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Was macht eigentlich mein Geld?  – Rückblick auf die ersten 5 Jahre „Die Vorbänker“

Ende 2011 brachte uns Michel Bachmann vom Impact Hub Zürich auf Anregung von Barbara als Arbeitsgruppe „Ethical Finance“ zusammen. Bis auf eine Person kamen alle Gründungsmitglieder der späteren „Vorbänker“ direkt aus der Finanzbranche. Wir alle hatten die Finanzkrise aus unmittelbarer Nähe erlebt und mussten zusehen, dass sich das Verhalten der Banken nur an der Oberfläche änderte. Klar, inzwischen gab es mehr Kontrollen und härtere Auflagen. Am Geschäftsmodell hatte sich jedoch nichts geändert. Die Banken verdienten bald wieder so viel, dass sie gemächlich Rückstellungen in Milliardenhöhe für anstehende Gerichtsverfahren zurücklegen konnten.

Wir wollten einen Beitrag zur Änderung der Bankenkultur leisten, indem wir die Bankkunden selber mobilisierten. Wir dachten, dank Kundenmacht schaffen wir es, die Geschäftspraxis in den Kreditinstituten nachhaltiger gestalten zu können. Aktivitäten sollten nicht nur auf Profit ausgerichtet sein, sondern auch ökologische und soziale Aspekte einbeziehen. Wer sollte diese Aspekte besser einfordern können als die Kunden, die das Existenzrecht der Banken begründen?

Aus diesem Grund taten wir uns mit Oxfam Novib in den Niederlanden zusammen. Die haben seit mehreren Jahren ein Projekt laufen, dass es Kunden ermöglicht, die Nachhaltigkeit ihrer Bank mit Wettbewerbern zu vergleichen. Die Banken erhalten Noten für ihr soziales und ökologisches Verhalten. Kunden können auf der Basis dieser Ergebnisse ihre Bank per E-Mail zu einer Verhaltensänderung auffordern oder auch ihre Gelder zu einer besseren Konkurrentin abziehen. In den Niederlanden und sechs anderen Ländern ist der sogenannte „Fair Finance Guide“ ein ziemlicher Erfolg.

Wir wollten ein ähnliches Klassifikationssystem für die Schweiz aufbauen. Leider fanden wir keine ausreichende lokale Finanzierung für das Projekt – obwohl wir von vielen Seiten begeisternden Zuspruch erhielten. Klasse Sache, hiess es allenthalben. Aber mit den Banken will es sich wohl keiner in der Schweiz verderben. Die fehlende Finanzierung ist auf viele Faktoren zurückzuführen: Zum einen beschäftigen sich die meisten Menschen nicht gerne mit Geld. Noch viel weniger reden sie gerne darüber. Sehr oft sind Kunden die Zusammenhänge zwischen schädlichen Projekten und ihrer Finanzierung durch Banken nicht transparent, z.B. bei Betriebsmittelkrediten für Glencore, die damit ihre Rohstoffeinkäufe überall in der Welt vorfinanzieren. Oder dass es eine Bank braucht, um Waffengeschäfte zu finanzieren. Oder ein Kohlekraftwerk. Hinzu kommt, dass sich für viele das Bankenproblem in der Schweiz auf zwei sehr einflussreiche Namen reduziert: UBS und Credit Suisse. Wer die nicht mag, meidet sie als Bank – und wähnt sich damit auf der sicheren Seite. Wozu also ein Ranking?

Deshalb haben wir uns in den letzten beiden Jahren darauf spezialisiert, mit unserem Blog „Die Vorbänker“ über die Geschäftspraktiken der Banken aufzuklären. Das hat uns viel Zuspruch gebracht und half, ein gutes Netzwerk mit Multiplikatoren in den deutschsprachigen Ländern aufzubauen. Je praxisorientierter unsere Texte, desto mehr Klicks und Austausch via Twitter gab es. Alternativen nach herkömmlichen Bankangeboten sind also gefragt. Deshalb bleiben wir auch bei folgender Zielsetzung:

  • Wir möchten durch gezielte Medienarbeit das öffentliche Wissen über die Einflussmöglichkeiten der Finanzbranche auf eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung auf breitere Beine stellen.
  • Es ist ausserdem unser Ziel, dass die international gültigen Kriterien im Sinne des Drei-Säulen-Modells nachhaltiger Entwicklung zum Standardreporting der Banken werden, und so die Finanzierungs- und Investitionsentscheidungen der Finanzwelt für Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre transparenter werden. Dazu sind wir im Austausch mit NGO’s, Politik, Universitätsinstituten und Vertretern der Finanzwelt.

Fünf Jahre nach Gründung sind noch drei Vorbänker aktiv: Anna, die viele Jahre das Nachhaltigkeitsmanagement bei einer Schweizer Privatbank leitete, hatte vom „Greenwashing“ vieler Initiativen im Sektor so die Nase voll, dass sie im Sommer ihren Job schmiss. Echter Wandel sieht anders aus – so ihr Fazit. Mit der Musikförderung von Kindern, die sie bei Superar Suisse seit 2011 aufgebaut hat, kann sie einen viel direkteren Einfluss auf die Entwicklung unserer Gesellschaft nehmen. Viele der Superar-Kinder haben einen Migrationshintergrund und stammen aus bildungsfernen Verhältnissen ohne Zugang zu klassischer Musik beziehungsweise überhaupt zu einer musikalischen Ausbildung. Melanie unterstützt derzeit den Umbau der Wirtschaft als Coach für junge, soziale Unternehmer. Durch ihre Erfahrungen in der Finanzindustrie hat sie erkannt, dass dies eine Möglichkeit ist, Geld in Sinn stiftende Kanäle zu leiten. Ausserdem engagiert sie sich bei einer europaweit tätigen Gruppe des Social Banking. Barbara ist seit 2010 nicht mehr im konventionellen Bankgeschäft tätig, schreibt aber weiterhin als freie Redakteurin über Bank- und Wirtschaftsthemen bei „Moneta“, dem Kundenmagazin der Alternativen Bank Schweiz AG. Sie engagiert sich ausserdem für Menschenrechtsprojekte in Kolumbien. So verstehen wir drei gut, weshalb viele Bankkunden passiv bleiben: Für das eigene Wohlgefühl ist es viel erfreulicher, sozialen Wandel voranzutreiben, der unmittelbar fassbar ist: musikalische Erfolge feiern, Workshops mit Kindern von Bürgerkriegsopfern unterstützen, einer neuen Firma bei der Gründung unter die Arme greifen, Feines aus abgelaufenen Lebensmitteln zaubern.

Abstrakte Geldgeschäfte haben nicht den besten emotionalen Hebel, um die Welt besser zu machen. Gesellschaftlich haben sie jedoch einen enormen Einfluss. Wann immer wir Missstände im Bankensektor sehen, machen wir sie weiterhin publik. Je weniger schmutzige Geschäfte finanziert werden, desto besser für Umwelt und Gesellschaft.

(Dieser  Artikel ist im Sammelband „Tsüri verändern“, 2016 von der Kulturbande herausgegeben, erschienen.)

Sollten euch unsere Ziele ansprechen, freuen wir uns über euer Interesse, eure Kommentare, eure Mitarbeit, eure Ideen.

Ihr findet uns auf Twitter oder per Email: dievorbaenker(at)gmail.com. Wir freuen uns auf Euren Input und Aktivitäten.

 

aktualisiert Zürich, 04.09.2016

 

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6 Gedanken zu “About

  1. Das ist ja schön und gut, aber einem Kredit wird man es nie wirklich ansehen können, wer ganz genau was mit dem Geld tut.
    Dasselbe gilt für die Einleger. Man kann Geldwäscher bekämpfen, aber geben wird es sie immer.

    Das Einzige was man wird beurteilen können, sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen, sowie die Kreditregeln der Institute.
    Lustigerweise sind das zwei DInge, welche seit Jahrhunderten versuchen, vorher identifizierte Missbrauchspotentiale schon im Ansatz zu verhindern.

    Trotzdem haben wir alle Auswüchse.

    Und trotzdem sind das die Einzigen wirklichen Einflussmöglichkeiten, neben investigativem Journalismus.

    Das schönste Beispiel für das Versagen der freiwilligen Ethikberichterstattung:
    Die multinationale Elektrofima XYZ lancierte vor 15 Jahren eine grosse Antikorruptionskampagne. Seither verging kein Jahr, in dem genau diese Firma nicht wegen Korruption eingeklagt und zu hohen Geldstrafen verurteilt wurde.
    Welche aber noch nicht einmal ansatzweise das Ausmass der wahren Korruption dieser Firma oder in deren Industrie abbilden.

    So ist es auch bei den Banken: Wo viel Geld fliesst, sind immer Möglichkeiten zum Abschöpfen vorhanden.
    Das wird so bleiben.

    Schön wenn Ihr darauf ein Auge haben wollt.
    Es würde mich aber nicht wundern, wenn genau diejenigen Banken, welche solche AKtivitäten sponsern, am meisten Dreck am Steck hätten.

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    • Das sind richtige Beobachtungen.Gerade im CSR- oder Ethikreporting ist vieles Kosmetik. Es gibt allerdings in Holland ein schönes Projekt von Oxfam Novib, das versucht, diese Geldflüsse transparenter zu machen. Anhand eines Fair Bank Guide wird hier den Bankkunden gezeigt, wie welche Bank mit dem ihr anvertrauten Geld umgeht. Und da gibt es durchaus grosse Unterschiede zwischen den Banken. Wir möchten dieses Projekt gerne für die Schweiz etablieren.
      Hier ist ein Link zum Projekt, das inzwischen auch in Brasilien etabliert wurde: http://www.eerlijkebankwijzer.nl/english/
      Weder Oxfam Novib noch wir lassen uns für solche Unternehmungen von Banken sponsorn.

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  2. Transparenz und Beurteilung allein können durchaus unter dem Strich kontraproduktiv sein, das ist bestimmt so. Darum sollte solche Arbeit, wenn sie überhaupt gemacht werden soll, möglichst schnell durch politische Forderungen und politische Arbeit ergänzt werden. Solche Forderungen können eventuell von anderer Seite, von anderen Akteuren erhoben und durchgesetzt werden.

    Die nahe liegende, und m. E. gute Forderung, wäre die, dass 2. Säulen PK-Geld nur in white list-gelistete Banken fliessen können oder, wichtiger, dass PK-Gelder nur über white-list gelistete Banken vermittelt werden können. (Bzw. nicht in bzw. über black-list gelistete Institutionen fliessen.)

    Bei so starken Hebeln wie PK-Gelder könnte m. E. eine Forderung sein, dass die PK ausschliesslich in Projekte gewisser Art fliessen dürfen. In diesem Zusammenhang wäre in den kommenden beiden Jahrzehnten nahe liegend zu fordern: nur in umweltfreundliche Strom-Infrastruktur. Wenn so, dann ist aber das Projekt der Vorderbänker nicht prioritär, denn eine solche Forderung käme ohne die Beurteilung der Institutionen aus. Es genügt die Beurteilung von Projekten zusammen mit Wahlmöglichkeit oder besser (oder später): zusammen mit einer Vorschrift.

    Es würde sich darum lohnen, gut und selbstkritisch darüber nachzudenken, ob Tranparenz und Beurteilung wirklich der richtige Ansatz ist, denn beides exponiert nicht nur. Es legitimiert auch. (Und: Mind the trap: Ist die Attraktivität des Ansatzes/Projekts vielleicht vor allem diese: Es ist ein angenehmes Projekt, mit dem man niemandem weh tut, sich also nicht unbeliebt macht, aber wo man mit wichtigen und reichen Leuten in Kontakt ist; Ein Wohlfühl-Projekt, wie fast alle anderen Projekte dieser Art.)

    Wenn Transparenz und Bewertung verfolgt werden, dann könnte es einfach und nützlich sein, die Finanzinstitutionen ein- oder auszuschliessen, black oder white zu listen. M. E. ein gutes Kriterium wäre dieses: Wenn die Bank Kredite für langfristige fossil-Infrastruktur spricht, oder entsprechende Anleihen vermittelt, ist sie out, sonst in. Da sich praktisch alle Banken, jedenfalls die ca. 4 in CH wichtigsten, brüsten, Klimawandel ernst zu nehmen, könnte man sie dort behaften, ober abholen. Und unsere beiden Grossbanken sind ganz besonders üble Akteure, genau auf diesem Gebiet. Verbesserungspotenzial ist also da. Ein ähnliches in/out-Kriterium könnte Atomenergie sein.

    Als begleitendes politisches Projekt wäre dann nahe liegend: Es könnte komplette Freizügigkeit für 2-Säule-PK gefordert und durchgesetzt werden. Jetzt wäre der Zeitpunkt gut, massgebliche Änderungen der 2. Säule zu fordern, da nun kaum mehr verdrängt werden kann, und erkannt wird, wie schrecklich und ungenügend das aktuelle System ist. Wenn dann gefordert wird, dass PK Gelder auschliesslich in neue Erneurbare fliessen, dann würde auch (bestimmt, bald) sicher gestellt, dass die finanziellen Erträge aus solchen Investitionen stimmen.

    Der Einwand, dass es immer jemanden geben wird, der dreckige Geschäfte finanziert, ist etwas pauschal, aber da ist Wahrheit drin, und das Problem sollte ernst genommen werden. Gerade darum wäre eventuell der Ansatz vielversprechend, dafür zu sorgen, dass unsere Gelder aus der 2. Säule nur für dieses oder jenes eingesetzt werden (dürfen).

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    • You’re completely right – thank you for the reminder. I updated the text accordingly.
      By the way, Oxfam Novib also has a Fair Insurance Guide that you may find interesting (in Dutch):

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