Modellansatz für ethisches Management

Wie muss das Bankmanagement geschaffen sein, auf welcher Basis sollen Entscheidungen getroffen werden, um im Spannungsfeld von Shareholder Value und Reputationsrisiko sicher zu navigieren? Die mediale Berichterstattung über das (Fehl-)Verhalten der Schweizer Banken ist sowohl im In- als auch im Ausland in den letzten Jahren in manchen Fällen zu einer regelrechten Banken-Hetzjagd ausgeartet. Politik und Gesetzgeber reagierten und reagieren noch immer mit erhöhtem Druck und schärferer Regulierung der Branche. Aus Sicht der Gesellschaft muss ein nicht unbedeutender Schaden für die Reputation der Branche und eine wachsende Unbeliebtheit einschlägiger Berufe konstatiert werden. Die Bankbranche wird als moralisch mehrheitlich fragwürdige Industrie wahrgenommen und ihre Exponenten als gierige Bonusbanker bezeichnet. Diese Entwicklung erfuhr durch die Annahme der Abzockerinitiative und die dadurch gestärkte Position der Shareholder einen ersten Höhepunkt. Der ausgebaute Fokus auf den Shareholder wirft gerade in Zeiten, in denen ethisches Investment und Nachhaltigkeitsfonds mit ihrer Performance glänzen, die Frage auf, welche Zusammenhänge zwischen Shareholder Value und Ethik bestehen und welche praktische Bedeutung das für die Bankführung hat.

Zur Beantwortung dieser Frage müssen verschiedene Einflussfaktoren berücksichtigt werden:

  • Zunächst ist festzuhalten, dass der Beitrag der Bankbranche zur Schweizer Wirtschaftsleistung zwar tiefer als vor der Finanzkrise, aber nach wie vor signifikant ist.
  • Ausserdem nehmen Banken wichtige volkswirtschaftliche Funktionen wahr, deren Fehlen das Funktionieren der Volkswirtschaft als Ganzes in Frage stellen würde.
  • Dann sollte beleuchtet werden, was genau unter Ethik verstanden wird. Prinzipiell befasst sich Ethik mit der Bewertung menschlichen Handelns als gut oder schlecht und misst Taten an moralischen Wertvorstellungen. Diesen moralischen Richtlinien liegt aber immer ein Menschen- und ein Weltbild zugrunde. Entsprechend der Vielfalt an Menschen- und Weltbildern gibt es eine Vielfalt an Ethiken. Eine davon ist der Utilitarismus (die Nützlichkeitsethik: gut ist was einen Nutzen bringt) welche der Shareholder Value Ansatz als Grundlage voraussetzt.

Nun kann der Shareholder-Value-Denkansatz, also welchen Wert das Unternehmen für seine Aktionäre erwirtschaftet, beleuchtet werden. Im Grunde stellt er eine finanzmathematische Kennzahl dar, welche der Messung der Leistungen des Bankmanagements dient. Er gilt, sofern er angewendet wird, als der eigentliche und einzige Unternehmenszweck einer Bank und rangiert sogar vor dem Treuhandverhältnis mit dem Kunden und den volkswirtschaftlichen Funktionen einer Bank. Allerdings bedarf seine Anwendung mehrerer Voraussetzungen. Bankmanager müssen, um im Interesse der Shareholders zu agieren, am Gewinn der Bank beteiligt werden. Ohne diese Voraussetzung käme es der Principal-Agent-Theorie folgend zu Informationsasymmetrien, welche für das Überleben der Bank hohe Risiken bedeuten würden.

Damit der Shareholder-Value-Ansatz funktionieren kann, müssen ein utilitaristisches Menschenbild (der Mensch als des Menschen Wolf) und ein deterministisches Weltbild (die Welt als mathematisch funktionierende und stets berechenbare Maschinerie) vorausgesetzt werden. Der Shareholder-Value-Ansatz ist also, vorausgesetzt dass alle von der Banktätigkeit betroffenen Anspruchsgruppen den Menschen als des Menschen Wolf in einer vollkommen berechenbaren Welt betrachten, ein in sich bereits ethischer Denkansatz. Nun stellen jedoch Welt- und Menschenbild der von der Banktätigkeit betroffenen Anspruchsgruppen keine per Managemententscheid bestimmbaren Grössen dar. Vielmehr sind es diese drei Parameter, welche die entscheidenden Komponenten der Managementebene also die Unternehmensstrategie, -struktur und -kultur beeinflussen.

Ein modellhafter Versuch diese ethischen Parameter mit den Komponenten der Managementebene zu verbinden könnte wie folgt aussehen:

modellansatz
Modellansatz (Quelle: eigene Abbildung)

 

Für die Entscheidungsfindung des Bankmanagements ergibt sich aus diesen Ausführungen, dass die Managementebene, also Strategie, Struktur und Kultur der Bank, wie sie beispielsweise im neuen St. Galler Management Modell beschrieben werden, von Menschenbild, Weltbild und Handlungs-/Unternehmenszweck der involvierten Anspruchsgruppen geprägt werden.

Dabei gilt es die folgenden Treiber zu beachten:

  • Das Weltbild ist Treiber von Strategie und Struktur, steht jedoch in wechselseitiger Beziehung zur Unternehmenskultur.
  • Das Menschenbild ist Treiber von Strategie und Kultur, steht jedoch in wechselseitiger Beziehung zur Unternehmensstruktur
  • Der Handlungs-/Unternehmenszweck ist Treiber von Struktur und Kultur, steht jedoch in wechselseitiger Beziehung mit der Unternehmensstrategie.
  • Der Fokalpunkt in der Mitte ist dann die Unternehmensethik als Causa Finalis, also gleichzeitig Resultat und Ursache der umliegenden Merkmale.

Feststellen liessen sich diese Treiber mittels einer quantitativen Befragung aller Anspruchsgruppen und der anschliessenden Präferenz jenes Welt- und Menschenbildes, sowie des daraus resultierenden Handlungs- und Unternehmenszwecks, welche eine Mehrheit erhalten. Es bleibt jedoch die Problematik der dadurch ausgeschlossenen Anspruchsgruppen (sofern es diese gibt), welche der Bank, ihren Ruf schädigend, entgegentreten könnten. Eine ethische Wendehalsstrategie, welche versucht, allen Anspruchsgruppen mit ihren jeweils eigenen Welt- und Menschenbildern gerecht zu werden, führt einzig dazu, dass einzelne Entscheide immer von einigen oder mehreren Anspruchsgruppen als ethisch fragwürdig betrachtet werden und die Bank wiederum in einen moralisch fragwürdigen Nimbus geriete.

Hinzu kommt die Tatsache, dass eine Entscheidung des Managements zu Gunsten einer der Befragung folgenden und mehrheitsfähigen Ethik wiederum eine Güterabwägung darstellt, die, wie alle Güterabwägungen, ebenfalls eine Ethik zur Grundlage hat. Wie bereits erwähnt ist Ethik nicht etwas absolut bestimmbares, sondern wird durch jede Anspruchsgruppe, auch das Management, in den Entscheidungsprozess eingebracht.

Dies bedeutet für die Schweizer Bankenwelt, dass, falls sie Ethik ernst- und gewissenhaft in ihre Geschäftstätigkeit mit einbeziehen will, sie diese auf ein Fundament, bestehend aus Welt- und Menschenbild, sowie Unternehmenszweck stellen muss. Dabei muss sie sich von einer empirisch verifizierbaren Lösung zunächst verabschieden und eine Ethik wählen, die es ihr erlaubt ethisch tragfähige Grundsatzentscheide zu fällen. Einzelne Konsekutiventscheide ethischer Natur sind dann empirisch überprüfbar. Ein Erstentscheid jedoch kann dies aus bereits erwähnten Gründen nicht für sich in Anspruch nehmen. Für Personalentscheide auf Managementstufe stellen ethische Grundwerte solche Parameter dar, die bei der Auswahl des Managements von entscheidender Bedeutung sind.

 

Claude Del Don, Legal Reporting Specialist bei Julius Bär, Zürich, 12.09.2017

 

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