Künstliche Intelligenz und Innerlichkeit

Ein Gastbeitrag von Claude Del Don

Chatbots, Smartphone-Assistenten, Roboadviser: künstliche Intelligenz befindet sich im Moment in aller Munde und nimmt einen nicht unwichtigen Platz im Denken von Bankmanagern, IT-Entwicklern und Politikern ein. Chatbots sind künstliche Online-Profile in Social-Media.Netzwerken, welche beispielsweise von Firmen oder politischen Parteien eingesetzt werden, um ihre Produkte, Dienstleistungen oder Wahlprogramm zu verbreiten. Smartphone-Assistenten (z.B. Apples Siri) sind meist sprachgesteuerte Programme, welches die Nutzer bei der Bedienung computergestützter Geräte unterstützen soll. Roboadviser sind digitale Assistenten im Banking oder künstliche “Kundenberater” für Bankkunden, welche Anlage- und andere Beratungsfunktionen ausführen.

Um sich dem Thema des Verhältnisses von Künstlicher Intelligenz zum Menschen von akademisch-geisteswissenschaftlicher Seite zu nähern, mag es notwendig sein, dem etwas veralteten und allenfalls noch im kulturhistorischen Kontext verwendeten Begriff der „Innerlichkeit“ zu neuer Bedeutung zu verhelfen. Er umfasst Vorgänge des menschlichen (Selbst-)Bewusstseins wie Denken, Lieben, Mitleid Empfinden, Wut Empfinden, Trauern, sich Freuen, usw. Innerlichkeit ist also quasi die vom Individuum wahrgenommene Äusserung des (Selbst-)Bewusstseins. Vereinfacht gesagt könnte man Innerlichkeit also als jenen Vorgang verstehen, der es dem Menschen ermöglicht, über sich selbst als „Ich“ oder als „Selbst“ nachzudenken.

Kulturgeschichtlich findet sich eine der frühesten Konzeptionen von Innerlichkeit im Buch Exodus des Alten Testamentes, wo Gott sich selbst als der „Ich bin“ bezeichnet. Auch im nicht-monotheistischen Griechenland des 6. vorchristlichen Jahrhunderts findet sich der Überlieferung gemäss eine Inschrift der Sieben Weisen über dem Eingang zum Tempel von Delphi, wovon eine das bekannte „Erkenne dich selbst“ ist. Im 5. Jahrhundert n. Chr. empfiehlt dann Augustinus sich vom Äusseren ins Innere zu kehren, um Gott, sich selbst und die Wahrheit zu finden. Descartes definiert ca. 1000 Jahre später Innerlichkeit als das Denken allein („Cogito ergo sum“ – ich denke, also bin ich). So bahnbrechend Descartes’ Erkenntnis für die Philosophie die Geistesgeschichte war, so stellt sie dennoch eine Verkürzung der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs der Innerlichkeit dar. Der religiöse Kontext, in den Innerlichkeit in der Antike und im Mittelalter gestellt wurde, sowie die Arbeit von Descartes führten schliesslich dazu, dass Hegel ihn im 18. Jahrhundert meist als etwas Negatives betrachtet. Immerhin galt für Hegel das Denken als eine Form der Innerlichkeit, die nicht negativ konnotiert war. Für Nietzsche war im 19. Jahrhundert die Unterscheidung zwischen Innerem und Äusserem ein Unding und er plädierte für eine reine Äusserlichkeit.

Diese Entwicklung mag dazu beigetragen haben, dass der Astrophysiker Martin J. Rees heute das Denken von nassen Systemen (damit sind wir Menschen gemeint) als vergleichsweise begrenzt und die Menschheit somit nur als Vorspiel der Geschichte bezeichnet. Elektronische Rechenmaschinen kennen diese Begrenzung nicht. Diese Feststellung erfolgt in keiner Weise mit Bedauern, sondern vermittelt eher den Eindruck, Martin J. Rees empfinde dies als natürliche und richtige Entwicklung. Hier findet die Reduktion des Menschen auf sein Denken und die Veräusser(lich)ung der Innerlichkeit einen Höhepunkt.

Von Marvin Minsky, einem der Pioniere auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz wird gesagt, er hätte gerne Folgendes kolportiert:

„One day soon, maybe twenty or thirty years into the twenty-first century computers and robots will be able to construct copies of themselves, and these copies will be a little better than the originals because of intelligent software. The second generation of robots will then make a third, but it will take less time, because of the improvements over the first generation. The process will repeat. Successive generations will be ever smarter and will appear ever faster. People might think they’re in control, until one fine day the rate of robot improvements ramps up so quickly that superintellligent robots will suddenly rule the Earth.“

Für Marvin Minsky war dies jedoch nicht eine Schreckensvision, sondern das wünschenswerte Szenario, welches er durch seine Forschung herbeiführen resp. für die Herbeiführung zumindest einen wesentlichen Beitrag leisten wollte.

Anders Elon Musk: Er zeichnet in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz ein recht düsteres Bild der Zukunft des Menschen. Er beschwört sogar den durch lernende Maschinen verursachten 3. (atomaren) Weltkrieg und bedient sich dabei der Ikonographie des Films „Terminator“ aus dem Jahre 1984. In diesem Film liegt die Welt in der Zukunft in Staub und Asche. Ein Atomkrieg, verursacht von einer künstlichen Intelligenz, geschaffen von Menschen, welche kurz nach Inbetriebnahme ein eigenes Bewusstsein entwickelte und ihr Überleben nur in der Vernichtung der Menschheit sah. Andere Erzeugnisse der Filmkunst wie beispielsweise das japanische Anime  „Ghost in the Shell“ (kürzlich als Realfilm in den Kinos) gehen ein wenig differenzierter mit dem Thema um, wenngleich nicht weniger kritisch.

Es stellt sich die Frage, wovor Elon Musk genau warnen will. Vor der künstlichen Intelligenz oder vor den Menschen, welche sie programmieren, propagieren und versuchen gesellschaftliche Akzeptanz für sie zu erreichen? Betrachtet man das obige Konzept der Innerlichkeit und bleibt man bei der ursprünglichen Vielfalt dieses Begriffs, so stellt sich unweigerlich die Frage, ob eine Maschine, ein Algorithmus, ob offenes oder geschlossenes System, jemals Innerlichkeit haben wird oder immer nur höchstens eine Simulation davon  sein kann. Bleibt Innerlichkeit damit nicht das Alleinstellungsmerkmal des Menschen gegenüber der Maschine? Jedoch bleibt die Möglichkeit, dass es denjenigen Vertretern der Befürworter künstlicher Intelligenz wie Martin J. Rees oder Marvin Minsky ganz recht ist, wenn lernende Maschinen niemals Innerlichkeit erlangen, da sie diese möglicherweise als eben jenes Element menschlichen Daseins betrachten, welches überwunden werden muss. Über das Menschenbild, das hinter solchen Haltungen zweifelsohne existiert, lässt sich lediglich spekulieren. So hat auch ETH-Professor Thomas Hofmann mehr Angst vor den Menschen (als Erbauer und Nutzer der Maschine) als vor den Maschinen selbst.

Im Umgang mit elektronischen Hilfsmitteln, die künstliche Intelligenz nutzen, empfiehlt sich für den Endverbraucher zu unterscheiden, wes Geistes Kind das jeweilige Hilfsmittel bzw. die künstliche Intelligenz ist. Denn es könnte sich als problematisch erweisen, wenn beispielsweise einem Roboadviser zugestanden wird, an Stelle des Kunden (in der Annahme sein Algorithmus simuliere den Kunden vollkommen) Investments zu tätigen. Oder wenn eine solche „Kundensimulation“ als alleinige Entscheidungsgrundlage dient, ob jemand eine Kranken- oder Autoversicherung erhält oder falls ja, zu welchem Preis. Im ersten Fall könnte ein Irrtum in der Annahme zu Verlusten für die Anleger führen. Im zweiten Fall zu einer Diskriminierung und im Falle der Krankenversicherung zu einer mangelnden Gesundheitsversorgung. Verhaltensökonom Thorsten Hens weist darauf hin, dass Roboadviser es in Krisenfällen nicht mit der (durch Innerlichkeit geprägten) Expertise eines Warren Buffet aufnehmen können.

Aus diesen Gründen empfiehlt sich für die Unternehmensführung von Banken und Versicherungen, aber auch für Gesetzgeber und Regulatoren, nicht zu vorschnell die Diskussion um die Frage zu entscheiden, ob künstliche „Intelligenz“ tatsächlich Intelligenz im menschlichen Sinne ist, ob die Simulation dem Original so nahe kommt, dass sie austauschbar werden könnte. Diese Diskussion sollte breit abgestützt angestossen und geführt werden, damit nicht politisches und ökonomisches Denken und Kalkül (allein) darüber entscheidet, was den Menschen zum Menschen macht und ob eine Maschine, egal wie ausgeklügelt sie auch sein mag, ihn ersetzen wird oder können soll. Das Konzept der Innerlichkeit kann hierbei als Unterscheidungsmerkmal und –kriterium dafür gelten, welche Macht man den lernenden Maschinen resp. deren Schöpfern zugestehen will und sollte.
 

Claude Del Don, Legal Reporting Specialist bei Julius Bär, Zürich, 08. November 2017

 

 

 

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Die vergessenen Hillbillies

Unvergessen ist der Tweet, mit dem Donald Trump in der Wahlnacht von vor fast einem Jahr denjenigen Menschen pathetisch ein Denkmal setzte, denen er zu einem guten Teil seinen Wahlsieg verdankte:

Lange vergessen sind Trumps Versprechen, diesen Menschen zu helfen. Ihr Schicksal ist unverändert. Die Hillbillies, die Hinterwäldler aus den ländlichen Landstrichen Amerikas, die in den Medien auch unter den abfälligen Bezeichnungen „White Trash“ oder „Redneck“ bekannt sind, leiden weiterhin unter ihrer schlechten sozialen Lage. Diese Leute haben  in den letzten Jahrzehnten nichts vom technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt gehabt. De-Industrialisierung, Outsourcing, schlechte Ausbildung und fehlende neue Arbeitsplätze haben aus dem ehemaligen Industriegürtel der USA einen sozialen Brennpunkt gemacht. Ich kannte diese Schicht bisher nur aus abstrakten, soziologischen Studien und Statistiken. Etwas persönlicher, aber nicht unbedingt authentisch, wurde sie für mich dank Eminem, der seinen Weg aus dem Trailer-Park in Detroit zu einem Gesamtkunstwerk gemacht hat. Doch seit 2016 gibt es zu Eminems schrillen  und aggressiven Rap-Anklagen eine konservative Gegenstimme: J.D. Vance, ein junger Mann aus Ohio, hat in seinen Memoiren das Elend seiner Familie beschrieben. Beseelt vom Amerikanischen Traum, sind seine Grosseltern aus Kentucky nach Ohio gezogen, um dann dort angesichts des Niedergangs der US-amerikanischen Stahlproduktion den sozialen Niedergang der eigenen Familie nicht verhindern zu können.

Eine Statistik, die letzte Woche auf Twitter von Max Roser (via Dina Pomeranz) verbreitet wurde, zeigt das Elend dieser Unterschicht. Eine der Krisenregionen dieses Drogenmissbrauchs, ist eben genau Central Appalachia, die ursprüngliche Heimat der Familie von J.D. Vance. Das ist die Gegend um West Virginia und einem Teil Kentuckys, einer ländlichen Gegend, die längst den Anschluss an die vernetzte Dienstleistungsgesellschaft verloren hat.

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https://ourworldindata.org/grapher/overdose-deaths-due-to-opioids-in-the-us-1999-2015

Doch was treibt die Leute in diese Abhängigkeit? Was die Statistik nicht zeigt, das holt J.D. Vance mit seinen Memoiren „Hillbilly Elegy“ nach. Sein Buch über die Abgehängten der weissen Unterschicht gilt vielen in den USA als Erklärung, weshalb Trump bei den zornigen weissen Männern und ihren Frauen so gut ankam. Das Buch, das im Frühsommer 2017 auch auf Deutsch erschienen ist,  erzählt von der Ausweglosigkeit dieser Menschen. Das macht Vance auf sehr persönliche Weise, denn es ist seine eigene Biographie. Er erzählt schonungslos, auch gegenüber seiner eigenen Mutter, deren Lebensgefährten sich als Ersatzpapis regelrecht die Klinke in die Hand geben. Die meisten dieser Lebensgefährten scheitern bei ihrem Unterfangen glorios. Der Junge kann mit keinem von ihnen eine stabile Beziehung aufbauen. Die Mutter, als Krankenschwester ausgebildet, ist, seit er sich erinnern kann, drogenabhängig. Abhängigkeit und Entzug wechseln sich bei ihr ab wie die Männer. Dennoch wirkt die Familie nicht komplett dysfunktional. Starke Grosseltern, die zwar selber ihre Probleme mit Alkohol und Ehe haben, sorgen für eine gewisse Stabilität. Fehlende Bildung und fehlendes Weltwissen sind ein zentrales Thema des Buchs, die Vance selber erst richtig bewusst werden, als er nach Yale zum Studium wechselt. Da hat er’s schon fast geschafft. Ich fand es bewundernswert, mit welcher Offenheit Vance über seine vielen miesen Erfahrungen schreiben konnte und welche Spuren das  in seinem Verhalten hinterlassen hat, z.B. in einer impulsiven Aggressivität, die sich bis heute in seinem Alltag zeigt.

Das Buch ist allerdings keine rein negative Abrechnung mit seiner eigenen gesellschaftlichen Herkunft, sondern bleibt eine ganz traditionelle Geschichte vom „Amerikanischen Traum“. Vance hat es nämlich geschafft, aus dieser Spirale von Armut und Mutlosigkeit auszubrechen und seinen eigenen Weg in den Wohlstand zu gehen. Während er das Buch schrieb, arbeitete er bereits als Principal beim Investmentfonds Mithril Capital Management, der von Peter Thiel und Ajay Royan geleitet wird. Inzwischen ist er aus San Francisco zurück in seine Heimat Ohio gezogen und leitet dort gemeinsam mit dem AOL-Mitgründer Steve Case das Non-Profit „Rise of the Rest“, das ein Ökosystem für Start-Ups aufbaut.  Peter Thiel, Ajay Royan, Steve Case: Das sind ziemlich glamouröse Namen in den USA. Vance hat es in seinen wenigen 32 Jahren ganz schön weit gebracht. Der Amerikanische Traum funktioniert also immer noch. Die Namen seiner Gönner und Arbeitgeber haben wohl dazu geführt, dass manche Kritiker ihm vorwerfen, er setze den Amerikanischen Traum mit der Gier nach grossen Vermögen gleich. Ich habe seine Erzählung nicht so verstanden. Vances Verständnis des American Dream wird im Buch meist mit dem Besitz eines Einfamilienhauses in einer netten Nachbarschaft assoziiert.

Neben den Grosseltern hat er also immer wieder weitere (private) Förderer gehabt, die ihn unterstützt haben, so dass er aus seinen ärmlichen Verhältnissen in Ohio ausbrechen konnte.  Das sind neben seinen Arbeitgebern und Förderern vor allem die Lehrer an seiner High School, seine Ausbilder bei den Marines,  seine Hochschullehrer (u.a. die Tiger Mom Amy Chua) und seine heutige Ehefrau. Starke Frauen spielen überhaupt in Vances Leben eine sehr grosse Rolle. Seine Sicht auf diese Welt ist eine konservative. Das spürt man, wenn er patriotisch über die USA und seinen eigenen Einsatz  im Krieg in Irak schreibt. Das spürt man auch an seinem Familienbild und an manchen Aussagen über die Rolle des Staates in der Bekämpfung der Armut. Der Staat habe keine Möglichkeit, die Situation zu ändern, meint er. „God helps those who help themselves“ ist eine der Glaubenssätze seiner Grossmutter, die er übernimmt. So lehnt er beispielsweise eine Regulierung von Kredithaien vehement ab, weil damit den Armen die einzige Möglichkeit genommen werde, kurzfristig zu Geld zu kommen. Damit habe ich an mancher Stelle im Buch meine Probleme gehabt, aber gerade seine für mich fremde, konservative Sicht erlaubt auch den Einblick, weshalb so viele dieser Menschen Trump gewählt haben. Sie trauen dem Staat nicht und deshalb trauen sie ihm auch nichts zu. Der Staat, das ist immer wieder auch die Polizei, die die drogenabhängigen Väter und Mütter abführt. Der Staat, das ist derjenige, der  Kinder nur in Pflegefamilien platziert, die eine offizielle Zulassung als Pflegeeltern vorweisen können (die die eigene Verwandtschaft meist nicht nachweisen kann). Das Misstrauen und der Neid gegenüber denen, die diesen fernen Staat repräsentieren, wird besonders deutlich an seinen Äusserungen über die Obamas:

Barack Obama strikes at the heart of our deepest insecurities. he is a good father while many of us aren’t. He wear suits to his job while we wear overalls, if we’re lucky enough to have a job at all. His wife tells us that we shouldn’t be feeding our children certain foods, and we hate her for it – not because we think she’s wrong but because we know she’s right (S. 191)

Das Buch ist an manchen Stellen redundant, gerade wenn es um die Bedeutung der Familie geht. Das Familienthema liegt Vance schon sehr am Herzen. Sein Ton ist deshalb manchmal arg feierlich und instruktiv, aber bleibt immer aufrichtig: Kein Joke, um mal die Stimmung zu lockern, kein Versuch, Spannung aufzubauen, um die Leser zu unterhalten. Das Buch ist nicht sexy. Das hat mir sehr gut gefallen. Der Typ erzählt wie es wa(h)r. Angesichts der Alltagsgewalt und des Frustes wäre alles Andere auch unangemessen. Durch seine Authentizität war das Buch für mich sehr gut zu lesen. Bei einem Blogpost oder Tweet hätte ich sicherlich häufiger ungehalten weggeklickt, weil mir die weltanschauliche Haltung nicht passte. Ein Buch lädt doch eher zum geduldigen Zuhören ein.

Wer verstehen möchte, wie es zum Riss zwischen Eliten und weisser Unterschicht in den USA kam, wird in diesen Memoiren manche Antwort finden. J.D. Vances empfehlenswertes Buch ist bei Ullstein auf Deutsch erschienen: https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/hillbilly-elegie-9783550050084.html

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. Oktober 2017

 

 

Geld braucht Gemeinschaft

 

Der Politologe und Soziologe Roland Benedikter hat 2011 ein grundlegendes Buch über Social Banking geschrieben. Wer sind diese Banken, was leisten sie und was verspricht sich Benedikter von ihnen für die Zukunft? Ich sprach mit ihm über diese Themen für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Moneta, die dem Netzwerk sozialer Banken, der Global Alliance for Banking on Values (GABV), gewidmet ist.

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Moneta: Portrait der GABV

Die neue Ausgabe der Moneta ist da. Themenschwerpunkt ist die Global Alliance for Banking on Values (kurz: GABV).

Ich habe an verschiedenen Stellen des Heftes mitgewirkt:

  • der Überblicksartikel zur Strategie der GABV: Dazu habe ich u.a. mit dem Kommunikationsbeauftragten Jazmin Panjeta im Büro des Netzwerks in Zeist (Niederlande) gesprochen (S. 6-7).
  • das Interview via WhatsApp mit Roland Benedikter mit dem Titel „Geld braucht Gemeinschaft“ hat mir besonders viel Spass gemacht (S.18-19). Im Gespräch mit ihm wurde der Zusammenhang von Geldfunktionen und technologischer Entwicklung deutlich.
  • In Olten hatte ich bereits im Frühsommer Gelegenheit mit Kay Adler, Strategie- und IT-Chefin bei der New Resource Bank in San Francisco, darüber zu sprechen, was für Änderungen sich im Banking durch Trump ergeben würden. Sie sieht durchaus auch Chancen (letzte Seite des Hefts).
  • Und dann berichte ich noch kurz über den 2. Swiss Fintech Day (S. 5) in Schlieren, den ich auch auf dem Blog bereits vorgestellt hatte, und das Experiment der First Green Bank mit der Finanzierung von Medizinalhanf-Projekten (S. 14).

Ja, es sind mehrheitlich PR-Texte, aber für eine gute Sache ;). Und sie ergeben ein gutes Bild, wie wichtig internationales Netzwerken ist, wenn man langfristig in der Nische des „Sustainable Banking“ erfolgreich sein möchte.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 28. September 2017

 

Modellansatz für ethisches Management

Wie muss das Bankmanagement geschaffen sein, auf welcher Basis sollen Entscheidungen getroffen werden, um im Spannungsfeld von Shareholder Value und Reputationsrisiko sicher zu navigieren? Die mediale Berichterstattung über das (Fehl-)Verhalten der Schweizer Banken ist sowohl im In- als auch im Ausland in den letzten Jahren in manchen Fällen zu einer regelrechten Banken-Hetzjagd ausgeartet. Politik und Gesetzgeber reagierten und reagieren noch immer mit erhöhtem Druck und schärferer Regulierung der Branche. Aus Sicht der Gesellschaft muss ein nicht unbedeutender Schaden für die Reputation der Branche und eine wachsende Unbeliebtheit einschlägiger Berufe konstatiert werden. Die Bankbranche wird als moralisch mehrheitlich fragwürdige Industrie wahrgenommen und ihre Exponenten als gierige Bonusbanker bezeichnet. Diese Entwicklung erfuhr durch die Annahme der Abzockerinitiative und die dadurch gestärkte Position der Shareholder einen ersten Höhepunkt. Der ausgebaute Fokus auf den Shareholder wirft gerade in Zeiten, in denen ethisches Investment und Nachhaltigkeitsfonds mit ihrer Performance glänzen, die Frage auf, welche Zusammenhänge zwischen Shareholder Value und Ethik bestehen und welche praktische Bedeutung das für die Bankführung hat.

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Das Internet der rollenden Dinge

Elon Musk hat’s einmal wieder geschafft, dass ihm mit einem lapidaren Tweet alle zuhören. Ganz locker verkündete er, dass er eine mündliche Zusage der Bundesbehörden habe, eine Hyperloop-U-Bahn zwischen New York City und Washington DC zu bauen.

Er ruderte schnell zurück, denn noch liegen ihm keine formalen Zusagen vor. Wer ihm nun was genau zugesagt hat, steht vorerst nur in den Sternen und seiner Phantasie. Beides ist bei ihm eng miteinander verbunden. Immerhin macht Musk voran, denn grosse Bauprojekte haben es angesichts hoher Regulierungsdichte und vieler Stakeholder mit ganz verschiedenen Interessen nicht einfach, eine Genehmigung zu erhalten.

Auch in der Schweiz haben wir mit Cargo sous terrain ein vergleichsweise wagemutiges Unterfangen, das sich durch die Mühlen der Finanzierung (was für Musk offensichtlich nie ein Problem ist) und der Gesetze kämpft und noch einen langen Weg bis zum ersten Spatenstich vor sich hat. Cargo sous terrain verspricht, den Gütertransport in der Schweiz mit einem Tunnelsystem und automatisierter Steuerung umweltfreundlich und effizient zu gestalten. 

In der letzten Moneta-Ausgabe (02/2017) habe ich einen aktuellen Abriss über das Grossprojekt gegeben. Die Debatte um komplizierte und langwierige Genehmigungsverfahren ist ein guter Anlass, den Beitrag auch auf dem Blog online zu stellen.

Kern des Logistikprojekts Cargo sous terrain (CST) ist ein Tunnelsystem, in dem Güter unterirdisch transportiert werden sollen. Die Tunnels für den Warentransport würden wichtige Logistik- und Produktionsstandorte mit Umladestationen in den grossen Städten, den sogenannten Hubs, verbinden. In einem ersten Bauabschnitt bis 2030 ist ein Tunnel zwischen Härkingen/Niederbipp und Zürich geplant. Bis 2050 soll die Strecke St. Gallen bis Genf angeschlossen sein, mit Tunnelästen nach Basel, Luzern und Thun.

Eine Studie bestätigt die Machbarkeit des Unterfangens. Der Bundesrat begrüsst das Vorhaben ebenfalls. Ein Gutachten des Bundes kommt zu dem Schluss, dass das Projekt vor allem die zukünftigen Bedürfnisse des Detailhandels und der Paketlogistik abdeckt. Mit dem neuen System könnten Ankunftszeiten garantiert werden. Das ist für Daniel Wiener, dem Kommunikationsverantwortlichen des Projekts, ein wichtiger Vorteil des neuen Systems. Heutzutage ist eine solche Garantie nicht umsetzbar. Eine grosse Rolle spielten ausserdem der voll automatisierte, kostengünstige Betrieb und die kontinuierliche Steuerung der Güter ohne Wartezeiten und ohne Staus, ergänzt Wiener. Damit sei das Projekt Teil der Digitalisierungsstrategie des Bundes. Gleichzeitig sei der Betrieb ökologisch sinnvoll: Die unterirdischen Transporte sollen in elektrischen Fahrzeugen erfolgen. Auch bei der Abdeckung der «letzten Meile» vom Hub zur Kundschaft will man auf nachhaltige Transportmittel setzen. Im Vergleich zur heutigen Nutzung der Infrastruktur würden sich grosse Einsparungen bei den Lärm- und CO2-Emissionen ergeben (s. Abbildung).

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Private Finanzierung

Das Projekt kommt in der Öffentlichkeit gut an: Der Tunnelbau setzt auf bewährte Schweizer Ingenieurskunst. Intelligente Informationssteuerung und ökologische Nachhaltigkeit stehen für die innovative Seite des Projekts. Das könnte auch aus Anlegerseite langfristig attraktiv aussehen. Der Bund ist allerdings erst bereit, das notwendige Spezialgesetz zu verabschieden, wenn CST 100 Millionen Franken als Anschubfinanzierung bereitstellt. Das Projekt mit Gesamtkosten von 3.5 Milliarden Franken für die erste Tunnelstrecke muss sich privat finanzieren. CST ist im Gespräch mit Pensionskassen und anderen institutionellen Anlegern, um die Finanzierung sicherzustellen. Erste Investoren haben bereits zugesagt. Einen späteren Gang an die Börse schliesst Wiener nicht aus, komme aber vor 2025 nicht in Frage. Klar ist, diese Anschubfinanzierung kommt nicht von den heutigen Hauptaktionären (u.a. Coop, Migros, Swisscom, Rhenus, Mobiliar). Durch das zusätzliche Beteiligungskapital soll das Projekt auf eine breite Basis gestellt werden.

Autonome Fahrzeuge als Alternative

Doch das Projekt spürt auch Gegenwind. Die Kantone Aargau und Solothurn sind nicht ganz überzeugt. Man hat Angst, dass der Verkehr rund um die Hubs zunehmen würde. Thomas Sauter-Servaes, Mobilitätsforscher an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, ist ebenfalls skeptisch. Zwar findet er die Grundidee gut. Insgesamt aber schätzt er, dass durch das Projekt «zu viele neue Kapazitäten in Beton» entstehen würden. Er warnt, dass der technische Fortschritt den Verkehr, wie wir ihn heute kennen, komplett ändern werde und damit das Geschäftsmodell von CST in Frage stelle. Seine Vision besteht darin, die bestehenden Strassenkapazitäten besser auszunutzen. Er setzt auf die Fortschritte bei elektrischen und autonomen Fahrzeugen, und zwar für den Personen- wie den Güterverkehr. Damit sei die Schadstoffproblematik vom Tisch, führt Sauter-Servaes aus. Grosse Wirkung verspricht er sich zudem vom Umstieg auf sogenannte Taxisysteme (Car Sharing, Ride Sharing, Cargo Sharing): Miteinander vernetzte Roboter-Taxis befördern Menschen und Güter auf Abruf an den gewünschten Ort. Studien aus München, Stuttgart und Lissabon zeigen, dass diese Entwicklung dazu führen werde, dass nur noch rund ein Zehntel der heutigen Fahrzeuge überhaupt benötigt würden. Insbesondere der Einsatz autonomer Fahrzeuge im Gütertransport könne zu höherer Effizienz führen, meint Sauter-Servaes. Dazu zählt er die höhere Sicherheit im Strassenverkehr, die Nutzung von Stromüberkapazitäten in auslastungsarmen Zeiten und das Fahren im Konvoi mit Mindestabstand (= Platooning).

Damit würden die aktuellen Strassenkapazitäten völlig ausreichen. Es bräuchte keine neuen Tunnel. Ein wesentliches Risiko bleibt auch in dieser Vision: Wie werden die Menschen diese vernetzte und datengetriebene Verkehrswelt annehmen, die in fünf bis zehn Jahren technisch möglich ist? Diese Unsicherheiten werden auch die privaten Investoren von Cargo sous terrain in ihre Entscheidung miteinbeziehen müssen. Und möglicherweise geht es gar nicht um ein Entweder-Oder. Elon Musk setzt bekanntlich auch auf mehrere Pferde.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 22. Juni 2017, Link zum Originalartikel