „Nudge“ ist denn auch einer der zentralen Begriffe im Buch. Diese Idee führt sie ausführlich anhand vieler Beispiele, die aus ihrem Alltag als Mutter, Dozentin und Beraterin von Unternehmen stammen, aus. Immer wieder vergleicht sie dabei die Umstellung von Konsumgewohnheiten mit einer Diät. Gebetsmühlenartig wiederholt sie am Ende des Buches ihre Forderung:

Aber wenn wir auch nur die Hälfte der kleinen Schritte tun,die wir tun können, und uns nach Zögern und Zaudern und tausend Ausreden endlich dazu durchringen und uns nach jedem kleinen Schritt was schämen und doch stolz sind, dass wir Globalisierungsgeschädigten es überhaupt so weit bringen und uns zaghaft mutig an den nächsten kleinen Mini-Schritt wagen und das Jahr für Jahr durchziehen, retten wir die Welt vielleicht doch. (S. 221)

 

Wie häufig in dieser Art Empörungsliteratur schien es mir eher darum zu gehen, dass sich die Konsumenten selber wohl fühlen. Netter Nebeneffekt: Dann gibt es auch weniger missbräuchliche Arbeitsverhältnisse. Doch ist Hartmanns wohl gemeinte Strategie ausreichend? Ich habe gar nichts dagegen, wenn Konsumenten eine bewusste und überlegte moralische Einkaufsentscheidung treffen. Ich selber versuche es auch jeden Tag. Tatsächlich ist es so, dass wir Konsumenten die Wirkung unserer Handlungen oft unterschätzen. Dennoch hatte ich mit ihrer sehr kategorischen individualistischen Einstellung meine liebe Mühe und damit ein Problem mit der politischen Message des Buches.

Gemäss Hartmann gibt es keine Möglichkeit, die Spielregeln in den internationalen Supply Chains zu ändern. „Hätten wir bessere Manager und bessere Strukturen im Management, hätten wir eine bessere Moral“ (S. 57). Die Verantwortung für das Handeln liegt allein bei mir als Konsumentin: „Wer etwas tun möchte, findet immer etwas zu tun – und mit dieser Handlungsfreude auch seine Sicherheit. Wer handelt, schafft Sicherheit.“ Gesetzliche Vorgaben, wie sie beispielsweise die Schweizer Konzernverantwortungsinitiative anstreben, bleiben unerwähnt. Auch strukturelle Diskussionen über fairere Handelsabkommen oder Mitbestimmung in den Betrieben fehlen. Weder Staat noch Sozialpartner spielen in ihrem Weltbild eine Rolle.

Im Zusammenhang mit dem Thema Kinderarbeit versucht Hartmann zwar einen Perspektivenwechsel zu den Betroffenen in den Produktionsländern, geht aber nicht tiefgründig auf die Konsequenzen ein, die unser geändertes Konsumverhalten auf die „Sklaven“ vor Ort hätte. Würden diese, ihrer Lebensgrundlage beraubt, in letzter Konsequenz dann etwa zu uns kommen wollen? Oder erhalten diese irgendwann doch die faireren Löhne, wenn immer mehr Menschen etwas fairer einkaufen? Beim Lesen spürte ich an vielen Stellen „die unsichtbare Hand“. Jeder tut etwas Gutes für sich und am Ende ist es dann auch für alle gut.

Das Buch ist temporeich und gewollt unterhaltsam geschrieben, fast wie in Eile; daher auch bei mir der Eindruck der Tirade (bzw. im Twittersprech ein #moralrant). Hartmann reflektiert zwar ihren Schreibstil („steile Thesen“ nennt sie das meist) und rechtfertigt ihn damit, dass sie provozieren wolle. Mir hätte es allerdings besser gefallen, sie hätte manchmal das Tempo rausgenommen und einige wichtige Begriffe, wie Moral, Nudge, Dissoziation und andere Termini aus Psychologie und BWL gründlicher erklärt. Sie zieht das Storytelling dem lästigen und mühsamen Definieren vor. Beides kombiniert hätte mir wesentlich besser gefallen.

Wer konkret wissen möchte, wie viele Sklaven denn nun für einen selber arbeiten, dem empfehle ich die Website http://slaveryfootprint.org/my-footprint#results. Die Seite ist schön gestaltet, informativ und lehrreich zugleich. Mein persönlicher Lebensstil ist derzeit übrigens auf 52 Sklaven angewiesen. Zwar ist mein Kleiderschrank ziemlich aufgeräumt, aber  die vielen elektronischen Gadgets wirken sich bei mir doch sehr negativ aus.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 13.09.2016

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