Sustainable Finance bleibt vorerst in der Nische

Die Schweiz rühmt sich, ein Pionier für nachhaltige Geldanlagen zu sein. Ein White Paper, das im Auftrag des Swiss Finance Institute herausgegeben worden ist,  kommt jedoch zu dem Schluss, dass die Thematik im Mainstream Banking noch nicht richtig angekommen ist. Über den richtigen Weg zu einer breiteren Publikumswirkung wurde bei einer Podiumsdiskussion am 19.11.2016 in Olten trefflich gestritten. Podiumsteilnehmer waren Annette Kraus, Wirtschaftsprofessorin an der Universität Zürich, René Weber vom Staatssekretariat für Finanzmarktfragen, und Sabine Döbeli von der Interessenvereinigung Swiss Sustainable Finance.


Ergebnisse des White Paper

Als Einführung zur Podiumsdiskussion erläuterte Annette Krauss, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Julia Meyer und Philipp Krüger von der Universität Genf das White Paper  geschrieben hat, die Ergebnisse ihrer politischen Analyse. Zwar seien Pionierunternehmen des nachhaltigen Finanzgeschäfts, wie etwa im Bereich der Mikrofinanz, der Ratings und des Emissionshandels, in der Schweiz beheimatet. Allerdings habe die Analyse gezeigt, dass gerade im Mainstream-Banking das Thema nur eine stark untergeordnete Rolle spiele. Krauss und ihre Ko-Autoren empfehlen deshalb, Sustainable Finance in den Banken zur Chefsache zu machen. Ohne diese Rückendeckung und entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten würden sich die Kundenberater der Nachhaltigkeit als Kernthema nicht zuwenden. Auch Schlüsselinstitutionen, wie die Schweizer Bankiervereinigung und der Börsenbetreiber SIX, hätten zu dem Thema sehr wenig zu sagen.

Die Rolle des Staates

Auch vom Schweizer Staat würde man sich mehr Engagement wünschen, um den Finanzstandort langfristig attraktiv zu gestalten, meinte Krauss. Dem widersprach René Weber, Botschafter beim Staatssekretariat für Internationale Finanzfragen (SIF). Es sei der Job der Privatwirtschaft, das Thema voranzutreiben. Er vertraue den Märkten und ihrem Preisbildungsmechanismus. Er verwies gleichwohl darauf, dass sich die Schweiz auf internationaler Ebene, sei es bei den G20-Treffen oder dem FSB, sehr für das Thema einsetze. Die Klimaproblematik beispielsweise sei inzwischen so prominent auf internationaler Ebene platziert, dass auch eine Präsidentschaft Trumps die Uhr nicht mehr zurückdrehen könne, gab sich Weber in der Diskussion zuversichtlich.

Zuversicht trotz Marktversagen

Dass die Problematik der Nachhaltigkeit von Finanzprodukten vom Markt gelöst werden könne, bestritt die dritte Teilnehmerin der Podiumsdiskussion, Sabine Döbeli, Geschäftsführerin des Interessenverbandes Swiss Sustainable Finance. Sie verwies darauf, dass gerade die Preisbildung nicht funktioniere, da externe Faktoren nicht verursachungsgerecht in die Preise einfliessen würden. Auf den Einspruch Webers, dass es eben sehr komplex sei, ökologische und soziale Effekte in den Modellen zu berücksichtigen, gab Döbeli eine beherzte Antwort: Wer komplexeste Finanzprodukte bündeln und vermarkten könne, dem sei auch zuzumuten, mit dieser neuen Form von Komplexität umgehen zu können. Insgesamt zeigte sich die Geschäftsführerin optimistisch, was die Zukunft nachhaltiger Investments in der Schweiz angehe. Sie verwies dabei nicht nur auf das Wachstum ihrer Organisation, der inzwischen 95 Schweizer Finanzmarktakteure angehören. Sie führte an, dass bei der Ausschreibung von Vermögensverwaltungs- und anderen Anlagemandaten Fragen zur Nachhaltigkeit der vorgeschlagenen Strategie eine immer grössere Rolle spielen würden, wenn auch noch auf niedrigem Niveau.

Krauss empfahl zum Abschluss einen pragmatischen Umgang. Es gäbe inzwischen genügend internationale Standards, auf die man in der Produktentwicklung zurückgreifen könne. Man müsse einfach mal anfangen, die Thematik prominenter zu platzieren. Ohne Managementunterstützung laufe auch in Zukunft wenig.

Kommentar

An diesem Abend blieben die Banker unter sich. Wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte man ruhig mehr über die Kunden und ihre Bedürfnissen reden können. Es würde möglicherweise helfen, wenn Kunden und Kundinnen mehr Druck machen würden – auf Banken, Pensionskassen und Staat. Ich möchte als Bankkundin nicht auf den Goodwill eines Bank-CEO warten, damit mir nachhaltige Finanzprodukte angeboten werden, die nicht nur grün angestrichen sind.

 

Hier ist der Link zum White Paper: http://sfi.ch/system/tdf/WP_SustainableFinance_WEB.pdf?file=1

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 07.11.2016

 

 

 

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About Barbara Bohr

I teach communication and project management at a technical college. My Interests are: Text analysis, (financial) innovation for the common good.

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