Langfristig profitieren

Das Silicon Valley erfindet manchmal Dinge neu, die es schon lange gibt. Im Silicon Valley wurde vor 10 Jahren das Telefon neu erfunden und damit das Telefonieren abgeschafft. Rund um San Francisco gibt es Sammelruftaxis, die zu bestimmten Zeiten eine festgelegte Strecke abfahren. In Europa nennt man dieses System für gewöhnlich „Bus“. Dieser Tage erfinden ein paar geschäftstüchtige Köpfe von dort die Börse neu. Aus gutem Grund. Der sogenannte short-termism beherrscht seit Jahren die Entwicklung der Börsenunternehmen: die Jagd nach kurzfristigen Quartalszahlen und Managementlöhnen, die an kurzfristigen Zielen bemessen werden, setzen die Firmen immer stärker unter Druck. Immer höher, immer weiter, in immer kürzerer Zeit. Dabei bleiben langfristige Strategien sowohl in der Produkt- als auch in der Personalentwicklung auf der Strecke. Für junge, innovative Firmen bedeutet das, dass die Börse als Exit-Strategie immer weniger in Frage kommt. Steven Kaplan hat berechnet, dass die Zahl der börsennotierten Unternehmen in den USA seit 1990 um 50% zurückgegangen ist. Je länger Unternehmen der Börse fern bleiben, desto langfristiger können sie planen und umsetzen. Das ist gerade in risikoreichen Technologien, wie etwa der Medizinalrobotik, Virtual-Reality-Konzepten oder auch den allgemeinen Anwendungen der Künstlichen Intelligenz wichtig. Aber auch ein hippes, vom Geschäftsmodell eher traditionelles Unternehmen, wie die Kaffeehauskette Blue Bottle Coffee hat lieber an Nestlé verkauft, als den Börsengang zu wagen.

Eric Ries, bekannt für sein Buch „The Lean Startup“ und ein begabter Marketeer, arbeitet bereits seit sieben Jahren am Konzept für diese neue Börse, die sich an langfristig orientierte Anleger und Unternehmen wendet. Die Idee kam ihm, als er für sein Buch mit zahlreichen CEOs Interviews führte und sich diese über den zunehmenden Kurzfrist-Druck beschwerten. Die Börse nennt sich LTSE – Longterm Stock Exchange.

LTSE logo

Was unterscheidet diese neue Börse von anderen? Kernelement ist die Wertigkeit der Stimmrechte: das Stimmrecht der Aktien steigt, je länger ein Anleger sie besitzt („tenure voting“). Ausserdem soll es zusätzliche Governance-Regeln geben, die zum Beispiel die Ausrichtung der Managementgehälter an kurzfristigen Gewinnzielen ausschließen soll. Ein White Paper über die LTSE habe ich nicht finden können. Auch über die technische Umsetzung ist mir nichts bekannt.

Bisher engagieren sich 70 Wagniskapitalgesellschaften mit 19 Millionen Dollar an der Finanzierung des Unternehmens. Darunter befinden sich namhafte Vertreter, wie Andreessens a16z, Thiels Founders’ Fund, Hoffmans Greylock Partners und Twitter-Mitgründer Dick Costolo. Für Venturekapitalisten wäre die neue Börse auf zweifache Weise lukrativ: als neues Geschäftsmodell für Corporate Governance und als Exit-Option für ihre zahlreichen, anderen Engagements. Außerdem erhält diese Plattform einen libertären Anstrich, denn die gelisteten Firmen müssen sich nicht von Gesetzes wegen an die Regeln halten, sie dürfen es. Selbstverpflichtung hält den Regulator fern.

Ries ist nicht der Erste, der sich an neuen Regeln für die Börse versucht. Die UNO hat die Initiative SSE (Sustainable Stock Exchanges) lanciert, damit die etablierten Börsen Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit mit in ihr Reglement aufnehmen und dadurch die Geschäftsstrategie der börsennotierten Unternehmen langfristiger ausgerichtet wird. In den USA, aber auch in der Schweiz, gibt es ausserdem die Möglichkeit, die eigene Firma als B-Corporation zu registrieren. B-Corporation bedeutet, dass man neben dem Profit auch die Ziele Umweltschutz und Sozialverträglichkeit mit berücksichtigt. Das B-Lab zertifiziert die Ausrichtung an dieser Triple Bottom Line. Auch als B-Corporation kann man an die Börse gehen und steht dann dort im Wettbewerb mit anderen Aktien um die Gunst der Anleger (Beispiel: New Resource Bank). Wird das Regelwerk als B-Corporation umgesetzt, sollte die strategische Ausrichtung langfristiger Natur sein. Wozu also eine komplett neue Börse, wenn es doch alle Instrumente für eine Neuausrichtung schon gibt? Eine mögliche Antwort: Die existierenden Lösungen kommen nicht aus dem Silicon Valley. Das B-Lab ist zwar in Kalifornien entstanden, braucht aber kaum Technologie für seine Zertifizierung.

Die LTSE hat noch einige Hürden zu überwinden, bis sie die Genehmigung als alternative Handelsplattform erhält. Viele Prozesse sind unklar (oder mir nicht bekannt). Wie kann an einer langfristig orientierten Börse etwa die Liquidität sichergestellt werden, die teils den kurzfristig orientierten Spekulanten zu verdanken ist, wie schon der Bankenethiker Peter Koslowski bemerkte? Wer schon einmal versucht hat, OTX-Werte über die Plattform der Berner Kantonalbank zu kaufen oder zu verkaufen, weiss, wie lange solche Orders unausgeführt im Markt hängen können. Wie sieht es mit strukturierten Produkten auf der Basis der dort notierten Werte aus? Was passiert mit den Stimmrechten bei Vererbung der Aktien? Fängt die „tenure“ wieder von vorne an und sind die Aktien dann plötzlich weniger wert? Werden deshalb neue Konstrukte entstehen, die dafür sorgen, dass auch bei Weitergabe der Aktien innerhalb bestimmter Personenkreise die „tenure“ gewahrt bleibt? Banker hatten schon immer viel Produktfantasie, wenn es darum ging, Reglemente zu umgehen.

Ries kann auch nicht wirklich entkräften, dass die LTSE letztlich mehr den Firmengründern selber als den Investoren nützt. Zwar hat er Recht, dass das Listing an der LTSE besser für Investoren ist als die derzeit populäre Praxis, beim IPO nur stimmrechtslose Aktien auszugeben (Beispiel Snap), so dass die Gründer die Macht auch nach dem Börsengang behalten. Auch können so aktivistische Hedge Fonds gut in Schach gehalten werden. Dennoch: Wer hat denn die meisten Stimmrechte beim IPO? Das sind diejenigen, die am längsten dabei sind, also die Gründer und die Finanziers der ersten Stunde. Damit habe ich als Investorin auch grundsätzlich kein Problem. Zu „absoluten Monarchien“ (Ries) werden Firmen erst dann, wenn ihre Gründer die Macht behalten wollen, wenn sie ihre Aktien bereits längst verkauft haben (so wie Zuckerberg das vor kurzem versucht hat, dann aber seinen Plan zurückgezogen hat).

Insgesamt muss die LTSE also noch einige kritische Fragen zu ihren Geschäftsprozessen beantworten, bevor sie den operativen Betrieb aufnimmt. An sich finde ich die Idee gut.

Welche Chancen räumt Ihr der Plattform ein?

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 18. Oktober 2017

 

 

 

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