Die vergessenen Hillbillies

Unvergessen ist der Tweet, mit dem Donald Trump in der Wahlnacht von vor fast einem Jahr denjenigen Menschen pathetisch ein Denkmal setzte, denen er zu einem guten Teil seinen Wahlsieg verdankte:

Lange vergessen sind Trumps Versprechen, diesen Menschen zu helfen. Ihr Schicksal ist unverändert. Die Hillbillies, die Hinterwäldler aus den ländlichen Landstrichen Amerikas, die in den Medien auch unter den abfälligen Bezeichnungen „White Trash“ oder „Redneck“ bekannt sind, leiden weiterhin unter ihrer schlechten sozialen Lage. Diese Leute haben  in den letzten Jahrzehnten nichts vom technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt gehabt. De-Industrialisierung, Outsourcing, schlechte Ausbildung und fehlende neue Arbeitsplätze haben aus dem ehemaligen Industriegürtel der USA einen sozialen Brennpunkt gemacht. Ich kannte diese Schicht bisher nur aus abstrakten, soziologischen Studien und Statistiken. Etwas persönlicher, aber nicht unbedingt authentisch, wurde sie für mich dank Eminem, der seinen Weg aus dem Trailer-Park in Detroit zu einem Gesamtkunstwerk gemacht hat. Doch seit 2016 gibt es zu Eminems schrillen  und aggressiven Rap-Anklagen eine konservative Gegenstimme: J.D. Vance, ein junger Mann aus Ohio, hat in seinen Memoiren das Elend seiner Familie beschrieben. Beseelt vom Amerikanischen Traum, sind seine Grosseltern aus Kentucky nach Ohio gezogen, um dann dort angesichts des Niedergangs der US-amerikanischen Stahlproduktion den sozialen Niedergang der eigenen Familie nicht verhindern zu können.

Eine Statistik, die letzte Woche auf Twitter von Max Roser (via Dina Pomeranz) verbreitet wurde, zeigt das Elend dieser Unterschicht. Eine der Krisenregionen dieses Drogenmissbrauchs, ist eben genau Central Appalachia, die ursprüngliche Heimat der Familie von J.D. Vance. Das ist die Gegend um West Virginia und einem Teil Kentuckys, einer ländlichen Gegend, die längst den Anschluss an die vernetzte Dienstleistungsgesellschaft verloren hat.

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https://ourworldindata.org/grapher/overdose-deaths-due-to-opioids-in-the-us-1999-2015

Doch was treibt die Leute in diese Abhängigkeit? Was die Statistik nicht zeigt, das holt J.D. Vance mit seinen Memoiren „Hillbilly Elegy“ nach. Sein Buch über die Abgehängten der weissen Unterschicht gilt vielen in den USA als Erklärung, weshalb Trump bei den zornigen weissen Männern und ihren Frauen so gut ankam. Das Buch, das im Frühsommer 2017 auch auf Deutsch erschienen ist,  erzählt von der Ausweglosigkeit dieser Menschen. Das macht Vance auf sehr persönliche Weise, denn es ist seine eigene Biographie. Er erzählt schonungslos, auch gegenüber seiner eigenen Mutter, deren Lebensgefährten sich als Ersatzpapis regelrecht die Klinke in die Hand geben. Die meisten dieser Lebensgefährten scheitern bei ihrem Unterfangen glorios. Der Junge kann mit keinem von ihnen eine stabile Beziehung aufbauen. Die Mutter, als Krankenschwester ausgebildet, ist, seit er sich erinnern kann, drogenabhängig. Abhängigkeit und Entzug wechseln sich bei ihr ab wie die Männer. Dennoch wirkt die Familie nicht komplett dysfunktional. Starke Grosseltern, die zwar selber ihre Probleme mit Alkohol und Ehe haben, sorgen für eine gewisse Stabilität. Fehlende Bildung und fehlendes Weltwissen sind ein zentrales Thema des Buchs, die Vance selber erst richtig bewusst werden, als er nach Yale zum Studium wechselt. Da hat er’s schon fast geschafft. Ich fand es bewundernswert, mit welcher Offenheit Vance über seine vielen miesen Erfahrungen schreiben konnte und welche Spuren das  in seinem Verhalten hinterlassen hat, z.B. in einer impulsiven Aggressivität, die sich bis heute in seinem Alltag zeigt.

Das Buch ist allerdings keine rein negative Abrechnung mit seiner eigenen gesellschaftlichen Herkunft, sondern bleibt eine ganz traditionelle Geschichte vom „Amerikanischen Traum“. Vance hat es nämlich geschafft, aus dieser Spirale von Armut und Mutlosigkeit auszubrechen und seinen eigenen Weg in den Wohlstand zu gehen. Während er das Buch schrieb, arbeitete er bereits als Principal beim Investmentfonds Mithril Capital Management, der von Peter Thiel und Ajay Royan geleitet wird. Inzwischen ist er aus San Francisco zurück in seine Heimat Ohio gezogen und leitet dort gemeinsam mit dem AOL-Mitgründer Steve Case das Non-Profit „Rise of the Rest“, das ein Ökosystem für Start-Ups aufbaut.  Peter Thiel, Ajay Royan, Steve Case: Das sind ziemlich glamouröse Namen in den USA. Vance hat es in seinen wenigen 32 Jahren ganz schön weit gebracht. Der Amerikanische Traum funktioniert also immer noch. Die Namen seiner Gönner und Arbeitgeber haben wohl dazu geführt, dass manche Kritiker ihm vorwerfen, er setze den Amerikanischen Traum mit der Gier nach grossen Vermögen gleich. Ich habe seine Erzählung nicht so verstanden. Vances Verständnis des American Dream wird im Buch meist mit dem Besitz eines Einfamilienhauses in einer netten Nachbarschaft assoziiert.

Neben den Grosseltern hat er also immer wieder weitere (private) Förderer gehabt, die ihn unterstützt haben, so dass er aus seinen ärmlichen Verhältnissen in Ohio ausbrechen konnte.  Das sind neben seinen Arbeitgebern und Förderern vor allem die Lehrer an seiner High School, seine Ausbilder bei den Marines,  seine Hochschullehrer (u.a. die Tiger Mom Amy Chua) und seine heutige Ehefrau. Starke Frauen spielen überhaupt in Vances Leben eine sehr grosse Rolle. Seine Sicht auf diese Welt ist eine konservative. Das spürt man, wenn er patriotisch über die USA und seinen eigenen Einsatz  im Krieg in Irak schreibt. Das spürt man auch an seinem Familienbild und an manchen Aussagen über die Rolle des Staates in der Bekämpfung der Armut. Der Staat habe keine Möglichkeit, die Situation zu ändern, meint er. „God helps those who help themselves“ ist eine der Glaubenssätze seiner Grossmutter, die er übernimmt. So lehnt er beispielsweise eine Regulierung von Kredithaien vehement ab, weil damit den Armen die einzige Möglichkeit genommen werde, kurzfristig zu Geld zu kommen. Damit habe ich an mancher Stelle im Buch meine Probleme gehabt, aber gerade seine für mich fremde, konservative Sicht erlaubt auch den Einblick, weshalb so viele dieser Menschen Trump gewählt haben. Sie trauen dem Staat nicht und deshalb trauen sie ihm auch nichts zu. Der Staat, das ist immer wieder auch die Polizei, die die drogenabhängigen Väter und Mütter abführt. Der Staat, das ist derjenige, der  Kinder nur in Pflegefamilien platziert, die eine offizielle Zulassung als Pflegeeltern vorweisen können (die die eigene Verwandtschaft meist nicht nachweisen kann). Das Misstrauen und der Neid gegenüber denen, die diesen fernen Staat repräsentieren, wird besonders deutlich an seinen Äusserungen über die Obamas:

Barack Obama strikes at the heart of our deepest insecurities. he is a good father while many of us aren’t. He wear suits to his job while we wear overalls, if we’re lucky enough to have a job at all. His wife tells us that we shouldn’t be feeding our children certain foods, and we hate her for it – not because we think she’s wrong but because we know she’s right (S. 191)

Das Buch ist an manchen Stellen redundant, gerade wenn es um die Bedeutung der Familie geht. Das Familienthema liegt Vance schon sehr am Herzen. Sein Ton ist deshalb manchmal arg feierlich und instruktiv, aber bleibt immer aufrichtig: Kein Joke, um mal die Stimmung zu lockern, kein Versuch, Spannung aufzubauen, um die Leser zu unterhalten. Das Buch ist nicht sexy. Das hat mir sehr gut gefallen. Der Typ erzählt wie es wa(h)r. Angesichts der Alltagsgewalt und des Frustes wäre alles Andere auch unangemessen. Durch seine Authentizität war das Buch für mich sehr gut zu lesen. Bei einem Blogpost oder Tweet hätte ich sicherlich häufiger ungehalten weggeklickt, weil mir die weltanschauliche Haltung nicht passte. Ein Buch lädt doch eher zum geduldigen Zuhören ein.

Wer verstehen möchte, wie es zum Riss zwischen Eliten und weisser Unterschicht in den USA kam, wird in diesen Memoiren manche Antwort finden. J.D. Vances empfehlenswertes Buch ist bei Ullstein auf Deutsch erschienen: https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/hillbilly-elegie-9783550050084.html

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. Oktober 2017

 

 

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Ein Konto für die ganze Welt

‚Joachim Ackva ist durch seine persönliche Grosszügigkeit bekannt geworden: Er lässt regelmässig Geldscheine vom Himmel fallen. Im letzten Oktober regneten etwa auch in Zürich Zehnernötli  vom Himmel. Mit seinen Aktionen kam er in alle Zeitungen und Fernsehnachrichten. Wer verteilt schon Geld – einfach so? Das muss doch ein Spinner sein. Die FAZ beispielsweise reihte die Sterntaler-Events amüsiert und irritiert als Kunsttrend ein. Ein gelassener und witziger Umgang mit Geld ist nun mal nicht jedermanns Sache.

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Caspar Dohmen: Profitgier ohne Grenzen

Caspar Dohmen packt in seinem Buch “Profitgier ohne Grenzen” ein aktuell heisses Eisen an: Was passiert, wenn Arbeit nichts mehr wert ist und Menschenrechte auf der Strecke bleiben? Dabei schlägt der Journalist geographisch und sozial einen grossen Bogen: Er führt uns vom Schlachthaus in der deutschen Provinz über die digitalen Tagelöhnern der Gig Economy in den urbanen Zentren bis in die Textilfabriken Karachis. Gleichzeitig beleuchtet er die Thematik aus der Perspektive der relevanten Gruppen: der Konzerne, der Arbeitnehmer, der Gewerkschaften und der NGOs. Ausbeutung ist kein Problem armer Länder, sondern armer Leute – das ist die Schlussfolgerung aus den zahlreichen Beispielen, die Dohmen gründlich recherchiert hat. Manches davon kennt man, liest bei ihm aber dennoch weiter. Das liegt an seinem Stil, mit grossartigen Konversationen: Trotz grosser Reflektiertheit bleibt er seinem anschaulichen Erzählstil eines „Reporters vor Ort“ treu.

Er bleibt auch nicht bei der Beschreibung stehen, sondern gibt konkrete Empfehlungen, wie die Rechte der Arbeitnehmer global gestärkt werden können. So fordert er u.a. die Verpflichtung der Konzerne zur Einhaltung der Menschenrechte und sozialer Mindeststandards, stärkere Gewerkschaften und mehr linken Kapitalismus. Aber auch Überlegungen zum Grundeinkommen gehören dazu. Internationale Solidarität unter den Arbeitenden ist für Dohmen Teil der Lösung. Für andere dürfte genau darin das Problem liegen. Wer sich die heftigen protektionistischen Reaktionen u.a. in UK und den USA auf internationale Absprachen anschaut, wird zwangsläufig pessimistisch, wenn es um den Ruf nach internationaler Solidarität geht.

Bleibt zumindest auf Schweizer Seite die Hoffnung, dass sich die Konzernverantwortungsinitiative durchsetzt. Die globale Einhaltung der Menschenrechte durch die Konzerne ist eine der Grundforderungen des deutschen Journalisten. Er nimmt jedoch nicht explizit Bezug auf die Initiative. Kommt sie durch, werden zumindest Schweizer Konzerne weltweit die Menschenrechte einhalten müssen. Wohlstand für alle heisst das noch lange nicht. Aber es wäre immerhin ein erster Schritt. Das dürfte Dohmen gefallen. Er ist ein Mann pragmatischer Schritte, nicht radikaler Grossentwürfe.

Caspar Dohmen, Profitgier ohne Grenzen. Wenn Arbeit nichts mehr wert ist und Menschenrechte auf der Strecke bleiben. Köln: eichborn, 2016.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 29.01.2017

Robert Misiks Kaputtalismus

Schon der Titel von Robert Misiks neuem Buch zeigt, dass der Kapitalismus nicht so leicht kaputt zu kriegen ist. Die Verschmelzung „Kaputtalismus“ ist marktschreierisch, bewusst platt-originell zugespitzt und gehorcht damit genau den mentalen Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie, die den Kapitalismus am Leben halten. Noch ist es also nicht vorbei.

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21 Bankerinnen und Banker auf dem Weg zu neuen Ufern

Dunkler Anzug, die Haare zur Seite gegelt, fieses Lächeln. Dank Leonardo DiCaprio und Michael Douglas haben wir alle ein recht einseitiges Bild vom Banker. Matthias A. Weiss porträtiert in seinem neuen Buch 21 ehemalige Banker, die diesem Stereotyp nicht entsprechen.

Zumindest ausserhalb der Bank ist es den Porträtierten gelungen, auf vielfältige Weise zufrieden und erfolgreich zu sein. Der Ausstieg hat sich menschlich gelohnt, so scheint’s. In Interviews fragt der Theologe und Buchautor Weiss nach, weshalb sie die Bank verlassen und was sie danach aus ihrem (Berufs-)Leben gemacht haben.  Da gibt es die Ex-Bankerin, die drei Krippen eröffnet und den, der seine eigene Bank gegründet hat. Wenigstens eine Person ist also der Branche treu geblieben. Ein weiterer ist Bergbeizer geworden, ein anderer Teehändler. Eine Frau arbeitet als Journalistin. Eine weitere ist als Hausfrau und Mutter glücklich.

Das Newsportal Watson präsentiert heute einige der Interviewten. Das sind die eher glamouröseren Portraits. Die stilleren fallen hier unter den Tisch.

Das Buch kann als Hardcover und E-Book hier bezogen werden.

Am Freitag gibt es auch eine Vernissage in Zürich: 14. Oktober 2016, 19.30 – 21 Uhr, Glockenhof, Saal London, Sihlstrasse 33, Zürich. Anwesend sein werden die Porträtierten Renata Georg Preiswerk, Familienfrau, sowie Martin Egli, Geschäftsführer Verein Behinderten-Reisen Zürich.

Gelesen habe ich das Buch selber noch nicht, aber es klingt viel versprechend. Über Lesekommentare würde ich mich daher auch hier auf dem Blog freuen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 12.10.2016

Ein Stups reicht nicht aus

Vielleicht bin ich altmodisch, aber von einer BWL-Lehrstuhlinhaberin hätte ich mir eine ausführlichere und nüchterne Faktenbasis gewünscht. Was Evi Hartmann, Professorin für Supply Chain Management an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, in ihrem Buch Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral präsentiert, ist eine Empörungstirade. Und die hält sie konsequent über 224 Seiten durch.

Hartmann U1 16.09.2015.inddWeiterlesen »

Anthropologie für Ökonomen

Interessieren sich Ökonomen für Anthropologie?

Ich bin mir da nicht so sicher. Das würde nämlich bedeuten, die gesicherte Modellwelt zu verlassen und sich mit echten Menschen zu befassen. Ein Perspektivwechsel würde sich aber lohnen, wie eine Literaturliste zeigt, die Erin B. Taylor, Postdoc am Instituto de Ciências Sociais der Universität in Lissabon, zusammengestellt hat. Spätestens seit der Finanzkrise übt die „Spezies“ der Banker eine grosse Anziehungskraft auf die Anthropologie aus. Dank ihres speziellen und geheimnisumwitterten Habitus haben sich die Finanzleute eine Parallelwelt aufgebaut, die den meisten Menschen so fremd und unverständlich ist wie ein nicht-kontaktiertes Amazonasvolk – und uns doch zu beherrschen scheint. Inzwischen scheinen sich mehr Soziologen, Anthropologen und Ethnologen um diese Spezies zu kümmern als die Wirtschaftswissenschaft. Das sollte sich ändern.

The_worship_of_Mammon

Hier ist der Link zur Liste: http://erinbtaylor.com/anthropology-for-economists/