Rainer Zitelmann: «Für mich ist ’neoliberal‘ ein Ehrentitel»

Nächste Woche kommen Marco, Anna und Barbara zusammen, um das Buch „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ zu besprechen. Der deutsche Historiker Rainer Zitelmann hat zahlreiche Bücher geschrieben, nicht nur zu Geschichts themen, sondern auch zu Fragen der Selbstoptimierung, der Psychologie der Superreichen und zu Fragen der Kommunikation.

Ich bin gespannt, ob Zitelmanns platte, polarisierende Thesen unsere Debatte anregen oder eher abwürgen. Vielleicht wird es unsere kürzeste Buchbesprechung.

Als Vorgeschmack schon mal ein Kurzinterview mit ihm:

😬

Hier ist der Link zur Ankündigung des Podcasts bei den Mikroökonomen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 10. Februar 2019

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Das Jahr im Rückblick: Der Bankenpranger 2018

 

This time is different

Das ist der Titel von Reinharts und Rogoffs berühmtem Buch, in dem sie auf die Finanzkrisen der letzten 800 Jahre zurückblicken. In ihrem Titelspruch schwingt der Wunsch mit, dass beim nächsten Mal alles besser läuft und eine neue Krise vermieden werden kann. Wie sieht es 10 Jahre nach dem Ausbruch der letzten grossen Finanzkrise aus? Haben wir etwas gelernt? Zunächst scheint die Krise überwunden. Die Banken sind besser reguliert worden. So meinte im April SNB-Chef Thomas Jordan noch, dass „die getroffenen Regulierungsmassnahmen die Widerstandskraft unseres Bankensystems deutlich erhöht“ hätten. Es gibt mittlerweile in den USA wie auch in Europa Stresstests, um die Belastbarkeit der Banken zu überprüfen. Die europäischen Banken kränkeln zwar noch etwas; gerade die US-Banken verdienen allerdings so viel wie nie zuvor.

Bankkultur bleibt anfällig für Betrügereien

Dennoch gibt es grosse Zweifel, ob sich wirklich etwas Grundlegendes im Bankensystem geändert hat (diese Meinung gab es angesichts des Jahrestags des Krisenausbruchs zuhauf, etwa hier, hier oder hier ). Diese Zweifel teile ich, denn gerade die Organisationskultur von Banken hat sich kaum verändert. Die jetzige Regulierung mit ihren kleinteiligen Vorschriften ermuntert die Banker nur, noch schlitzohriger vorzugehen. Trotz weitreichender Regelungen umgehen sie u.a. Steuergesetze und Vorschriften zur Vermeidung von Geldwäsche. Sie basteln auch weiter an riskanten Produkten, die kaum jemand versteht.

Ein geübter Dieb
Gottfried Heinrich Geißler – Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv.Nr. Gei XVII/12 (Public Domain)

Ich prangere an: Bankenskandale 2018

Banken machen also weiter wie gehabt. Damit diese Schlussfolgerung nicht steil im Raum stehen bleibt, möchte ich  eine Handvoll Ereignisse aus dem Jahr 2018 als Nachweis auflisten. Diese Skandale gehören an den Pranger, denn sie zerstören das Vertrauen in die Institute wie ihre Aufseher. Sie sind mein Jahresrückblick.

  1. Der Geldwäsche-Skandal um die Danske Bank: Zunächst sah es so aus, als ob es sich nur um ein lokales Ereignis der Niederlassung in Estland handelte, doch dann weitete er sich aus. Auch die Deutsche Bank verdankte ihren Verstrickungen eine vorweihnachtliche Razzia. Es geht um über 200 Milliarden Euro.
  2. Der Trick mit Cum und Ex in Deutschland: Diese Formen des Dividendenstrippings sind zwar schon seit 2012 verboten; aber die Aufarbeitung zog in 2018 weitere Kreise. Dem deutschen Staat sind durch die Beratungstricks von Banken und spezialisierten Anwaltskanzleien vermutlich etwa 31,8 Milliarden Euro an Steuereinnahmen verloren gegangen. Zum Vergleich: Die Höhe der Kosten des Bundes in Deutschland für Flüchtlinge und Asyl beträgt mit 15,23 Milliarden Euro nicht einmal die Hälfte dieser Summe. Europaweit soll der Schaden sogar um die 55 Milliarden Euro betragen.
  3. Die „Milchbüchlein“ der UBS: Im Prozess gegen die UBS in Frankreich geht es ebenfalls um mögliche Steuerhinterziehung und Geldwäscherei. Die Schweizer Grossbank bestreitet bisher die Vorwürfe, in separaten Notizbüchern eine parallele Buchhaltung für französische Kunden geführt zu haben. Insgesamt sollen Frankreich ca. 10 Milliarden an Einnahmen entgangen sein.
  4. Kohle mit Kohle. Banken investieren weiterhin in schmutzige Kohlegeschäfte. Und dies trotz schöner Slogans für mehr Nachhaltigkeit und viel PR-Geld für den guten Ruf. Was ihre Investitionen in fossile Energien angeht, halten sich Banken gerne bedeckt. Diese Datenbank zeigt weltweit alle bekannten Investitionen in fossile Energien.
  5. Im Haifischbecken der Coins und Tokens: Viele wünschen sich neue Finanzfirmen und Investitionsmöglichkeiten. Manche glauben gar an eine Zukunft ohne Banken. Die zahlreichen ICO-Scams aus dem Jahr 2018 zeigen leider, dass neue Technologien noch keine besseren Verhaltensmuster garantieren. Wie auch, wenn sich in der Kryptobranche immer mehr Ex-Banker tummeln?

Selbstverständlich gibt es auch viele aufrichtige und gute Banker bzw. Finanzberater. Ich weiss auch noch selber gut, wie es sich anfühlte, als die UBS in Bern um Hilfe bitten musste, weil sich die Investmentbank in der Subprime-Krise verzockt hatte. Als Nachbarn und Bekannte voller Schadenfreude lästerten. Das fühlte sich nicht gut an. Ich bin überzeugt: Je eher die Verantwortungslosen zur Rechenschaft gezogen werden, desto besser können die Ehrlichen weiterarbeiten.

Dieser öffentliche Pranger ist vermutlich alles andere als vollständig. Ergänzt ihn über die Kommentarfunktion!

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 27. Dezember 2018

BlackRock und Microsoft bauen eine Plattform für die Altersvorsorge

Microsoft und BlackRock machen es vor. Sie spannen zusammen, damit Amerikaner  eine solide Altersvorsorge aufbauen können.

Targeted Advertising als Geschäftsmodell ist einfallslos

Oft sieht es so aus, als gäbe es für Plattform-Firmen keine andere Möglichkeit, als mit Werbung Geld zu verdienen. Noch am heutigen Sonntag kritisierte deshalb Tom Goodwin, ein Technologie-Marketeer die Branche auf Twitter:

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Er versteht nicht, warum so grosse, mächtige Firmen wie Facebook, Google, Snap oder Instagram sich darauf beschränken, Geld mit Anzeigen zu verdienen. Er hält dies für ineffizient und einfallslos. Er mokiert sich darüber, dass Plattform-Unternehmen, darunter auch Medienfirmen oder Themenportale, mit einem durchschnittlichen Jahreserlös pro Kunde von 10 Dollar zufrieden sind. Er stellt diesem Geschäftsmodell Apple entgegen, dass aufgrund höherer Produktpreise die Kunden vor Werbung verschont. Dieser Kritik zum Trotz brummt das digitale Werbegeschäft.

Microsoft und Blackrock gründen eine Vermögensberatung

Tom Goodwin sollte sich ausserdem anschauen, was Microsoft und BlackRock treiben. Da könnten sich Facebook & Co. eine Scheibe Einfallsreichtum abschneiden. Die beiden haben gerade eine neue Plattform für die digitale Vermögensberatung beschlossen. Das gemeinschaftliche Unterfangen existiert bisher nur auf dem Papier. Die Arbeitsteilung liegt allerdings auf der Hand: Microsoft sorgt für die technische Infrastruktur und BlackRock für die digitalen Inhalte. Das Wall Street Journal berichtete am 13. Dezember von diesem Joint Venture, welches auf Twitter lebhaft diskutiert wurde, z.B. bei den Twitterfreunden Wolfgang Gierls und Ralf Keuper:

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und

https://platform.twitter.com/widgets.js

Der richtige Stups für vernünftiges Verhalten?

Wenn immer mehr Menschen immer weniger für ihre Altersvorsorge tun, ist das ein gesellschaftliches Problem. Da die US-Regierung derzeit andere Prioritäten hat, haben Microsoft und BlackRock diese Initiative gestartet. Das ist notwendig. 30 Prozent der US-Amerikaner legen kein Geld zurück für die Rente. Sie sind froh, wenn ihr Paycheck bis zum Monatsende reicht.

“We are trying to nudge people a little bit towards a more active relationship with retirement,”

meint Mark McCombe, Amerika-Chef von BlackRock zur zukünftigen Strategie. Nun weiss derzeit niemand, was genau McCombe mit Nudging meint. In der Verhaltensökonomie ist mit Nudging eine Methode gemeint, die das Verhalten von Menschen beeinflusst, ohne auf Verbote und Gebote zurückzugreifen. Stattdessen wird ein ansprechendes Angebot gemacht, so dass die gute Wahl leicht fällt. Ausgangslage ist: Keiner weiss, was für ihn am besten ist. Deshalb ist es gut, wenn er (oder sie) in diese Richtung gestupst wird.

Für junge Leute ist es wenig interessant, für die Rente vorzusorgen. Es gibt so viele spannendere Dinge, für die man Geld ausgeben kann: Urlaubsreisen, ein schickes Auto, tolle Kleider. Mit Nudges schafft man es, dass sie sich auch um ihre Altersvorsorge kümmern. Nudges können ganz einfach funktionieren. Bei BlackRock und Microsoft könnten beispielsweise Apps zum Sparen anregen. Vorstellbar sind auch folgende Nudges: Ein Arbeitgeber sieht etwa standardmässig vor, dass die Mitarbeitenden mehr als gesetzlich vorgesehen in ihre Pensionskasse einzahlen. Möchte jemand weniger Absicherung, muss er sich aktiv dagegen entscheiden. Das heisst, er muss sich darüber Gedanken machen, ob er wirklich weniger sparen möchte, als es der Standard vorsieht. Das funktioniert nicht schlecht, kann aber in einer Welt der schnellen Klicks bequem und denkfaul machen. Das können die Firmen ganz in ihrem Sinne ausnutzen.

Die grösste Schattenbank aller Zeiten

Die Partnerschaft macht deutlich, dass Bank- und Anlagegeschäfte eine attraktive Einnahmequelle im Internet sind. Nur die Banken und Versicherungen haben das noch nicht so richtig gemerkt. Wenn sich die grösste Finanzfirma der Welt und der Technologiekonzern, dem immer noch die meisten Firmen-Desktops gehören, zusammentun, sollten wir aufhorchen. Auch wenn derzeit nur der US-Markt ins Visier genommen wird.

Gerade BlackRock wirkt mit seinen aktiven Engagements schon jetzt wie eine Privatpolizei für Corporates. Die kann Gutes bewirken, die kann aber auch ein Zeichen von Allmacht sein. BlackRock ist bei fast allen Grossfirmen der Welt investiert. Ohne sie läuft immer weniger am Finanzmarkt. Interessenkonflikte sind vor allem dann vorprogrammiert, sollten die Vorsorgepläne über die Arbeitgeber angeboten werden. Dort sitzen oft BlackRock-Vertreter in den Aufsichtsgremien.

Auch Microsoft sollte in dieser Partnerschaft nicht unterschätzt werden. Microsoft wirkt in der Runde der GAFAM-Firmen (= Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft) vergleichsweise brav und bieder. Die Charme-Offensive der Firma gegenüber der Open-Source-Bewegung und in Designfragen lässt möglicherweise allzu schnell das alte Motto vergessen, mit dem die Firma marktbeherrschend wurde: „Embrace, extend, extinguish.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 16. Dezember 2018

 

 

 

 

Wozu Finanzberatung für Frauen?

Frauenarmut in Deutschland

„Manchmal stehe ich am Monatsende vor dem Kühlschrank und denke, hoffentlich gibt es bald Geld. Ich muss dringend was einkaufen!“ Das sagt Susanne. Sie arbeitet hart: An fünf Tagen die Woche reinigt sie Krankenhausbetten. Bis zu 23 Betten muss sie in einer Schicht schaffen. „Ich denk‘ mir immer, man muss so arbeiten, als würde man selber in so einem Bett liegen“, motiviert sich die 48-Jährige aus Bochum.

Mit diesem Testimonial beginnt die Doku in der WDR-Mediathek über Frauenarmut. Gemäss OECD tragen in keinem anderen europäischen Mitgliedsland die Frauen so wenig zum Familieneinkommen bei wie in Deutschland.  Ihr Beitrag beträgt 22.4 %. Das hat Konsequenzen. Der eigene Lohn ist nur Zubrot. Bei einer Trennung reicht das Geld nicht mehr. Die Rentenbeiträge sind minimal. 2/3 aller Minijobber sind weiblich. Berufspausen sorgen ebenfalls für Flaute in der eigenen Kasse, auch wenn für die Familie unentgeltlich weiter geschuftet wird. Im Alter ist dann wenig übrig. Da bleibt oft nur der Weg zu Hartz IV und/oder zur Tafel.

 

Helma Sick: Warum Frauen ihr eigenes Geld haben sollen

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Die Doku hat mich daran erinnert, dass auf meinem Stapel ungelesener Rezensionsexemplare Helma Sicks Autobiografie liegt. Warum Frauen sich mehr um ihr eigenes Geld kümmern sollen, das ist genau ihr Thema. Seit 1986 berät sie mit ihrer Münchner Firma „frau & geld“ Frauen in Finanz- und Vorsorgefragen. Über viele Jahre hatte sie eine Kolumne zu Geldfragen in der Brigitte. Gemeinsam mit der ehemaligen Bundesfrauenministerin Renate Schmid hat sie das Buch „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“ veröffentlicht.

In ihrer Autobiografie „Aufgeben kam nie in Frage“ schildert sie, weshalb sie sich ihre eigene finanzielle Unabhängigkeit erkämpft hat. Sie hat sich von einer Büroassistentin ohne Ausbildung zu einer erfolgreichen Unternehmerin hochgearbeitet. Vor allem privat war das Leben nicht gerade einfach für sie – doch zu viel möchte ich nicht verraten. Manches in ihren Ausführungen klingt ungelenk. Intime und belastende Momente werden nur angedeutet. Das macht die Lektüre manchmal beschwerlich, manchmal gerade deshalb authentisch. Sie bringt ihre Energie und ihren Einsatz für mehr finanzielle Unabhängigkeit von Frauen gut rüber. Ihre Gedanken sind glasklar. Sie hat sich immer unter Kontrolle. Da schreibt jemand, der gelernt hat, sich gegen Repression zur Wehr zu setzen. Sie hat sich immer durchbeissen müssen und viel gearbeitet. „Streng dich an“ klingt als Antreiber zwischen den Zeilen durch.

Helma Sick ist vor allem auch eine aufrechte Sozialdemokratin. Ihr soziales Engagement wirkt nie wie politisches Kalkül, sondern als persönliches Bedürfnis. Das hat mich beeindruckt. So zitiert sie gegen Ende ihres Buches August Bebel mit einer Aussage von 1879:

Die Frau muss ökonomisch unabhängig sein, um es körperlich und geistig zu sein, damit sie nicht mehr von der Gnade und dem Wohlwollen des anderen Geschlechts abhängig ist.

Mit 76 Jahren ist die Münchner Unternehmerin dieses Jahr in eine Seniorenresidenz gezogen. Sie hat vorgesorgt. Sie hat alle ihre finanziellen Belange, soweit es ihr möglich ist, geregelt. Sie bleibt gleichzeitig Mitinhaberin ihrer Firma, die sie gemeinsam mit ihrer Nichte führt. Die derzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen machen ihr Sorgen. Zu Recht, denn sie hat einige Male erfahren, wie leicht gerade Frauen diesen sozialen Backlash zu spüren bekommen.

Finanzberatung für Frauen

Zugegeben, ich kannte Helma Sick vorher nicht. Ich gehöre aus einem ganz einfachen Grund nicht zu ihrer Zielgruppe. Mir war es – so wie ihr – immer wichtig, mein eigenes Geld zu verdienen. Ich brauche ihren Rat also nicht. Ich habe auch nicht überprüft, wie gut ihre Performance als Anlageberaterin tatsächlich ist. Darum geht’s auch nicht. Sick will soziale Änderungen, nicht nur einzelne Kassen füllen.

Bisher habe ich das Thema „Finanzberatung für Frauen“ für einen Marketing-Gag gehalten. Diese Variante gibt es sicherlich auch zuhauf. Helma Sick hat mich dennoch überzeugt. Frauen sollten wissen, was ihre Entscheidungen heute für ihren Kontostand morgen bedeuten. Die Statistiken über Armut in Deutschland zeigen, dass der Nachholbedarf gross ist. Frauen sollten klüger sein als Jenny Marx und sich in Finanzfragen lieber auf sich selber verlassen:

Ich wünschte, dass mein lieber Karl mehr Zeit damit verbracht hätte, Kapital anzuhäufen statt nur darüber zu schreiben.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 06. Dezember 2018

 

 

 

Im letzten Wirtschaftsliterarischen Quartett ging’s um „Skin in the Game“

Im letzten Wirtschaftsliterarischen Quartett der Mikroökonomen sprachen Marco, Ulrich und ich  über Nassim Nicholas Talebs neues Buch Das Risiko und sein Preis. Skin in the Game. Anna musste sich leider kurzfristig krank abmelden. Gute Besserung, Anna!

9783844530179

Den Podcast könnt ihr jetzt hören:
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Hier nochmals die Kurzvorstellung auf dem Mikroökonomen-Blog, die ich als Teaser geschrieben hatte: https://mikrooekonomen.de/talebs-vision-vom-guten-leben/

Wie gefällt euch sein Buch? Diskutiert mit: https://mikrooekonomen.de/podcast/episode/2217/

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 05. Dezember 2018

Die Stadt-„Republik“ Tsüri

Wenn im letzten Jahr von einem neuen Medienprojekt in Zürich geredet wurde, dann ging es meist um die „Republik“. Das Digital-Magazin startete im Januar 2018 nach einem fulminanten Crowdfunding-Erfolg, der weltweit grosse Beachtung fand. Constantin Seibt und Christof Moser führten das leserfinanzierte Projekt an, das sich an ein urbanes, gebildetes und kritisches Bürgertum richtet. Ziel des Projekts ist die Wahrung einer freiheitlichen Gesellschaft.

«Ich rap im Züri-Slang, warum? Wil ich in Züri häng.» 

Und dann gibt es da noch ein vergleichbares, wenn auch viel, viel kleineres Projekt in Zürich. Mit genauso grossen Ambitionen. Eine Art „Stadt-Republik“. Genauso urban, gebildet und kritisch — und ganz lokal. Es geht um Tsüri. Tsüri setzt sich für eine nachhaltige, offene, moderne und umweltbewusste Gesellschaft ein. Das Zürcher Stadtmagazin richtet sich an eine jugendliche, gesellschaftskritische und lebenslustige Leserschaft. Texte, Bilder und Videos werden ergänzt durch Events, Führungen, analoge und digitale Games. In Sachen „Civic Media“ ist Tsüri wesentlich progressiver und gleichzeitig bodenständiger als die grosse, akademisch-intellektuelle Schwester „Republik“ aus der Langstrasse mit ihrem gediegenen Lesepublikum. Ganz wie das echte Zürich eben. Im Lokaljournalismus ist es vielleicht auch einfacher, analoges und digitales Leben zusammenzuführen.

https://www.youtube-nocookie.com/embed/lsj15uu8U2Y

Wo chunnts Geld her?

Mir hat sehr gut gefallen, wie Verleger Simon Jacoby das Projekt und sein Team präsentiert hat. Er tat dies anlässlich der Geldgespräche bei der Alternativen Bank AG in Olten im November. Tsüri wird u.a. vom Innovationsfonds der ABS gefördert. Anders als die „Republik“ verzichtet Tsüri nicht ganz auf Werbung, um die redaktionelle Arbeit sicherzustellen. Die 500’000 Franken Kosten wollen jedes Jahr erneut bezahlt werden, damit die Firma überlebt. Und noch gibt es nicht genug Unterstützer. Geschäftsführer Roland Wagner fällt es deshalb nicht schwer, seine Lieblingstätigkeit bei Tsüri zu benennen:

Ich schreibe sehr gerne Rechnungen, damit wir bei Tsüri.ch einen Lohn bekommen und wir unsere Krankenkasse bezahlen können. Im Moment haben wir alle eine Krankenkasse ohne Halbprivatversicherung.

Bei der Werbung geht Tsüri allerdings nicht über das Google Ad Network, sondern die Firma übt eine „handverlesene Werbekontrolle“ aus, meinte Simon Jacoby auf Nachfrage. Bei den Werbepartnern seien thematische Anknüpfungspunkte wichtig, ergänzte er, wie z.B. für inhaltliche Schwerpunkte wie „Sucht“ oder „Smart Cities“. Damit die Redaktion formell von Werbeeinnahmen unabhängig bleibt, hat Tsüri Verlagsgeschäft und Redaktion voneinander getrennt. Die Geschäfte laufen über die Tsüri AG. Die Redaktion ist im Verein Achtusig-Medien organisiert.

#tsürigang

Neben Werbung versucht Tsüri, seine Finanzierung über Mitgliedschaften sicherzustellen. Nein, der Verlag spricht ganz bewusst nicht von Abonnenten, wie das herkömmliche Magazine tun. Sie nennen diese Förderer auch nicht Verleger, wie die „Republik“ es vormacht. Tsüri ist vor allem Gemeinschaft. Redaktion und Leser bilden zusammen die #tsürigang. Deshalb macht das Magazin derzeit – so mein Eindruck – vor allem Bannerwerbung für sich selber. Mitglied der #tsürigang kann man übrigens bereits ab 5 Franken/Monat werden.

Jo, Tsüri kommt ziemlich hipstermässig daher und ich merke beim Lesen ab und an schon, dass ich eher nicht mehr zur Zielgruppe gehöre. Dennoch, mir gefällt das Konzept. Mir gefällt die Ausrichtung. Für den Journalismus. Für meine Stadt. Das ist glocal, wie ich es mir wünsche. https://tsri.ch/accounts/signup/

Eine ganz kleine Investition, mit ganz grosser Wirkung.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), die bisher zur gediegenen Leserschaft der „Republik“ gehört, 29. November 2018

Digitale Mikrokredite sorgen für steigendes Ausfallrisiko

M-Pesa schaffte die technische Grundlage

M-Pesa gilt in der Branche als Urform eines Fintechs. Der Service ist simpel und genial: Der Bezahldienst ersetzt für einfache Geschäfte das Bankkonto.  M-Pesa bietet Handynutzern eine Plattform,  die einen einfachen, digitalen Zugang zu bargeldlosen Gelddienstleistungen verschafft.  Nutzer können bei speziellen Agenten einzahlen oder sich Guthaben auszahlen lassen. Nutzer können auch direkt mit anderen Nutzern bargeldlose Transaktionen abwickeln. M-Pesa dient unterwegs als sichere Geldbörse. Alles läuft digital via Handy, sogar ohne Internet. Das System wurde 2007 von der kenianischen Telekomfirma Safaricom in Kooperation mit Vodafone lanciert. M-Pesa wurde als technische Innovation gefeiert, die Banken im Retail-Kundensegment langfristig ersetzen kann. Das Wochenmagazin „Der Spiegel“ sprach 2010 vom Handy-Wirtschaftswunder in Kenia. Das System versprach nicht nur Wachstum und Modernisierung der kenianischen Wirtschaft, sondern versprach auch soziales Flair. Dank Technologie konnten nun die sogenannten „Banklosen“, also einkommensschwache Menschen, die kein Bankkonto haben, leichter in den Handel integriert werden und Wissen über Geld aufbauen. Ein Riesenmarkt, der nicht nur für Kenia von Bedeutung ist, sondern Vorbildcharakter für viele Entwicklungsländer hat.

Auf digitales Geld folgte der digitale Kredit

Seit fünf Jahren gibt es neben den reinen Zahlungsdiensten auch digitale Kredite. Wie groß ist der Markt genau? Wer verwendet digitale Kredite? Und welche Auswirkungen haben die neuen Möglichkeiten auf Kunden mit niedrigem Einkommen? Die FSD-Kenia führte in Zusammenarbeit mit der Central Bank of Kenya (CBK), dem Kenya National Bureau of Statistics (KNBS) und der CGAP eine national repräsentative Telefonumfrage bei über 3.000 Kenianern durch, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Der „Economist“ berichtet diese Woche über die Ergebnisse dieser Studie.

Die beiden bedeutendsten Lösungen für digitale Kredite, M-Shwari und M-Pesa werden über die M-Pesa-Plattform von Safaricom angeboten. Inzwischen gibt es zahlreiche andere Anbieter für digitale Kredite, auch von den traditionellen Banken. Jedoch hat keiner ein mit Safaricom vergleichbares Kundennetz. Jeder vierte Kenianer hat mindestens einmal einen digitalen Kredit aufgenommen. Innerhalb von Sekunden werden Mikrokredite bereitgestellt. Jeder aufgenommene Kredit ist ein Schritt, eine eigene, nachweisbare Bonität aufzubauen, die ihnen in Zukunft Zugang zu größeren und günstigeren Krediten verschaffen kann.

Die Ergebnisse der Umfragen deuten darauf hin, dass digitale Kredite in Kenia zu einer führenden Kreditquelle geworden sind und dass sie hauptsächlich zur Finanzierung des kurzfristigen Konsumbedarfs oder für das tägliche Business verwendet werden. Das ist nicht das, was sich die Befürworter von mehr „Financial Inclusion“ erhofft hatten. Sie waren davon ausgegangen, dass die Kredite vor allem kleine, oft informelle Unternehmen bei der Bewältigung des täglichen Cashflow-Bedarfs helfen würden oder als eine Art Notfallliquidität für Dinge wie medizinische Notfälle dienen könnten. Auch in Tansania wächst das Kreditvolumen und zeigt ähnliche Tendenzen (s. Abbildung)

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Kreditverwendung (Quelle: http://www.cgap.org/blog/its-time-slow-digital-credits-growth-east-africa)

 

Ausfallrisiko nimmt zu

Es gibt Anzeichen, dass viele Kreditnehmer mit der Rückzahlung kämpfen. Die Umfrage ergab, dass 14 Prozent der digitalen Kreditnehmer zum Zeitpunkt der Umfrage mehrere Kredite von mehr als einem Anbieter zurückzahlen. Das bedeutet, dass über 800.000 Menschen mit mehreren digitalen Krediten jonglieren. Um da nicht den Überblick zu verlieren, braucht es Transparenz über die Konditionen.

Rückzahlungsprobleme treten nicht nur auf, wenn Kunden mehrere Kredite gleichzeitig bedienen müssen. Es kann sogar mit einem einzigen, kleinen Kredit geschehen. Etwa die Hälfte der Befragten berichtete, dass sie mit ihrem digitalen Kredit mindestens einmal zu spät gezahlt hätten und etwa 13 Prozent gaben an, dass ein Zahlungsausfall eingetreten sei (CGAP vermutet, dass die tatsächliche Zahl höher ist, da viele Kreditnehmer darüber nicht berichten wollten, s. Abbildung). Als Hauptgründe für die verspätete oder ausgebliebene Rückzahlung wurden Probleme im Geschäft und der Verlust einer wichtigen Einnahmequelle genannt. Oft aber auch verstehen die Kunden die Kreditkonditionen nicht (s. Abbildung, poor transparency).

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Rückzahlungsprobleme bei digitalen Krediten (Quelle: http://www.cgap.org/blog/its-time-slow-digital-credits-growth-east-africa)

 

Die Konsumenten besser vor dem „easy money“ schützen

Die Daten des Kreditmarkts, so CGAP, deuten auf eine Verlangsamung des Marktes hin. Sie empfehlen den Geldgebern, mehr Fokus auf den Verbraucherschutz zu legen, um eine Kreditblase zu vermeiden und sicherzustellen, dass sich die digitalen Kreditmärkte so entwickeln, dass das Leben der einkommensschwachen Verbraucher nachhaltig verbessert wird. Das Centre for the Study of Financial Innovation in London kommt zu ähnlichen Empfehlungen. Die Technologie habe die Kreditaufnahme so einfach und bequem gemacht, dass das Überschuldungsrisiko der Konsumenten stetig steige.

Eine bessere Bonitätsprüfung zum Schutz der Konsumenten würde beispielsweise den Verbraucherschutz erhöhen. 10 % aller Kenianer haben inzwischen einen negativen Vermerk in den Unterlagen der Kreditauskunft. Das sieht auf den ersten Blick gar nicht so besorgniserregend aus. Auch in Deutschland haben 9.4 % % der Erwachsenen mindestens einen negativen Eintrag bei der SCHUFA. Doch sieht es so aus, als ob die Dunkelziffer in Kenia wesentlich höher liegt. Einige Anbieter, so suggeriert es der „Economist“, melden ihre säumigen Kunden offensichtlich nicht, damit sie diesen Kunden weiterhin Kredite anbieten können  – zu Wucherzinssätzen.

Marktführer M-Shwari erhebt unabhängig von der Laufzeit eine „Vermittlungsgebühr“ von 7,5 Prozent auf Kredite, damit er einen Zuschlag zur gesetzlich verordneten Zinsobergrenze erhält. Bei einem Darlehen mit einer Laufzeit von einem Monat entspricht dies einem annualisierten Zinssatz von 90 Prozent. Das ist, laut „Economist“-Artikel noch recht anständig. Viele kleine Anbieter arbeiten gleich ganz ausserhalb des Zugriffs der Zentralbank und umgehen die staatliche Zinsobergrenze. Sie kalkulieren also eine hohe Ausfallrate direkt ein.

Auch wenn die Vermittlungkanäle neu und bequem sind, so bleiben die Probleme bei der Kreditvergabe doch die alten: Solange Kredithaie den Markt beherrschen, bleiben die Chancen vieler einkommensschwacher Menschen auf Integration in den Finanzmarkt ein teurer und kurzer Traum.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 23. November 2018