Für einmal rechtzeitig das Richtige tun

Das Pariser Klimaabkommen und verschiedene internationale Initiativen wollen den Finanzsektor in den Kampf gegen den Klimawandel einbinden. Der Bundesrat hat es damit aber nicht eilig. Die Schweiz hat die Wahl: abwarten und schauen, was passiert – oder pro-aktiv das Richtige tun.   

Letzte Woche haben im Parlament die Beratungen zur Totalrevision des CO2-Gesetzes begonnen. Für den Schweizer Finanzplatz ist die Vorlage vor allem aus einem Grund interessant: Die linken Parteien fordern, dass auch die Finanzbranche ihren Teil zum Kampf gegen den Klimawandel beiträgt.

Die Forderung gründet sich auf das Pariser Klimaabkommen von 2015. Der Einbezug des Finanzsektors in den Kampf gegen den Klimawandel ist nicht etwa nur eine Massnahme unter vielen im Pariser Abkommen. Im Gegenteil: „Making finance flows consistent with a pathway towards low greenhouse gas emissions and climate-resilient development,“ ist eines der drei Ziele des Abkommens, wie sie in dessen Artikel 2 definiert sind.

Obwohl die Schweiz das Klimaabkommen unterzeichnet und ratifiziert hat, klammert der Bundesrat in seinem Vorschlag zum CO2-Gesetz den Finanzplatz aus. Die Kritik folgte auf dem Fusse: die SP verlangt Massnahmen für einen klimaverträglichen Finanzplatz und die Grünen wollen das Gesetz in dieser Form zurückweisen.

Am weitesten geht der WWF, der schon im Dezember verlauten lies, dass für ihn „klimafreundliches Investieren und Anlegen zunehmend zur treuhänderischen Sorgfaltspflicht gehört.“

Die Schweizer Banken täten gut daran, hier genau hinzuhören. Klimaschutz als Sorgfaltspflicht ist für die Branche, welche schon lange über zu viel Regulierung klagt, natürlich nicht gerade attraktiv. Aber genau so wenig attraktiv ist es, internationale Entwicklungen zuerst zu ignorieren, dann zu bekämpfen, und sie schlussendlich nachvollziehen zu müssen, ohne sie mitgestaltet zu haben.

Doch das wird passieren, wenn die Schweiz und die Schweizer Banken ihrem üblichen Muster folgen. Denn erstens ist der Einbezug des Finanzsektors in den Kampf gegen den Klimawandel seit dem Pariser Klimaabkommen eine internationale Norm. Diese ist zwar nicht rechtlich verbindlich, aber das war der G20-Beschluss zur Einführung des AIA auch nicht. Zweitens arbeiten verschiedene internationale Gremien (zum Beispiel die UNO und die Weltbank oder das Financial Stability Board) an der Konkretisierung von Nachhaltigkeitsprinzipien für den Finanzsektor. Und drittens hat die EU vor, Nachhaltigkeitskriterien in die Finanzmarktregulierung zu integrieren, zum Beispiel, indem diese Teil des Mandates der Aufsichtsbehörden werden.

Klimaschutz-Sorgfaltspflichten sind eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Dass man heute noch nicht genau sagen kann, ob es bis dahin noch 3 oder 7 Jahre dauert, ist egal. Und auch, was schlussendlich der Auslöser sein wird (internationale Regulierungstandards, EU-Äquivalenzerfordernis, politischer Druck aus dem Ausland), ist unerheblich.

Wichtig ist, dass die Schweiz und die Banken jetzt noch Zeit haben, den Trend zu erkennen und sich darauf einzustellen. Jetzt ist der Moment um die bestmöglichen (warum nicht gerade weltweit führenden?) Instrumente und Konzepte zu entwickeln, wie der Finanzsektor seinen Teil zum Klimaschutz beitragen kann.

Die Schweiz hat die Wahl für einmal rechtzeitig das Richtige zu tun. Oder, wie so oft, nichts falsch zu machen, abzuwarten und sich vom Lauf der Dinge überraschen zu lassen.

Peter Kaufmann (ptr_tweets ) ist Leiter Web und Social Media bei der Schweizerischen Bankiervereinigung, 14. April 2018

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Wirtschaftsführer beim Frühstück – das braucht es auch nach Ecopop

Viel wird geschrieben in den letzten Tagen über das wieder erwachte Interesse der Wirtschaftsführer an der Politik. Die Kommentatoren – vor allem in der Wirtschaftspresse – freuen sich über das gestiegene Engagement. Es wurde aber auch Zeit!

Und es war ein langes Erwachen: Es brauchte die Niederlagen bei der Abzocker- und der Masseneinwanderungsinitiative und zusätzlich die Angst vor einer Katastrophe bei der Ecopop-Abstimmung, um die Wirtschaftsprominenz vor die Mikrofone der Journalisten und in die Bahnhofshallen zu treiben.

Ich hoffe, dieser Schlussspurt reicht, um die Ecopop-Initiative zu bodigen. Aber ich wünsche mir auch, dass das Engagement der Wirtschafts-Eliten nach dem Abstimmungssonntag nicht erlahmt. Denn es gibt noch viel zu tun. Die Entfremdung zwischen „Otto-Normalbürger“ und „der Wirtschaft“ ist real. Und dass man jetzt wieder mehr miteinander zu sprechen versucht, heisst noch nicht, dass man sich versteht.

Auf Seite der Wirtschaft wurde nach der Niederlage bei der Abzockerinitiative zwar teilweise das Personal ausgetauscht. Aber die Argumente sind die gleichen geblieben: Wohlstand, Arbeitsplätze, Wachstum. Dass es vernünftige Menschen geben könnte, die ernsthaft andere Prioritäten haben, scheint man nicht so recht glauben zu wollen.

Das liegt wohl daran, dass man auf Wirtschaftsseite noch immer sehr stark auf Sendung ist, und weniger auf Empfang. Ein gutes Beispiel dafür ist die Kampagne „Warum noch weiter wachsen?“ Die Pro-Wachstums-Botschaft wird ausführlich darstellt, aber ein Angebot zum Dialog sucht man vergeblich.

Doch dieser Dialog ist notwendig. Denn egal, wie die Ecopop-Abstimmung ausgeht: es braucht in der Schweiz eine vertiefte Auseinandersetzung über die Widersprüche zwischen unserem Bedürfnis nach materiellem Wohlstand heute und einer guten Lebensqualität morgen. An dieser Diskussion muss sich die Wirtschaft beteiligen. Und zwar nicht nur mit klaren Aussagen, sondern auch mit offenen Ohren.

Die App ersetzt den Hammer

Den Spruch haben Sie bestimmt schon einmal gehört: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ Er wird Paul Watzlawick zugeschrieben und stammt aus der Zeit vor dem ersten iPhone. Heute müsste der Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut und Philosoph es anders sagen: „Wer ein Smartphone hat, hat für jedes Problem eine App.“

Was früher Grundprobleme der menschlichen Existenz waren und Generationen von Philosophen und Seelsorgern beschäftigt hielt, wird heute mittels Touchscreen angegangen. Gelöst werden Probleme der Einsamkeit (Dating-Apps), Stress (Meditations-Apps) und die Angst vor dem Zahnarzt (auch dafür gibt es eine App).

Auch für komplexe ethische Fragen bieten Apps Hilfestellung. Und das scheint nötig. Denn 64 Prozent der Schweizer Arbeitnehmer haben im letzten Jahr am Arbeitsplatz unethisch gehandelt. Zu diesem Ergebnis kommt eine im letzten Monat von KPMG veröffentlichte Studie.

Glücklicherweise legt KPMG der Studie gleich die „KPMG DilemmApp“ bei, mit deren Hilfe Mitarbeiter ihr Bewusstsein für integres Handeln schärfen können. Noch einen Schritt weiter geht die App „Ethical Decision Making“ der kalifornischen Santa Clara University. Sie berechnet einen Wert für die gewählte Handlungsweise. Wenn der Wert zu tief ist, fordert die App den Anwender auf, seine Wahl zu überdenken. Überdenken ist an sich nicht schlecht, aber man kann mit den Werten auch beliebig lange rumspielen, bis einem das Ergebnis passt.

Fehlt eigentlich nur noch eine App im Angebot: diejenige, welche eine positive Firmenkultur mit Kollegen und Vorgesetzten herbeizaubert, an denen man sich ein gutes Beispiel nehmen kann. Dieser Faktor hat nämlich den höchsten Einfluss auf das ethische Verhalten der befragten Arbeitnehmer. Wer macht sich ans Programmieren?

Peter Kaufmann, 16. Juli 2014

Geld und Nachhaltigkeit

Deutschsprachige Ausgabe

Am 15. September jährte sich die Lehmann-Pleite zum fünften Mal. Die Insolvenz der US-Investmentbank im Jahr 2008 machte der Weltöffentlichkeit schlagartig bewusst, dass im Finanzsystem etwas nicht mehr stimmte. Seither scheinen die Krisen kein Ende mehr zu nehmen: Finanzkrise, Staatsschuldenkrise, Eurokrise…

Aber gab es vor 2008 keine Krisen? Doch, wir erinnern uns nur nicht mehr so genau. Tatsächlich gab es laut dem Internationalen Währungsfonds alleine zwischen 1970 und 2010 in 145 Ländern Bankenkrisen, 208 Währungszusammenbrüche und 72 Staatsschuldenkrisen. Zusammen macht das 425 Systemkrisen in durchschnittlich zehn Ländern pro Jahr. Und jedes Mal haben wir geglaubt: This time is different.

Wir haben die Tendenz, jede Krise als Einzelereignis zu sehen. Aber könnte es nicht sein, dass es einen systemischen Grund für die Instabilität des Finanz- und Wirtschaftssystems gibt? Und gibt es vielleicht auch einen Zusammenhang zwischen den Krisen des Finanzsystems und den Problemen der Realwirtschaft wie zum Beispiel die nicht-nachhaltige Produktionsweise und Kurzfristorientierung?

Diese Thematik untersuchen die vier Autoren Lietaer, Arnsberger, Goerner und Brunnhuber [1] des Buchs „Geld und Nachhaltigkeit“ [2]. Das Buch ist als Bericht an das EU-Chapter des Club of Rome [3] verfasst und erinnert damit an den vor vierzig Jahren veröffentlichten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ [4].

Geldsystem als „missing link“

Gleich zu Beginn präsentieren die Autoren ihre These, wonach der bisher übersehene Anknüpfungspunkt zwischen den Krisen des Finanzsystems und der gegenwärtigen, nicht-nachhaltigen Produktions- und Konsumwelt im Geldsystem selber liegt.

Es ist die Art und Weise, wie unser Geld geschöpft wird, wie es funktioniert und verwaltet wird, die zu den wiederkehrenden Krisen in der Finanzwelt und der realen Welt führt.

Dieses Argument entwickeln die Autoren ausführlich und mit einem breiten, interdisziplinären Ansatz. Zu Beginn halten sie aber erst einmal fest, dass man über die Finanz- und Wirtschaftsordnung durchaus nachdenken kann und dass es verschiedene mögliche Sichtweisen (Paradigmen) gibt. Denn die Annahmen, welche der Wirtschaftsordnung zu Grunde liegen, sind keine Naturgesetze. Darum folgern die Autoren: „Wir haben sie uns ausgedacht, und daher können wir sie auch ändern.“ [Seite 74]

Bevor die Änderungsvorschläge kommen, muss natürlich zuerst das Problem identifiziert werden. Darum folgt eine empirische Darstellung des instabilen Finanzsystems mit seinen 425 Systemkrisen seit 1970 und dann ein Ausflug in die Physik. Mit Erkenntnissen aus der Physik kann man nämlich die Stabilität komplexer Systeme messen. Komplexe Systeme sind dann stabil, wenn ein Gleichgewicht zwischen Effizienz und Widerstandsfähigkeit (Resilienz) herrscht. Dabei besteht Resilienz aus den zwei Elementen Vielfalt und Vernetzung. Beim Geld herrscht aber weltweit keine Vielfalt, sondern Monokultur. In allen Währungsräumen besteht Geld als eine durch Bankschulden geschaffene nationale Währung. Das Finanzsystem ist darum nicht besonders widerstandsfähig.  Als Gegenmittel fordern die Autoren eine grössere Vielfalt von Zahlungsmitteln, ein sogenanntes „monetäres Ökosystem“. Ein Beispiel für ein alternatives Zahlungsmittel, das neben der Hauptwährung existiert, ist die Verrechnungseinheit WIR (der „WIR-Cheque“) [5], welche in der Schweiz seit fast 80 Jahren grossflächig für Unternehmen des Mittelstands im Umlauf ist. Die in Basel und Zürich beheimatete WIR-Bank ist nicht nur Kundenbank, sondern auch gleichzeitig Zentralbank dieser Komplementärwährung.

In einem zweiten Argumentationsstrang zeigen die Autoren, welche negativen Effekte das aktuelle Geldsystem hat und wie es dazu kam, dass es sich trotzdem weltweit etablierte. Dabei anerkennen sie bei aller Kritik auch die Leistungen des aktuellen Geldsystems: „Es hat einen Quantensprung in den Wissenschaften sowie die materiell produktivste Zivilisation in der Geschichte der Menschheit ermöglicht.“ [Seite 159] Aber es verstärkt auch den Wirtschaftszyklus („Boom-and-bust-cycle“), fördert das kurzfristige Denken und zwanghaftes Wachstum und führt zur Konzentration von Reichtum und zur Abwertung des Sozialkapitals.

Komplementärwährungen als Lösung

Zum Schluss präsentieren die Autoren neun verschiedene Ideen für Komplementärwährungen. Sie alle können parallel zum „normalen“ Geld funktionieren. Jede erfüllt einen ganz speziellen Zweck und kommt ohne die erwähnten Schwächen des normalen Geldes aus. Fünf der Projekte können privat, von NGO oder Unternehmen gestartet werden, für vier weitere Projekte braucht es die Unterstützung des Staates.

Zum Beispiel für die Torekes [6], welche in der belgischen Stadt Gent schon seit 2010 in Gebrauch sind. Mit den Torekes wird im armen Quartier Rabot die Lebensqualität verbessert, indem ökologische, gesundheitsfördernde und Stadtbild-verschönernde Aktivitäten angeregt werden. Die Menschen des Quartiers hatten sich in einer Umfrage vor allem einen Garten gewünscht und das machte sich die Stadt zu Nutzen. Sie stellt Land zur Verfügung, wo man für 150 Torekes im Jahr vier Quadratmeter Garten pachten kann. Torekes verdienen kann man sich bei Aktivitäten, welche der Gemeinschaft zugutekommen und die von der Stadt organisiert werden (zum Beispiel aufräumen nach einem Fussballmatch oder Montieren von Blumenkästen).

Ein Buch für viele Zwecke

Diese Handlungsorientiertheit ist eine der Stärken des Buches. Die Autoren beschränken sich nicht auf eine Problemdiskussion, sondern sie präsentieren auch umsetzbare Lösungen. Man spürt den Wunsch der Autoren nach konkreten Folgen ihres Berichts auch in der der leichten Lesbarkeit. Hier wurde bewusst für ein breites Publikum geschrieben, die Sprache ist nicht akademisiert und Fachbegriffe werden erklärt. Die klare und sinnvolle Gliederung in Kapitel und Abschnitte und die Verwendung von Kästen und Fussnoten erleichtern die Lektüre. Das Buch eignet sich dank der thematischen Breite, der übersichtlichen Struktur und den vielen Verweisen auf weiterführende Materialien übrigens auch als Nachschlagewerk und Ausgangspunkt für die weitere Lektüre.

Zusätzliches Material gibt es auf einer speziellen Webseite [7], auf welche im Buch an mehreren Stellen verwiesen wird. Diese Webseite ist leider ein Schwachpunkt des Buches. Sie ist von der Gestaltung und der Interaktivität her nicht auf der Höhe der Zeit. Und einer der Anhänge, auf welche im Buch verwiesen wird, ist nicht vorhanden. Zudem gibt es die Website nur auf Englisch.

Die grösste Schwäche des Buches ist allerdings, dass nicht erklärt wird, wie das konventionelle moderne „Bankschuldengeld“ geschaffen wird. Während andere Konzepte im Buch selbst erklärt werden, wird die moderne Geldschöpfung in einen Anhang auf der Webseite verbannt. Dabei handelt es sich hier um das Kernproblem, das jeder Leser verstanden haben sollte. Es ist darum sehr schade, dass dieser Schritt in einen Online-Anhang ausgelagert wurde. [8]

Trotzdem handelt es sich bei „Geld und Nachhaltigkeit“ um ein sehr lesenswertes Buch, dem eine grosse Leserschaft zu wünschen ist. In einer Zeit, in welcher allenthalben nach neuen Ideen zur Lösung der Finanz- und Staatsschuldenkrisen gesucht wird, zeigt dieser Bericht Lösungsansätze auf, welche zwar ausserhalb des Erwarteten liegen – aber nicht ausserhalb des Möglichen.

[1] Bernard Lietaer (www.lietaer.com), Christian Arnsperger (www.eco-transitions.blogspot.de), Sally Goerner (www.integralscienceinstitute.org/about_ISI.html), Stefan Brunnhuber (www.stefan-brunnhuber.de)

[2] Bei Books.ch: http://www.books.ch/detail/ISBN-9783944305066/Lietaer-Bernard/Geld-und-Nachhaltigkeit; bei Amazon: http://www.amazon.de/Geld-Nachhaltigkeit-%C3%BCberholten-Finanzsystem-%C3%96kosystem/dp/394430506X/

[3] http://www.clubofrome.eu/

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Grenzen_des_Wachstums

[5] http://www.wir.ch/

[6] http://www.torekes.be/

[7] http://www.money-sustainability.net/

[8] http://www.money-sustainability.net/appendix-a-a-primer-on-how-money-works-your-money-in-its-world/

Peter Kaufmann, 19.09.2013

„Betrug“

Schon seit einiger Zeit wollte ich den im Internet verfügbaren spanischen Dokumentarfilm „Betrug“ besprechen. Die Goldinitiative der Schweizerischen Volkspartei (SVP), welche der Nationalbank (SNB) einen fixen Goldanteil an den Währungsreserven vorschreiben will (und zu der sich unüblicherweise sogar der Präsident der SNB geäussert hat [1]), liefert mir nun einen überraschenden Aktualitätsbezug.

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Peinliches Schweigen um die Geldschöpfung

Ich wurde eher zufällig aufgeklärt – auf Youtube. Irgendwie interessierte mich die Sache einfach immer mehr, und nachdem ich etwas gegoogelt hatte und einige Links anklickte, lief da dieses Video. Es war nicht gerade professionell gemacht und vom eher dümmlichen Plot war sofort klar, dass es den Machern nicht um die Rahmenhandlung ging, sondern nur um das Eine… die Geldschöpfung.

Die wenigsten Menschen verstehen, wie die Geldschöpfung heute funktioniert. Wenn sie es verstehen, haben sie es ziemlich sicher nicht in der Schule oder an der Uni gelernt, sondern es sich selbst beigebracht. Möglicherweise auch mit Hilfe von Youtube. Dass dies kein Zufall ist, will der Journalist und Autor Norbert Häring* in einem Artikel [1] aufzeigen, der in der neusten Ausgabe der Real World Economics Review [2] erschien. Am Beispiel von zwei deutschen Bundesbankern und zwei populären Lehrbüchern illustriert er, dass Zentralbanker und Professoren den Prozess der Geldschöpfung verzerrt darstellen. Und er argumentiert, dies geschehe mit Absicht.

Eine schöne Geschichte – leider stimmt sie nicht
Die Geschichte, welche die Zentralbanker erzählen, geht so: Zentralbanken wurden von Regierungen geschaffen, damit diese nach Belieben Geld herstellen und ausgeben können. Die historische Erfahrung zeigt, dass dies immer wieder Inflation zur Folge hatte. Darum ist es heute so wichtig, dass Zentralbanken von der Regierung unabhängig sind um die Geldmenge im allgemeinen Interesse regulieren zu können, und nicht den Interessen der Politiker dienen müssen.

Häring kritisiert diese Geschichte in allen Punkten. Erstens verschweigen die Zentralbanker, dass es vor allem die Geschäftsbanken sind, welche die kaufkräftige Geldmenge herstellen. Tatsächlich ist es sogar so, dass die Zentralbanken die Geldschöpfung der Geschäftsbanken oft nur passiv nachvollziehen, indem sie die von den Geschäftsbanken benötigten Reserven an Zentralbankgeld nachträglich zur Verfügung stellen.

Zweitens zeigt Häring, dass der behauptete Zusammenhang zwischen von Regierungen gegründeten und kontrollierten Zentralbanken und Inflation nicht unbedingt besteht. Er führt dabei unter anderem die Bank of England und die Federal Reserve an, welche beide als private Institute gegründet wurden. Die Bank of England wurde erst 1946 verstaatlicht und die US-Notenbank ist bis heute eine private Organisation im Besitz ihrer Mitgliedsbanken. Die Preussische Bank, welche später zur Reichsbank wurde, ist hingegen ein Beispiel einer von der Regierung eng kontrollierten Zentralbank, die sich der Inflationsgefahr wohl bewusst war und als sehr gut geführt und erfolgreich galt.

Was die Zentralbanker, drittens, gänzlich verschweigen, ist das Privileg des Geldschöpfungsgewinns (Seignorage), der überwiegend den privaten Geschäftsbanken zu Gute kommt, da sie den Grossteil des Geldes schaffen.

Lehrbücher mit Leerstellen
Wie die Zentralbanker stellen auch die von Häring untersuchten Lehrbücher den Sachverhalt unvollständig und verzerrt dar. Die erste Kritik an den Lehrbüchern aber ist, dass sie dem Thema Geldschöpfung sehr wenig Bedeutung zumessen. Beide Lehrbücher (von Krugmann/Wells und Mankiw/Taylor) widmen sich der Frage, woher das Geld kommt, erst nach frühestens 600 Seiten, obwohl die Art und Weise, wie Geld hergestellt und allokiert wird, einen sehr grossen – und oft unterschätzten – Einfluss auf das Funktionieren der Wirtschaft hat.

Zur Geschichte und Organisation der wichtigsten Zentralbanken äussern sich die beiden Lehrbücher nur bruchstückhaft, so dass der Leser den Eindruck gewinnen muss, die Bank of England und die Federal Reserve seien öffentliche Institutionen und dies schon seit jeher. Wie oben beschrieben, ist dies nicht korrekt.

Und die eigentliche Gretchenfrage umgehen die vier Autoren in ihren zwei Büchern im Zick-Zack-Kurs. Wie funktioniert der Prozess der Geldschöpfung? – Dies wird nur unzulänglich erklärt mit Hilfe des Geldmultiplikators,  obwohl dieser Erklärungsansatz laut Häring veraltet ist. Und dann enden auch schon die Erklärungen, obwohl es gerade erst interessant würde. Wem nämlich nützt diese Art der Geldschöpfung? Und welche Nachteile hat dieses System? Darüber schweigen die Lehrbücher.

Qui bono?
Aus dem Vorhergehenden schliesst Häring: die Zentralbanker und Lehrbuch-Autoren wollen das Publikum glauben machen, die Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken sei normal, harmlos, alternativlos und unter der Kontrolle der Zentralbanken. Aber warum? Laut Häring steht zum einen der Wunsch der Zentralbanker dahinter, ihren Einfluss auf die Wirtschaft nicht allzu deutlich herausstreichen zu wollen. Vor allem aber sei es der Wunsch der privaten Banken, dass ihr sehr profitables Privileg des Geldschöpfungsgewinns nicht ins öffentliche Bewusstsein gelange. Weil die Finanzelite mit den Zentralbankern und den Wirtschaftswissenschaftern eng verzahnt ist, schaffe sie es, diese Verschwiegenheit aufrecht zu halten.

Ich bin kein Fan von Verschwörungstheorien und mag Härings Verdacht nicht einfach so teilen. Allerdings legt er den Finger mit Recht auf einen wunden Punkt: das Mass an Unwissen und Unverständnis in der breiten Bevölkerung über Geld und Geldschöpfung ist ein Problem und zugleich ein Rätsel. Es ist wahr, dass die Geldschöpfung und verwandte Themen an Schulen und Universitäten aber auch in der Politik ungenügend thematisiert werden. Hier gibt es noch viel zu tun und die Frage, woran es liegt, soll gestellt werden. Andererseits ist es doch erstaunlich, wie wenig sich die Menschen – speziell die Journalisten und Wirtschaftswissenschaftler – für das Thema interessieren. An der Verfügbarkeit der Informationen liegt es nicht. Die Komplexität des Themas kann ebenfalls nicht ausschlaggebend sein – zum Klimawandel hat ja auch jeder eine Meinung. Sogar wenn das Sprechen über die Geldschöpfung für gewisse Berufsgruppen, zum Beispiel Notenbanker, ein Tabu sein sollte, erstaunt es doch, dass von all den anderen intelligenten Leuten so wenige von der Neugier gepackt werden. Warum nicht einfach mal nach einem handgestrickten, dümmlichen Youtube-Filmchen googeln?

*Der Autor
Norbert Häring ist Journalist beim deutschen Handelsblatt [3] und Autor populärwissenschaftlicher Bücher, welche sich kritisch mit der aktuellen Wirtschaftswissenschaft auseinandersetzen. Er war auch Mitinitiator und Gründungsmitglied der World Economics Association [4]. Diese gibt die Real World Economics Review heraus, in welcher der besprochene Artikel erschien.

[1] http://www.paecon.net/PAEReview/issue63/Haring63.pdf
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Real-world_economics_review
[3] http://www.handelsblatt.com/norbert-haering-1377222/1986060.html
[4] http://www.worldeconomicsassociation.org/

 

Peter Kaufmann, 04. April 2013