Robert Misiks Kaputtalismus

Schon der Titel von Robert Misiks neuem Buch zeigt, dass der Kapitalismus nicht so leicht kaputt zu kriegen ist. Die Verschmelzung „Kaputtalismus“ ist marktschreierisch, bewusst platt-originell zugespitzt und gehorcht damit genau den mentalen Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie, die den Kapitalismus am Leben halten. Noch ist es also nicht vorbei.

Das gesamte Buch ist unterhaltsam wie der Titel. Ich habe mich bei der Lektüre jedoch ständig gefragt, ob die Schwerpunkte des Buches richtig gewählt sind. Wenn der Kapitalismus schon so kaputt ist, wie es der Titel suggeriert, wäre es da nicht wünschenswert, die Diagnose kurz und schmerzlos zu halten und sich schnell dem Neuen zuzuwenden? Was soll nach dem Kapitalismus kommen? Immerhin verspricht der Klappentext: „Das gesamte System muss neu gedacht werden.“

Stattdessen erzählt Robert Misik erneut ausführlich die Geschichte des wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs seit der Finanzkrise. Das macht er aus der Perspektive des erfahrenen Reporters. Er ist seit dem Ausbruch der Krise ziemlich rumgekommen und berichtet lebensnah – seine Schwerpunkte sind Griechenland und Spanien. Anhand dieser Erfahrungen erklärt er noch einmal, was genau unter Austerität zu verstehen ist und welche Auswirkungen diese Politik hat. Ebenso stellt er die Dominanz des Finanzkapitalismus dar, dem eine schwächelnde, innovationsarme Industrie nichts mehr entgegen setzen kann. Folge ist eine wachsende Ungleichheit, die das deutlichste Symptom für die Erschöpfungsdepression des Kapitalismus ist. Ganz im Stil Upton Sinclairs zeichnet er das kapitalistische System als „Dschungel“ – das gefällt mir journalistisch gut. Das macht Misik an vielen Stellen verständlicher als viele andere, die seit 2008 über den Kapitalismus als Kasino, seinen Untergang, sein Koma oder auch seinen Rückzug berichtet haben. Der Burn-Out des Kapitalismus ist eine einträgliche Einnahmequelle für kränkelnde Verlage geworden.

Vergleichsweise mager fallen im Vergleich die Ausführungen über die neuen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturen aus. Natürlich hat Misik mich schnell auf seiner Seite, wenn er von George Orwells „Homage to Catalonia“ schreibt – damals, als Intellektuelle ungeachtet der Nationalität für die „gute Sache“ kämpften. Und wenn er von den Arbeitern von VIOME berichtet, die ihre Fabrik übernommen und umgekrempelt haben. Die einfachen Leute, die miteinander teilen, weil sie nichts haben, um das sie konkurrieren könnten. Der linke Traum von der wirtschaftenden Gemeinschaft bleibt nostalgisch unscharf.

Denn wie genau das alles einmal funktionieren soll, da bleibt Misik vage. Ausserdem kommt er mit altbekannten Beispielen, die in den sozialen Medien teilweise kontrovers diskutiert werden. Alleine mit dem Begriff der „Sharing Economy“ geht er mir etwa zu unkritisch um. Bei den Kooperativen bringt er, wie viele andere auch, das Beispiel der spanischen Genossenschaft „Mondragón“. So zündend scheint die Idee des kooperativen Arbeitens also nicht zu sein, wenn keine neuen Betriebe hinzukommen. Ich denke, da hätte er sich intensiver im Bereich der Wohngenossenschaften und Landbetriebe umschauen können – da geht mehr, als er hier schreibt. Gut gefällt mir sein Bericht über die Pläne der dezentralen Energieversorgungsnetze in Griechenland. Allein, das reicht nicht. Welchen Beitrag die Technologie hier und an anderer Stelle insgesamt leisten könnte, lässt er aussen vor. Auch Europa als Institution ist ihm in seinem Ausblick keine Erwähnung wert. Das wiederum spricht Bände.

Kurzum: eine sprachlich flotte Einschätzung der wirtschaftlich-gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre, die auch politische Strömungen mit einschliesst*. Der Ausblick ist mir für einen überzeugten linken Journalisten viel zu wenig programmatisch.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 21.10.2016

 

*Seine Begeisterung für Syriza und Podemos teile ich übrigens nicht.

 

Advertisements

Schlagwörter: , , ,

About Barbara Bohr

I teach communication and project management at a technical college. My Interests are: Text analysis, (financial) innovation for the common good.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: