Ideen für klimafreundliche Finanzprodukte

Die Unterzeichnerstaaten des Pariser Klimaabkommens haben in Artikel 2c festgelegt, dass die globalen Finanzströme mit den festgelegten Klimazielen vereinbar sein müssen:

c) Making finance flows consistent with a pathway towards low greenhouse gas emissions and climate-resilient development.(1)

Als deren Vermittler haben Banken eine wichtige Scharnierfunktion. Das Angebot des Schweizer Finanzmarktes kommt diesem Ziel bisher überwiegend nicht nach.

Der Schweizer Think Tank für Aussenpolitik «foraus» und die «Swiss Finance and Technology Association» kooperieren deshalb für eine Reihe von Veranstaltungen miteinander, um neue Ideen für einen klimafreundlichen Schweizer Finanzplatz zu generieren. Auftakt der Reihe bildete am 3. November ein Workshop in Bern. Das Vorgehen orientierte sich am Design Thinking, einer Problemlösungsmethode, die auf der Annahme basiert, dass Probleme besser gelöst werden, wenn Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenarbeiten. An sich eine Selbstverständlichkeit, aber nicht ganz so einfach umsetzbar für Angestellte, die sich in Banken für Nachhaltigkeit einsetzen, aber dort oft auf verlorenem Posten stehen. Oft sieht das Management die Nachhaltigkeit als reinen Kostenfaktor. Deshalb blieben in diesem Workshop die Finanzleute auch nicht unter sich. Die Veranstalter hatten Mitarbeitende aus Fintech-Unternehmen und NPOs, Nachhaltigkeitsexperten sowie Studierende aus Politik und Umweltwissenschaften eingeladen, damit neue Ideen in gemischten Teams entstehen konnten. Die Teams konnten zwischen zwei Aufgaben wählen:

  1. neue Policy-Instrumente entwickeln, die die Klimaziele unterstützen
  2. neue nachhaltige Produktangebote für Retailbanken entwickeln

Die grosse Mehrheit der Teams entschied sich für Aufgabe 2, auch wenn ich selber nicht glaube, dass neue Produktangebote alleine ausreichen, um die Problematik in den Griff zu kriegen. Time-Boxing half den Teams, ihre Arbeitsschritte so zu planen, dass sie am Ende auch bewertbare Ergebnisse lieferten.

Die Rechnung ging auf. 90 Sekunden jeweils hatten die Fünfer-Teams, um ihre Ideen zu präsentieren. Eine Gruppe schlug vor, die Risiken des Klimawandels in das Kreditrating von Unternehmen mit aufzunehmen. Wer als Unternehmen die eigenen Klimadaten nicht öffentlich mache, gehöre nicht an den Kapitalmarkt, war die einhellige Meinung. Ein anderes Team schlug den Banken eine Energie-Effizienz-Initiative für Hypothekenangebote vor, denn die Sanierungsrate des Baubestandes in der Schweiz ist sehr tief. Ein weiteres Team empfahl, Banken sollten aktiv nur noch nachhaltige Produkte anbieten. Wer als Kundin oder Kunde keine nachhaltigen Produkte wolle, müsse sich bewusst dagegen entscheiden (Opt-Out). Der Staat spielte in allen Ideen nur als Datenlieferant eine Rolle.

In einem Hackathon werden Mitte November neue Teams die Vorschläge aus Bern auf Umsetzbarkeit überprüfen. Eine Vorreiterrolle erhoffen sich die Teilnehmer für den erforderlichen Innovationsprozess von der Fintech-Branche, so dass die konventionellen Banken irgendwann gezwungen werden, entweder nachzuziehen oder aber vom Markt verdrängt werden. Das ist eine hehre Idee. Ich habe bereits mehrfach (z.B. hier) darüber geschrieben, dass die wenigsten Fintech-Start-Ups die Nachhaltigkeit auf dem Radar haben, obwohl dies eine echte Differenzierungsmöglichkeit zu den konventionellen Banken darstellen würde.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 05. November 2017

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Finance Watch lädt zum Blockchain-Workshop ein

Noch eine Event-Ankündigung:

Am 14. November 2017 findet in Brüssel der erste einer Reihe von Finance Watch-Workshops statt. Die Workshops haben zum Ziel, den Mitgliedern von Finance Watch, aber auch Regulierungsbehörden, Journalisten und anderen Interessengruppen die Möglichkeit zu geben, sich mit der vielfältigen und herausfordernden Landschaft von Financial Technologies (FinTech) vertraut zu machen und damit die Diskussion über mögliche gesellschaftliche Auswirkungen dieser Technologien anzuregen. Die Anmeldung ist jetzt offen. Die Teilnehmerzahl ist beschränkt, um eine rege Debatte zu ermöglichen.

Im ersten Workshop geht es um das Thema Blockchain, technisches Fundament vieler Fintech-Projekte (und auch sonst).

fintech

Die Speaker kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen und geben einen Einblick in die grosse Bandbreite der Technologie und ihrer Anwendungen. Ich habe den Workshop zusammen mit Rainer Lenz und Christian Stiefmüller vorbereitet.

Agenda

09.00 – 10.30 Technology teach-in: IT introduction
Tony Willenberg, CTO, Neocapita, Vienna

10.30 – 11.00 Coffee break

11.00 – 12.00 Applications: Digital currencies (Bitcoin, Ethereum, Ripple) 
Demelza Kelso Hays, Ph.D. student in Economics, University of Liechtenstein, Vaduz

12.00 – 13.00 Lunch break

13.00 – 14.00 Applications: Beyond currencies (blockchain-based infrastructure – registers, secure transactions, etc.)
Tony Willenberg, CTO, Neocapita, Vienna

14.00 – 15.00 Applications: Financial sector (securities, payment services, asset management)
Brett Scott, journalist, activist, author, London

15.00 – 15.30 Coffee break

15.30 – 16.30 Application: Smart contracts (private sector)
Tom Debus, Managing Partner at Integration Alpha, Zurich

16.30 – 17.00 The state of blockchain-based initial coin offerings‘ (ICOs) regulation
Prof. Dr. Christian M. Piska, University of Vienna, Dr. Oliver Völkel, Attorney at Law

17.00 Closing remarks

Es wäre toll, wenn ich Sie am Workshop treffen würde. Melden Sie sich an. Die Teilnahme ist kostenlos. Es hät solangs hät.

http://www.finance-watch.org/component/content/article/109-languages/english/1441-fintech-workshop-blockchain

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 25. Oktober 2017

 

 

Event im Zürcher Raum: Der Climate FinTech Hack

Fintech_Unternehmen haben viele Möglichkeiten, die wirtschaftliche Entwicklung im nachhaltigen Sinne zu gestalten. Ihre Produktangebote richten sich zum Beispiel an Menschen, die bisher keinen Zugang zu Bankdienstleistungen hatten (financial inclusion). Dank Automatisierung und Konfigurierbarkeit der Angebote können Kunden ihre Gelder sehr viel bewusster so anlegen, dass ihre Grundwerte nicht verletzt werden (z.B. mit einem SRI-Portfolio bei betterment). Bei den allermeisten Start-Ups aus diesem Bereich sieht es allerdings eher so aus, dass Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaerwärmung eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Es geht vielen eher darum, möglichst schnell und viel an den Margen der Banken zu partizipieren. Das war auch mein Eindruck vom letzten Swiss Fintech Day.

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Der Think Tank foraus und die Lobbyvereinigung Swiss Finance and Technology Association wollen diese Ausrichtung nun mit einem Hackathon ändern. An einem gemeinsamen Event sollen möglichst viele Ideen zusammenkommen, die so implementiert werden können, dass sie die nachhaltigen Entwicklungsziele, insbesondere aus dem Bereich Klimaschutz, unterstützen. Beide Organisationen begründen ihre Aktivität damit, dass sich die Schweiz als wichtiger internationaler Finanzplatz und als einer der reiferen Finanzmärkte für nachhaltige Finanzanlagen neu positionieren kann.

Der Hackathon besteht aus einer Folge von Events. Als nächstes, am 2. November, steht eine Sammlung von Ideen im Open Situation Room an. Die Veranstalter konfrontieren die teilnehmenden Gruppen mit mehreren ungelösten Problemen. Von der Beschreibung des Events her klingt der Ablauf nach einem Design-Thinking-Workshop mit vielen, regelmässigen Feedback-Loops, in denen die teilnehmenden Gruppen ihre Zwischenergebnisse pitchen. Ich bin ein grosser DT-Fan. Die Methode kommt bei den meisten Studierenden sehr gut an, auch wenn sie anfangs über das Tempo ein wenig erstaunt sind. Design Thinking hängt aber auch viel von einer guten Moderation ab. Ich denke, mit foraus-Mitgliedern in der Moderatorenrolle hat das Event gute Chancen, ein voller Erfolg zu werden. Eine der ausgearbeiteten Ideen fliesst dann in den klassischen Hackathon am 17. und 18. November ein. Weitere Aufgabenstellungen kommen von den Organisatoren.

Den Gewinnern wird eine kleine Geldprämie in Aussicht gestellt und die Teilnahme am Climate-KIC Accelerator.

Mehr Infos zum Ablauf und zu den Terminen finden sich hier. Anmeldungen einzelner Personen, aber auch von Teams, sind noch möglich.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 23. Oktober 2017

Langfristig profitieren

Das Silicon Valley erfindet manchmal Dinge neu, die es schon lange gibt. Im Silicon Valley wurde vor 10 Jahren das Telefon neu erfunden und damit das Telefonieren abgeschafft. Rund um San Francisco gibt es Sammelruftaxis, die zu bestimmten Zeiten eine festgelegte Strecke abfahren. In Europa nennt man dieses System für gewöhnlich „Bus“. Dieser Tage erfinden ein paar geschäftstüchtige Köpfe von dort die Börse neu. Aus gutem Grund. Der sogenannte short-termism beherrscht seit Jahren die Entwicklung der Börsenunternehmen: die Jagd nach kurzfristigen Quartalszahlen und Managementlöhnen, die an kurzfristigen Zielen bemessen werden, setzen die Firmen immer stärker unter Druck. Immer höher, immer weiter, in immer kürzerer Zeit. Dabei bleiben langfristige Strategien sowohl in der Produkt- als auch in der Personalentwicklung auf der Strecke. Für junge, innovative Firmen bedeutet das, dass die Börse als Exit-Strategie immer weniger in Frage kommt. Steven Kaplan hat berechnet, dass die Zahl der börsennotierten Unternehmen in den USA seit 1990 um 50% zurückgegangen ist. Je länger Unternehmen der Börse fern bleiben, desto langfristiger können sie planen und umsetzen. Das ist gerade in risikoreichen Technologien, wie etwa der Medizinalrobotik, Virtual-Reality-Konzepten oder auch den allgemeinen Anwendungen der Künstlichen Intelligenz wichtig. Aber auch ein hippes, vom Geschäftsmodell eher traditionelles Unternehmen, wie die Kaffeehauskette Blue Bottle Coffee hat lieber an Nestlé verkauft, als den Börsengang zu wagen.

Eric Ries, bekannt für sein Buch „The Lean Startup“ und ein begabter Marketeer, arbeitet bereits seit sieben Jahren am Konzept für diese neue Börse, die sich an langfristig orientierte Anleger und Unternehmen wendet. Die Idee kam ihm, als er für sein Buch mit zahlreichen CEOs Interviews führte und sich diese über den zunehmenden Kurzfrist-Druck beschwerten. Die Börse nennt sich LTSE – Longterm Stock Exchange.

LTSE logo

Was unterscheidet diese neue Börse von anderen? Kernelement ist die Wertigkeit der Stimmrechte: das Stimmrecht der Aktien steigt, je länger ein Anleger sie besitzt („tenure voting“). Ausserdem soll es zusätzliche Governance-Regeln geben, die zum Beispiel die Ausrichtung der Managementgehälter an kurzfristigen Gewinnzielen ausschließen soll. Ein White Paper über die LTSE habe ich nicht finden können. Auch über die technische Umsetzung ist mir nichts bekannt.

Bisher engagieren sich 70 Wagniskapitalgesellschaften mit 19 Millionen Dollar an der Finanzierung des Unternehmens. Darunter befinden sich namhafte Vertreter, wie Andreessens a16z, Thiels Founders’ Fund, Hoffmans Greylock Partners und Twitter-Mitgründer Dick Costolo. Für Venturekapitalisten wäre die neue Börse auf zweifache Weise lukrativ: als neues Geschäftsmodell für Corporate Governance und als Exit-Option für ihre zahlreichen, anderen Engagements. Außerdem erhält diese Plattform einen libertären Anstrich, denn die gelisteten Firmen müssen sich nicht von Gesetzes wegen an die Regeln halten, sie dürfen es. Selbstverpflichtung hält den Regulator fern.

Ries ist nicht der Erste, der sich an neuen Regeln für die Börse versucht. Die UNO hat die Initiative SSE (Sustainable Stock Exchanges) lanciert, damit die etablierten Börsen Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit mit in ihr Reglement aufnehmen und dadurch die Geschäftsstrategie der börsennotierten Unternehmen langfristiger ausgerichtet wird. In den USA, aber auch in der Schweiz, gibt es ausserdem die Möglichkeit, die eigene Firma als B-Corporation zu registrieren. B-Corporation bedeutet, dass man neben dem Profit auch die Ziele Umweltschutz und Sozialverträglichkeit mit berücksichtigt. Das B-Lab zertifiziert die Ausrichtung an dieser Triple Bottom Line. Auch als B-Corporation kann man an die Börse gehen und steht dann dort im Wettbewerb mit anderen Aktien um die Gunst der Anleger (Beispiel: New Resource Bank). Wird das Regelwerk als B-Corporation umgesetzt, sollte die strategische Ausrichtung langfristiger Natur sein. Wozu also eine komplett neue Börse, wenn es doch alle Instrumente für eine Neuausrichtung schon gibt? Eine mögliche Antwort: Die existierenden Lösungen kommen nicht aus dem Silicon Valley. Das B-Lab ist zwar in Kalifornien entstanden, braucht aber kaum Technologie für seine Zertifizierung.

Die LTSE hat noch einige Hürden zu überwinden, bis sie die Genehmigung als alternative Handelsplattform erhält. Viele Prozesse sind unklar (oder mir nicht bekannt). Wie kann an einer langfristig orientierten Börse etwa die Liquidität sichergestellt werden, die teils den kurzfristig orientierten Spekulanten zu verdanken ist, wie schon der Bankenethiker Peter Koslowski bemerkte? Wer schon einmal versucht hat, OTX-Werte über die Plattform der Berner Kantonalbank zu kaufen oder zu verkaufen, weiss, wie lange solche Orders unausgeführt im Markt hängen können. Wie sieht es mit strukturierten Produkten auf der Basis der dort notierten Werte aus? Was passiert mit den Stimmrechten bei Vererbung der Aktien? Fängt die „tenure“ wieder von vorne an und sind die Aktien dann plötzlich weniger wert? Werden deshalb neue Konstrukte entstehen, die dafür sorgen, dass auch bei Weitergabe der Aktien innerhalb bestimmter Personenkreise die „tenure“ gewahrt bleibt? Banker hatten schon immer viel Produktfantasie, wenn es darum ging, Reglemente zu umgehen.

Ries kann auch nicht wirklich entkräften, dass die LTSE letztlich mehr den Firmengründern selber als den Investoren nützt. Zwar hat er Recht, dass das Listing an der LTSE besser für Investoren ist als die derzeit populäre Praxis, beim IPO nur stimmrechtslose Aktien auszugeben (Beispiel Snap), so dass die Gründer die Macht auch nach dem Börsengang behalten. Auch können so aktivistische Hedge Fonds gut in Schach gehalten werden. Dennoch: Wer hat denn die meisten Stimmrechte beim IPO? Das sind diejenigen, die am längsten dabei sind, also die Gründer und die Finanziers der ersten Stunde. Damit habe ich als Investorin auch grundsätzlich kein Problem. Zu „absoluten Monarchien“ (Ries) werden Firmen erst dann, wenn ihre Gründer die Macht behalten wollen, wenn sie ihre Aktien bereits längst verkauft haben (so wie Zuckerberg das vor kurzem versucht hat, dann aber seinen Plan zurückgezogen hat).

Insgesamt muss die LTSE also noch einige kritische Fragen zu ihren Geschäftsprozessen beantworten, bevor sie den operativen Betrieb aufnimmt. An sich finde ich die Idee gut.

Welche Chancen räumt Ihr der Plattform ein?

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 18. Oktober 2017

 

 

 

Die vergessenen Hillbillies

Unvergessen ist der Tweet, mit dem Donald Trump in der Wahlnacht von vor fast einem Jahr denjenigen Menschen pathetisch ein Denkmal setzte, denen er zu einem guten Teil seinen Wahlsieg verdankte:

Lange vergessen sind Trumps Versprechen, diesen Menschen zu helfen. Ihr Schicksal ist unverändert. Die Hillbillies, die Hinterwäldler aus den ländlichen Landstrichen Amerikas, die in den Medien auch unter den abfälligen Bezeichnungen „White Trash“ oder „Redneck“ bekannt sind, leiden weiterhin unter ihrer schlechten sozialen Lage. Diese Leute haben  in den letzten Jahrzehnten nichts vom technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt gehabt. De-Industrialisierung, Outsourcing, schlechte Ausbildung und fehlende neue Arbeitsplätze haben aus dem ehemaligen Industriegürtel der USA einen sozialen Brennpunkt gemacht. Ich kannte diese Schicht bisher nur aus abstrakten, soziologischen Studien und Statistiken. Etwas persönlicher, aber nicht unbedingt authentisch, wurde sie für mich dank Eminem, der seinen Weg aus dem Trailer-Park in Detroit zu einem Gesamtkunstwerk gemacht hat. Doch seit 2016 gibt es zu Eminems schrillen  und aggressiven Rap-Anklagen eine konservative Gegenstimme: J.D. Vance, ein junger Mann aus Ohio, hat in seinen Memoiren das Elend seiner Familie beschrieben. Beseelt vom Amerikanischen Traum, sind seine Grosseltern aus Kentucky nach Ohio gezogen, um dann dort angesichts des Niedergangs der US-amerikanischen Stahlproduktion den sozialen Niedergang der eigenen Familie nicht verhindern zu können.

Eine Statistik, die letzte Woche auf Twitter von Max Roser (via Dina Pomeranz) verbreitet wurde, zeigt das Elend dieser Unterschicht. Eine der Krisenregionen dieses Drogenmissbrauchs, ist eben genau Central Appalachia, die ursprüngliche Heimat der Familie von J.D. Vance. Das ist die Gegend um West Virginia und einem Teil Kentuckys, einer ländlichen Gegend, die längst den Anschluss an die vernetzte Dienstleistungsgesellschaft verloren hat.

overdose-deaths-due-to-opioids-in-the-us-1999-2015
https://ourworldindata.org/grapher/overdose-deaths-due-to-opioids-in-the-us-1999-2015

Doch was treibt die Leute in diese Abhängigkeit? Was die Statistik nicht zeigt, das holt J.D. Vance mit seinen Memoiren „Hillbilly Elegy“ nach. Sein Buch über die Abgehängten der weissen Unterschicht gilt vielen in den USA als Erklärung, weshalb Trump bei den zornigen weissen Männern und ihren Frauen so gut ankam. Das Buch, das im Frühsommer 2017 auch auf Deutsch erschienen ist,  erzählt von der Ausweglosigkeit dieser Menschen. Das macht Vance auf sehr persönliche Weise, denn es ist seine eigene Biographie. Er erzählt schonungslos, auch gegenüber seiner eigenen Mutter, deren Lebensgefährten sich als Ersatzpapis regelrecht die Klinke in die Hand geben. Die meisten dieser Lebensgefährten scheitern bei ihrem Unterfangen glorios. Der Junge kann mit keinem von ihnen eine stabile Beziehung aufbauen. Die Mutter, als Krankenschwester ausgebildet, ist, seit er sich erinnern kann, drogenabhängig. Abhängigkeit und Entzug wechseln sich bei ihr ab wie die Männer. Dennoch wirkt die Familie nicht komplett dysfunktional. Starke Grosseltern, die zwar selber ihre Probleme mit Alkohol und Ehe haben, sorgen für eine gewisse Stabilität. Fehlende Bildung und fehlendes Weltwissen sind ein zentrales Thema des Buchs, die Vance selber erst richtig bewusst werden, als er nach Yale zum Studium wechselt. Da hat er’s schon fast geschafft. Ich fand es bewundernswert, mit welcher Offenheit Vance über seine vielen miesen Erfahrungen schreiben konnte und welche Spuren das  in seinem Verhalten hinterlassen hat, z.B. in einer impulsiven Aggressivität, die sich bis heute in seinem Alltag zeigt.

Das Buch ist allerdings keine rein negative Abrechnung mit seiner eigenen gesellschaftlichen Herkunft, sondern bleibt eine ganz traditionelle Geschichte vom „Amerikanischen Traum“. Vance hat es nämlich geschafft, aus dieser Spirale von Armut und Mutlosigkeit auszubrechen und seinen eigenen Weg in den Wohlstand zu gehen. Während er das Buch schrieb, arbeitete er bereits als Principal beim Investmentfonds Mithril Capital Management, der von Peter Thiel und Ajay Royan geleitet wird. Inzwischen ist er aus San Francisco zurück in seine Heimat Ohio gezogen und leitet dort gemeinsam mit dem AOL-Mitgründer Steve Case das Non-Profit „Rise of the Rest“, das ein Ökosystem für Start-Ups aufbaut.  Peter Thiel, Ajay Royan, Steve Case: Das sind ziemlich glamouröse Namen in den USA. Vance hat es in seinen wenigen 32 Jahren ganz schön weit gebracht. Der Amerikanische Traum funktioniert also immer noch. Die Namen seiner Gönner und Arbeitgeber haben wohl dazu geführt, dass manche Kritiker ihm vorwerfen, er setze den Amerikanischen Traum mit der Gier nach grossen Vermögen gleich. Ich habe seine Erzählung nicht so verstanden. Vances Verständnis des American Dream wird im Buch meist mit dem Besitz eines Einfamilienhauses in einer netten Nachbarschaft assoziiert.

Neben den Grosseltern hat er also immer wieder weitere (private) Förderer gehabt, die ihn unterstützt haben, so dass er aus seinen ärmlichen Verhältnissen in Ohio ausbrechen konnte.  Das sind neben seinen Arbeitgebern und Förderern vor allem die Lehrer an seiner High School, seine Ausbilder bei den Marines,  seine Hochschullehrer (u.a. die Tiger Mom Amy Chua) und seine heutige Ehefrau. Starke Frauen spielen überhaupt in Vances Leben eine sehr grosse Rolle. Seine Sicht auf diese Welt ist eine konservative. Das spürt man, wenn er patriotisch über die USA und seinen eigenen Einsatz  im Krieg in Irak schreibt. Das spürt man auch an seinem Familienbild und an manchen Aussagen über die Rolle des Staates in der Bekämpfung der Armut. Der Staat habe keine Möglichkeit, die Situation zu ändern, meint er. „God helps those who help themselves“ ist eine der Glaubenssätze seiner Grossmutter, die er übernimmt. So lehnt er beispielsweise eine Regulierung von Kredithaien vehement ab, weil damit den Armen die einzige Möglichkeit genommen werde, kurzfristig zu Geld zu kommen. Damit habe ich an mancher Stelle im Buch meine Probleme gehabt, aber gerade seine für mich fremde, konservative Sicht erlaubt auch den Einblick, weshalb so viele dieser Menschen Trump gewählt haben. Sie trauen dem Staat nicht und deshalb trauen sie ihm auch nichts zu. Der Staat, das ist immer wieder auch die Polizei, die die drogenabhängigen Väter und Mütter abführt. Der Staat, das ist derjenige, der  Kinder nur in Pflegefamilien platziert, die eine offizielle Zulassung als Pflegeeltern vorweisen können (die die eigene Verwandtschaft meist nicht nachweisen kann). Das Misstrauen und der Neid gegenüber denen, die diesen fernen Staat repräsentieren, wird besonders deutlich an seinen Äusserungen über die Obamas:

Barack Obama strikes at the heart of our deepest insecurities. he is a good father while many of us aren’t. He wear suits to his job while we wear overalls, if we’re lucky enough to have a job at all. His wife tells us that we shouldn’t be feeding our children certain foods, and we hate her for it – not because we think she’s wrong but because we know she’s right (S. 191)

Das Buch ist an manchen Stellen redundant, gerade wenn es um die Bedeutung der Familie geht. Das Familienthema liegt Vance schon sehr am Herzen. Sein Ton ist deshalb manchmal arg feierlich und instruktiv, aber bleibt immer aufrichtig: Kein Joke, um mal die Stimmung zu lockern, kein Versuch, Spannung aufzubauen, um die Leser zu unterhalten. Das Buch ist nicht sexy. Das hat mir sehr gut gefallen. Der Typ erzählt wie es wa(h)r. Angesichts der Alltagsgewalt und des Frustes wäre alles Andere auch unangemessen. Durch seine Authentizität war das Buch für mich sehr gut zu lesen. Bei einem Blogpost oder Tweet hätte ich sicherlich häufiger ungehalten weggeklickt, weil mir die weltanschauliche Haltung nicht passte. Ein Buch lädt doch eher zum geduldigen Zuhören ein.

Wer verstehen möchte, wie es zum Riss zwischen Eliten und weisser Unterschicht in den USA kam, wird in diesen Memoiren manche Antwort finden. J.D. Vances empfehlenswertes Buch ist bei Ullstein auf Deutsch erschienen: https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/hillbilly-elegie-9783550050084.html

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. Oktober 2017

 

 

Geld braucht Gemeinschaft

 

Der Politologe und Soziologe Roland Benedikter hat 2011 ein grundlegendes Buch über Social Banking geschrieben. Wer sind diese Banken, was leisten sie und was verspricht sich Benedikter von ihnen für die Zukunft? Ich sprach mit ihm über diese Themen für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Moneta, die dem Netzwerk sozialer Banken, der Global Alliance for Banking on Values (GABV), gewidmet ist.

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