Archive by Author | Barbara Bohr

Regulierung für mehr Innovation

Chancen und Risiken des Fintech-Sektors

Mit der richtigen regulatorischen Unterstützung kann FinTech den Finanzsektor neu gestalten – das ist die Antwort, mit der die NGO Finance Watch diese Woche auf eine öffentliche Konsultation der EU-Kommission zu Fintech reagiert.
Gerade aus Konsumentensicht sieht Finance Watch die Fintech-Entwicklung als grosse Chance für den Sektor, sieht aber auch die Risiken unbeabsichtigter Folgen. Vereinsvorstand Rainer Lenz fasst die Meinung von Finance Watch wie folgt zusammen:

„FinTech hat großes Potenzial, das Wohlergehen der EU-Bürger zu verbessern, indem es mit trägen Finanzinstituten konkurriert, Kosten reduziert und  Barrieren für Kredit- und Transaktionsdienste beseitigt. Aber es könnte auch neue Risiken für die Bürger und das Finanzsystem schaffen, die wir nicht vollständig verstehen, zum Beispiel durch unsere Interaktionen mit großen Daten und künstlicher Intelligenz. Ob der Sektor in Zukunft vorwiegend positiv weiterentwickelt wird, wird in hohem Maße davon abhängen, wie sich die Entscheidungsträger jetzt engagieren. „

Finance Watch empfiehlt, dass die EU eine aktive Rolle bei der Schaffung eines neuen einheitlichen Regulierungsrahmens für FinTech spielt und zunächst die Bereiche in den Mittelpunkt rückt, die den finanziellen Bedürfnissen der Gesellschaft am besten entsprechen:  Transaktionsdienstleister, Crowdfunding und Robo-Advisor. Ziel sei es, von Anfang an hohe Standards und Vertrauen in den Sektor aufzubauen. Das empfohlene Regelwerk könne damit allbekannte Ineffizienzen und Risiken der Banken vermeiden, indem

  • Ersparnisse in Richtung langfristige, nachhaltige Investments gelenkt werden könnten,
  • die Retailkunden vor Manipulation und Missbrauch geschützt würden,
  • personenbezogene Daten geschützt würden,
  • gemeinsame Standards offengelegt würden, so dass Plattformen miteinander verglichen werden könnten und
  • grenzüberschreitende Barrieren entfernt würden.

„Let’s embrace regulation“ – Wie Fintechs mit Regulierung umgehen

Nach meiner Einschätzung werden Fintech-Vertreter mit dieser Aufforderung zur Regulierung ganz anders umgehen als traditionelle Banken. Während letztere schnell und generell aufschreien, wenn das Thema zur Sprache kommt, haben Fintechs längst begriffen, dass sie besser fahren, wenn sie Politik und Aufsichtsbehörden zu ihren Verbündeten machen. Das war auch der Tenor von Richards Olsen’s Antwort diese Woche an der GDI Blockchain Valley Conference. Der Gründer u.a. von Lykke, einer mobilen Handelsplattform auf der Basis von Blockchain, meinte lakonisch auf die Frage nach dem Umgang mit Regulierung: „Let’s embrace regulation.“ Das klingt ungewöhnlich für ein Umfeld, das sich als libertär versteht.

Zumindest für die Schweizer Fintech-Szene, die ich einigermassen beurteilen kann, scheint diese friedliche Ko-Existenz mit den Regulierungsbehörden bereits zu funktionieren. Die hiesigen Fintech-Communities haben sich inzwischen sehr gut in Form von Verbänden organisiert (z.B. Swiss Finance Start-ups, Bitcoin Association Switzerland), um in Bern gezielt Lobbyarbeit zu betreiben. Mit wem auch immer ich rede, alle sind beispielsweise gegenüber der Finma positiv eingestellt. Manchmal heisst neue Regulierung nämlich auch, dass es keine Regulierung gibt, wie beispielsweise bei der Sandbox. Die Sandbox ist ein von der Finma geschaffenes, eng begrenztes „bewilligungsfreies Entwicklungsfeld für Finanzinnovatoren“, in denen seit letztem Jahr mit neuen Geschäftsmodellen experimentiert werden kann. Das kommt gut an.

Und eines darf man auch nicht vergessen: Für viele Fintechs bilden Melde- und Bewilligungspflichten der Banken gegenüber den Behörden und interne Compliance-Vorgaben überhaupt erst die Basis des eigenen Geschäftsmodells. Mit Regtech (kurz für „Regulatory Technology“) ist ein ganzer Subbereich von Fintechs entstanden, der von den komplexen Regulierungsanforderungen leben möchte. Honi soit qui mal y pense.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17.06.2017, Individualmitglied bei Finance Watch

Survey: Linguistics and Finance

Prof. Paul H. Dembinski has forwarded a survey on the topic of linguistics and finance to me. He is a professor of strategy and international competition at the university of Fribourg (Switzerland). He is also the director of the foundation „Observatoire de la Finance„, which focuses on ethics in finance.

The questionnaire is part of a wider research project on multilingual skills in fields so different as economics and finance on one side and ethics and philosophy on the other.

Many questions deal with your ease at expressing difficult topics or complex situations in a multilingual setting and how this may affect your ability to cope with the conflicts or dilemmas that may arise out of this situation.

Here’s the link to the survey. It takes about 20 minutes to answer the questions.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos) June 10, 2017

Ein Konto für die ganze Welt

‚Joachim Ackva ist durch seine persönliche Grosszügigkeit bekannt geworden: Er lässt regelmässig Geldscheine vom Himmel fallen. Im letzten Oktober regneten etwa auch in Zürich Zehnernötli  vom Himmel. Mit seinen Aktionen kam er in alle Zeitungen und Fernsehnachrichten. Wer verteilt schon Geld – einfach so? Das muss doch ein Spinner sein. Die FAZ beispielsweise reihte die Sterntaler-Events amüsiert und irritiert als Kunsttrend ein. Ein gelassener und witziger Umgang mit Geld ist nun mal nicht jedermanns Sache.

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Zu Klimarisiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Bank

Schweizer Banken tragen massiv zur Erhitzung des Planeten bei: Allein dem Markt für Aktienfonds können gleich viele Treibhausgasemissionen zugerechnet werden wie die Schweiz als Land jährlich ausstösst. Dies zeigt eine im Oktober 2015 publizierte Studie des Bundesamts für Umwelt (BAFU):

«Würden alle Investoren weltweit so investieren wie jene in der Schweiz, dann müssten wir uns auf einen globalen Temperaturanstieg von 4 bis 6 Grad einstellen.»

Anlegerinnen und Anleger am Schweizer Finanzplatz investieren also in beträchtlichem Ausmass in CO2-intensive Unternehmen. Den wenigsten dürfte dies bewusst sein, denn bisher fehlt es seitens der Banken an der nötigen Transparenz darüber, was die Klimaauswirkungen von Geldanlagen effektiv sind.

Der Klimawandel stellt für Anlegerinnen und Anleger dabei zusehends ein finanzielles Risiko dar: Fehlbewertungen von Unternehmen, die grosse Reserven an fossilen Brennstoffen halten oder in CO2-intensiven Sektoren tätig sind, führen zu einer sogenannten Kohlenstoffblase (Carbon Bubble). Platzt diese, zum Beispiel weil die Gesetzgebung strenger wird, drohen finanzielle Verluste. Banken sind in der Pflicht, ihre Kundschaft über Risiken, auch klimabedingte, aufzuklären.

Die Alternative Bank Schweiz ist in diesem Bereich First Mover. Sie hat als erste Schweizer Bank in Zusammenarbeit mit der South Pole Group den CO2-Fussabdruck ihres gesamten Anlagegeschäfts analysiert und ausgewiesen. Resultat: Dank einem sorgfältig nach sozial-ökologischen Kriterien ausgewählten Anlageuniversum verursacht ein ABS-Anlageportfolio durchschnittlich 50% weniger CO2-Emissionen als ein vergleichbarer Standardindex. Über 400 Titel wurden seitens South Pole Group einer CO2-Analyse unterzogen, die sowohl direkte wie auch indirekte Emissionen berücksichtigt. Dies zeigt nicht nur, dass die ABS transparent ist, sondern auch, dass sie durch ihre Anlagepolitik bewusst Klimarisiken minimiert. Damit folgt sie konsequent den Vorgaben des Pariser Klima-Abkommens und der Klimastrategie der Eidgenossenschaft. Mehr Geld soll in zukunftsgerichtete, weniger in treibhausgasintensive Technologien und Energieträger investiert werden. Wird transparent gemacht, wie sich Investitionen und Finanzierungen auf das Klima auswirken, können alle Beteiligten bewusst klimarelevante Entscheide fällen.

Wenn andere Banken diesem Vorbild folgen, könnte der Schweizer Bankenplatz eine aktivere Rolle im Kampf gegen die Klimaerwärmung spielen.

Weitere Informationen zur Methodik gibt es bei South Pole.

south-pole-group-climate-neutral-now-initative-london-launch-6-638

Detailinformationen zum CO2-Fussabdruck des Anlagegeschäfts bei der ABS findet sich im aktuellen Geschäftsbericht der Bank.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 18. Mai 2017, Quelle Pressemitteilung

 

 

Auch wenn er sich nicht lohnt, der „short-termism“ wird immer kurzfristiger

Die Studie ist schon vom Februar 2017, aber ich bin erst heute durch den aktuellen Handelsblatt-Newsletter für nachhaltige Investments darauf gestossen. McKinsey hat die Auswirkungen eines immer kurzfristiger ausgerichteten Unternehmertums untersucht. Generell steht das Problem des „short-termism“ seit mehreren Jahren auf der Agenda vieler kritischer Investoren. Die Studie, in der sich McKinsey 615 börsennotierte Firmen (leider nur) aus den USA anschaute, kommt nun zu dem Ergebnis: Eine langfristige Ausrichtung der Unternehmensstrategie, die kurzfristigen Anreizen widerstehen kann, lohnt sich. Dass nachhaltiges und langfristiges Investieren gut für die Rendite ist, haben bereits andere Studien gezeigt, aber einige Einzelergebnisse, die der Handelsblatt Newsletter hervorhebt, sind schon beeindruckend. Langfristig orientierte Firmen berücksichtigen dabei auch die Risiken, die sich aus Klimawandel, Arbeitsbedingungen oder Ressourcenknappheit ergeben. Daraus können sich strategische Vorteile ergeben:

  • Zwischen 2001 und 2014 wuchs der Umsatz langfristig handelnder Unternehmen kumulativ um durchschnittlich 45 Prozent stärker als die Umsätze kurzfristig agierender Firmen. Ausserdem gab es niedrigere Schwankungen.
  • Vorausschauende Unternehmen investieren mehr. Sie steckten auch während der Finanzkrise vermehrt Geld in Forschung und Entwicklung. Zwischen 2007 to 2014 wuchsen die durchschnittlichen F&E-Ausgaben langfristig ausgerichteter Firmen jährlich mit 8,5% (die anderen dagegen nur mit 7%).
  • Nicht zuletzt realisierten langfristig ausgerichtete Unternehmen stärkere finanzielle Ergebnisse: Ihre Marktkapitalisierung stieg in dieser Zeit um sieben Milliarden US-Dollar mehr als die der anderen.
  • Sie schaffen mehr Jobs.

Trotz dieser positiven Auswirkungen reisst der Drang zu immer kurzfristiger orientierten Zielen nicht ab. Die folgende Abbildung zeigt, wie sehr sich die meisten Führungskräfte vom Zeitfaktor unter Druck setzen lassen.

shorttermism

SOURCE: Rising to the challenge of short-termism. FCLT Global, September 2016.

Die nächsten Quartalszahlen sind für Firmen, Analysten und Anleger meist interessanter als das langfristige Ertragspotenzial. Natürlich gibt’s auch Ausnahmen, wie Tesla zum Beispiel 🚗  , aber das liegt am CEO und seinem Bild von der Zukunft🚀. Anders als Elon Musk, der zugleich auch einer der Hauptaktionäre Teslas ist, bleiben die meisten CEOs heute nur noch knapp 3 Jahre im Amt. Wozu also langfristig denken?

Der komplette Bericht ist hier nachzulesen. Er ist im Rahmen der Aktivitäten von McKinsey als Mitglied von FCLT Global entstanden. In dieser Initiative haben sich Investoren und Firmen zusammengefunden, die das langfristige Denken und Handeln in Unternehmen fördern möchten. Dazu gehören neben McKinsey u.a. auch BlackRock oder Dow, denen man nicht gerade Kritik am Kapitalismus vorwerfen kann. Alleine BlackRock ist bei einem Drittel aller DAX-Unternehmen größter Einzelaktionär und könnte entsprechend auf Geschäftsführung und Aufsichtsräte Druck ausüben.

Aber soweit sind wir nicht. Vielleicht muss, um nur ein Beispiel zu nennen, BlackRock als Erstes die Zielvereinbarungen der eigenen Fondsmanager überarbeiten? Schneller ist nicht automatisch besser und weiter.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 12.05.2017

„Changed it“: Nicki Minaj und die US-Bildungsblase

Am Wochenende erklärte sich die Rapperin Nicki Minaj auf Twitter bereit, die Collegegebühren für einige ihrer Fans zu übernehmen. Dazu kam es, weil die Musikerin den Gewinnern eines internationalen Wettbewerbs öffentlich zugesichert hatte, ihnen die Flugkosten für ein Treffen mit ihr in Las Vegas zu bezahlen. Als daraufhin eine US-Studentin keck nachfragte, ob sie ihr auch die Collegegebühren zahlen würde, kam nach kurzer Bedenkzeit ein „Ja“ von Nicki Minaj, vorausgesetzt die Noten würden stimmen.

Damit trat sie eine Lawine los. Nach Angaben des Guardian sicherte die Musikerin im Laufe einer Stunde mehr als 30 Studierenden finanzielle Hilfe zu. Insgesamt soll es sich um Zusagen in Höhe von 30’000 US-Dollar handeln.

Das mag nach reiner PR-Aktion klingen, aber Nicki Minaj nehme ich es schon ab, dass sie tatsächlich ein ganz grosses Herz hat. Natürlich kann auch sie mit ihren Aktionen das strukturell bedingte Überschuldungsproblem vieler Hochschulabsolventen in den USA nicht lösen. Wer kann es sich noch ohne Kreditaufnahme leisten, jährlich 40’000 Dollar für Studiengebühren auszugeben? Zumal längst nicht mehr garantiert ist, dass der Abschluss zu einem Job verhilft, der die Schulden zurückzahlen lässt. Gut an ihrer Aktion wäre, dass überhaupt über das Problem der Studienfinanzierung wieder mehr gesprochen und möglicherweise angegangen wird. Doch genau da habe ich meine Zweifel.

Im Wahlkampf hatten sowohl Clinton als auch Trump angekündigt, sich um eine Regelung der studentischen Kredite zu kümmern. Noch vor der Wahlentscheidung letzten November habe ich einen Überblick über den studentischen Schuldenstand in den USA und die Möglichkeiten eines Erlasses dieser Kredite geschrieben. Er ist in der Moneta 04/2016 nachzulesen.

Die ersten 100 Tage der Regierung Trump zeigen eher, dass er das Problem  als niedrige Priorität einstuft. Vor allem war er mit seiner Trump University selber am profitorientierten Markt für Hochschulbildung aktiv. Und eine Staatssekretärin für Bildung wie Betty De Vos ist auch eher ein Zeichen dafür, dass die Fahrt weiter Richtung überteuerte, kreditfinanzierte Erziehung geht. Lil Wayne wird Nicki Minaj also weiterhin zurufen: „Different hoes doing the same shit“.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 08. Mai 2017

 

 

 

 

Crowdfunding als Krankenkassenersatz

Myranda Whiteside (25) aus Colorado hat Brustkrebs. Da sie und ihr Mann die Kosten für Operation, Therapie und Medikamente nicht tragen können, suchen sie Geld via Crowdfunding. 15’000 Dollar brauchen sie. 4’696 Dollar an Spenden hat das junge Paar  nach drei Wochen Kampagne bereits zusammen.

Was in Europa nach Dystopie klingt, wird in den USA, dem reichsten Land der Erde, immer üblicher. In einem Moment körperlicher Schwäche und enormer psychischer Belastung kann man sich mit Hilfe hübscher Videos, knackiger und herzerreisender Botschaften Geld für eine ärztliche Behandlung suchen. Gofundme ist eine Crowdfunding-Plattform, auf der Menschen für ihre ganz individuellen Anliegen Geld einsammeln können: Das Spektrum reicht von Spenden für Wohltätigkeitsorganisationen, Schulevents bis hin zur häuslichen Pflege von Kriegsveteranen. Eine Lehrerin hat auch schon einmal erfolgreich eine Aktion gestartet, um für alle Schüler und Schülerinnen ein Fahrrad zu kaufen. Gofundme nennt sich selber die

#1 do-it-yourself fundraising website to raise money online.

 

gofundme_logo2c_april_2012

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