Kann das Premium-Kollektiv die Wirtschaft hacken?

In der Szene sei Uwe Lübbermann bekannt wie ein «bunter Hund», heisst es. Wir kannten ihn alle nicht und haben deshalb gerne die Leseempfehlung unseres Hörers Christian Horn aufgenommen. Im aktuellen MikroBuch geht es um nicht weniger als die Möglichkeit, die Wirtschaft zu hacken. Das macht Uwe Lübbermann mit seinem Kollektiv von Premium-Cola seit 2001. In seinem Buch erzählt er, wie das gehen kann. Er und einige Personen aus seinem Netzwerk, also Mitarbeitende, Professoren und Professorinnen aus Ethik und Betriebswirtschaftslehre, Zuliefernde und Abnehmende beschreiben das Geschäftsmodell aus ihrer persönlichen Warte. Sein Ziel: den Kapitalismus reparieren.

Wie funktioniert das Modell?

Lübbermann hat ein Unternehmen gegründet, das eine eigene Cola-Marke besitzt und das Getränk in eben jener Szene vertreibt. Ihm selber ist es wichtig, dass vieles genauso funktioniert wie anderswo in der Wirtschaft. Im Buch stehen aber vor allem die Funktionsprinzipien im Vordergrund, die aus der Firma etwas Besonderes machen. Das sind die wichtigsten:

  1. Die Geschäftsführung ist konsensorientiert, d.h. alle im Unternehmen entscheiden mit (im Sinne der Soziokratie).
  2. Es gibt eine zentrale Moderation, die dafür sorgt, dass die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten in der gesamten Lieferkette zum Ausgleich kommen. Diese Funktion übernimmt Uwe Lübbermann.
  3. Das Unternehmen hört nicht an seinen eng gefassten Grenzen auf, sondern behandelt alle Beteiligten in der Lieferkette als gleichberechtigt.
  4. Gleichberechtigung in der Entscheidungsfindung bedeutet auch, dass alle den gleichen Stundenlohn haben.
  5. Dem Unternehmen sind sozialer und ökologischer Ausgleich wichtiger als die Absicht, finanzielle Gewinne zu erzielen.
  6. Aus Gründen der Fairness werden deshalb wenig hinterfragte Usancen des Getränkehandels, wie etwa der Mengenrabatt, umgekehrt. Bei Premium Cola gibt es Rabatt für kleine Mengen, um den Geschäftseinstieg möglich zu machen.
  7. Premium Cola versteht sich nicht nur als Nischenplayer im Getränkemarkt, sondern als «Betriebssystem». Daher wird die eigene Art und Weise der Unternehmensführung auch als Dienstleistung für andere angeboten.
  8. Einzig Beratung und Vorträge werden als Werbung für das Unternehmen eingesetzt.

Zu den Zahlen

Zu den betriebswirtschaftlichen Ergebnissen gibt es im Buch wenig Fakten. Dort steht die Idee der Firma als Betriebssystem und Wertegmeinschaft im Mittelpunkt.

Ein paar Zahlen habe ich recherchiert, um eine Vorstellung zur betriebswirtschaftlichen Dimension des Unterfangens zu erhalten. Premium Cola hat 1600 gewerbliche Partner und Partnerinnen (Stand 2016). Die produzierte Menge liegt bei 1,5 Millionen Flaschen im Jahr und ernährt im Kern mindestens 11 Personen (zumindest teilweise, Stand 2018). Die gleiche Quelle gibt auch an, dass jede Person 18 Euro die Stunde verdient. Hinzu kommen Zuschläge für Leute mit Kindern, angemieteten Büros oder körperlichen Einschränkungen.

Diskussion

Ist das nun eine Unternehmensidee, die nur solange lebt, wie Uwe Lübbermann den Karren anschiebt, oder kann ein solches Wirtschaftsmodell auch in anderen Branchen Schule machen? Diese und andere Fragen zum Unternehmensmodell haben wir in der aktuellen Podcast-Folge des MikroBuchs diskutiert. Dieses Mal ist die Hemmschwelle für Euch, das Buch zum Podcast mitzulesen, besonders niedrig. Erstens ist es kurz und zweitens kann es kostenlos heruntergeladen werden. Es kann aber auch bezahlt werden.

HIer geht es zum Podcast:

Die Buchvorstellung wurde ursprünglich am 3. Juli 2021 auf der Webseite der Mikroökonomen veröffentlicht.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. Juli 2021

Superar Suisse braucht deine Unterstützung

Heute gibt es ausnahmsweise einen Aufruf in quasi eigener Sache. Mitgründerin Anna-Valentina Cenariu ist nicht nur Präsidentin bei den Vorbänkern, sondern auch Vorstandspräsidentin bei Superar Suisse. Superar Suisse braucht dringend finanzielle Unterstützung. Denn durch die Corona-Krise konnten keine Konzerte mehr stattfinden, die für eigenen Einnahmen hätten sorgen können. Du kannst Superar Suisse mit einer Spende unterstützen, damit die Organisation über den Sommer kommt: https://www.crowdify.net/en/project/future-with-music

Was macht Superar?

Superar ist eine europäische Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, Strukturen zu etablieren, um Gesang, Instrumentalunterricht und Tanz im täglichen Leben von Kindern und Jugendlichen zu verankern. Superar nutzt die Möglichkeiten und positiven Begleiterscheinungen musikalisch-künstlerischer Förderung, um einen spürbaren Impuls in Richtung einer changengleichen Gesellschaft zu setzen. Superar Suisse macht als gemeinnütziger Verein qualitativ hochstehenden musikalischen Unterricht im Bereich Gesang und Orchester für alle Kinder und Jugendlichen möglich – unabhängig von ihrer Herkunft und ihren finanziellen und familiären Verhältnissen.

Im Zentrum des musikpädagogischen Ansatzes von Superar Suisse steht das gemeinsame kreative Lernen im Ensemble, wobei die fortgeschrittenen Kinder die jüngeren unterstützen. Dadurch fördert Superar Suisse die soziale Vernetzung durch musische Bildung. Der Einbezug von professionellen Künstlern als Superar Suisse-Tutoren gehört integral zum Ansatz von Superar Suisse. Regelmässige gemeinsame Konzertauftritte, sowohl in renommierten Sälen als auch an den Schulen der Kinder, sind als motivierende Lernziele für die Kinder zentrale Bestandteile von Superar Suisse. Superar Suisse beeinflusst über seine Aktivitäten das kulturelle Klima der Schulen positiv.

Superar wurde 2009 vom Wiener Konzerthaus, den Wiener Sängerknaben und der Caritas der Erzdiözese Wien als zentraleuropäisches Musikprojekt in Anlehnung an “El Sistema” aus Venezuela gegründet. Über die Jahre ist Superar sowohl in Österreich als auch in anderen Ländern stark gewachsen. Aktuell betreut Superar Kinder und Jugendliche an 14 Standorten in Österreich sowie an zehn Standorten in der Slowakei, der Schweiz, Liechtenstein, Rumänien und Bosnien.

Superar und Corona

Seit einem Jahr kann Superar pandemiebedingt wir keine Konzerte mehr durchführen und das Music Camp zusammen mit dem Lucerne Festival wurde nun auch für diesen Sommer zum zweiten Mal in Folge abgesagt. Damit kann der Verein seit über einem Jahr keine Eigeneinnahmen ausser den Vereinsmitgliedschaften mehr verbuchen oder weitere Fördergelder von Stiftungen generieren. Dies belastet die Liquidität existentiell. Die Mitarbeitenden können zum Teil Kurzarbeitsentschädigung beziehen, doch diese Gelder treffen verzögert ein und das Ziel ist, den Unterricht auch unter erschwerten Bedingungen durchzuführen. Für das kommenden Schuljahr 2021/22 sind gewisse finanzielle Mittel bereits gesprochen und Superar ist in Verhandlungen mit einem neuen Hauptsponsor. Die Chancen stehen sehr gut, jedoch nur, wenn Superar Suisse im Sommer noch existiert.

Wie Du helfen kannst

Damit Superar auch in Zukunft wertvollen Musikunterricht für über 400 Kinder und Jugendliche anbieten kann, braucht die Organisation dringend finanzielle Hilfe. Aufgeben ist für sie keine Option. Denn wie das spanische Wort «superar» (deutsch: etwas meistern, über sich hinauswachsen) schon verrät, möchten die Beteiligten diese finanzielle Krise meistern – mit deiner Unterstützung!

Was du tun kannst? Ganz einfach:

  • Auf Crowdify gehen: www.crowdify.net/zukunft-mit-musik
  • Auf den Button «Projekt boosten» drücken
  • Freien Betrag eingeben oder ein Goodie wählen
  • Name angeben und Zahlungsmittel wählen
  • Fertig – du hast Superar Suisse unterstützt

Und ganz wichtig: teilt diesen Beitrag mit Freunden, Bekannten, Grosseltern, Onkel und Tanten und, und, und…! Denn das Weiterverbreiten dieser Nachricht ist genau genauso wichtig!

Spende auf Crowdify: www.crowdify.net/zukunft-mit-musik
Teile auf Facebook: www.facebook.com/SuperarSuisse
Inspiriere auf Instagram: www.instagram.com/superar_suisse

Zu Gast bei den Mikroökonomen: Unser Linkfest zum Jahresende

Der Jahresrückblick unserer publizistischen Aktivitäten ist schnell gemacht: Anna und Barbara waren als Mitwirkende bei den Mikroökonomen aktiv. Insgesamt haben wir 11 Bücher über Wirtschaft und Finanzen vorgestellt und besprochen. Es hat uns sehr viel Spass gemacht und wir hoffen, mit diesen Kritiken Lust auf mehr nachhaltiges Wirtschaftswissen zu machen. Hier ist die Liste der Podcast-Episoden mit Links, in chronologischer Reihenfolge:

Mein persönlicher Favorit war Amartya Sen: eine anspruchsvolle Lektüre, die ich allen Wirtschaftsstudierenden empfehlen kann. Die grösste Enttäuschung war Katrine Marçals Buch, denn zum Thema Ökonomie und Frauen gäbe es sachlich sehr viel Wichtigeres zu sagen.

Herzlichen Dank an Marco, Ulrich und Hannah, dass wir über die Buchbesprechungen ihre Plattform für unabhängigen Wirtschaftsjournalismus mitgestalten können. Der Podcast kann über alle gängigen Player abonniert werden. Viel Spass beim Hören und Mitdiskutieren!

Berufliche Aktivitäten

Viel ausführlicher wäre der Jahresrückblick, wenn wir auch unsere beruflichen Aktivitäten auf dem Blog Revue passieren liessen. Es ist ganz erfreulich, dass wir drei Vorbänkerinnen inzwischen die Zielsetzung dieses Blogs auch hauptberuflich verfolgen: Anna leitet weiterhin die Fachstelle Nachhaltigkeit bei der Alternativen Bank Schweiz AG und ist Vertretende der Arbeitnehmenden im Verwaltungsrat der Bank, Melanie ist seit Oktober 2019 in der Geschäftsleitung der Alternativen Bank Schweiz AG und Barbara unterrichtete die beiden letzten Jahre das Modul „Nachhaltigkeit und Ethik“ im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der OST Ostschweizer Fachhochschule.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 29. Dezember 2020

Wer kochte Adam Smith das Dinner?

Anna, Barbara und Marco haben für die Mikrooekonomen Katrine Marçals «Machononomics. Die Ökonomie und die Frauen» gelesen. Ich nehme es vorweg: Das Buch hat uns in seiner verhärmten Einseitigkeit enttäuscht. Auch wenn inhaltlich alles richtig ist, was sie schreibt.

Die Kolumnensammlung, ursprünglich auf Schwedisch mit dem Titel «Det enda könet» (Das einzige Geschlecht) erschienen, ist inzwischen in 20 Sprachen übersetzt. Uns hat zunächst einmal der englische Titel angelockt. «Who cooked Adam Smith’s Dinner?» klang nach einer witzigen und entspannten Auseinandersetzung mit ihrer These, dass der homo oeconomicus aka der ökonomische Mann das gesamte Wirtschaftssystem und -denken beherrsche und damit die Weltwirtschaft zerstöre. Die Welt der Wirtschaft sei dermassen von diesem ökonomischen Mann geprägt, dass Frauen darüber ganz vergessen würden.

Margaret Atwoods Einschätzung hat ebenfalls zu unserem ersten positiven Eindruck beigetragen. Die kanadische Autorin kommt zu folgender Bewertung:

«[a ]smart, funny, readable book on economics, money and women ».

zitiert nach Katrine Marçal, LinkedIn-Profil

Leider teilen wir Margaret Atwoods Meinung nicht:

Selten waren wir uns so einig. Hier kann der Podcast gehört werden: https://mikrooekonomen.de/premium-mikrobuch019-katrine-marcal-wie-man-andere-dazu-bringt-die-oekonomik-zu-verteidigen/

ABS mit dem Swiss Ethics Award ausgezeichnet

Anna, Katrin und Melanie: Ich bin stolz auf Euch! 🥰

Auf dem Foto, von links nach rechts: Katrin Pilling, Projektleiterin Unternehmenskommunikation; Anna Cenariu, Leiterin der Fachstelle Nachhaltigkeit, und Melanie Gajowski, Mitglied der Geschäftsleitung der ABS. Fotograf: Ernst Kehrli

Zum ersten Mal ist eine Bank Preisträgerin des Swiss Ethics Award. Das von der ABS eingereichte Projekt «Klima-Aktive ABS» zielt auf den Klimaschutz und zeigt die bedeutende Rolle der Finanzflüsse auf. Der Betrieb einer Bank verursacht nur wenig direkte CO2-Emissionen. Die Geldströme hingegen, die von Banken verwaltet werden, haben eine massive Auswirkung.

Seit 30 Jahren für den Klimaschutz engagiert

Die ABS ist seit ihrer Gründung vor 30 Jahren dem Klimaschutz verpflichtet und zeigt, wie dieser im Bankgeschäft konsequent und dennoch wirtschaftlich erfolgreich angewandt und umgesetzt werden kann. In ihren Anlage- und Kreditrichtlinien hat die ABS Ausschlusskriterien definiert für Bereiche, in welche sie nicht investieren will. So werden beispielsweise Unternehmen ausgeschlossen, die massgeblich zum Klimawandel beitragen. Klimaschädliche Branchen werden ausgeschlossen. Wertpapiere von Ländern, die den Klimaschutz missachten und sich nicht zu den internationalen Klimazielen bekennen, werden nicht berücksichtigt. Gefördert werden hingegen Geschäftsfelder, die eine positive Wirkung auf Gesellschaft und Umwelt ermöglichen.

Transparenz im Kern des Geschäftsmodells

Als erste Schweizer Bank veröffentlichte die ABS 2016 den CO2-Fussabdruck ihrer Anlagen und zeigt transparent auf, wie sie mit dem Anlagegeschäft einen Beitrag zu einer klimafreundlichen Wirtschaft leistet. Zudem publiziert sie im gedruckten Geschäftsbericht jeweils alle vergebenen Kredite.

«Dass wir für unser Engagement im Bereich des Klimaschutzes mit dem Swiss Ethics Award ausgezeichnet ist für uns eine grosse Anerkennung und ein Ansporn für die Zukunft», sagte Anna Cenariu, Leiterin der Fachstelle Nachhaltigkeit bei der ABS, in ihrer Dankesrede nach der Preisverleihung.  

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), Quelle: Pressemitteilung der Alternativen Bank AG vom 24.09.2020

Der Wert von (Unternehmens-)Werten

Wenn in diesem Beitrag von (Unternehmens)Werten im Sinne von Corporate Values die Rede ist, so sind damit nicht materielle Werte, die man in Zahlen oder genauer in einem Geldbetrag ausdrücken kann, gemeint. Hier soll die Rede von jenen Werten sein, die man in einem Unternehmen meistens in einem Prospekt, oft Code of Ethics oder Code of Conduct betitelt, findet.

Unter solchen Werten, die meistens direkt aus dem Englischen übernommen werden, befinden sich beispielsweise Ausdrücke wie respect, responsability und sustainability. Nur sind diese Ausdrücke, bei denen es sich sehr oft um substantivierte Adjektive oder Verben handelt, keine Werte im eigentlichen, ethischen Sinn. Die Tatsache, dass es sich bei diesen sogenannten Unternehmenswerten um substantivierte Adjektive oder Verben handelt, illustriert, wozu diese Werte in den Unternehmen dienen sollen. Es handelt sich in gewissem Sinne um grammatische „Werte“ (Adjektive), um die Qualität eines Substantivs (des Unternehmens) zu bezeichnen (z.B. „the quality of being responsible“) oder um eine Tätigkeit (Verben, „the act of showing attention“), die im Zusammenhang mit dem Objekt und der Bewertung der Handlung die Qualität des Tätigen (wiederum des Unternehmens) beschreibt.

Nun implizieren Adjektive und Verben neben der Bedeutung, die sie dem Substantiv resp. der Handlung oder den Handelnden geben, auch einen darüberhinaus reichenden Zweck. Eine Handlung verweist über den Handelnden hinaus auf einen Zweck, den die Handlung und somit der Handelnde verfolgt. Auch ein Adjektiv kategorisiert das Substantiv, auf welches es bezogen ist nochmals nach bestimmten Kategorien, die zwecksetzenden Charakter haben, resp. einen Zweck verfolgen.

Möchte man nun etwas über die Werte eines Unternehmens wissen, also dessen tatsächlichen Unternehmenswerte kennen, dann sollte eben diese Zwecke  in den Blickpunkt rücken, denn diese sind die tatsächlichen Unternehmenswerte oder weisen auf die tatsächlichen Werte hin. Hierbei können die Vision/Strategie und das sog. Mission Statement eines Unternehmens hilfreich sein, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Da es sich bei diesen Dokumenten jedoch um einen ähnlichen Typ von Dokument wie beim Code of Ethics oder Code of Conduct handelt, ist auch hier ein tiefergehender Blick notwendig.

An dieser Stelle nun kommen die materiellen Werte, also jene, die man in Zahlen und Geldbeträgen ausdrücken kann, wieder ins Spiel. Dies aus dem einfachen Grund, dass es ein Leichtes ist, etwas über die eigentlichen bzw. hintergründigen Zwecke eines Unternehmens herauszufinden, wenn man dessen Investitionen untersucht. Salopp ausgedrückt bedeutet dies, dass die Werte eines Unternehmens daran abgelesen werden können, wofür das Unternehmen Geld ausgibt.

Um also eine Einschätzung zu geben, ob (Unternehmens-)Werte mehr sind als schöne Worte und auch tatsächlich gelebt werden, muss eine allfällige Analyse derselben weitergehen als eine ausschliessliche Untersuchung des Code of Conduct/Code of Ethics eines Unternehmens. Eine solche Untersuchung müsste die offiziell kommunizierten (Unternehmens)Werte  eine Stufe tiefer nach deren eigentlichen Zwecken durchleuchten. Erst dann ist es möglich, anhand der relevanten Finanzkennzahlen die Investitionen in die tatsächlichen Zwecke freizulegen und eine Rangordnung dieser Zwecke und der eigentlichen Unternehmenswerte  festzulegen.

Dies kann auch dazu führen, dass bei einer solche zahlenbasierten Betrachtung weder die offiziell kommunizierten Werte noch die Zwecke weit oben erscheinen, da die Investitionen wiederum ein ganz anderes Bild abgeben können.

Claude Del Don, Legal Reporting Specialist bei Julius Bär Zürich, 02. Juli 2020

Save the Date: 1. Klimakonferenz an der HSR in Rapperswil

Heute gibt es einmal eine Eventankündigung in eigener Sache:

Am 16. September findet an der Hochschule für Technik Rapperswil die 1. Klimakonferenz statt.

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Schnappschuss von der Power-to-Methane-Anlage der HSR

Organisiert wird die Konferenz vom Klimacluster der HSR. Dieses bündelt das an der HSR vorhandene Wissen der einzelnen Institute und ermöglicht so eine intensive interdisziplinäre und praxisorientierte Zusammenarbeit zur Vermeidung und Bewältigung des Klimawandels.

Als Speaker werden meine Kollegen Markus Friedl, Susanne Kytzia, Igor Mojic, Henrik Nordborg und Dominik Siegrist klimarelevantes Arbeiten an der HSR vorstellen. Als Keynote Speaker haben wir Anton Gunzinger eingeladen, der uns zeigen wird, wie die Energiewende in der Schweiz gelingen kann. Die anschliessende Diskussion werde ich moderieren.

Mehr Informationen zur Anmeldung findet Ihr auf der Veranstaltungseite des Klimaclusters. Die ursprünglich für April geplante halbtägige Konferenz musste wegen der Corona-Restriktionen auf den Beginn des Herbstsemesters verschoben werden. Derzeit gehen wir davon aus, dass die Klimakonferenz wie geplant vor Ort unter Einhaltung der Hygiene- und Verhaltensregeln des BAG stattfinden wird.

Geballtes Wissen für den US-Wahlkampf

Rechtzeitig für den US-Wahlkampf hat Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz seine bisherigen Bücher in einem neuen Buch zusammengefasst. Es trägt den Titel Der Preis des Profits. Wir müssen den Kapitalismus vor sich selber retten. Das Buch ist nicht antikapitalistisch, im Gegenteil. Der realistischere Untertitel würde eher in die Richtung „Wir müssen die USA vor den Trumponomics retten“ gehen. Stiglitz nimmt nicht nur die sozioökonomische Situation in den USA auseinander, um einen erneuten Wahlsieg Trumps zu verhindern. Er entwirft auch ein Gegenprogramm, das die USA zu einer sozialeren und gerechteren liberalen Demokratie machen würde.

Als Stiglitz das Buch im englischen Original Ende letzten Jahres publizierte, hatte er – wie wir alle – keine Ahnung, was uns und speziell die USA 2020 erwarten würde. Angesichts der derzeitigen Eskalation so vieler sozialer und ökonomischer Probleme in den USA ist das gut sozialdemokratische Wirtschaftsprogramm von Stiglitz aktueller denn je. Hier ein Zitat aus dem Buch (S. 239 der deutschen Ausgabe):

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Bei den Mikroökonomen haben wir Stiglitz‘ neues Buch besprochen. Unter folgendem Link sowie bei allen gängigen Podcast-Verteilern könnt Ihr unsere Debatte herunterladen und hören: https://mikrooekonomen.de/podcast/episode/mikrobuch013-josef-e-stiglitz-der-preis-seines-aktivismus/

 

Emile Zola über das Geld und die Börse

Einige Male haben wir uns in unserem Buch-Podcast bereits darüber aufgeregt, wie schlecht manches Buch zu Wirtschaftsthemen geschrieben ist: redundant, schwer verständlich oder aber zu marktschreierisch.

Deshalb haben wir uns bei der letzten Buchbesprechung der Mikroökonomen an einen Klassiker der Weltliteratur gewagt: Emile Zolas Geld. Wir wollten herausfinden, ob die Fiktion besser als die Sachbeschreibung der Wirtschaft sein kann. Zolas Buch erschien zunächst als Fortsetzungsroman zwischen den Jahren 1890-191 in einer Zeitschrift. Zolas warnt in seinem Sittengemälde vor Spekulationen, Insider-Handel und anderen betrügerischen Finanztransaktionen, die trotz der zeitlichen Ferne des Romans sehr stark an den heutigen Börsenbetrieb erinnern.

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Hier könnt Ihr unsere Besprechung hören und kommentieren: https://mikrooekonomen.de/podcast/episode/mikrobuch012-wen-macht-geld-gluecklich/(oder aber abonniert den Podcast „Mikroökonomen“ über Eure bevorzugte Podcast-App bzw. Spotify).

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 06. Mai 2020

 

 

 

Monopole im digitalen Kapitalismus

In der aktuellen Folge des MikroBuchs haben wir uns mit den Monopolisierungstrends der Digitalwirtschaft beschäftigt. Als Diskussionsgrundlage dienen uns Philipp Staabs Buch «Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit» (2019) und Peter Thiels «From Zero to One. Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet» (2014).

«Competition is for losers»

Wettbewerb gilt als Grundlage einer erfolgreichen Wirtschaft und gesellschaftlicher Wohlfahrt. Der Markt sorgt dafür, dass das rationale Streben der Akteure nach maximalem Gewinn zu einer effizienten Allokation der knappen Güter führt. Davon haben dann alle etwas, so die Theorie. Das Monopol als Abwesenheit von Wettbewerb wird deshalb in der klassischen Wirtschaftstheorie  – bis auf wenige Ausnahmen – verteufelt.

Peter Thiel hat in seinem Bestseller, der auf den Vorlesungsnotizen seines Studenten Blake Masters basiert, diese unkritische Huldigung des Wettbewerbs entzaubert. Denn Kapitalismus, so zitiert Thiel unter Rückgriff auf Schumpeter die klassische Theorie, basiert auf der Akkumulation von Kapital. Doch im perfekten Wettbewerb fallen sämtliche Gewinne dem Konkurrenzkampf zum Opfer (Thiel, S. 28). Wer als Unternehmen also erfolgreiche Gewinne einfahren möchte, sollte darauf achten, dass er alleine einen Markt besetzt. Solche Unternehmen sind kreative Monopolisten.

Jedes dieser Monopole ist einzigartig und Thiel skizziert mehrere Eigenschaften, die das Entstehen einer solchen Alleinstellung möglich machen: eine eigene Technologie, Netzwerkeffekte, Grössenvorteile und Markenbildung.

Thiel schrieb sein Buch als Manifest gegen Konformität im Unternehmertum. Nur wer es schafft, konträr zur landläufigen Meinung zu denken und zu handeln, ist in der Lage, ein erfolgreiches Monopolunternehmen aufzubauen und der Gesellschaft zu nutzen.

Vom digitalisierten Kapitalismus zum privatisierten Merkantilismus

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Thiels Querdenker-Buch ist zur Blaupause des digitalisierten Kapitalismus geworden. Die Überschrift zu seinem Beitrag in der Washington Post, in dem er sein Buch werbewirksam ankündigte, ist längst zum geflügelten Wort in Start-Up-Kreisen geworden: «Competition is for losers.». Die erfolgreichsten globalen Unternehmen scheinen seinem Mantra gläubig zu folgen: Die US-Unternehmen Google, Amazon, Facebook und Apple (GAFA) ebenso wie die chinesischen Firmen Baidu, Alibaba und Tencent (BAT). Und tatsächlich beherrschen diese Firmen inzwischen nicht nur ganze Märkte als klassische Monopolisten, sondern sie haben diese Märkte erst geschaffen. Sie sind ihre Eigentümer geworden. Das ist jedenfalls die Kernthese von Philipps Staabs neuem Buch «Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit». Je näher das Angebot einer dieser Metaplattformen dem Angebot des Gesamtmarkts kommt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Kunden sie wieder verlassen (Staab, S. 185). Staab zeichnet die Phasen nach, die diese neue Form des Kapitalismus erst möglich gemacht haben:

  1. Liberalisierung der Märkte
  2. Wachstum im Mobilfunkbereich
  3. Aufstieg des Internets als Basistechnologie mobiler Kommunikation

Die Globalisierung bezeichnet Staab dabei als Steigbügelhalter dieser Entwicklung. Staab untersucht detailliert die merkantilistischen Mechanismen, die diese Unternehmen entwickelt haben, um ihre Monopolstellung zu zementieren:

  • Informationskontrolle
  • Zugangskontrolle
  • Preiskontrolle
  • Leistungskontrolle (Staab, S. 173).

Gute Monopolisten, schlechte Monopolisten

Im Gegensatz zu Thiel sieht Staab in diesen Monopolkonstellationen erhebliche Nachteile für die Gesellschaft. Er zeigt, wie Praktiken der Kundengewinnung und -bindung auf diesen Plattformen zu Bewertungs- und Überwachungsmechanismen werden, die in unser alltägliches Zusammenleben vordringen, die Ungleichheit vergrößern und überhaupt den Begriff dessen, was mit «sozial» gemeint sein könnte, auf den Kopf stellen.

Gibt es eine Möglichkeit, dieser Vorherrschaft des digitalen Kapitalismus etwas entgegenzusetzen? Wir haben im Podcast bei den Mikroökonomen ausgiebig über diese Frage diskutiert. Hier könnt Ihr unsere Debatte nachhören und Euch an der Diskussion beteiligen.