Ein Konto für die ganze Welt

‚Joachim Ackva ist durch seine persönliche Grosszügigkeit bekannt geworden: Er lässt regelmässig Geldscheine vom Himmel fallen. Im letzten Oktober regneten etwa auch in Zürich Zehnernötli  vom Himmel. Mit seinen Aktionen kam er in alle Zeitungen und Fernsehnachrichten. Wer verteilt schon Geld – einfach so? Das muss doch ein Spinner sein. Die FAZ beispielsweise reihte die Sterntaler-Events amüsiert und irritiert als Kunsttrend ein. Ein gelassener und witziger Umgang mit Geld ist nun mal nicht jedermanns Sache.

Ackva nutzt seine Verteilaktionen, um Werbung für das Projekt „Ein Konto für die ganze Welt“ zu schaffen. Er verfolgt das Ziel, die neuen nachhaltigen Entwicklungsziele der UN entscheidend voranzubringen, indem jede Person 1/1000 ihres Vermögens auf ein spezielles Konto bei der UN einzahlt. Jeder Einzahler bestimmt selber, für welches konkrete Entwicklungsziel sein Geld eingesetzt wird. Ackvas ehrgeiziger Plan wird also getragen von einem Appell an individuelle Selbstverantwortung und den Anspruch auf Mitwirkung.

Ackva hat auch ein Buch zum Projekt geschrieben. Er hat verstanden, dass es mit PR-Kampagnen alleine nicht getan ist. Die Medien haben sein Anliegen auf die wenigen Momente reduziert, in denen Menschen Geldscheine auffangen und sich beschämt fragen, ob sie das gefundene Geld behalten dürfen.

Seine Ausgangsthese war für mich der Anlass, das Buch gerade jetzt auf dem Blog vorzustellen. Trump hat mit dem geplanten Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen gezeigt, dass nationale Regierungen ihren eigenen Interessen folgen und nur sehr begrenzt zur globalen Wohlfahrt beitragen können. Staaten taugen nicht als Manager des internationalen Allgemeinwohls. Das ist Ackvas Ausgangsthese. Das gilt nicht nur für Trumps Amerika. Das gilt auch für die deutsche Regierung, wenn es um Dieselautos geht oder um die chinesische Regierung, wenn es um die Verschmutzung der Luft in den grossen Städten geht. Ackva sieht die Verantwortung für unsere Zukunftsgestaltung bei der Zivilgesellschaft und damit bei jedem Einzelnen von uns (S. 9).

Welche Ziele bringt das Weltkonto voran?

So ganz schlecht steht es nicht um die Welt. Immerhin hat die UN es geschafft, die 17 neuen nachhaltigen Entwicklungsziele zu verabschieden. Ackva widmet einen Grossteil seines Buchs der Erläuterung dieser Ziele und ihrer Unterziele. Das macht er sehr verständlich und sehr gut strukturiert. Er möchte von Anfang an klarstellen, wozu das Geld, das er von allen einsammeln möchte, verwendet werden soll. Denn genau wie im Fall des Pariser Klimaabkommens war zwar die Verabschiedung dieser Ziele sehr öffentlichkeitswirksam für die UN und die Regierungen, dennoch bleibt unklar, wer wie viele Mittel für die einzelnen Ziele zur Verfügung stellen wird. Die UN selber hat das Geld nicht. Es gibt im Abschlussdokument der nachhaltigen Entwicklungsziele keine verbindlichen Finanzierungszusagen.

Wie kann das Weltkonto funktionieren?

Ein Trust Office, das dem UN Sekretariat unterstellt ist, soll das Geld physisch verwalten und Transparenz herstellen. Dort sieht Ackva die finanziellen Mittel in guten Händen, da gemäss UN Charta das Generalsekretariat keine nationalen Abhängigkeiten hat. Das Konto könne die UN in ihrer Autonomie stärken und zu einer effektiven Organisation ausbauen. Insgesamt sollen mehrere Teams auf globaler Ebene für eine effektive und effiziente Verwaltung der Mittel sorgen. Auf nationaler Ebene gibt es ebenfalls Koordinationsteams, denn letztlich wird das Geld dann doch wieder in ganz konkreten Staaten eingesetzt und alle Programme müssen die nationale Selbstständigkeit und Verantwortung wahren. Ackva nennt die Gesamtorganisation „Globale Hausverwaltung“.

Wie finanziert sich das Weltkonto?

Ackva schliesst Staaten und Grossunternehmen als Geldgeber aus, da diese sonst versuchen würde, wieder zu starken Einfluss zu nehmen (S. 106). Konzernvorstände oder Politikerinnen können jedoch als Privatpersonen mitmachen. Aufgrund hoher erwarteter Synergieeffekte zwischen den einzelnen Entwicklungszielen kommt er auf eine Summe von 250-300 Milliarden US-Dollar, die die „globale Hausverwaltung“ benötigt, um die Ziele zu erreichen. So kommt er letztlich zu seiner entscheidenden Rechnung: Zu dieser Summe kommt man, wenn jeder ein Tausendstel seines Vermögens hergeben würde. Wer also ein Vermögen von 1000 Euro hat, gibt einen Euro. Wer als Milliardär Gutes tun will, gibt eine Million Euro dazu. Es handelt sich um eine einmalige Gabe, keine laufende Verpflichtung. Ackva hat nicht die Mühen gescheut, eine Umfrage in sechs Ländern durchführen zu lassen, um die Akzeptanz seines „Kontos“ besser bewerten zu können. In den USA, dem Land mit den höchsten privaten Vermögen, liegt die Einzahlungsbereitschaft bei 28 %, in Deutschlang gar bei 70 %. In der Schweiz wurde die Umfrage leider nicht durchgeführt.

Ackva ist kein Theoretiker. Das Konto gibt es bereits, auch wenn es derzeit bei einer privaten Initiative bleibt, deren offizielle Unterstützung durch die UN noch nicht entschieden ist. Wer mitmachen möchte, kann seinen Beitrag selber berechnen. Als Schätzwert für das Privatvermögen nimmt Ackva die Bezugsgrösse, die der Credit Suisse Global Wealth Report nimmt (S. 127):

Vermögen =

   Kontoguthaben

+ Kapitalversicherungen

+Wertpapiere/Unternehmensbeteiligung

+ Edelmetalle

+ Immobilien

– Schulden

An sich ist der Zeitpunkt, dieses Konto zum Fliegen zu bringen, sehr günstig. Nie waren die Vermögen in privater Hand grösser. Noch nie war gleichzeitig gemäss Global Wealth Report der CS aus dem Jahr 2016 die Ungleichverteilung dieser Vermögen grösser.

Zur Summe der bisherigen Einzahlungen auf das „Weltkonto“ habe ich zwar keine Angaben finden können, aber die Verteilung auf die verschiedenen Entwicklungsziele wird auf den Webseiten des Trägervereins bekannt gemacht.

 

Global-Goals-Einzahlungsverteilung-01042017_1
Pilot-Weltkonto per 1. Juni 2017: Verteilung der Einzahlungen auf die 17 Global Goals (Quelle: http://www.planetearthaccount.de/, 4.6.2017)

Die Entwicklungsziele 4 (Bildung) und 16 (starke und gerechte Institutionen) sind demnach besonders populär.

Was ist von dem Projekt zu halten?

Das Buch ist verständlich geschrieben. Die Motivation des Autors jederzeit vollziehbar. Man merkt, dass Ackva gut überzeugen kann und auch Zahlen zum Überzeugen einsetzen kann. Er ist immer engagiert. Er hat, so glaube ich, keine hidden agenda. Ein wenig stutzig gemacht hat mich zunächst das Gradzeichen hinter seinem Vornamen (Joachim°). Ich habe dahinter etwas Sektenhaftes vermutet, aber es ist wohl auch eher ein PR-Gag: Wer seine Zustimmung zum Projekt bekannt geben möchte, kann sich das Gradzeichen hinter den Vornamen setzen.

Von dieser Lappalie abgesehen, hat das Buch bei mir zu folgenden Fragen geführt:

Die Strukturen der UN bleiben in Ackvas Zukunftsvision weitgehend unverändert, Das gilt vor allem für den UN Sicherheitsrat, dessen Zusammensetzung immer noch weitgehend die Machtverhältnisse der Welt nach dem zweiten Weltkrieg repräsentiert und inzwischen Friedensbemühungen mehr behindert als fördert. Das UN Generalsekretariat wird lediglich finanziell autonomer. Was bedeutet diese Äutonomie für den UN Sicherheitsrat, aber auch die anderen Gremien der UN?

Die ganz grossen Privatvermögen werden von ganz wenigen Menschen gehalten. Die meisten von ihnen leben in den USA. Sollen diese Wenigen entscheiden, in welche Entwicklungsziele ihr Beitrag fliessen soll? Welche Eigeninteressen könnten sie damit verfolgen? Ist ihnen mehr zu trauen als Staaten, die sich (in zahlreichen Fällen) demokratisch legitimieren müssen? Wie kann das Programm-Management des Weltkontos für Fairness sorgen? Wie können die geplanten Bonus-Anreize verhindern, dass sich immer wieder dieselben Partikularinteressen durchsetzen?

Inwiefern kann der vernünftige Appell an Eigenverantwortung und Mitwirkung dazu führen, dass sich Staaten mehr und mehr aus ihrer internationalen Verantwortung zurückziehen können? Wird damit nicht langfristig sogar Trumps Ideologie unterstützt, öffentliche globale Güter, wie Frieden, Sicherheit oder das Klima zu privatisieren? Kann der Staat damit insgesamt zum Auslaufmodell werden? Denn was ich auf internationaler Ebene mit einem freiwilligen Beitrag durchführen kann, könnte auch auf nationaler und lokaler Ebene funktionieren. Wer wird dann noch Steuern zahlen?

Ackva will nicht die UN reformieren. Er möchte handeln – und nicht unendlich lange auf die Umsetzung warten. Falls bis Ende 2021 kein UN-Weltkonto existiert, erhält die Welthungerhilfe das Guthaben des Pilot-Weltkontos.

Das Buch „Ein Konto für die Welt“ ist im Herbst 2106 im Zürcher rüffer & rub-Verlag erschienen. Es kann auch als E-Book bezogen werden.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 04. Juni 2017

 

 

 

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