„Das ist nicht mehr meine Welt“ – Wenn Ex-Banker erzählen

Vor einigen Wochen habe ich bereits kurz das neue Buch „Bye Bye Bank. 21 Bankerinnen und Banker auf dem Weg zu neuen Ufern“ von Matthias A. Weiss auf dem Blog vorgestellt. Inzwischen habe ich Zeit gehabt, mir die Interviews näher anzuschauen. Zwei Porträtierte möchte ich hier vorstellen: zwei Frauen – die eine ist Geschäftsführerin von drei Kinderkrippen, die andere arbeitet als Autorin und freie Journalistin.

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Priska Gehring-Hertli

Als Priska Gehring-Hertli 1996 einen Krippenplatz für ihre Tochter suchte, fand sie nur Wartelisten. Sie eröffnete deshalb eine eigene Krippe im Quartier  und reduzierte ihre Tätigkeit in der Bank – sie arbeitete damals als Projektleiterin im Marketing – auf 50 %. Inzwischen führt sie drei Krippen für insgesamt 150 Kinder. Die Tätigkeit in der Bank hat sie längst ganz aufgegeben. Aus dem Interview strahlt  jede Menge Lebensfreude und praktischer Gestaltungswille. Sie sieht ein Problem und findet eine Lösung, die nicht nur ihr hilft, sondern auch vielen anderen Menschen in der gleichen Situation:

Ich bin da einfach hineingewachsen, weil ich das Gefühl hatte, etwas bewegen zu müssen. Ich habe nicht ewig nachgedacht, sondern einfach einmal zu handeln begonnen. Schliesslich bin ich eine Macherin. (Weiss, S. 83)

Besonders am Herzen liegt ihr, dass Männer mehr Teilzeit arbeiten können. Die Zeiten als Bankangestellte betrachtet sie als lehrreich und interessant, schätzt aber im Vergleich die grössere Freiheit als Unternehmerin, die ihr erlaubt, Beruf und Familie sehr gut miteinander zu verbinden. Dies, auch wenn sie mit fast 40 Mitarbeitenden eine wesentlich höhere Verantwortung als früher hat.

Nomi Prins

Ihr Lebenslauf hat einige Ähnlichkeiten mit meinem eigenen. Prins arbeitete nach dem Studium bei Lehman, dann bei Bear Stearns und schliesslich bei Goldman Sachs. Für sie war die Branche vor allem wegen der hohen Einkommen interessant. Einen besonderen thematischen Bezug hatte sie nicht, aber mit ihrem Wissen in Mathematik und Statistik war es in der datengetriebenen Finanzwelt leicht, einen guten Einstieg zu finden. Sie arbeitete im Bereich der strukturierten Kreditprodukte, die massgeblich die spätere Finanzkrise mit ausgelöst haben. Nomi Prins verlies die Bank bereits einige Jahre vor der Krise. 2002 gestand sie sich ein, dass das Streben nach Geld und Macht widerlich sein kann, und schrieb ein erstes Buch über die Risiken der neuen Bankprodukte. Inzwischen arbeitet sie an ihrem sechsten Buch, schreibt für mehrere Zeitungen und tritt in Podiumsdiskussionen auf. Dabei zeigt meine Recherche, dass es auch als Journalistin nicht immer ganz einfach ist, unabhängig zu sein. Sie hat einige Male für den vom russischen Staat finanzierten Sender RT gearbeitet.

Heute verdient sie wesentlich weniger, als wenn sie im Finanzsektor geblieben wäre. Dafür, so sagt sie, sei sie nicht mehr „im Würgegriff der grossen Bankenhierarchie“ (Weiss, 146):

Ich fühle mich (heute) stärker mit dem verbunden, was ich tue. Es stimmt, meine jetzige Arbeit erlaubt mir, mich nicht mehr länger von etwas Hohlem täuschen zu lassen, wie beispielsweise Geld oder dem Streben danach. Und ich fühle mich als eine bessere, gesundere und auch ruhigere Person. (Weiss, 145)

Auch wenn sich ein grosser Teil ihrer jetzigen Arbeit als Autorin um den Finanzsektor dreht, ist es ihr wichtig, im Interview klar zu machen, dass sie niemals Banking aus Leidenschaft betrieben habe.

Vielleicht liegt genau darin das Problem der Branche. Ich habe lange überlegt, ob ich jemanden aus meinem Umfeld kenne, der Banking aus Leidenschaft betreibt. Mir fiel niemand ein.

Neues Leben nach der Bank

Das sind nur zwei von insgesamt 21 Lebensläufen, die Matthias A. Weiss in seinem Buch mit grosser Sorgfalt nachzeichnet. Er geht sehr systematisch vor, gibt aber jeder interviewten Person genügend Spielraum, das zu sagen, was ihr am Herzen liegt.

Die Krise hat es nicht geschafft, im Finanzsektor aufzuräumen. Der Bankenbranche droht jedoch in den nächsten Jahren ein massiver Abbau von Stellen durch die Digitalisierung. Das Buch bringt 21 exemplarische Vorschläge für ein gutes Leben nach der Bank. Es gibt viel zu tun. Ein Exemplar kann hier bezogen werden.

 

Barbara Bohr, @nachrichtenlos, 18.12.2016

 

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