Out of touch: Steven Mnuchin und die Automatisierung

Wie viel wissen Banker und führende Politiker von der Realwirtschaft? Offensichtlich sehr wenig. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls, wenn man sich Steven Mnuchins unbekümmerte Einstellung zu den Folgen künstlicher Intelligenz auf die Beschäftigung anschaut. Der Mann ist frisch gebackener Finanzminister der Trump-Regierung und sollte als ehemaliger Chief Information Officer von Goldman Sachs (= Chef der IT!) Ahnung von der Sache haben. Als Mike Allen, Journalist von Axios, ihn im Interview nach eben diesen Konsequenzen fragte, lautete seine Antwort:

it’s not even on our radar screen…. 50-100 more years“ away. „I’m not worried at all“ about robots displacing humans in the near future, he said, adding: „In fact I’m optimistic.“

Natürlich sind die genauen Folgen von AI auf die Anzahl und Qualität zukünftiger Arbeitsplätze umstritten. Doch ist das Thema dermassen präsent in der derzeitigen wirtschaftspolitischen Diskussion – auch in den USA – , dass die vermeintliche Naivität von Mnuchins Antwort überrascht. SRF hat bereits 2015 angekündigt, dass jeder zweite Arbeitsplatz gefährdet sei. Im Finanzsektor, einer Branche, die er kennen sollte, droht durch die Digitalisierung ein Ertragsausfall von 30%. Mnuchin galt bisher als einer der weniger umstrittenen Minister Trumps, was angesichts der vielen Kontroversen in der Regierungsbildung jedoch nicht besonders viel heisst.Wie viele andere Goldman-Sachs-Alums geniesst Mnuchin den Ruf, weitsichtig und strategisch zu denken. Wie bereits sein Vater hat er jahrelang für die Wall-Street-Firma gearbeitet, bevor er ins Geschäft der Hedge Funds wechselte. Ausserdem hat er äusserst erfolgreiche Filme produziert. Hat das Hollywood-Engagement seinen Blick auf die Realität geblendet?

Twitter-User, vor allem  aus dem Sillicon Valley, reagierten erwartungsgemäss konsterniert und belustigt auf Mnuchins Bemerkung, wie z.B.  Benedict Evans von der VC-Firma Andreessen Horowitz:

 

Auch wenn man Steven Mnuchin zugutehält, dass er bei der Frage die Formen künstlicher Intelligenz, wie wir sie heute schon kennen, mit der sogenannten allgemeinen künstlichen Intelligenz (AGI) bzw. der Singularität verwechselt haben könnte, bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Und man kann sich darüber streiten, ob einfachere Varianten des Machine Learning schon als künstliche Intelligenz bezeichnet werden sollten. Als ehemaliger Chief Information Officer der weltweit bekanntesten Investmentbank sollte er die Unterscheidung kennen und bei einer unklar gestellten Frage nachhaken.

Noch nie war es so schwierig, dreiste Dummheit und „spin“ auseinanderzuhalten. Wie viel Ahnung haben diese reichen, bornierten Männer, die nun die Zukunft der USA gestalten sollen? „For the love of money“ scheinen sie sich um Kopf und Kragen zu reden, als ob sie jederzeit die Kamera abstellen und den Take wiederholen könnten.

 

Barbara Bohr, @nachrichtenlos, 25. März 2017

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About Barbara Bohr

I teach communication and project management at a technical college. My Interests are: Text analysis, (financial) innovation for the common good.

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