Geld braucht Gemeinschaft

 

Der Politologe und Soziologe Roland Benedikter hat 2011 ein grundlegendes Buch über Social Banking geschrieben. Wer sind diese Banken, was leisten sie und was verspricht sich Benedikter von ihnen für die Zukunft? Ich sprach mit ihm über diese Themen für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Moneta, die dem Netzwerk sozialer Banken, der Global Alliance for Banking on Values (GABV), gewidmet ist.

benedikter
Roland Benedikter

Zur Person: Roland Benedikter ist Senior Researcher bei Eurac Research in Bozen/Südtirol und beschäftigt sich mit Zeitthemen. Zugleich hat er eine Forschungsprofessur für multidisziplinäre Politikanalyse am Willy-Brandt-Center für Europäische Studien an der Universität Wroclaw-Breslau. Das Buch Social Banking and Social Finance. Answers to the Economic Crisis, 2011 bei Springer erschienen, entstand während einer Forschungsprofessur an der Stanford University.

 

Herr Benedikter, wie kam es dazu, dass Sie sich mit dem Thema Social Banking beschäftigt haben?

Mein Interesse entstand nach der Finanzkrise, die zu einer globalen Wirtschaftskrise wurde. Ich begann, nach besseren ökonomischen Modellen zu suchen und nach einem alternativen Verständnis von Geld. So bin ich auf die beiden grossen Organisationen gestossen, die sich mit Social Banking beschäftigen: die INAISE (International Association of Investors in the Social Economy) und die GABV (Global Alliance of Banking on Values). Gemeinsam mit ihnen habe ich für das Buch recherchiert.

Gibt es einen gemeinsamen Nenner für das, was Social Banking ist?

Schon was mit «social» gemeint ist, variiert oft von Organisation zu Organisation. Eine allgemeinverbindliche Definition gibt es nicht. Dennoch gibt es einige charakteristische Gemeinsamkeiten: Dazu gehört die Verpflichtung auf die «triple bottom line», also die Berücksichtigung umweltbezogener, sozialer und wirtschaftlicher Ziele. Zwei weitere typische Kennzeichen sind: Soziale Banken sind gegenüber der Kundschaft sehr transparent, und sie gewichten die Entwicklung von Gemeinschaften höher als den Profit.

Gut sechs Jahre nach der Erstpublikation Ihres Buches sieht die Welt ziemlich anders aus. Wie schätzen Sie die derzeitige Situation ein?

Soziale Banken haben über die letzten Jahre einen enormen Zuwachs verzeichnet, auch wenn sie weiterhin nur einen kleinen Marktanteil haben. Es ist insgesamt etwas stiller um das Thema geworden. Das liegt darin, dass sich der weltpolitische Kontext grundlegend geändert hat. Zum einen ist eine Rückkehr zum klassischen Spekulationskapitalismus zu beobachten. Wurde vor der Finanzkrise mit Immobilien und derivativen Instrumenten spekuliert, sind es heute eher Spekulationen im Lebensmittel- und Verbrauchsgüterbereich sowie auf die Schnittstellen neuer Technologien mit dem menschlichen Körper. Gleichzeitig können wir das Aussterben der klassischen Bank verfolgen. Parallel dazu entstehen neue Finanztechnologien, beispielsweise digitale Währungen. Zum anderen erleben wir gerade eine sehr intensive Phase der Renationalisierung, die von Trumps USA ausstrahlt. In vielen Bereichen des Handels geht es derzeit wieder darum, für politische Zwecke zu vereinnahmen und zu instrumentalisieren – auch im Finanzbereich, der wieder als geopolitischer Machtfaktor angesehen wird.

Welche Rolle können werteorientierte Banken in diesem Kontext spielen?

Zunächst sorgen sie für Stabilität. Sie sind unter den Banken diejenigen mit der höchsten Rückzahlungsqualität. Die von diesen Banken finanzierten Firmen sind sehr verlässliche Kunden. Die Kundschaft ist sehr loyal. Ich sehe mehrere Einsatzfelder, um das Geschäft strategisch weiterzuentwickeln. Erstens: Mikrokredite vorantreiben. Das ist auch bei uns ein Thema, beispielsweise für sozial Benachteiligte oder Migrantinnen und Migranten. Zweitens: Alles fördern, was die Umwelt schont. Das reicht für mich bis hin zum «Space Mining», also der Nutzung von Rohstoffen aus dem Weltraum. Drittens: Die Kundenbindung durch Applikationen und soziale Medien erhöhen, so dass die Kundschaft unmittelbar mit ihrer Bank kommunizieren kann und bewusste Entscheidungen darüber trifft, was mit dem eigenen Geld gemacht wird. Viertens: Soziale Banken können einen Beitrag dazu leisten, das Wissen über Geld und die damit verbundenen Werte zu erhöhen. Um die Funktion des Geldes als soziale Bindung und das damit verbundene Vertrauen steht es nämlich nicht gut. Das hat einerseits mit der Entbindung der Geldschöpfung von Sachwerten, mit der Automatisierung des Bankbereichs ohne menschliche Begegnung am Schalter und dem „Verschwinden des Geldes“ zugunsten elektronischer Zahlungsformen, andererseits mit den vielen Skandalen im Bank- und Wirtschaftsbereich zu tun. Gerade im Umfeld einer sozialen Bank kann jedoch dieses Verständnis transparent gemacht werden. Denn „soziale Bank“ bedeutet, dass man etwas mehr über den Sinn und die gewünschte Existenzweise des Geldes nachdenkt als üblich.

Geld als soziale Bindung: Wie soll das aussehen?

Das ist eine der grossen Fragen an die Zukunft und die Zukunft des Geldes. Ich sehe hier vor allem drei Punkte. Erstens geht es darum, wie das Geldwesen demokratisch neu definiert werden kann. Diese Frage muss nicht unmittelbar beantwortet, sondern vor allem immer weiter diskutiert werden. Es geht darum, sie nach und nach „reif zu sprechen“. Ich verspreche mir von werteorientierten Finanzinstitutionen, dass sie hier unaufhörlich und gezielt Impulse geben. Sie sind auch deshalb besonders gut dafür geeignet, weil sie sich von jeher zwischen Tradition und Experiment bewegen. Zweitens: Zwar bin ich gegenüber den neuen Kunstwährungen eher skeptisch, da es sich um komplizierte, demokratisch nicht legitimierte Konstrukte handelt. Auch als Folge der derzeitigen politischen Renationalisierungstrends räume ich ihnen nur geringe Verbreiterungschancen ein. Dennoch finde ich es wichtig, wenn sich die sozialen Finanzinstitute in die Diskussion von unten um neue, komplementäre Währungen einbringen. Denn dahinter steckt immer die Frage: Wie können Geld und die Teilhabe an Geld näher an das Leben herangeführt werden? Zu den positiven Erneuerungen, die ich mir vom Social Banking der Zukunft erhoffe, gehört schliesslich die Frage nach der Zukunft des menschlichen Körpers im Zeitalter „eindringender“ Technisierung und „Verbesserung des Menschen“ (human enhancement). Das Geschäft mit direkten Gehirn-Maschine und Gehirn-Computer-Schnittstellen sowie Chip-Implantaten verspricht, der größte Wachstumsmarkt zu werden. Die Auswirkungen auf das Menschsein werden aber noch zu wenig diskutiert. Das Geld spielt eine wesentliche Rolle. Nicht zufällig fand Anfang Oktober 2016 die erste Cyborg-Olympiade nicht in Silicon Valley, sondern im Schweizerischen Kloten statt – also im sprichwörtlichen Land der Banken. Da heute viele Milliarden in diesen Zukunftsbereich hineinfliessen, ist die Frage, was und wie Geld in den kommenden Jahren dazu beiträgt, den menschlichen Körper umzugestalten – und damit den Menschen und sein Wesen selbst. Das ist vielleicht die größte Frage, die wir jetzt an das Geld stellen müssen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), das Interview ist zunächst in der aktuellen Ausgabe der Moneta erschienen (Ausgabe 03/2017, S. 18-19).

 

 

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