Der Mensch, in Daten aufgewogen

Simulierte Intelligenz

Jegliche Datenaggregation und –auswertung basiert auf der Erarbeitung des sogenannten binären Codes, welcher auf die nach George Boole benannte boolesche Logik zurückgeht. Er ging auch davon aus, dass die gesamte Wirklichkeit durch mathematische Logik erklärbar sei:

“No general method for the solution of questions in the theory of probabilities can be established which does not explicitly recognise, not only the special numerical bases of the science, but also those universal laws of thought which are the basis of all reasoning, and which, whatever they may be as to their essence, are at least mathematical as to their form.”

Erst diese “Entdeckung” machte die Entwicklung des Computers und die Simulation von Intelligenz möglich. Diese simulierte Intelligenz ist in der heutigen Zeit aus der Diskussion verschiedener wirtschaftlicher Bereiche nicht mehr wegzudenken. Sogenannte Robo-Adivsors geben uns Finanzanlagetipps oder coachen uns bei der Arbeitssuche. Möglich ist diese Entwicklung durch die Sammlung, Speicherung und selbstlernende Verarbeitung einer immer grösser werdenden Datenmenge, welche die Benutzer via Social Media den Firmen, welche die Speicherserver betreiben, gratis zur Verfügung stellen. Auch bei Banken lagern viele Kundendaten, wie etwa alle Zahlungsangaben mit Konsumvorlieben und Verhaltensweisen, Geschäftskontakte und Vermögenswerte, deren Nutzung für viele Firmen höchst interessant ist.

Machen Daten unsterblich?

Über Marvin L. Minsky, einen der Pioniere der künstlichen Intelligenz, hat Jaron Lanier in seinem Buch von 2010 „Your are not a Gadget“ (S. 24) geschrieben, er habe in den frühen 1980er Jahren gerne kolportiert, dass die Maschinen dereinst die Welt beherrschen werden. Dies, da sie sich selbst in immer besseren Versionen und immer schneller reproduzieren können werden. Auf die Frage, ob Marvin Minsky dies gut oder schlecht gefunden haben mag, kann als Antwort gelten, was er 1984 geschrieben hat:

„To lengthen our lives, and improve our minds, in the future we will need to change our bodies and brains. To that end, we first must consider how normal Darwinian evolution brought us to where we are. Then we must imagine ways in which future replacements for worn body parts might solve most problems of failing health. We must then invent strategies to augment our brains and gain greater wisdom. Eventually we will entirely replace our brains — using nanotechnology. Once delivered from the limitations of biology, we will be able to decide the length of our lives–with the option of immortality– and choose among other, unimagined capabilities as well. […] When I decided to write this article, I tried these ideas out on several groups and had them respond to informal polls. I was amazed to find that at least three quarters of the audience seemed to feel that our life spans were already too long. […]It seemed as though they secretly feared that they did not deserve to live so long. I find it rather worrisome that so many people are resigned to die.”

Interessant hierbei ist die Beobachtung, dass es scheinbar Minskys Meinung war, mittels Digitalisierung des Menschen den Menschen digital unsterblich zu machen. Davon sind wir noch ein Stück entfernt. Neben der Menge an verfügbaren Daten spielen die Verarbeitungsgeschwindigkeit und – logik eine grosse Rolle.  Doch schon heute kann es passieren, dass ein Individuum in einem Chatroom nicht mehr unterscheiden kann, ob das Gegenüber Mensch oder Maschine ist. Und eine der Firmen von Elon Musk, die ein neuronales Interface zwischen Mensch und Computer entwickeln möchte, ist ein weiteres Beispiel, dass sich diese Entwicklung weiter beschleunigt.

Neudefinition des Selbst?

Marvin Minskys Absicht, dem Menschen die Sterblichkeit nehmen zu können, weist in den Bereich religiöser Überzeugungen. Insbesondere die Religionswissenschaft vermag einen Begriff von Religion zu definieren, welcher zu dieser Überzeugung passen würde. Die beiden Religionswissenschaftler Bernhard Uhde und Markus Enders definieren den Inhalt von Religion als die Annahme der Existenz einer Instanz (personell-wesenhaft oder nicht, ist irrelevant), welche den menschlichen Mangel reiner Immanenz, also absoluter Gegenwärtigkeit, aufheben kann. Voraussetzung hierfür ist, dass die Wirklichkeit dieser Instanz selbst absolute Einheit (Boolesch‘ gesprochen 1 und nicht 0) ist.

Die Eigentümlichkeit dieser Religionsdefinition ist der Disziplin der Religionswissenschaft geschuldet, welche sich religions- und konfessionsunabhängig oder –neutral mit dem Begriff und Inhalt von Religion befasst. Je nach religionswissenschaftlicher Ausrichtung (Religionsphilosophie, -soziologie, -psychologie, etc.) fokussieren die Religionsdefinitionen auf andere Aspekte. Für das Argument dieses Artikels wurde nun der obige gewählt.

Aus den angeführten Schilderungen Marvin Minskys zeigt sich, dass diese Instanz absoluter Gegenwärtigkeit digital problemlos als 1 und nicht 0 gedacht werden kann. Falls Elon Musks Interface eines Tages funktionieren sollte, wird es der digitalisierte Mensch selbst sein, der in solch absoluter Gegenwärtigkeit seine eigene religös-messianische Selbsterlösungsgottheit sein wird. Erlösung ist hierbei die Erlösung aus dem obigen Mangel und die Überführung des analog-biologischen in den digital-technologischen Menschen. Die Frage, ob es sich bei letzterem noch um denselben Menschen, also dasselbe Selbst wie bei Ersterem handelt, wird marginalisiert. Die Diskussion darum, was denn ein Selbst überhaupt sei, resp. wie es entsteht, wird entweder als religiös-antiquiert oder aber als empirisch bereits beendet betrachtet. Letzteres deutet die Meinung an, dass das Selbst durch die neuronale Verarbeitung von Daten in unserem Gehirn über die Zeit entsteht und somit simuliert bzw. kopiert werden kann. Wer „That hideous Strength“ von C. S. Lewis gelesen hat, vermag unmittelbar gewisse Wiedererkennungsmerkmale zu den Zielen und Praktiken von N.I.C.E. (National Institute for Co-ordinated Experiments) in diesem Roman wiederfinden. N.I.C.E. verfolgt in der Geschichte von C.S. Lewis u. a. das Ziel, die gesamte biologische Natur durch eine von Menschen gemachte technologische „Natur“ zu ersetzen.

Was momentan noch nach Science-Fiction klingt und vielleicht auch bleiben wird, kann dennoch (un)mittelbare Konsequenzen nach sich ziehen. Insbesondere dann, wenn die quasi-religiöse / ideologische Komponente ausser Betracht gelassen wird und die darin postulierte Neudefinition des Selbst als die Aggregation, Interpretation und selektive Wiedergabe von Daten, unhinterfragt übernommen wird. Dann ist es mittel- oder sogar kurzfristig möglich zu denken, dass anhand der Daten, welche von einer Person gesammelt wurden, der Schluss gezogen wird, dass diese Daten die Identität dieser Person zur Gänze beschreiben. Dieses Modell einer Person mag dann aus Gründen der Kosteneffizienz die Basis der Berechnung von Franchisen, Versicherungsleistungen, zu bezahlenden Prämien etc. bilden.

Ob das Person-Modell und die daraus resultierenden Massnahmen, Berechnungen, Zulassungen und Verweigerungen die real existierende, analog-biologische Person diskriminieren und sich diese in ihrem digital-technischen Modell gar nicht wieder erkennt, ist dann bedeutungslos. Die Zustimmung, dass dies unabhängig vom real existierenden Menschen ein aus (volks-)wirtschaftlicher Sicht adäquates Modell darstellt, könnte gefunden werden, wenn solchermassen getroffene Massnahmen als Resultat tiefere Prämien und eine Überwälzung der Kosten auf die Verursacher (resp. deren statistisches Modell!) als Argument vorweisen könnte.

Da von staatlich-regulatorischer Seite nicht erwartet werden kann, dass diese Entwicklung gesteuert, verlangsamt oder auf das unbedingt Nötigste beschränkt wird (im Gegenteil), bleibt als einzige Reaktion auf diese mögliche Entwicklung eine breit geführte und die Tiefen der Problematik auslotende Diskussion über die durch Big Data und ArtificiaI Intelligence tangierten Aspekte des Zusammenlebens und letztlich auch der Integrität der menschlichen Person.

 

Gastbeitrag von Claude Del Don. Er ist Legal Reporting Specialist bei der Bank Julius Bär & Co. AG in Zürich.

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