Blockchain: die Hyperrealisierung des Vertrauens

 

Ein Gastbeitrag von Claude Del Don

Vertrauen und Emotion

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“  – so titelte unlängst ein Artikel von Markus Diem Meier. Darin zeigt er auf, dass das in der volkswirtschaftlichen Einführungsliteratur propagierte Menschenbild des „Homo oeconomicus“ in der Realität des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens unrealistisch oder sogar schädlich wirkt. Wörtlich:

„Ein «Homo oeconomicus», wie er im Lehrbuch steht, schafft kein Vertrauen. Mit einer Person, die jede Gelegenheit wahrnimmt, um auf meine Kosten einen Vorteil für sich herauszuschlagen, wenn ich als Partner oder als Arbeitgeber ihn nicht überwachen und bestrafen kann (etwa über tiefere Zahlungen), gehe ich lieber keine Art von Beziehung ein.“

Schlussendlich sei es gerade jenes Element der menschlichen Natur, das den ökonomischen Theoretikern des „Homo oeconomicus“ am meisten entgegensteht: die Emotion. Die Wahrnehmung von Emotion im Gegenüber lässt gerade drauf schliessen, dass die kühl-rationale Nutzenmaximierung nicht das letzte Wort haben wird und lässt Vertrauen entstehen. Wiederum aus obigem Artikel:

„Wenn ich annehmen kann, dass jemand aus emotionalen Gründen – zum Beispiel wegen sonst plagender Schuldgefühle – nicht zum Betrügen in der Lage ist, selbst wenn er oder sie daraus einen Vorteil hätte und der Betrug verborgen bliebe, dann macht das eine ökonomische oder andere Beziehungen erst möglich.“

Hierbei handelt es sich nicht um eine Absage an die Vernunft, sondern an ein dezidiertes Menschenbild und zwar jenes von Thomas Hobbes: Der Mensch als des Menschen Wolf. Der „Homo oeconomicus“ beschreibt den Menschen als vernunftbegabtes Tier, welches aus Instinkt rational Nutzen maximiert oder wie eine von Instinkten getriebene Nutzenmaximierungsmaschine wirkt.

Dem wird ein alternatives Menschenbild entgegengesetzt, wo der niedere Instinkt auch durch höhere Emotionen ge- und übersteuert werden kann: Egoismus durch Selbstlosigkeit, Eigenliebe durch Nächstenliebe, Selbstsucht durch Mitgefühl etc. Die Vernunft spielt jedoch in beiden Fällen eine unumstritten wichtige Rolle. Nur äussert sie sich in der Realität nicht immer und nur kaltblütig oder egoistisch, sondern mitunter auch mitfühlend und selbstlos: Hier kann dann Vertrauen entstehen.

Finanzfirmen als Vermittler des Vertrauens

Nun ist es nicht immer möglich, das Gegenüber einzuschätzen, weil zeitliche oder räumliche Nähe fehlen. Hier treten dann Vertrauensvermittler auf. Dies sind Intermediäre, denen beide Parteien vertrauen und die das Geschäft für beide Seiten vermitteln und abwickeln. In der Finanzindustrie sind dies bis anhin die Banken, Börsen und Zentralbanken. Sie übernehmen das Risiko, dass das in das Gegenüber gesetzte Vertrauen fehl am Platz war und ein Schaden entsteht. Die Übernahme dieser verschiedenen Risiken und den Preis, den die Intermediäre (meist in Form von Eigenkapital) bezahlen müssen, wälzen sie in Form verschiedener Gebühren auf die Parteien über.  In diesem Sinne liesse sich formulieren, dass das Vertrauen, welches die Intermediäre zwischen Gegenparteien vermitteln, wie auch die Vermittlung selbst, einen gewissen Preis hat. Dies ist die inhärente Natur von Transaktionskosten, Depotgebühren, subscription fees u.a.

Blockchain als Ersatz für Vertrauen

Die Blockchaintechnologie verspricht nun, diesen Prozess der Vertrauensvermittlung und seine Kosten überflüssig zu machen, indem sie einerseits die Vermittler überflüssig macht und andererseits den Vertrauensbildungsprozess vom Menschen und seinen Emotionen loslöst und mittels Algorithmen mathematisiert:

Angenommen, Partei A möchte einen Wert an Partei B übertragen und Partei B soll für den Wert einen vereinbarten Preis bezahlen. Eine im Voraus vereinbarte Anzahl Parameter, die den Transfer in seiner Gänze zu beschreiben vermögen, wird in einem Datensatz zusammengefasst und von den Nutzern validiert. Bei einer Zahlung besteht der Datensatz zum Beispiel aus Empfänger- und Senderadresse, dem Betrag und einigen Metadaten, wie dem Zeitstempel. Diese Transaktion wird nun mit anderen Transaktionen in einem Block gemeinsam vorgehalten. Dessen Integrität wird auch wieder von den Nutzern gemeinsam validiert und freigegeben. Dieser Block reiht sich dann in eine Kette von Blöcken, die Blockchain, ein. Es handelt sich dabei um eine Folge von Blöcken, die jeweils Daten enthalten, die über einen errechneten Pointer mit dem nächsten Block verbunden sind. Durch diese Verknüpfung  der Blöcke miteinander würde eine nachträgliche Änderung der Daten sofort im Netzwerk auffliegen. Die Fälschungssicherheit ist also sehr hoch.

Vertrauen wird auch dahingehend überflüssig, weil die Blockchain dezentral gespeichert ist und all die Nutzer, die Transaktionen validieren können, die komplette Blockchain einsehen können. Es gibt keine zentrale Instanz, die alleine die Kontrolle über die Datenhaltung ausübt, wie das z.B. bei der Kontoverwaltung einer Bank der Fall ist.

Hyperrealität

Diese Loslösung des Vertrauens von den betroffenen Akteuren lässt den Hyperrealisierungsprozess Jean Baudrillards erahnen. Hyperrealität manifestiert sich laut Baudrillard in vier Phasen:

  1. Eine grundlegende Realität wird abgebildet
  2. Die grundlegende Realität wird maskiert und pervertiert
  3. Das Fehlen einer grundlegenden Realität wird maskiert
  4. Völlige Loslösung von jeglicher Realität à Hyperrealität

In der Ökonomie lässt sich dieser Prozess beispielsweise im Handel mit Derivaten feststellen:

  1. Handel auf dem Markt mit verschiedenen Produkten
  2. Derivative Produkte maskieren sowohl das eigentliche Produkt (Underlying) als auch dessen Risiko
  3. Derivate existieren insofern losgelöst von ihrem Underlying, als sie nicht mehr der Absicherung dienen, sondern der Spekulation
  4. Credit Default Swaps, Asset Backed Securities u.a. haben keinen Bezug mehr zum eigentlichen Zweck ihrer Underlyings, wie etwa Kredite für die Industrieproduktion

Blockchain als Hyperrealität des Vertrauens

Auf die Blockchaintechnologie übertragen, sieht der Prozess der Hyperrealisierung wie folgt aus:

  1. Handel mit Gütern, das Kreditwesen zwischen Personen (natürliche oder juristische) bilden Vertrauen ab.
  2. Verträge (bspw.: Kredite, Handel etc.) zwischen verschiedenen Personen maskieren das Vertrauen als Gelbetrag (Zinsen, Gebühren etc.).
  3. Die Interaktion mittels zentralen Intermediären lässt Vertrauen zwischen den direkten Gegenparteien überflüssig werden.
  4. Völlige Loslösung der Vertrauensfrage durch Blockchain.

Eingangs wurde dargelegt, wie das Theoriegebilde des „Homo oeconomicus“ an der Wirklichkeit des realen Menschen scheitert und dass dies im Hinblick auf den Vertrauensbildungsprozess auch gut sein kann. Die Blockchaintechnologie hat die Vertrauensbildung „algorithmiert“ und macht die Vertrauenswürdigkeit von (direkten wie auch dritten) Gegenparteien überflüssig. Dabei scheint sie nun aber den „Homo oeconomicus“ noch als Grundlage zu haben. Dies, da sie die Interaktion zwischen Subjekten (direkt oder indirekt über Intermediäre wie Banken, Zentralbanken, Börsen und Versicherungen) unnötig macht. Die Hauptmotivation dabei ist die Reduzierung der Kosten, die durch die Intermediäre entstehen. Die Nutzenmaximierung der einzelnen Teilnehmer steht also weiterhin im Vordergrund.

Nun verlangen Banken, Zentralbanken, Börsen und Versicherungen in Ihrer Funktion als Intermediäre bei Transaktionen, welche durch die Blockchaintechnologie ersetzt werden könnten, Ihre Gebühren nicht für die Dienstleistung als solcher, sondern eher im Sinne einer Risikogebühr, falls das vermittelte Vertrauen nicht gerechtfertigt ist. Dieser Risikotransfer auf die Intermediäre würde mit dem Wegfallen der Gebühren ebenfalls eingespart werden und die Teilnehmer an einer Blockchain würden die Risiken direkt tragen, ohne durch Mechanismen, wie Einleger- oder Anlegerschutzgesetze, abgesichert zu sein. Einzig ein unfehlbarer Blockchain-Algorithmus würde diesen Risikotransfer, wie er von den intermediären Drittparteien geleistet wird, übernehmen können. Unfehlbarkeit ist jedoch ein Attribut, welches nichts, das von Menschen gemacht ist, für sich in Anspruch nehmen sollte und kann.

 

Claude Del Don, Legal Reporting Specialist bei Julius Bär, Zürich, 29. Januar 2018

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.