Crowdfunding als Krankenkassenersatz

Myranda Whiteside (25) aus Colorado hat Brustkrebs. Da sie und ihr Mann die Kosten für Operation, Therapie und Medikamente nicht tragen können, suchen sie Geld via Crowdfunding. 15’000 Dollar brauchen sie. 4’696 Dollar an Spenden hat das junge Paar  nach drei Wochen Kampagne bereits zusammen.

Was in Europa nach Dystopie klingt, wird in den USA, dem reichsten Land der Erde, immer üblicher. In einem Moment körperlicher Schwäche und enormer psychischer Belastung kann man sich mit Hilfe hübscher Videos, knackiger und herzerreisender Botschaften Geld für eine ärztliche Behandlung suchen. Gofundme ist eine Crowdfunding-Plattform, auf der Menschen für ihre ganz individuellen Anliegen Geld einsammeln können: Das Spektrum reicht von Spenden für Wohltätigkeitsorganisationen, Schulevents bis hin zur häuslichen Pflege von Kriegsveteranen. Eine Lehrerin hat auch schon einmal erfolgreich eine Aktion gestartet, um für alle Schüler und Schülerinnen ein Fahrrad zu kaufen. Gofundme nennt sich selber die

#1 do-it-yourself fundraising website to raise money online.

 

gofundme_logo2c_april_2012

Von den insgesamt 3 Milliarden Dollar, die auf gofundme bisher insgesamt zusammengekommen sind, entfallen nach den Berechnungen von John B. Nelson etwa 808 Millionen USD seit 2011 auf medizinische Anliegen (wie er auf seine Berechnungen kommt, erklärt er hier. Durchschnittlich erbrachte eine Spendenaktion 3’930.86 Dollar. Auch im Krankheitsfall geht die Show also weiter.

Der Trend dürfte mit den geplanten Änderungen zur Krankenversicherung in den USA noch zunehmen, weshalb gofundme auch zu einem kontrovers diskutierten Thema in den sozialen Medien wurde. Kann eine Crowdfunding-Plattform die allgemeine Krankenversicherungspflicht ersetzen?

Obwohl es wenig wahrscheinlich ist, dass die jetzige Vorlage als Gesetz verabschiedet wird, hätten einige Vorschläge  gravierende Folgen für die Versicherungsfähigkeit vieler US-Amerikaner. Wenn zukünftig wieder stärker die Versicherungsfirmen selber und der Marktmechanismus darüber befinden sollen, wie eine bezahlbare Gesundheitsversorgung aussehen kann, ist zu befürchten, dass Kranke, Alte und Personen mit höheren Gesundheitsrisiken höhere Beiträge zahlen müssen oder gar nicht mehr versicherbar sind.

Hinter der am Donnerstag verabschiedeten GOP Health Bill steht ein libertäres Menschenbild. Eine Aussage auf reddit, die natürlich nur eine Einzelaussage unter vielen ist, bringt auf den Punkt, weshalb libertär denkende Menschen eine allgemeine, staatlich garantierte Gesundheitsversorgung ablehnen:

„Healthcare isn’t a basic human right. It’s a service that people shop for like any other enhancement to their lifestyle. The failure of someone to set funds away for healthcare needs is not state-sponsored murder. Healthcare is like any other investment, it’s a mostly 20th century invention (with relatively few gains made in the 18th and 19th centuries and next to none before that) and it’s up to the individual to decide if they want to put away 25% and end up like Zsa Zsa Gabor, or 3% and call it quits when their genes mandate them to.“ (Link zum kompletten Kommentar: https://redd.it/5eyjqg)

Diese Äusserungen basieren auf einem radikalen Verständnis vom Verhältnis des Einzelnen und der Gesellschaft. Der einzelne Mensch verfügt über keine Rechte, die ihm vom Staat oder der Gesellschaft zugestanden werden. Die Rechte eines Menschen sind angeboren und gelten, solange sie nicht die Rechte eines anderen Menschen einschränken. Gesundheitsversorgung ist nach diesem Verständnis kein Anrecht für alle. Vielmehr sehen viele Libertäre eine allgemeine Gesundheitsversorgung als Einschränkung ihrer eigenen freiheitlichen, angeborenen Rechte – und zwar gleich von zwei Seiten: zum einen wollen sie nicht zu einer bestimmten Versicherung gezwungen werden, zum anderen wollen sie auch nicht für die Versicherung anderer mit bezahlen müssen (womit sie den Versicherungsgedanken an sich ablehnen). Wer sich überzeugen möchte, dass das obige Zitat keine krude und sozialdarwinistische Einzelmeinung ist, kann beim libertären Cato Institute nachlesen, wie Libertäre das Solidaritätsprinzip einer gesetzlichen Versicherung bewerten. Keine einfache Lektüre, aber wichtig, um die Beweggründe der jetzigen Diskussion in den USA einordnen zu können.

Auch wenn sich die USA erneut gegen eine allgemeine Krankenversicherungspflicht entscheiden sollten, gofundme und andere Plattformen werden kein Ersatz für ärmere Bürger sein, die sich eine freiwillige Versicherung nicht leisten können. Eine Studie über 200 Gofundme-Kampagnen ergab, dass 90 % der Kampagnen ihr finanzielles Ziel nicht erreichten. Ausserdem sei zu befürchten, so die Forscher, dass solche Formen karitativer Aktivitäten zu einer wachsenden sozialen Ungleichheit führen würden:

View story at Medium.com

„Crowdfunding narratives also distract from crises of healthcare funding and gaping holes in the social safety net by encouraging hyper-individualized accounts of suffering on media platforms where precarity is portrayed as the result of inadequate self-marketing, rather than the inevitable consequences of structural conditions of austerity.“ (Quelle: http://www.beckershospitalreview.com/finance/90-of-gofundme-campaigns-for-medical-expenses-failed-achieve-financial-target-study-finds.html)

Auch wenn die USA ihre Schlagkraft als Führungsmacht immer stärker verlieren, gerade medien- und technologiegetriebene Themen schwappen schnell über nach Europa und werden gerne nachgeahmt. Warum jeden Monat einen Beitrag an die Krankenkasse zahlen, wenn man sich im Notfall das Geld über eine Crowdfunding-Plattform holen kann? Für manchen Zwangsversicherten ist das möglicherweise ein verlockender Gedanke. Kurzfristig kann man da gut Geld sparen. Und natürlich ist die Bürokratie staatlicher Gesundheitspolitik verdammt nervig. Aber dann medienwirksam betteln gehen müssen, um die eigene Chemotherapie finanzieren zu können? Ich hoffe, diese gruselige Vorstellung wird in Europa höchstens als HBO-Serie zu sehen sein.
Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 07. Mai 2017
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