Kryptowährungen und Blockchain für die Sozialwirtschaft

Die Londoner Firma Everledger verwaltet inzwischen mehr als anderthalb Millionen Diamanten auf ihrem Blockchain Ledger, d.h. für jeden echten Diamanten gibt es einen digitalen Zwilling, der genaue Angaben über Karatzahl, die Farbe, Zertifikate und Herkunft des Edelsteins enthält. Damit wird die Lieferkette fälschungssicher transparent gemacht. Wer einen Trauring mit einem Diamantensplitter aus dem Everledger gekauft hat, kann sicher gehen, dass er keinen Blutdiamanten  am Finger trägt. Das ist nicht nur ein Luxusproblem, denn wer kann sich schon Diamanten leisten? Eine transparente Lieferkette dieser Konfliktrohstoffe kann nicht direkt Menschenrechtsverletzungen verhindern, aber sie hilft, solche Händler auszuschliessen, die diese Transparenz nicht leisten wollen. Everledger ist  ein erfolgreiches Beispiel für den sozial sinnvollen Einsatz der Blockchain-Technologie.

Die beiden Berater David Lehr & Paul Lamb haben in der aktuellen Ausgabe der Stanford Social Innovation Review  mehrere Einsatzbereiche der Sozialwirtschaft aufgelistet, in denen Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie so genutzt werden, dass sie eine positive soziale Wirkung erzielen. Dazu zählen sie:

1. Philanthropie und Entwicklungshilfe

Gemäss den beiden Autoren akzeptieren inzwischen viele Hilfsorganisationen Bitcoins, um ihre Funding-Möglichkeiten zu erhöhen (aus dem deutschsprachigen Raum kenne ich allerdings kein konkretes Beispiel). Einige haben auch eigene Coins herausgegeben, um ihre Hilfsprojekte zu finanzieren. Als Beispiel nennen sie u.a. den Clean Water Coin . Diese Währung ist so konzipiert, dass mit jeder Transaktion 0,1 % des Transaktionswerts an eine Charity Wallet gespendet werden. Wer also 1.000 Clean Water Coins geschürft hat und um eine manuelle Auszahlung aus seinem Pool bittet, erhält 999 dieser Coins. 1 Coin geht an die Charity Wallet. So weit, so gut. Die Website der Hilfsorganisation erscheint aktuell. Aktuelle Marktpreise für den Coin habe ich allerdings nicht gefunden. Der Server des offiziellen Pools ist offline, die Foren der Community Pools sind im Jahr 2014 verstummt.

Ich habe mich auch gefragt, wozu es für diesen Bereich überhaupt eine Kryptowährung braucht. Eine eigene Währung ist zwar nett, um eine Community aufzubauen, aber dieses Funding-Prinzip gibt es, seit Postämter zu Weihnachten Wohlfahrtsbriefmarken verkaufen.

2. Remissen

Überweisungen von Migranten an ihre Familien in den Herkunftsländer sind für viele Länder eine grosse Wirtschaftshilfe.

 2017-remittance-infographic

Banküberweisungen sind teuer und langsam. Dank Blockchain können, so das Versprechen, die Transaktionskosten gesenkt werden. Als Beispiele nennen die Autoren Abra, das auf den ersten Blick wie eine übliche Kryptowallet aussieht und für Bitcoin und Ethereum ausgelegt ist. Ob sie ihr Versprechen, die Transaktionskosten für Auslandsüberweisungen um 90% angesichts steigender Gebühren für Bitcoin etwa halten können, ist fraglich, solange Bitcoin seine Skalierungsprobleme nicht gelöst hat. Ausserdem gibt es in diesem Bereich – auch ohne Blockchain – bereits zahlreiche Lösungen, die lediglich den Besitz eines SmartPhones voraussetzen. Ist das nicht für alle viel einfacher?

3. Digitale Identität und Landrechte

Das Beispiel Everledger hat gezeigt, dass die Blockchain nicht nur zur Abwicklung von Geschäften in Kryptowährungen taugt, sondern insgesamt als Registratur für Objekte und Rechte genutzt werden kann. Die digitale Identität auf der Basis von Blockchain-Technologie ist eines der ganz grossen Hypethemen. Nach Angaben der Vereinten Nationen verfügen 20 Prozent der Weltbevölkerung über keinen dokumentarischen Nachweis ihrer Identität. Die Flüchtingskrise hat die Thematik noch verstärkt. Die Leute kommen ohne Pass und Geburtsurkunde in Europa an (dazu habe ich bereits früher gebloggt). Initiativen, die sich in diesem Bereich engagieren, sind unter anderem das World Identity Network und das Humanized Internet.

Was die Registrierung von  Landrechten angeht, geben sie als Beispiel Bitland an. berufen sich die beiden Autoren auf den Dokumentarfilm Power of the Poor über das Lebenswerk des peruanischen Ökonomen Hernando de Soto Polar. Das Projekt wird laut Website von der religiösen Templeton Foundation unterstützt. De Soto setzt sich seit Jahren für eine klare Formalisierung ungeklärter Landrechte ein. Blockchain wird in vielen Ländern als Lösung für ein fehlendes Grundbuch oder Kataster diskutiert. Die Technologie kann sicherlich den Nachweis über den rechtmässigen Besitz von Land erbringen und in Zukunft auch ärmere Landeigentümer vor gewaltsamer Enteignung schützen. Die komplexe Einigung bzw. Zuteilung, wem was genau gehört, muss jedoch ausserhalb der Technologie erfolgen. Und genau dort liegen die ideologischen Schwierigkeiten.

4. Governance und Demokratie

Die Blockchain bietet sich auch zur Gestaltung von Partizipationsprozessen an. So können Wahlrechte via Blockchain im Sinne einer „liquid democracy“ weitergegeben werden. Ganz unbescheiden gibt es auch in Form der Democracy Earth den Versuch, in den Mitwirkungsprozessen die nationalen Hürden zu überwinden und eine weltweite Demokratie zu etablieren. Bitnation ist in diesem Sinne ein neuer technoromantischer Versuch, eine souveränen Internet-Staat auszurufen. Ob es mehr als ein White Paper gibt, muss ich mir noch genauer anschauen. Viel konkreter erscheinen dagegen Versuche, via Blockchain Wahlbetrug beim E-Voting zu verhindern (z.B. in der Ukraine).

5. Umweltschutz

Die Blockchain bietet sich vor allem auch an, um Lieferketten vollständig und transparent abzubilden, wie oben bei Everledger gesehen. Ein fälschungssicherer Audit Trail, insbesondere für Konfliktrohstoffe bietet sowohl Verkäufern als auch Käufern mehr Sicherheit. Das gilt nicht nur für Diamanten, sondern für alle Edelmetalle und seltene Erden. Zur Verfolgung der Lieferkette habe ich in den Kommentaren zusätzlich den Hinweis auf das Projekt „Origin Trail“ gefunden.

Bewertung

Ich finde es toll, dass die beiden diese Zusammenstellung gemacht haben und zeigen, was alles möglich ist. Ich bin auch dankbar für den Hinweis auf die Initiative „Blockchain for social impact“, die ich bisher nicht kannte und – so scheint es – als US-Pendant zum Berliner Meetup Conscious Fintech gesehen werden kann. Ganz lehrreich fand ich auch die Online-Kommentare zum Artikel. In ihnen habe ich eine Liste von mehr als 200 Blockchain-Projekte mit sozialer Zielsetzung gefunden. Die Liste wird von Studierenden der Stanford University unterhalten. Da geht was.

Ich glaube, man merkt meinen Anmerkungen an, dass ich die Aufzählung der beiden Autoren inhaltlich für etwas unkritisch halte. Zwar nennen Lehr und Lamb Herausforderungen, beschränken sich dabei jedoch auf die gängigen Punkte, mit denen die Technologie derzeit zu kämpfen hat: die Volatilität der Coins, fehlende Regulierung und die Skalierungsprobleme. Ich finde, es ist genauso wichtig, sich immer wieder zu fragen, welchen Mehrwert die Blockchain für den konkreten Use Case bietet (und man sie nicht nur nutzt, weil man mit hipper Technologie leichter an Investorengelder kommt). Ausserdem kann die Technologie nur Mittel zum Zweck sein. Wie im Fall der Landregister können ideologische Diskrepanzen über die erstmalige Zuteilung von Eigentumsrechten nur auf der Basis einer politischen und rechtlichen Einigung erfolgen. Das Gleiche gilt für einen global akzeptierten Nachweis der Identität. Und auch ein Diamantenregister wie bei Everledger wirkt gesamthaft erst dann, wenn es nachweislich dazu führt, dass Diamanten nur noch unter Einhaltung der Menschenrechte gefördert und gehandelt werden. Ansonsten dient die Registrierung allein dem guten Gewissen der Käufer. Generell gilt es, im Sinne eines wertebasierten Designansatzes die Use Cases daraufhin abzuklopfen, welche möglichen positiven und negativen Wirkungen sie  langfristig auf die Gesellschaft haben könnten. Das fehlt mir noch in den meisten White Papers, die ich bisher gelesen habe. Da könnten auch potentielle Investoren etwas fordernder auftreten.

Hier geht’s zum vollständigen Artikel.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 25. Januar 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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