Ist Nahrungsmittelspekulation ethisch?

Die Spekulation auf Nahrungsmittel sorgt für Diskussionen. Die Befürworter sagen, dass die Finanzspekulation auf Agrarrohstoffe wichtig sei um die Preise zu stabilisieren. Die Gegner behaupten das genaue Gegenteil: Diese Art von Handel würde die Lebensmittelpreise destabilisieren oder sogar auf Dauer einseitig in die Höhe treiben.

Wenn die Preise für Lebensmittel, wie Mais, Weizen oder Reis, steigen, sind wir aus den Industrieländern nur wenig betroffen. Wir geben im Schnitt nur 10-20 Prozent unseres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Doch wie steht es um die Menschen, die 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben und von knapp zwei Dollar pro Tag leben müssen? Für diese Menschen kann eine Preissteigerung um bis zu 150 Prozent fatale Folgen haben.

Studien
Bereits dutzende Studien und Gutachten wurden veröffentlicht um die Frage zu klären, ob Spekulation die Ursache für massive Preisschwankungen der Grundnahrungsmittel ist. Die Resultate hängen dabei stark davon ab, wer die Studie in Auftrag gegeben hat. Wenn z.B. Die Deutsche Bank, welche sich trotz anderweitiger Zusagen weiterhin am Agrarrohstoffhandel beteiligt, eine Studie  in Auftrag gibt, heisst es, dass mitunter der steigende Verbrauch der Rohstoffe für Preissteigungen verantwortlich sei. Schon im Jahr 2010 haben die beiden Ökonomen John Baffes und Tassos Haniotis ein Gutachten erstellt, welches zum gegenteiligen Ergebnis kommt: Im Erntejahr 2007/08 habe „die Aktivität der Indexfonds die Schlüsselrolle bei der Ausbildung der Preisspitze im Jahr 2008 gespielt“. Auch Studien von Foodwatch, Oxfam oder Weed sind zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen. Wegen der schlimmsten Trockenperiode in den USA seit einem halben Jahrhundert hat der Preisanstieg  von 2012 eine natürliche Ursache. Für das Erntejahr 2007/2008 war es dagegen die Aktivität der entsprechenden Indexfonds (s. Abbildung).

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Schwankungen des Maispreises (Quelle: http://de.anyoption.com/blog/?page_id=2765)

Wieso kein Verbot?
Kritiker des Verbots äussern, dass es noch ganz andere Gründe für den Anstieg der Preise gebe, wie zum Beispiel Ernteausfälle, Verluste bei Transport und Lagerung sowie Korruption. Ausserdem argumentieren sie, dass diese Art von Spekulation die Preise stabilisiere und Produzierende sich damit absichern könnten. Hierbei handelt es sich um Finanzterminkontrakte. Dieses System ist wichtig für die Verkäufer von Agrarrohstoffen. Doch der Anteil dieser absichernden Massnahmen ist klein geworden. Im Jahr 1998 war der Anteil an Hedgern noch 70 %. 10 Jahre später lag der Anteil nur noch bei 25 %. Bis zur Jahrhundertwende war die Tendenz der Preise lange Zeit sinkend und es gab eine strenge Obergrenze für den Handel. Mit der Kommerzialisierung und Deregulierung des Rohstoffmarktes nahmen die Preisschwankungen in beide Richtungen zu.

 

Was bisher auf politischer Ebene geschah
Die EU und die USA haben bereits mehrfach verkündet, dass sie die Nahrungsmittelspekulation reduzieren und zumindest die „schädliche“ Spekulation eindämmen möchten. Auch einige Banken aus Deutschland und der Schweiz haben sich diesem Vorhaben angeschlossen. Auf rein politischer Ebene ist aber bis anhin nichts geschehen, was die Rahmenbedingungen ändern würde. Anfang 2016 fand in der Schweiz die Volksabstimmung «Keine Spekulation für Nahrungsmittel» statt. Die Initiative wurde von der JUSO eingereicht. Sie wurde an der Urne mit 59.9 Prozent abgelehnt.

Angstmacherei
Doch wieso hat das Schweizer Stimmvolk die Initiative abgelehnt? Von wirtschaftsliberaler Seite wurde argumentiert, dass Arbeitsplätze verschwinden würden, da die Schweiz eine Drehscheibe für den weltweiten Rohstoffhandel sei. Ausserdem wurde behauptet, dass Bauern ihre Planungssicherheit verlieren würden. Doch diese wäre gar nicht gefährdet gewesen. In einem Statement gegenüber der „Luzerner Zeitung“ erklärte Nestlé-Sprecherin Cassandra Buri, dass die Absicherungstransaktionen auch nach Annahme der Initiative möglich gewesen wären. Ziel der Initiative war es, die Spekulation auf Lebensmittel zu beenden. Sogar Bundesrat Schneider-Ammann hantierte mit falschen Behauptungen.

Wer profitiert?

Versicherungen wie die Allianz sollen stark an der Nahrungsmittelspekulation beteiligt sein. Laut einer Studie von Oxfam soll die Versicherungsgesellschaft im Jahr 2011 mehr als 6,2 Milliarden Euro in Lebensmittelspekulation investiert haben. Zusammen mit der Deutschen Bank (4,6 Milliarden) kommen diese beiden Institute alleine auf 14 Prozent des globalen Marktes, den Analysten auf insgesamt rund 70 Milliarden Euro schätzen.

Ölpreise
Steigende Ölpreise sorgen tendenziell auch für die steigende Nahrungsmittelpreise. Der Lebensmittelsektor benötigt in den Industrieländern laut einer Studie von Hawken, Lovins und Lovins rund 10-15 Prozent des Energieverbrauchs. Ob für Bewässerung, das Beheizen von Gewächshäusern oder die Verarbeitung von Lebensmitteln, das „schwarze Gold“ wird überall gebraucht. John Baffes hat zudem berechnet, dass sich die Ölpreise zu rund einem Viertel auf die Agrarrohstoffpreise übertragen. Somit würde auch ohne die Spekulation auf Nahrungsmittel die Ernährung auf der Welt gefährdet sein, sollte sich der Preistrend beim Öl wieder umkehren.

Bisher keine konkreten Massnahmen
Doch was wären die konkrete Lösungswege um die Spekulation im Zaum zu halten? Sollen institutionelle Investoren und Banken aus dem Geschäft ausgeschlossen werden um die Transaktionen auf Absicherungsgeschäfte zu beschränken? Sollten Positionslimits, also eine Obergrenze, für den Handel mit Agrarrohstoffen eingeführt werden? Fast zeitgleich zur Lancierung der Abstimmungskampagne im Februar hat sich eine Gruppe von NGOs zusammengetan und einen offenen Brief an die EU-Kommission geschrieben. Darin fordern die Organisationen, Limits zu setzen und Schlupflöcher für den Handel mit Nahrungsmitteln zu schliessen. Bisher gab es keine Reaktion. Auch die Schweizer Jungsozialisten planen derzeit keine direkten Nachfolgeaktionen. Sie setzen ihre Hoffnung nunmehr auf die wesentlich umfassendere Konzernverantwortungs-Initiative und die Agenda 2030.  Sind dies vielleicht die wirkungsvolleren Instrumente Hunger zu bekämpfen?

Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit uns.

 

Ein Gastbeitrag von Chantal Merz, freie Journalistin mit einem Faible für sozialkritische Themen

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