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Ein Konto für die ganze Welt

‚Joachim Ackva ist durch seine persönliche Grosszügigkeit bekannt geworden: Er lässt regelmässig Geldscheine vom Himmel fallen. Im letzten Oktober regneten etwa auch in Zürich Zehnernötli  vom Himmel. Mit seinen Aktionen kam er in alle Zeitungen und Fernsehnachrichten. Wer verteilt schon Geld – einfach so? Das muss doch ein Spinner sein. Die FAZ beispielsweise reihte die Sterntaler-Events amüsiert und irritiert als Kunsttrend ein. Ein gelassener und witziger Umgang mit Geld ist nun mal nicht jedermanns Sache.

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Caspar Dohmen: Profitgier ohne Grenzen

Caspar Dohmen packt in seinem Buch “Profitgier ohne Grenzen” ein aktuell heisses Eisen an: Was passiert, wenn Arbeit nichts mehr wert ist und Menschenrechte auf der Strecke bleiben? Dabei schlägt der Journalist geographisch und sozial einen grossen Bogen: Er führt uns vom Schlachthaus in der deutschen Provinz über die digitalen Tagelöhnern der Gig Economy in den urbanen Zentren bis in die Textilfabriken Karachis. Gleichzeitig beleuchtet er die Thematik aus der Perspektive der relevanten Gruppen: der Konzerne, der Arbeitnehmer, der Gewerkschaften und der NGOs. Ausbeutung ist kein Problem armer Länder, sondern armer Leute – das ist die Schlussfolgerung aus den zahlreichen Beispielen, die Dohmen gründlich recherchiert hat. Manches davon kennt man, liest bei ihm aber dennoch weiter. Das liegt an seinem Stil, mit grossartigen Konversationen: Trotz grosser Reflektiertheit bleibt er seinem anschaulichen Erzählstil eines „Reporters vor Ort“ treu.

Er bleibt auch nicht bei der Beschreibung stehen, sondern gibt konkrete Empfehlungen, wie die Rechte der Arbeitnehmer global gestärkt werden können. So fordert er u.a. die Verpflichtung der Konzerne zur Einhaltung der Menschenrechte und sozialer Mindeststandards, stärkere Gewerkschaften und mehr linken Kapitalismus. Aber auch Überlegungen zum Grundeinkommen gehören dazu. Internationale Solidarität unter den Arbeitenden ist für Dohmen Teil der Lösung. Für andere dürfte genau darin das Problem liegen. Wer sich die heftigen protektionistischen Reaktionen u.a. in UK und den USA auf internationale Absprachen anschaut, wird zwangsläufig pessimistisch, wenn es um den Ruf nach internationaler Solidarität geht.

Bleibt zumindest auf Schweizer Seite die Hoffnung, dass sich die Konzernverantwortungsinitiative durchsetzt. Die globale Einhaltung der Menschenrechte durch die Konzerne ist eine der Grundforderungen des deutschen Journalisten. Er nimmt jedoch nicht explizit Bezug auf die Initiative. Kommt sie durch, werden zumindest Schweizer Konzerne weltweit die Menschenrechte einhalten müssen. Wohlstand für alle heisst das noch lange nicht. Aber es wäre immerhin ein erster Schritt. Das dürfte Dohmen gefallen. Er ist ein Mann pragmatischer Schritte, nicht radikaler Grossentwürfe.

Caspar Dohmen, Profitgier ohne Grenzen. Wenn Arbeit nichts mehr wert ist und Menschenrechte auf der Strecke bleiben. Köln: eichborn, 2016.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 29.01.2017

Robert Misiks Kaputtalismus

Schon der Titel von Robert Misiks neuem Buch zeigt, dass der Kapitalismus nicht so leicht kaputt zu kriegen ist. Die Verschmelzung „Kaputtalismus“ ist marktschreierisch, bewusst platt-originell zugespitzt und gehorcht damit genau den mentalen Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie, die den Kapitalismus am Leben halten. Noch ist es also nicht vorbei.

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21 Bankerinnen und Banker auf dem Weg zu neuen Ufern

Dunkler Anzug, die Haare zur Seite gegelt, fieses Lächeln. Dank Leonardo DiCaprio und Michael Douglas haben wir alle ein recht einseitiges Bild vom Banker. Matthias A. Weiss porträtiert in seinem neuen Buch 21 ehemalige Banker, die diesem Stereotyp nicht entsprechen.

Zumindest ausserhalb der Bank ist es den Porträtierten gelungen, auf vielfältige Weise zufrieden und erfolgreich zu sein. Der Ausstieg hat sich menschlich gelohnt, so scheint’s. In Interviews fragt der Theologe und Buchautor Weiss nach, weshalb sie die Bank verlassen und was sie danach aus ihrem (Berufs-)Leben gemacht haben.  Da gibt es die Ex-Bankerin, die drei Krippen eröffnet und den, der seine eigene Bank gegründet hat. Wenigstens eine Person ist also der Branche treu geblieben. Ein weiterer ist Bergbeizer geworden, ein anderer Teehändler. Eine Frau arbeitet als Journalistin. Eine weitere ist als Hausfrau und Mutter glücklich.

Das Newsportal Watson präsentiert heute einige der Interviewten. Das sind die eher glamouröseren Portraits. Die stilleren fallen hier unter den Tisch.

Das Buch kann als Hardcover und E-Book hier bezogen werden.

Am Freitag gibt es auch eine Vernissage in Zürich: 14. Oktober 2016, 19.30 – 21 Uhr, Glockenhof, Saal London, Sihlstrasse 33, Zürich. Anwesend sein werden die Porträtierten Renata Georg Preiswerk, Familienfrau, sowie Martin Egli, Geschäftsführer Verein Behinderten-Reisen Zürich.

Gelesen habe ich das Buch selber noch nicht, aber es klingt viel versprechend. Über Lesekommentare würde ich mich daher auch hier auf dem Blog freuen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 12.10.2016

Ein Stups reicht nicht aus

Vielleicht bin ich altmodisch, aber von einer BWL-Lehrstuhlinhaberin hätte ich mir eine ausführlichere und nüchterne Faktenbasis gewünscht. Was Evi Hartmann, Professorin für Supply Chain Management an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, in ihrem Buch Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral präsentiert, ist eine Empörungstirade. Und die hält sie konsequent über 224 Seiten durch.

Hartmann U1 16.09.2015.indd Weiterlesen…

Anthropologie für Ökonomen

Interessieren sich Ökonomen für Anthropologie?

Ich bin mir da nicht so sicher. Das würde nämlich bedeuten, die gesicherte Modellwelt zu verlassen und sich mit echten Menschen zu befassen. Ein Perspektivwechsel würde sich aber lohnen, wie eine Literaturliste zeigt, die Erin B. Taylor, Postdoc am Instituto de Ciências Sociais der Universität in Lissabon, zusammengestellt hat. Spätestens seit der Finanzkrise übt die „Spezies“ der Banker eine grosse Anziehungskraft auf die Anthropologie aus. Dank ihres speziellen und geheimnisumwitterten Habitus haben sich die Finanzleute eine Parallelwelt aufgebaut, die den meisten Menschen so fremd und unverständlich ist wie ein nicht-kontaktiertes Amazonasvolk – und uns doch zu beherrschen scheint. Inzwischen scheinen sich mehr Soziologen, Anthropologen und Ethnologen um diese Spezies zu kümmern als die Wirtschaftswissenschaft. Das sollte sich ändern.

The_worship_of_Mammon

Hier ist der Link zur Liste: http://erinbtaylor.com/anthropology-for-economists/

Revisited: Joris Luyendijks Interviews mit Bankern

 

9783608503388Tom Hayes, ehemaliger Händler bei UBS und dann Citicorp, ist gestern von einem Londoner Geschworenengericht zu 14 Jahren Haft verurteilt worden. Zusammen mit anderen hat er über Jahre hinweg den wichtigen Zinssatz Libor manipuliert. Die geheimen Absprachen seien branchenüblich gewesen, meinte der Händler, weshalb er die Beweise für sein Vorgehen in Form von Chats und Emails nicht löschte. Schuld ist nach seinem Verständnis also das System, nicht er persönlich. Das Gericht war anderer Meinung und verwies auf seine persönliche Verantwortung und fehlende Integrität.

An dem Urteil entzündet sich die alte Debatte der Kriminalpsychologie, welcher Einfluss der gewichtigere bei Regelverstössen im Wirtschaftsleben ist: Sind eher individuelle Persönlichkeitszüge für die Unehrlichkeit verantwortlich (das ist die These der „nativists“) oder ist es das Umfeld, das die Gelegenheit für den Betrug schafft (das ist der Ansatzpunkt der „environmentalists“)?

Das Urteil ist ein guter Anlass, noch einmal den Banking Blog von Joris Luyendijk durchzulesen. Er geht in seinen zahlreichen Interviews mit Bankern genau dieser Frage nach. Inzwischen ist der Blog auch in Buchform und zudem in deutscher Übersetzung verfügbar. Von allen Büchern über Banker und die Finanzkrise, die ich gelesen habe, ist Joris Luyendijks „Unter Bankern. Eine Spezies wird besichtigt“ das amüsanteste. Die Distanz des niederländischen Ethnologen zur Finanzwelt, ihrem Jargon und den Menschen, die sie ausmachen, hilft ihm enorm, das Thema unterhaltsam und kritisch distanziert darzustellen. Was er im Buch erzählt, ist alles nicht neu, aber seine humanistische und entspannte Herangehensweise entkrampft ungemein. Seine Interviews sind mehr eine Annäherung als eine Verurteilung. Vor allem, das ist der Schwerpunkt des Buches, lässt er die Banker reichlich selber zu Wort kommen. Er nutzt ihre eigenen Worte, um die Parallelwelt der Finanzwelt zu beschreiben.

Er spricht dabei weniger von Personen als von den Funktionen, die die interviewten Personen in der Bank ausüben. Dieser dramaturgische Kniff hat damit zu tun, dass er die Anonymität seiner Interviewpartner wahren muss. Da ist die Marketingchefin, die ihr Jahresgehalt nicht aussprechen kann, sondern es nur verschämt auf einem Zettel niederschreiben darf. Da sind die Leute, die im Fusionsgeschäft arbeiten oder auch die Asset Manager, die beim Schreiben ihrer Newsletter für die Kundschaft beobachtet werden. Eine prominente Rolle spielen auch die Quants und ihre Sicht auf die Finanzwelt. Durch diesen Rückzug auf die Bankfunktionen seiner Interviewpartner bleiben die dargestellten Schicksale mehrheitlich gesichtslos. Zumindest ging mir das so, auch wenn ich die Branche seit 20 Jahren kenne und ziemlich genau weiss, welche Typen in der Bank herumlaufen. Gleichzeitig gibt Luyendijk einen Einblick in die riskante Spezialisierung der Investmentbanken. Der Kunstgriff mit den Funktionen dient aber auch der Kernaussage Luyendijks. Schuld ist nicht der einzelne, Schuld ist das System:

Wie ich von Anfang an merkte, wollen viele Außenstehende nicht wahrhaben, dass die Finanzwelt zu einem maßgeblichen Teil nicht von Menschen bevölkert ist, die mutwillig Schaden anrichten, sondern von Konformisten, die sich die Frage nach Gut und Böse überhaupt nicht mehr stellen. Sie haben sich in ihrer Seifenblase prima eingerichtet und verkehren ohnehin nur noch mit Gleichgesinnten. (S. 219).

Deshalb schlägt Luyendijk vor, dass wir unsere Vorwürfe nicht gegen einzelne Banker richten, die Fehlanreizen nachgegeben hätten, sondern dass wir „unsere Energie darauf verwenden, diese (Fehlanreize) anzupacken und abzuschaffen.“ (S. 249)

Ich glaube, dem ist nicht zu widersprechen. Für meinen Geschmack klingt „Das Problem ist das System“ jedoch zu viel nach Kollektivschuld. Mir fehlt bei dieser Perspektive der Aspekt der persönlichen Integrität. Genau das ist auch der Punkt des Londoner Gerichts, wobei ich hoffe, die Geschworenen haben die Frage nach der persönlichen Verantwortung ernsthaft gemeint und nicht nur als Vorwand genommen, mit Hayes populistisch ein Exempel zu statuieren.

Weshalb verletzen einige, so wie Tom Hayes und seine Kollegen, das existierende Regelwerk? Weshalb verhalten sich andere regelkonform? Schliesslich schafft es die überwiegende Mehrheit aller Bankmitarbeitenden ihr Leben lang ehrlich zu bleiben, auch wenn ihre Branche mehr als alle anderen von Wirtschaftsdelikten aus den eigenen Reihen geplagt wird. An diesem Punkt hätte ich gerne mehr über die Persönlichkeitsstruktur dieser Menschen erfahren. Erhellend wären in diesem Kontext sicherlich Interviews mit verurteilten Kriminellen aus der Finanzbranche, die Aufschluss über die jeweilige individuelle Motivation geben.

Das Buch von Joris Luyendijk ist dieses Jahr bei Klett-Cotta erschienen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 05. August 2015.

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