Boni sind nicht mehr zeitgemäss

Keine Boni mehr bei der Migros Bank

Diese Woche verkündete die Schweizer Migros Bank, dass sie ab dem Geschäftsjahr 2019 die Boni für die Mitarbeitenden abschaffen wolle. Die Bank liefert drei Argumente für die Abschaffung der variablen Vergütungsbestandteile:

  1. Die Digitalisierung macht den klassischen Verkäufer an der Front weniger wichtig. Stattdessen würden immer mehr Teams entlang der gesamten Wertschöfpungskette die Kundschaft bei ihren Entscheidungen unterstützen.
  2. Die Bank möchte verhindern, dass sich Mitarbeitende lediglich auf Tätigkeiten konzentrieren, die ihren individuellen Bonus erhöhen.
  3. Mit der Abschaffung möchte die Bank den Blick stärker auf die langfristige Ertragskraft des Unternehmens ausrichten.
bank_aussenaufnahme_de
Aussenaufnahme einer Filiale der Migros Bank (Foto: Migros Pressestelle)

Das Ganze, so CEO Harald Nedwed, soll keine Kostensparmassnahme sein. Daher erhalten alle Mitarbeitenden, deren variabler Lohnanteil bisher maximal 20 % betragen hat, eine einmalige Erhöhung ihres Fixlohns. Diese wird individuell festgelegt.

Das ist eine gute Entscheidung. Sie ist gut für den Ruf der Bank. Sie kann auch intern dafür sorgen, dass die Erfolgsverantwortung weniger einseitig bei den Verkäufern liegt. Denn die digitalen Bankprodukte werden von vielen Mitarbeitenden gemeinsam verantwortet. Von daher ist die Einschätzung Nedweds, individuelle Boni seien nicht mehr zeitgemäss, völlig richtig. Sogar die deutsche Wirtschaftspresse berichtete diese Woche über den Schritt der kleinen Schweizer Bank. Die Migros Bank beschäftigt etwa 1’300 Menschen, die UBS dagegen über 62’000 (Zahlen von 2017). Zu fürchten ist jedoch, dass bonusgetriebene Mitarbeitende der Migros Bank zur Konkurrenz wechseln. Das ist ein Risiko, dass Nedwed offensichtlich in Kauf nimmt.

Für die Branche bleiben Boni wichtig

Mit Blick auf die gesamte Branche ist die Entscheidung der Schweizer Bank nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Denn der Trend geht teils in eine andere Richtung. Zwar stagnieren die Boni in Europa; in den USA allerdings ist der Bonus-Pool um 78 % höher als zum Höhepunkt der Finanzkrise. Sogar die kriselnde Deutsche Bank kündigte im Frühjahr an, hohe Boni an ihre Angestellten auszuzahlen. Während Mitarbeitende etwa 2,3 Milliarden Euro an variabler Vergütung erhielten, schüttete die Bank nur ein Zehntel dieser Summe an ihre Anteilseigner aus. Der Personalberater Alex May rechnet mit einer insgesamt wachsenden Bedeutung der variablen Gehaltsbestandteile in der Branche.

Was ist denn so schlimm an Boni?

Das ist eine erstaunliche Kehrtwende, denn Experten machen die Bonuspolitik der Banken  verantwortlich für den Ausbruch der Finanzkrise. Die Boni der Händler belohnten die Risikobereitschaft, ohne die Verluste zu bestrafen. Die mussten meist die Steuerzahler übernehmen.

Auch wenn es wenig wissenschaftlichen Konsens über die genauen kausalen Auswirkungen der Vergütungssysteme auf die Finanzkrise gibt, deuten mehrere Studien auf einen Zusammenhang hin (z.B hier oder  hier). Deshalb führte auch die EU eine Obergrenze für Banker-Boni ein: Nicht höher als das Grundgehalt sollen sie ab 2014 sein. Da mag auch viel populistische Schelte eine Rolle gespielt haben, aber das ungute Gefühl, dass die Risiken asymmetrisch zu Gunsten der Bank-Executives verteilt sind, bleibt. Niemand sagt das klarer als der Risikomanager und Publizist Nassim Nicholas Taleb in seinem neuesten Buch „Skin in the game: Hidden Asymmetries in Daily Life„:

So ereigneten sich beispielsweise die Bank-Zusammenbrüche des Jahres 2008 aufgrund der Akkumulation von Risiken, die im System verborgen und asymmetrisch waren: Banker – wahre Meister in der Kunst der Risikoabschiebung – konnten kontinuierlich Bonusse aus einer bestimmten Klasse verborgener explosiver Risiken einstreichen, unter Verwendung von Risikomodellen, die nirgends sonst funktionieren als auf dem Papier (denn Akademiker haben praktisch keine Ahnung von Risiken); und dann berufen sie sich nach dem Zusammenbruch auf Unwägbarkeit, diesen besagten unsichtbaren, unvorhersehbaren Schwarzen Schwan… und behalten die Bonuszahlungen der Vergangenheit –… (S. 30-31)

Er setzt sich deshalb für die Abschaffung der Banker-Boni ein. Zwar ist die kleine Migros Bank mit ihrem Retailgeschäft maximal weit von Talebs Erfahrungswelt mit den Zockerbanken der Finanzkrise entfernt; aber genau darum geht’s Taleb in seinem Buch. Sein Rezept ist einfach und soll für alle Lebenslagen gelten, nicht nur für Banken: Wer Boni zahlt, erhält kein Bailout. Wer Gewinne einstreicht, muss auch für Verluste gerade stehen. Wenn’s nach Taleb geht, hat die Migros Bank also alles richtig gemacht.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 15. November 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

Den Einfluss der Banken eindämmen

Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers Insolvenz an. Damals brach die US-Regierung mit dem Grundsatz des „too big to fail“ und stellte, anders als noch als bei Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac, keine öffentlichen Gelder zur Rettung der Investmentbank zur Verfügung. Was zunächst wie ein Befreiungsschlag aussah, entpuppte sich als folgenreich. Die Insolvenz gilt als Auslöser der globalen Finanzkrise von 2008, deren soziale Folgen bis heute nicht überwunden sind.

220px-lawrence_g-_mcdonald_-_a_colossal_failure_of_common_sense_the_inside_story_of_the_collapse_of_lehman_brothers
Buch über den Konkurs der Investmentbank, von Lawrence McDonald

Das Datum jährt sich nun bald zum 10. Mal und seit letztem Jahr haben sich bereits viele Symposien, Experten und Wirtschaftsmagazine mit der Aufarbeitung der Krise beschäftigt oder planen dies noch (z.B. die Financial Times,  die Finanzprofessorin Anat Admati, die Bank of England oder auch die Chicago Booth School of Business, um nur einige wenige Beispiele zu nennen).

Seit 2008 hat man denn auch einiges versucht, das Finanzsystem zu stabilisieren. Sowohl in den USA als auch in Europa wurden zahlreiche neue Regulierungen verabschiedet, um eine weitere Krise zu verhindern. Dennoch hat sich grundsätzlich wenig am Einfluss des Finanzsektors und seiner Lobby auf die Politik geändert. So wurden im letzten Jahr vier Regionalbanken im Euro-Raum zahlungsunfähig. Die spanische Banco Popular wurde gemäss den Vorgaben der gemeinsamen Bankenabwicklungsbehörde SRB (Single Resolution Board) abgewickelt und für einen symbolischen Euro an Santander verkauft. Die drei betroffenen italienischen Institute jedoch wurden von der eigenen Regierung mit Steuermitteln gerettet, unter Ausnutzung einer Regulierungslücke.

Laurie MacFarlane von der UK-Website Open Democracy bringt den immensen politischen Einfluss der Banken in diesem kurzen Gespräch, das anlässlich des 1. Change-Finance-Forums von Finance Watch entstand, auf den Punkt.

Der Einfluss der Banken auf die Gesetzgebung wird, so MacFarlanes Hauptthese, weiterhin stark bleiben, solange wir nicht bereit sind, einige Eckpfeiler des derzeitigen wirtschaftlichen Modells zu überdenken und entsprechende Änderungen einzufordern. Beispielsweise werden durch die vorherrschende Ideologie der Banken, die blindlings an die Markteffizienz glauben, weiterhin soziale und ökologische Effekte der Geschäftspolitik als Externalitäten ignoriert. Damit ist die nächste globale Krise, ob sie sich nun als Finanzcrash, Klimawandel und/oder soziale Verwerfung zeigen wird, vorprogrammiert.

 

 

Barbara Bohr, (@nachrichtenlos), 05. September 2018

Weniger Investitionen in saubere Energien

Die EU-Kommission schätzt, dass die Länder der Europäischen Union in den nächsten 20 Jahren ca. 180 Mrd. EUR an zusätzlichen jährlichen Investitionen, insbesondere in saubere Energien, benötigt, um den Anstieg der globalen Temperaturen unter 2°C zu halten. Dazu hat sie ein Gremium gebildet, dass diesen Übergang sicherstellen soll: Die High Level Expert Group on Sustainable Finance.

Industrie, Finanzsektor und Regierungen in der EU werden sich anstrengen müssen, diese Ziele zu erreichen und damit das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Die International Energy Agency hat nämlich einen recht pessimistischen Jahresreport über die weltweiten Energieinvestitionen veröffentlicht. Nach Angaben der Agentur sind die Investitionen in erneuerbare Energien im dritten Jahr in Folge gesunken. Das gefährdet den Umstieg auf saubere Energien. Fatih Birol, Executive Director der Agentur, die zwar autonom agiert, aber zum Umfeld der OECD gehört, fasst die Ergebnisse wie folgt zusammen:

„The decline in global investment for renewables and energy efficiency combined could threaten the expansion of clean energy needed to meet energy security, climate and clean-air goals. While we would need this investment to go up rapidly, it is disappointing to find that it might be falling this year.”

Die Strominvestitionen haben sich zwar in Richtung erneuerbare Energien, Netze und Flexibilität verschoben. Dennoch gingen die Investitionen in erneuerbare Energien im Jahr 2017 um 7% zurück, dies trotz Rekordausgaben für Photovoltaik. Nur teilweise sei dieser Rückgang mit niedrigeren Gestehungskosten zu erklären, kommentiert Michael Waldron, ein Analyst der Agentur. Zudem, so heisst es im Bericht, sank die erwartete Produktion aus CO2-armen Strominvestitionen im Jahr 2017 um 10% und konnte nicht mit dem Nachfragewachstum Schritt halten. Erstmals seit 2014 ist der Anteil der Investments in fossile Brennstoffe wieder gestiegen.

China führt mit einem Anteil von 20 % der weltweiten Energieinvestitionen das Länderranking an. Ein gutes Zeichen ist, dass in China die Investments zunehmend durch kohlenstoffarme Stromversorgung und -netze sowie Energieeffizienz getrieben werden. Die Investitionen in neue Kohlekraftwerke im Jahr 2017 gingen in China um 55 Prozent zurück. Die USA konnten sich dank deutlicher Erholung der Ausgaben im Upstream Öl- und Gassektor (hauptsächlich aus Ölschiefer) sowie Gaskraftwerken und Stromnetzen auf dem zweiten Platz konsolidieren. Europa hielt sich aufgrund erhöhter Ausgaben für Energieeffizienz und einem bescheidenen Anstieg der Investitionen in erneuerbare Energien auf dem dritten Platz. Weltweit geht es übrigens um 1.8 Billionen USD, die 2017 investiert wurden.

Gerade mit Blick auf China schätzt die IEA die Aussichten für das laufende Jahr schlecht ein. Auch 2018 sei mit ähnlich niedrigen Investitionen in Ökoenergien zu rechnen, fürchtet sie. Denn China war 2017 für rund 45 Prozent aller weltweiten Solar-Investitionen verantwortlich. Nun hat das Land seine Solarförderung stark zurückgefahren: Seit Juni werden gewerbliche PV-Anlagen nicht mehr bezuschusst. Ohne solche Förderungen, so die IEA, läuft im Energiesektor fast gar nichts mehr – weder bei den erneuerbaren noch bei den fossilen.

Überhaupt ist das Energiegeschäft immer stärker von staatlichen Investitionen abhängig. Auch bei privaten Investitionen spielt der Staat eine wichtige Rolle (z.B. durch Vergütungsverträge, Förderungen oder Standards für Energieeffizienz).

Einen Lichtblick gibt es doch. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung kohlenstoffarmer Technologien nehmen langsam zu, bleiben aber auf niedrigem Niveau, wie die Abbildung zeigt:

rd-e1532452032864.png

In der deutschsprachigen Presse fand der Bericht leider kaum Beachtung. Den Hinweis erhielt ich über eine Randnotiz im Economist. Vermutlich ist es draussen einfach zu heiss oder laute Leute drängen sich in den Meldungen vor.

Hier geht es zum vollständigen Report: https://webstore.iea.org/world-energy-investment-20180001493_world-energy-investment-2018_550

 

 

 

 

 

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 24. Juli 2018

 

 

 

Kate Raworth: Die Donut-Ökonomie

Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. Das verspricht die britische Ökonomin Kate Raworth im Untertitel ihres Buches über die Donut-Ökonomie. Anna und ich haben gemeinsam mit Marco und Ulrich das Buch als Wirtschaftsliterarisches Quartett im Podcast bei den Mikroökonomen besprochen. Hört mal rein! Es ist länger geworden, als gedacht, denn Raworth’s Buch lädt generell zum Nachdenken über die grossen Themen der Wirtschaft ein: Wachstum, Verteilungsgerechtigkeit, Geld.

Für alle Interessierten gibt’s hier im Blog eine schriftliche Übersicht der Kernsaussagen des Buches.

Kate Raworth stellt auf über 350 Seiten vor, woran die bisherige Wirtschaftswissenschaft gescheitert ist und an welchen Werten sie sich zukünftig orientieren sollte, wenn Ökonomie und Ökologie zum Ausgleich gebracht werden sollen. Dazu entwirft sie das Bild des Donuts, das dem Buch auch den Titel gibt:

raworth_onepager

Wofür steht der Donut?

Er steht für

eine Zukunft, in der die Bedürfnisse jedes Menschen befriedigt werden, während zugleich die lebendige Welt geschützt wird, von der wir alle abhängig sind (S. 60, Hardcover-Ausgabe)

Die innere Kreislinie des Donuts bezeichnet dabei das gesellschaftliche Fundament, das die primären Bedürfnisse, wie Nahrung, Bildung und Wohnen, sicherstellt. Das Loch des Donuts steht also für den Fall, dass es hinsichtlich dieser Grundbedürfnisse zu Defiziten kommt (Leben unterhalb des Existenzminimums). Die äussere Kreislinie des Donuts bildet die ökologische Decke, die wir Menschen der Umwelt zumuten dürfen. Wird diese Kreislinie aufgrund wirtschaftlicher Aktivitäten nach aussen gedrückt, kommt es zu ökologischen Spannungen, die die Erde in Gefahr bringen. Dazu zählen etwa der Klimawandel, die Abnahme der Biodiversität oder die Versauerung der Meere. Raworth nennt insgesamt neun ökologische Fundamentalrisiken. Der Raum zwischen beiden Kreislinien, der Donut, bildet den idealen Raum, indem sich menschliche Aktivität und Wohlergehen des Planeten im dynamischen Gleichgewicht befinden.

7 Denkansätze, wie dieser Donut-Zustand entstehen kann

Raworth gliedert ihr Buch nach 7 Denkansätzen, damit die Menschheit in diesen Donut-Zustand kommt. In diesen fordert sie, was sich in der heutigen Ökonomie ändern muss. Ich stelle die einzelnen Punkte hier unkommentiert vor (S. 40-41 der Hardcover-Ausgabe zeigt einen tabellarischen Überblick, den ich aus Copyright-Gründen hier nicht einbinden kann).

  1. Das Ziel ändern: Anstelle des BIP eine Vielzahl von Messkriterien entwickeln, die den Zustand des Donuts widerspiegeln (diese befinden sich im Anhang des Buches, S. 357-364)
  2. Das Gesamtbild erfassen: die einfachen Marktmodelle der ersten Studiensemester erweitern (z.B. exogene Faktoren), um die Verflechtung von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft sichtbar zu machen
  3. Die menschliche Natur pflegen und fördern: den homo oeconomicus der ersten Semester durch das vollständigere Bild eines sozial anpassungsfähigen Menschen ersetzen.
  4. Den Umgang mit Systemen lernen: Mechanische Gleichgewichtsmodelle durch dynamisches Komplexitätsdenken ersetzen
  5. Auf Verteilungsgerechtigkeit zielen: Verteilungsgerechtigkeit nicht dem Wachstum überlassen (≈ Kuznets-Kurve), sondern als Ziel wirtschaftlichen Handelns aktiv anstreben
  6. Eine regenerative Ausrichtung fördern: Umweltschutz nicht dem Wachstum überlassen (≈ ökologische Kuznets-Kurve), sondern Ressourcenschonung und Wiederverwendung ebenfalls von vorneherein als aktives Ziel anstreben
  7. Eine agnostische Haltung zum Wachstum einnehmen: Raworth ist eine Postgrowth-Vertreterin.

Weitere Links zu Raworth und der pluralen Ökonomik gibt es bei den Mikroökonomen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 02. Juli 2018 (Update nach der Aufnahme am 09. Juli 2008)

 

 

 

Blockchain: die Hyperrealisierung des Vertrauens

 

Ein Gastbeitrag von Claude Del Don

Vertrauen und Emotion

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“  – so titelte unlängst ein Artikel von Markus Diem Meier. Darin zeigt er auf, dass das in der volkswirtschaftlichen Einführungsliteratur propagierte Menschenbild des „Homo oeconomicus“ in der Realität des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens unrealistisch oder sogar schädlich wirkt. Wörtlich:

„Ein «Homo oeconomicus», wie er im Lehrbuch steht, schafft kein Vertrauen. Mit einer Person, die jede Gelegenheit wahrnimmt, um auf meine Kosten einen Vorteil für sich herauszuschlagen, wenn ich als Partner oder als Arbeitgeber ihn nicht überwachen und bestrafen kann (etwa über tiefere Zahlungen), gehe ich lieber keine Art von Beziehung ein.“

Schlussendlich sei es gerade jenes Element der menschlichen Natur, das den ökonomischen Theoretikern des „Homo oeconomicus“ am meisten entgegensteht: die Emotion. Die Wahrnehmung von Emotion im Gegenüber lässt gerade drauf schliessen, dass die kühl-rationale Nutzenmaximierung nicht das letzte Wort haben wird und lässt Vertrauen entstehen. Wiederum aus obigem Artikel:

„Wenn ich annehmen kann, dass jemand aus emotionalen Gründen – zum Beispiel wegen sonst plagender Schuldgefühle – nicht zum Betrügen in der Lage ist, selbst wenn er oder sie daraus einen Vorteil hätte und der Betrug verborgen bliebe, dann macht das eine ökonomische oder andere Beziehungen erst möglich.“

Hierbei handelt es sich nicht um eine Absage an die Vernunft, sondern an ein dezidiertes Menschenbild und zwar jenes von Thomas Hobbes: Der Mensch als des Menschen Wolf. Der „Homo oeconomicus“ beschreibt den Menschen als vernunftbegabtes Tier, welches aus Instinkt rational Nutzen maximiert oder wie eine von Instinkten getriebene Nutzenmaximierungsmaschine wirkt.

Dem wird ein alternatives Menschenbild entgegengesetzt, wo der niedere Instinkt auch durch höhere Emotionen ge- und übersteuert werden kann: Egoismus durch Selbstlosigkeit, Eigenliebe durch Nächstenliebe, Selbstsucht durch Mitgefühl etc. Die Vernunft spielt jedoch in beiden Fällen eine unumstritten wichtige Rolle. Nur äussert sie sich in der Realität nicht immer und nur kaltblütig oder egoistisch, sondern mitunter auch mitfühlend und selbstlos: Hier kann dann Vertrauen entstehen.

Finanzfirmen als Vermittler des Vertrauens

Nun ist es nicht immer möglich, das Gegenüber einzuschätzen, weil zeitliche oder räumliche Nähe fehlen. Hier treten dann Vertrauensvermittler auf. Dies sind Intermediäre, denen beide Parteien vertrauen und die das Geschäft für beide Seiten vermitteln und abwickeln. In der Finanzindustrie sind dies bis anhin die Banken, Börsen und Zentralbanken. Sie übernehmen das Risiko, dass das in das Gegenüber gesetzte Vertrauen fehl am Platz war und ein Schaden entsteht. Die Übernahme dieser verschiedenen Risiken und den Preis, den die Intermediäre (meist in Form von Eigenkapital) bezahlen müssen, wälzen sie in Form verschiedener Gebühren auf die Parteien über.  In diesem Sinne liesse sich formulieren, dass das Vertrauen, welches die Intermediäre zwischen Gegenparteien vermitteln, wie auch die Vermittlung selbst, einen gewissen Preis hat. Dies ist die inhärente Natur von Transaktionskosten, Depotgebühren, subscription fees u.a.

Blockchain als Ersatz für Vertrauen

Die Blockchaintechnologie verspricht nun, diesen Prozess der Vertrauensvermittlung und seine Kosten überflüssig zu machen, indem sie einerseits die Vermittler überflüssig macht und andererseits den Vertrauensbildungsprozess vom Menschen und seinen Emotionen loslöst und mittels Algorithmen mathematisiert:

Angenommen, Partei A möchte einen Wert an Partei B übertragen und Partei B soll für den Wert einen vereinbarten Preis bezahlen. Eine im Voraus vereinbarte Anzahl Parameter, die den Transfer in seiner Gänze zu beschreiben vermögen, wird in einem Datensatz zusammengefasst und von den Nutzern validiert. Bei einer Zahlung besteht der Datensatz zum Beispiel aus Empfänger- und Senderadresse, dem Betrag und einigen Metadaten, wie dem Zeitstempel. Diese Transaktion wird nun mit anderen Transaktionen in einem Block gemeinsam vorgehalten. Dessen Integrität wird auch wieder von den Nutzern gemeinsam validiert und freigegeben. Dieser Block reiht sich dann in eine Kette von Blöcken, die Blockchain, ein. Es handelt sich dabei um eine Folge von Blöcken, die jeweils Daten enthalten, die über einen errechneten Pointer mit dem nächsten Block verbunden sind. Durch diese Verknüpfung  der Blöcke miteinander würde eine nachträgliche Änderung der Daten sofort im Netzwerk auffliegen. Die Fälschungssicherheit ist also sehr hoch.

Vertrauen wird auch dahingehend überflüssig, weil die Blockchain dezentral gespeichert ist und all die Nutzer, die Transaktionen validieren können, die komplette Blockchain einsehen können. Es gibt keine zentrale Instanz, die alleine die Kontrolle über die Datenhaltung ausübt, wie das z.B. bei der Kontoverwaltung einer Bank der Fall ist.

Hyperrealität

Diese Loslösung des Vertrauens von den betroffenen Akteuren lässt den Hyperrealisierungsprozess Jean Baudrillards erahnen. Hyperrealität manifestiert sich laut Baudrillard in vier Phasen:

  1. Eine grundlegende Realität wird abgebildet
  2. Die grundlegende Realität wird maskiert und pervertiert
  3. Das Fehlen einer grundlegenden Realität wird maskiert
  4. Völlige Loslösung von jeglicher Realität à Hyperrealität

In der Ökonomie lässt sich dieser Prozess beispielsweise im Handel mit Derivaten feststellen:

  1. Handel auf dem Markt mit verschiedenen Produkten
  2. Derivative Produkte maskieren sowohl das eigentliche Produkt (Underlying) als auch dessen Risiko
  3. Derivate existieren insofern losgelöst von ihrem Underlying, als sie nicht mehr der Absicherung dienen, sondern der Spekulation
  4. Credit Default Swaps, Asset Backed Securities u.a. haben keinen Bezug mehr zum eigentlichen Zweck ihrer Underlyings, wie etwa Kredite für die Industrieproduktion

Blockchain als Hyperrealität des Vertrauens

Auf die Blockchaintechnologie übertragen, sieht der Prozess der Hyperrealisierung wie folgt aus:

  1. Handel mit Gütern, das Kreditwesen zwischen Personen (natürliche oder juristische) bilden Vertrauen ab.
  2. Verträge (bspw.: Kredite, Handel etc.) zwischen verschiedenen Personen maskieren das Vertrauen als Gelbetrag (Zinsen, Gebühren etc.).
  3. Die Interaktion mittels zentralen Intermediären lässt Vertrauen zwischen den direkten Gegenparteien überflüssig werden.
  4. Völlige Loslösung der Vertrauensfrage durch Blockchain.

Eingangs wurde dargelegt, wie das Theoriegebilde des „Homo oeconomicus“ an der Wirklichkeit des realen Menschen scheitert und dass dies im Hinblick auf den Vertrauensbildungsprozess auch gut sein kann. Die Blockchaintechnologie hat die Vertrauensbildung „algorithmiert“ und macht die Vertrauenswürdigkeit von (direkten wie auch dritten) Gegenparteien überflüssig. Dabei scheint sie nun aber den „Homo oeconomicus“ noch als Grundlage zu haben. Dies, da sie die Interaktion zwischen Subjekten (direkt oder indirekt über Intermediäre wie Banken, Zentralbanken, Börsen und Versicherungen) unnötig macht. Die Hauptmotivation dabei ist die Reduzierung der Kosten, die durch die Intermediäre entstehen. Die Nutzenmaximierung der einzelnen Teilnehmer steht also weiterhin im Vordergrund.

Nun verlangen Banken, Zentralbanken, Börsen und Versicherungen in Ihrer Funktion als Intermediäre bei Transaktionen, welche durch die Blockchaintechnologie ersetzt werden könnten, Ihre Gebühren nicht für die Dienstleistung als solcher, sondern eher im Sinne einer Risikogebühr, falls das vermittelte Vertrauen nicht gerechtfertigt ist. Dieser Risikotransfer auf die Intermediäre würde mit dem Wegfallen der Gebühren ebenfalls eingespart werden und die Teilnehmer an einer Blockchain würden die Risiken direkt tragen, ohne durch Mechanismen, wie Einleger- oder Anlegerschutzgesetze, abgesichert zu sein. Einzig ein unfehlbarer Blockchain-Algorithmus würde diesen Risikotransfer, wie er von den intermediären Drittparteien geleistet wird, übernehmen können. Unfehlbarkeit ist jedoch ein Attribut, welches nichts, das von Menschen gemacht ist, für sich in Anspruch nehmen sollte und kann.

 

Claude Del Don, Legal Reporting Specialist bei Julius Bär, Zürich, 29. Januar 2018

Der langsame Abschied vom Shareholder-Value-Kult

„Die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen, und zwar sowohl öffentliche als auch private, einem sozialen Zweck dienen“, schrieb BlackRock-CEO Larry Fink in einem Schreiben am Dienstag. Es ging, so berichtete die New York Times, an die CEOs aller grossen Firmen, an denen BlackRock Anteile hält. Und das sind nicht wenige, denn BlackRock ist mit einer Anlagesumme von 6.3 Mrd. Dollar der grösste Vermögensverwalter der Welt.

on-ch555_blackr_b780_20171012152921

In Finks Brief heisst es unter anderem:

„Without a sense of purpose, no company, either public or private, can achieve its full potential. It will ultimately lose the license to operate from key stakeholders. It will succumb to short-term pressures to distribute earnings, and, in the process, sacrifice investments in employee development, innovation, and capital expenditures that are necessary for long-term growth. It will remain exposed to activist campaigns that articulate a clearer goal, even if that goal serves only the shortest and narrowest of objectives. And ultimately, that company will provide subpar returns to the investors who depend on it to finance their retirement, home purchases, or higher education.“ /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Social Corporate Responsibility soll also nicht mehr nur ein bunter Marketing-Gag sein, indem eine Firma berichtet, wie toll ihre Frauenförderprogramme sind, dass die Mitarbeiter an einem Freiwilligen-Tag Bäumchen pflanzen und dass selbstverständlich jede Flugmeile CO2-kompensiert wird. Verantwortung für die Gesellschaft heisst, Antworten auf die Fragen, die diese Gesellschaft umtreiben, zu finden. Denn damit ist dann auch langfristig Geld zu verdienen.

Companies must ask themselves: What role do we play in the community? How are we managing our impact on the environment? Are we working to create a diverse workforce? Are we adapting to technological change? Are we providing the retraining and opportunities that our employees and our business will need to adjust to an increasingly automated world? Are we using behavioral finance and other tools to prepare workers for retirement, so that they invest in a way that that will help them achieve their goals? /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Es wird Zeit für eine solche Neuausrichtung der Unternehmenswelt und ich bin gespannt, wie die Reaktion auf diese Ankündigung sein wird.

Interessant finde ich diesen Brief zum jetzigen Zeitpunkt vor allem aus zwei Gründen:

Zum einen spielt BlackRock, einer der ganz grossen Player an der Wall Street, mit diesem Vorstoss das progressive Silicon Valley mal locker an die Wand. Während es in Palo Alto früher gerne hiess, dass jede neue App dazu diene, die Welt ein wenig besser zu machen, erhielten die Tech-Konzerne im letzten Jahr sehr viel Gegenwind. Plötzlich hörte man den Ausspruch „Make this world a better place“ nur noch als ironische Replik in der Sitcom „Silicon Valley“. Das hat teils damit zu tun, dass die grossen Firmen (und Behörden) durch ihre Datenanalysen die Ungleichheit in der Gesellschaft  verstärken könnten.  Das hat auch viel mit der Polarisierung von Meinungen durch Manipulationen der User-Feeds zu tun. Die geschmacklosen Geschichten über weltfremde und frauenfeindliche Kapitalgeber haben den Eindruck eines fehlenden moralischen Kompasses noch gestärkt – da fehlen oft kritische Boards, die die Geschäftsleitungen ausreichend beraten und kontrollieren. Ohne gut funktionierende und engagierte Boards gibt es keine solide Unternehmensentwicklung, so die Philosophie von BlackRock.

Bei BlackRock kommt denn der Brief nicht von ungefähr. Die Firma ist Gründungsmitglied bei FCLT Global. Der Name steht für Focusing Capital on the Long Term und entspricht dem Anlagecredo eines Vermögensverwalters, dessen Kunden vor allem auf eine langfristige Wertentwicklung angewiesen sind. Das unterscheidet BlackRock auch von anderen „aktivistischen Aktionären“.  Eine konsequente Ausrichtung der Unternehmen auf eine solch langfristige Wertentwicklung würde auch eines der pet projects der Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley, die Longterm-Stock Exchange, überflüssig machen.

Zum zweiten nennt der Brief die derzeitige Handlungsschwäche vieler Staaten als Grund, Druck auf die Unternehmen auszuüben:

We also see many governments failing to prepare for the future, on issues ranging from retirement and infrastructure to automation and worker retraining. As a result, society increasingly is turning to the private sector and asking that companies respond to broader societal challenges. /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Das ist schon eine harte Aussage. Wenn der Staat es nicht richten kann, müssen die Unternehmen in die Bresche springen. Das ist Kapitalismus pur. Und stellt die Frage nach der demokratischen Verantwortung und wie die funktionieren soll, wenn Unternehmen und nicht mehr gewählte Vertreter strategische Entscheidungen für eine Gesellschaft treffen und diese auch kontrollieren.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. Januar 2018

 

Mehr Wissen über Krypto-Assets kann nicht schaden

Ob Anlagen in Kryptowährungen nun Himmel oder Hölle bedeuten, ist nicht immer leicht zu beurteilen. Wie bei jedem Hype gehen die Meinung auseinander. Und wie bei jedem Hype kommen irgendwann Trittbrettfahrer hinzu, die der Entwicklung eher schaden als nützen (hier ein Beispiel).

Der Markt der Kryptowährungen und daraus abgeleiteten Anlagen ist unübersichtlich, wenn nicht chaotisch. Scams und vor allem die Hysterie um den Bitcoin-Preis machen die Sache nicht besser. Experten, darunter der Risikokapitalgeber Jamie Burke und Ethereum-Gründer Vitalik Buterin, gehen davon aus, dass beispielsweise bis zu 90% aller ICOs scheitern werden. Da ist es gut, systematisch aufzuklären und Vor- und Nachteile der Möglichkeiten aufzuzeigen.

lotsofcoins

Demelza Kelso Hays [1] wird quartalsweise mit ihren Kollegen Ronald-Peter Stoeferle  und Mark J. Valek im Auftrag der liechtensteinischen Vermögensverwaltungsgesellschaft Incrementum  eine kritische Sichtweise auf wirtschaftliche, rechtliche und technische Aspekte von Krypto-Assets vermitteln. Der erste Quartalsreport ist sehr umfangreich (60 Seiten), weil er auch über viele Grundlagen und Anwendungen informiert. Dabei greift er auf frühere Blogbeiträge zurück. Ich finde, der Bericht ist sehr verständlich geschrieben. Dennoch richten sich die Informationen eher an Finanzmarktteilnehmer denn an Einsteiger.

Themen sind:

  • Einführung in die Blockchain-Technologie und Kryptowährungen
  • Initial Coin Offerings
  • US-regulierte Bitcoin-Derivate
  • Ein Index für Kryptowährungen
  • Besteuerungen von Kryptowährungen in Europa

Der erste Report ist so dicht an Informationen, das ich nur eine Sache vermisst habe: ein Executive Summary ;).

Es gibt ihn nicht nur in englischer, sondern auch in deutscher Sprache. Finanziell wurde er neben Incrementum auch von der Bank Vontobel unterstützt.

Englischsprachiger Report: http://cryptoresearch.report/wp-content/uploads/2017/12/Incrementum-Crypto-Research-Report-Edition-1-English-Version.pdf

Deutschsprachiger Report: http://cryptoresearch.report/wp-content/uploads/2017/12/Incrementum-Crypto-Research-Report-Edition-1-German-version.pdf

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 15. Dezember 2017, Disclaimer: @nachrichtenlos hält selber Kleinstbestände an BTC und ETH in ihrer Wallet. 😇

 

[1] Demelza forscht als Doktoratsstudentin über Kryptowährungen an der Universität Liechtenstein. Sie war als Referentin beim Finance-Watch-Workshop zur Blockchain-Technologie in Brüssel dabei.