Kate Raworth: Die Donut-Ökonomie

Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. Das verspricht die britische Ökonomin Kate Raworth im Untertitel ihres Buches über die Donut-Ökonomie. Anna und ich haben gemeinsam mit Marco und Ulrich das Buch als Wirtschaftsliterarisches Quartett im Podcast bei den Mikroökonomen besprochen. Hört mal rein! Es ist länger geworden, als gedacht, denn Raworth’s Buch lädt generell zum Nachdenken über die grossen Themen der Wirtschaft ein: Wachstum, Verteilungsgerechtigkeit, Geld.

Für alle Interessierten gibt’s hier im Blog eine schriftliche Übersicht der Kernsaussagen des Buches.

Kate Raworth stellt auf über 350 Seiten vor, woran die bisherige Wirtschaftswissenschaft gescheitert ist und an welchen Werten sie sich zukünftig orientieren sollte, wenn Ökonomie und Ökologie zum Ausgleich gebracht werden sollen. Dazu entwirft sie das Bild des Donuts, das dem Buch auch den Titel gibt:

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Wofür steht der Donut?

Er steht für

eine Zukunft, in der die Bedürfnisse jedes Menschen befriedigt werden, während zugleich die lebendige Welt geschützt wird, von der wir alle abhängig sind (S. 60, Hardcover-Ausgabe)

Die innere Kreislinie des Donuts bezeichnet dabei das gesellschaftliche Fundament, das die primären Bedürfnisse, wie Nahrung, Bildung und Wohnen, sicherstellt. Das Loch des Donuts steht also für den Fall, dass es hinsichtlich dieser Grundbedürfnisse zu Defiziten kommt (Leben unterhalb des Existenzminimums). Die äussere Kreislinie des Donuts bildet die ökologische Decke, die wir Menschen der Umwelt zumuten dürfen. Wird diese Kreislinie aufgrund wirtschaftlicher Aktivitäten nach aussen gedrückt, kommt es zu ökologischen Spannungen, die die Erde in Gefahr bringen. Dazu zählen etwa der Klimawandel, die Abnahme der Biodiversität oder die Versauerung der Meere. Raworth nennt insgesamt neun ökologische Fundamentalrisiken. Der Raum zwischen beiden Kreislinien, der Donut, bildet den idealen Raum, indem sich menschliche Aktivität und Wohlergehen des Planeten im dynamischen Gleichgewicht befinden.

7 Denkansätze, wie dieser Donut-Zustand entstehen kann

Raworth gliedert ihr Buch nach 7 Denkansätzen, damit die Menschheit in diesen Donut-Zustand kommt. In diesen fordert sie, was sich in der heutigen Ökonomie ändern muss. Ich stelle die einzelnen Punkte hier unkommentiert vor (S. 40-41 der Hardcover-Ausgabe zeigt einen tabellarischen Überblick, den ich aus Copyright-Gründen hier nicht einbinden kann).

  1. Das Ziel ändern: Anstelle des BIP eine Vielzahl von Messkriterien entwickeln, die den Zustand des Donuts widerspiegeln (diese befinden sich im Anhang des Buches, S. 357-364)
  2. Das Gesamtbild erfassen: die einfachen Marktmodelle der ersten Studiensemester erweitern (z.B. exogene Faktoren), um die Verflechtung von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft sichtbar zu machen
  3. Die menschliche Natur pflegen und fördern: den homo oeconomicus der ersten Semester durch das vollständigere Bild eines sozial anpassungsfähigen Menschen ersetzen.
  4. Den Umgang mit Systemen lernen: Mechanische Gleichgewichtsmodelle durch dynamisches Komplexitätsdenken ersetzen
  5. Auf Verteilungsgerechtigkeit zielen: Verteilungsgerechtigkeit nicht dem Wachstum überlassen (≈ Kuznets-Kurve), sondern als Ziel wirtschaftlichen Handelns aktiv anstreben
  6. Eine regenerative Ausrichtung fördern: Umweltschutz nicht dem Wachstum überlassen (≈ ökologische Kuznets-Kurve), sondern Ressourcenschonung und Wiederverwendung ebenfalls von vorneherein als aktives Ziel anstreben
  7. Eine agnostische Haltung zum Wachstum einnehmen: Raworth ist eine Postgrowth-Vertreterin.

Weitere Links zu Raworth und der pluralen Ökonomik gibt es bei den Mikroökonomen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 02. Juli 2018 (Update nach der Aufnahme am 09. Juli 2008)

 

 

 

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Blockchain: die Hyperrealisierung des Vertrauens

 

Ein Gastbeitrag von Claude Del Don

Vertrauen und Emotion

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“  – so titelte unlängst ein Artikel von Markus Diem Meier. Darin zeigt er auf, dass das in der volkswirtschaftlichen Einführungsliteratur propagierte Menschenbild des „Homo oeconomicus“ in der Realität des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens unrealistisch oder sogar schädlich wirkt. Wörtlich:

„Ein «Homo oeconomicus», wie er im Lehrbuch steht, schafft kein Vertrauen. Mit einer Person, die jede Gelegenheit wahrnimmt, um auf meine Kosten einen Vorteil für sich herauszuschlagen, wenn ich als Partner oder als Arbeitgeber ihn nicht überwachen und bestrafen kann (etwa über tiefere Zahlungen), gehe ich lieber keine Art von Beziehung ein.“

Schlussendlich sei es gerade jenes Element der menschlichen Natur, das den ökonomischen Theoretikern des „Homo oeconomicus“ am meisten entgegensteht: die Emotion. Die Wahrnehmung von Emotion im Gegenüber lässt gerade drauf schliessen, dass die kühl-rationale Nutzenmaximierung nicht das letzte Wort haben wird und lässt Vertrauen entstehen. Wiederum aus obigem Artikel:

„Wenn ich annehmen kann, dass jemand aus emotionalen Gründen – zum Beispiel wegen sonst plagender Schuldgefühle – nicht zum Betrügen in der Lage ist, selbst wenn er oder sie daraus einen Vorteil hätte und der Betrug verborgen bliebe, dann macht das eine ökonomische oder andere Beziehungen erst möglich.“

Hierbei handelt es sich nicht um eine Absage an die Vernunft, sondern an ein dezidiertes Menschenbild und zwar jenes von Thomas Hobbes: Der Mensch als des Menschen Wolf. Der „Homo oeconomicus“ beschreibt den Menschen als vernunftbegabtes Tier, welches aus Instinkt rational Nutzen maximiert oder wie eine von Instinkten getriebene Nutzenmaximierungsmaschine wirkt.

Dem wird ein alternatives Menschenbild entgegengesetzt, wo der niedere Instinkt auch durch höhere Emotionen ge- und übersteuert werden kann: Egoismus durch Selbstlosigkeit, Eigenliebe durch Nächstenliebe, Selbstsucht durch Mitgefühl etc. Die Vernunft spielt jedoch in beiden Fällen eine unumstritten wichtige Rolle. Nur äussert sie sich in der Realität nicht immer und nur kaltblütig oder egoistisch, sondern mitunter auch mitfühlend und selbstlos: Hier kann dann Vertrauen entstehen.

Finanzfirmen als Vermittler des Vertrauens

Nun ist es nicht immer möglich, das Gegenüber einzuschätzen, weil zeitliche oder räumliche Nähe fehlen. Hier treten dann Vertrauensvermittler auf. Dies sind Intermediäre, denen beide Parteien vertrauen und die das Geschäft für beide Seiten vermitteln und abwickeln. In der Finanzindustrie sind dies bis anhin die Banken, Börsen und Zentralbanken. Sie übernehmen das Risiko, dass das in das Gegenüber gesetzte Vertrauen fehl am Platz war und ein Schaden entsteht. Die Übernahme dieser verschiedenen Risiken und den Preis, den die Intermediäre (meist in Form von Eigenkapital) bezahlen müssen, wälzen sie in Form verschiedener Gebühren auf die Parteien über.  In diesem Sinne liesse sich formulieren, dass das Vertrauen, welches die Intermediäre zwischen Gegenparteien vermitteln, wie auch die Vermittlung selbst, einen gewissen Preis hat. Dies ist die inhärente Natur von Transaktionskosten, Depotgebühren, subscription fees u.a.

Blockchain als Ersatz für Vertrauen

Die Blockchaintechnologie verspricht nun, diesen Prozess der Vertrauensvermittlung und seine Kosten überflüssig zu machen, indem sie einerseits die Vermittler überflüssig macht und andererseits den Vertrauensbildungsprozess vom Menschen und seinen Emotionen loslöst und mittels Algorithmen mathematisiert:

Angenommen, Partei A möchte einen Wert an Partei B übertragen und Partei B soll für den Wert einen vereinbarten Preis bezahlen. Eine im Voraus vereinbarte Anzahl Parameter, die den Transfer in seiner Gänze zu beschreiben vermögen, wird in einem Datensatz zusammengefasst und von den Nutzern validiert. Bei einer Zahlung besteht der Datensatz zum Beispiel aus Empfänger- und Senderadresse, dem Betrag und einigen Metadaten, wie dem Zeitstempel. Diese Transaktion wird nun mit anderen Transaktionen in einem Block gemeinsam vorgehalten. Dessen Integrität wird auch wieder von den Nutzern gemeinsam validiert und freigegeben. Dieser Block reiht sich dann in eine Kette von Blöcken, die Blockchain, ein. Es handelt sich dabei um eine Folge von Blöcken, die jeweils Daten enthalten, die über einen errechneten Pointer mit dem nächsten Block verbunden sind. Durch diese Verknüpfung  der Blöcke miteinander würde eine nachträgliche Änderung der Daten sofort im Netzwerk auffliegen. Die Fälschungssicherheit ist also sehr hoch.

Vertrauen wird auch dahingehend überflüssig, weil die Blockchain dezentral gespeichert ist und all die Nutzer, die Transaktionen validieren können, die komplette Blockchain einsehen können. Es gibt keine zentrale Instanz, die alleine die Kontrolle über die Datenhaltung ausübt, wie das z.B. bei der Kontoverwaltung einer Bank der Fall ist.

Hyperrealität

Diese Loslösung des Vertrauens von den betroffenen Akteuren lässt den Hyperrealisierungsprozess Jean Baudrillards erahnen. Hyperrealität manifestiert sich laut Baudrillard in vier Phasen:

  1. Eine grundlegende Realität wird abgebildet
  2. Die grundlegende Realität wird maskiert und pervertiert
  3. Das Fehlen einer grundlegenden Realität wird maskiert
  4. Völlige Loslösung von jeglicher Realität à Hyperrealität

In der Ökonomie lässt sich dieser Prozess beispielsweise im Handel mit Derivaten feststellen:

  1. Handel auf dem Markt mit verschiedenen Produkten
  2. Derivative Produkte maskieren sowohl das eigentliche Produkt (Underlying) als auch dessen Risiko
  3. Derivate existieren insofern losgelöst von ihrem Underlying, als sie nicht mehr der Absicherung dienen, sondern der Spekulation
  4. Credit Default Swaps, Asset Backed Securities u.a. haben keinen Bezug mehr zum eigentlichen Zweck ihrer Underlyings, wie etwa Kredite für die Industrieproduktion

Blockchain als Hyperrealität des Vertrauens

Auf die Blockchaintechnologie übertragen, sieht der Prozess der Hyperrealisierung wie folgt aus:

  1. Handel mit Gütern, das Kreditwesen zwischen Personen (natürliche oder juristische) bilden Vertrauen ab.
  2. Verträge (bspw.: Kredite, Handel etc.) zwischen verschiedenen Personen maskieren das Vertrauen als Gelbetrag (Zinsen, Gebühren etc.).
  3. Die Interaktion mittels zentralen Intermediären lässt Vertrauen zwischen den direkten Gegenparteien überflüssig werden.
  4. Völlige Loslösung der Vertrauensfrage durch Blockchain.

Eingangs wurde dargelegt, wie das Theoriegebilde des „Homo oeconomicus“ an der Wirklichkeit des realen Menschen scheitert und dass dies im Hinblick auf den Vertrauensbildungsprozess auch gut sein kann. Die Blockchaintechnologie hat die Vertrauensbildung „algorithmiert“ und macht die Vertrauenswürdigkeit von (direkten wie auch dritten) Gegenparteien überflüssig. Dabei scheint sie nun aber den „Homo oeconomicus“ noch als Grundlage zu haben. Dies, da sie die Interaktion zwischen Subjekten (direkt oder indirekt über Intermediäre wie Banken, Zentralbanken, Börsen und Versicherungen) unnötig macht. Die Hauptmotivation dabei ist die Reduzierung der Kosten, die durch die Intermediäre entstehen. Die Nutzenmaximierung der einzelnen Teilnehmer steht also weiterhin im Vordergrund.

Nun verlangen Banken, Zentralbanken, Börsen und Versicherungen in Ihrer Funktion als Intermediäre bei Transaktionen, welche durch die Blockchaintechnologie ersetzt werden könnten, Ihre Gebühren nicht für die Dienstleistung als solcher, sondern eher im Sinne einer Risikogebühr, falls das vermittelte Vertrauen nicht gerechtfertigt ist. Dieser Risikotransfer auf die Intermediäre würde mit dem Wegfallen der Gebühren ebenfalls eingespart werden und die Teilnehmer an einer Blockchain würden die Risiken direkt tragen, ohne durch Mechanismen, wie Einleger- oder Anlegerschutzgesetze, abgesichert zu sein. Einzig ein unfehlbarer Blockchain-Algorithmus würde diesen Risikotransfer, wie er von den intermediären Drittparteien geleistet wird, übernehmen können. Unfehlbarkeit ist jedoch ein Attribut, welches nichts, das von Menschen gemacht ist, für sich in Anspruch nehmen sollte und kann.

 

Claude Del Don, Legal Reporting Specialist bei Julius Bär, Zürich, 29. Januar 2018

Der langsame Abschied vom Shareholder-Value-Kult

„Die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen, und zwar sowohl öffentliche als auch private, einem sozialen Zweck dienen“, schrieb BlackRock-CEO Larry Fink in einem Schreiben am Dienstag. Es ging, so berichtete die New York Times, an die CEOs aller grossen Firmen, an denen BlackRock Anteile hält. Und das sind nicht wenige, denn BlackRock ist mit einer Anlagesumme von 6.3 Mrd. Dollar der grösste Vermögensverwalter der Welt.

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In Finks Brief heisst es unter anderem:

„Without a sense of purpose, no company, either public or private, can achieve its full potential. It will ultimately lose the license to operate from key stakeholders. It will succumb to short-term pressures to distribute earnings, and, in the process, sacrifice investments in employee development, innovation, and capital expenditures that are necessary for long-term growth. It will remain exposed to activist campaigns that articulate a clearer goal, even if that goal serves only the shortest and narrowest of objectives. And ultimately, that company will provide subpar returns to the investors who depend on it to finance their retirement, home purchases, or higher education.“ /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Social Corporate Responsibility soll also nicht mehr nur ein bunter Marketing-Gag sein, indem eine Firma berichtet, wie toll ihre Frauenförderprogramme sind, dass die Mitarbeiter an einem Freiwilligen-Tag Bäumchen pflanzen und dass selbstverständlich jede Flugmeile CO2-kompensiert wird. Verantwortung für die Gesellschaft heisst, Antworten auf die Fragen, die diese Gesellschaft umtreiben, zu finden. Denn damit ist dann auch langfristig Geld zu verdienen.

Companies must ask themselves: What role do we play in the community? How are we managing our impact on the environment? Are we working to create a diverse workforce? Are we adapting to technological change? Are we providing the retraining and opportunities that our employees and our business will need to adjust to an increasingly automated world? Are we using behavioral finance and other tools to prepare workers for retirement, so that they invest in a way that that will help them achieve their goals? /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Es wird Zeit für eine solche Neuausrichtung der Unternehmenswelt und ich bin gespannt, wie die Reaktion auf diese Ankündigung sein wird.

Interessant finde ich diesen Brief zum jetzigen Zeitpunkt vor allem aus zwei Gründen:

Zum einen spielt BlackRock, einer der ganz grossen Player an der Wall Street, mit diesem Vorstoss das progressive Silicon Valley mal locker an die Wand. Während es in Palo Alto früher gerne hiess, dass jede neue App dazu diene, die Welt ein wenig besser zu machen, erhielten die Tech-Konzerne im letzten Jahr sehr viel Gegenwind. Plötzlich hörte man den Ausspruch „Make this world a better place“ nur noch als ironische Replik in der Sitcom „Silicon Valley“. Das hat teils damit zu tun, dass die grossen Firmen (und Behörden) durch ihre Datenanalysen die Ungleichheit in der Gesellschaft  verstärken könnten.  Das hat auch viel mit der Polarisierung von Meinungen durch Manipulationen der User-Feeds zu tun. Die geschmacklosen Geschichten über weltfremde und frauenfeindliche Kapitalgeber haben den Eindruck eines fehlenden moralischen Kompasses noch gestärkt – da fehlen oft kritische Boards, die die Geschäftsleitungen ausreichend beraten und kontrollieren. Ohne gut funktionierende und engagierte Boards gibt es keine solide Unternehmensentwicklung, so die Philosophie von BlackRock.

Bei BlackRock kommt denn der Brief nicht von ungefähr. Die Firma ist Gründungsmitglied bei FCLT Global. Der Name steht für Focusing Capital on the Long Term und entspricht dem Anlagecredo eines Vermögensverwalters, dessen Kunden vor allem auf eine langfristige Wertentwicklung angewiesen sind. Das unterscheidet BlackRock auch von anderen „aktivistischen Aktionären“.  Eine konsequente Ausrichtung der Unternehmen auf eine solch langfristige Wertentwicklung würde auch eines der pet projects der Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley, die Longterm-Stock Exchange, überflüssig machen.

Zum zweiten nennt der Brief die derzeitige Handlungsschwäche vieler Staaten als Grund, Druck auf die Unternehmen auszuüben:

We also see many governments failing to prepare for the future, on issues ranging from retirement and infrastructure to automation and worker retraining. As a result, society increasingly is turning to the private sector and asking that companies respond to broader societal challenges. /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Das ist schon eine harte Aussage. Wenn der Staat es nicht richten kann, müssen die Unternehmen in die Bresche springen. Das ist Kapitalismus pur. Und stellt die Frage nach der demokratischen Verantwortung und wie die funktionieren soll, wenn Unternehmen und nicht mehr gewählte Vertreter strategische Entscheidungen für eine Gesellschaft treffen und diese auch kontrollieren.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. Januar 2018

 

Mehr Wissen über Krypto-Assets kann nicht schaden

Ob Anlagen in Kryptowährungen nun Himmel oder Hölle bedeuten, ist nicht immer leicht zu beurteilen. Wie bei jedem Hype gehen die Meinung auseinander. Und wie bei jedem Hype kommen irgendwann Trittbrettfahrer hinzu, die der Entwicklung eher schaden als nützen (hier ein Beispiel).

Der Markt der Kryptowährungen und daraus abgeleiteten Anlagen ist unübersichtlich, wenn nicht chaotisch. Scams und vor allem die Hysterie um den Bitcoin-Preis machen die Sache nicht besser. Experten, darunter der Risikokapitalgeber Jamie Burke und Ethereum-Gründer Vitalik Buterin, gehen davon aus, dass beispielsweise bis zu 90% aller ICOs scheitern werden. Da ist es gut, systematisch aufzuklären und Vor- und Nachteile der Möglichkeiten aufzuzeigen.

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Demelza Kelso Hays [1] wird quartalsweise mit ihren Kollegen Ronald-Peter Stoeferle  und Mark J. Valek im Auftrag der liechtensteinischen Vermögensverwaltungsgesellschaft Incrementum  eine kritische Sichtweise auf wirtschaftliche, rechtliche und technische Aspekte von Krypto-Assets vermitteln. Der erste Quartalsreport ist sehr umfangreich (60 Seiten), weil er auch über viele Grundlagen und Anwendungen informiert. Dabei greift er auf frühere Blogbeiträge zurück. Ich finde, der Bericht ist sehr verständlich geschrieben. Dennoch richten sich die Informationen eher an Finanzmarktteilnehmer denn an Einsteiger.

Themen sind:

  • Einführung in die Blockchain-Technologie und Kryptowährungen
  • Initial Coin Offerings
  • US-regulierte Bitcoin-Derivate
  • Ein Index für Kryptowährungen
  • Besteuerungen von Kryptowährungen in Europa

Der erste Report ist so dicht an Informationen, das ich nur eine Sache vermisst habe: ein Executive Summary ;).

Es gibt ihn nicht nur in englischer, sondern auch in deutscher Sprache. Finanziell wurde er neben Incrementum auch von der Bank Vontobel unterstützt.

Englischsprachiger Report: http://cryptoresearch.report/wp-content/uploads/2017/12/Incrementum-Crypto-Research-Report-Edition-1-English-Version.pdf

Deutschsprachiger Report: http://cryptoresearch.report/wp-content/uploads/2017/12/Incrementum-Crypto-Research-Report-Edition-1-German-version.pdf

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 15. Dezember 2017, Disclaimer: @nachrichtenlos hält selber Kleinstbestände an BTC und ETH in ihrer Wallet. 😇

 

[1] Demelza forscht als Doktoratsstudentin über Kryptowährungen an der Universität Liechtenstein. Sie war als Referentin beim Finance-Watch-Workshop zur Blockchain-Technologie in Brüssel dabei.

 

Künstliche Intelligenz und Innerlichkeit

Ein Gastbeitrag von Claude Del Don

Chatbots, Smartphone-Assistenten, Roboadviser: künstliche Intelligenz befindet sich im Moment in aller Munde und nimmt einen nicht unwichtigen Platz im Denken von Bankmanagern, IT-Entwicklern und Politikern ein. Chatbots sind künstliche Online-Profile in Social-Media.Netzwerken, welche beispielsweise von Firmen oder politischen Parteien eingesetzt werden, um ihre Produkte, Dienstleistungen oder Wahlprogramm zu verbreiten. Smartphone-Assistenten (z.B. Apples Siri) sind meist sprachgesteuerte Programme, welches die Nutzer bei der Bedienung computergestützter Geräte unterstützen soll. Roboadviser sind digitale Assistenten im Banking oder künstliche “Kundenberater” für Bankkunden, welche Anlage- und andere Beratungsfunktionen ausführen.

Um sich dem Thema des Verhältnisses von Künstlicher Intelligenz zum Menschen von akademisch-geisteswissenschaftlicher Seite zu nähern, mag es notwendig sein, dem etwas veralteten und allenfalls noch im kulturhistorischen Kontext verwendeten Begriff der „Innerlichkeit“ zu neuer Bedeutung zu verhelfen. Er umfasst Vorgänge des menschlichen (Selbst-)Bewusstseins wie Denken, Lieben, Mitleid Empfinden, Wut Empfinden, Trauern, sich Freuen, usw. Innerlichkeit ist also quasi die vom Individuum wahrgenommene Äusserung des (Selbst-)Bewusstseins. Vereinfacht gesagt könnte man Innerlichkeit also als jenen Vorgang verstehen, der es dem Menschen ermöglicht, über sich selbst als „Ich“ oder als „Selbst“ nachzudenken.

Kulturgeschichtlich findet sich eine der frühesten Konzeptionen von Innerlichkeit im Buch Exodus des Alten Testamentes, wo Gott sich selbst als der „Ich bin“ bezeichnet. Auch im nicht-monotheistischen Griechenland des 6. vorchristlichen Jahrhunderts findet sich der Überlieferung gemäss eine Inschrift der Sieben Weisen über dem Eingang zum Tempel von Delphi, wovon eine das bekannte „Erkenne dich selbst“ ist. Im 5. Jahrhundert n. Chr. empfiehlt dann Augustinus sich vom Äusseren ins Innere zu kehren, um Gott, sich selbst und die Wahrheit zu finden. Descartes definiert ca. 1000 Jahre später Innerlichkeit als das Denken allein („Cogito ergo sum“ – ich denke, also bin ich). So bahnbrechend Descartes’ Erkenntnis für die Philosophie die Geistesgeschichte war, so stellt sie dennoch eine Verkürzung der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs der Innerlichkeit dar. Der religiöse Kontext, in den Innerlichkeit in der Antike und im Mittelalter gestellt wurde, sowie die Arbeit von Descartes führten schliesslich dazu, dass Hegel ihn im 18. Jahrhundert meist als etwas Negatives betrachtet. Immerhin galt für Hegel das Denken als eine Form der Innerlichkeit, die nicht negativ konnotiert war. Für Nietzsche war im 19. Jahrhundert die Unterscheidung zwischen Innerem und Äusserem ein Unding und er plädierte für eine reine Äusserlichkeit.

Diese Entwicklung mag dazu beigetragen haben, dass der Astrophysiker Martin J. Rees heute das Denken von nassen Systemen (damit sind wir Menschen gemeint) als vergleichsweise begrenzt und die Menschheit somit nur als Vorspiel der Geschichte bezeichnet. Elektronische Rechenmaschinen kennen diese Begrenzung nicht. Diese Feststellung erfolgt in keiner Weise mit Bedauern, sondern vermittelt eher den Eindruck, Martin J. Rees empfinde dies als natürliche und richtige Entwicklung. Hier findet die Reduktion des Menschen auf sein Denken und die Veräusser(lich)ung der Innerlichkeit einen Höhepunkt.

Von Marvin Minsky, einem der Pioniere auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz wird gesagt, er hätte gerne Folgendes kolportiert:

„One day soon, maybe twenty or thirty years into the twenty-first century computers and robots will be able to construct copies of themselves, and these copies will be a little better than the originals because of intelligent software. The second generation of robots will then make a third, but it will take less time, because of the improvements over the first generation. The process will repeat. Successive generations will be ever smarter and will appear ever faster. People might think they’re in control, until one fine day the rate of robot improvements ramps up so quickly that superintellligent robots will suddenly rule the Earth.“

Für Marvin Minsky war dies jedoch nicht eine Schreckensvision, sondern das wünschenswerte Szenario, welches er durch seine Forschung herbeiführen resp. für die Herbeiführung zumindest einen wesentlichen Beitrag leisten wollte.

Anders Elon Musk: Er zeichnet in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz ein recht düsteres Bild der Zukunft des Menschen. Er beschwört sogar den durch lernende Maschinen verursachten 3. (atomaren) Weltkrieg und bedient sich dabei der Ikonographie des Films „Terminator“ aus dem Jahre 1984. In diesem Film liegt die Welt in der Zukunft in Staub und Asche. Ein Atomkrieg, verursacht von einer künstlichen Intelligenz, geschaffen von Menschen, welche kurz nach Inbetriebnahme ein eigenes Bewusstsein entwickelte und ihr Überleben nur in der Vernichtung der Menschheit sah. Andere Erzeugnisse der Filmkunst wie beispielsweise das japanische Anime  „Ghost in the Shell“ (kürzlich als Realfilm in den Kinos) gehen ein wenig differenzierter mit dem Thema um, wenngleich nicht weniger kritisch.

Es stellt sich die Frage, wovor Elon Musk genau warnen will. Vor der künstlichen Intelligenz oder vor den Menschen, welche sie programmieren, propagieren und versuchen gesellschaftliche Akzeptanz für sie zu erreichen? Betrachtet man das obige Konzept der Innerlichkeit und bleibt man bei der ursprünglichen Vielfalt dieses Begriffs, so stellt sich unweigerlich die Frage, ob eine Maschine, ein Algorithmus, ob offenes oder geschlossenes System, jemals Innerlichkeit haben wird oder immer nur höchstens eine Simulation davon  sein kann. Bleibt Innerlichkeit damit nicht das Alleinstellungsmerkmal des Menschen gegenüber der Maschine? Jedoch bleibt die Möglichkeit, dass es denjenigen Vertretern der Befürworter künstlicher Intelligenz wie Martin J. Rees oder Marvin Minsky ganz recht ist, wenn lernende Maschinen niemals Innerlichkeit erlangen, da sie diese möglicherweise als eben jenes Element menschlichen Daseins betrachten, welches überwunden werden muss. Über das Menschenbild, das hinter solchen Haltungen zweifelsohne existiert, lässt sich lediglich spekulieren. So hat auch ETH-Professor Thomas Hofmann mehr Angst vor den Menschen (als Erbauer und Nutzer der Maschine) als vor den Maschinen selbst.

Im Umgang mit elektronischen Hilfsmitteln, die künstliche Intelligenz nutzen, empfiehlt sich für den Endverbraucher zu unterscheiden, wes Geistes Kind das jeweilige Hilfsmittel bzw. die künstliche Intelligenz ist. Denn es könnte sich als problematisch erweisen, wenn beispielsweise einem Roboadviser zugestanden wird, an Stelle des Kunden (in der Annahme sein Algorithmus simuliere den Kunden vollkommen) Investments zu tätigen. Oder wenn eine solche „Kundensimulation“ als alleinige Entscheidungsgrundlage dient, ob jemand eine Kranken- oder Autoversicherung erhält oder falls ja, zu welchem Preis. Im ersten Fall könnte ein Irrtum in der Annahme zu Verlusten für die Anleger führen. Im zweiten Fall zu einer Diskriminierung und im Falle der Krankenversicherung zu einer mangelnden Gesundheitsversorgung. Verhaltensökonom Thorsten Hens weist darauf hin, dass Roboadviser es in Krisenfällen nicht mit der (durch Innerlichkeit geprägten) Expertise eines Warren Buffet aufnehmen können.

Aus diesen Gründen empfiehlt sich für die Unternehmensführung von Banken und Versicherungen, aber auch für Gesetzgeber und Regulatoren, nicht zu vorschnell die Diskussion um die Frage zu entscheiden, ob künstliche „Intelligenz“ tatsächlich Intelligenz im menschlichen Sinne ist, ob die Simulation dem Original so nahe kommt, dass sie austauschbar werden könnte. Diese Diskussion sollte breit abgestützt angestossen und geführt werden, damit nicht politisches und ökonomisches Denken und Kalkül (allein) darüber entscheidet, was den Menschen zum Menschen macht und ob eine Maschine, egal wie ausgeklügelt sie auch sein mag, ihn ersetzen wird oder können soll. Das Konzept der Innerlichkeit kann hierbei als Unterscheidungsmerkmal und –kriterium dafür gelten, welche Macht man den lernenden Maschinen resp. deren Schöpfern zugestehen will und sollte.
 

Claude Del Don, Legal Reporting Specialist bei Julius Bär, Zürich, 08. November 2017

 

 

 

Die vergessenen Hillbillies

Unvergessen ist der Tweet, mit dem Donald Trump in der Wahlnacht von vor fast einem Jahr denjenigen Menschen pathetisch ein Denkmal setzte, denen er zu einem guten Teil seinen Wahlsieg verdankte:

Lange vergessen sind Trumps Versprechen, diesen Menschen zu helfen. Ihr Schicksal ist unverändert. Die Hillbillies, die Hinterwäldler aus den ländlichen Landstrichen Amerikas, die in den Medien auch unter den abfälligen Bezeichnungen „White Trash“ oder „Redneck“ bekannt sind, leiden weiterhin unter ihrer schlechten sozialen Lage. Diese Leute haben  in den letzten Jahrzehnten nichts vom technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt gehabt. De-Industrialisierung, Outsourcing, schlechte Ausbildung und fehlende neue Arbeitsplätze haben aus dem ehemaligen Industriegürtel der USA einen sozialen Brennpunkt gemacht. Ich kannte diese Schicht bisher nur aus abstrakten, soziologischen Studien und Statistiken. Etwas persönlicher, aber nicht unbedingt authentisch, wurde sie für mich dank Eminem, der seinen Weg aus dem Trailer-Park in Detroit zu einem Gesamtkunstwerk gemacht hat. Doch seit 2016 gibt es zu Eminems schrillen  und aggressiven Rap-Anklagen eine konservative Gegenstimme: J.D. Vance, ein junger Mann aus Ohio, hat in seinen Memoiren das Elend seiner Familie beschrieben. Beseelt vom Amerikanischen Traum, sind seine Grosseltern aus Kentucky nach Ohio gezogen, um dann dort angesichts des Niedergangs der US-amerikanischen Stahlproduktion den sozialen Niedergang der eigenen Familie nicht verhindern zu können.

Eine Statistik, die letzte Woche auf Twitter von Max Roser (via Dina Pomeranz) verbreitet wurde, zeigt das Elend dieser Unterschicht. Eine der Krisenregionen dieses Drogenmissbrauchs, ist eben genau Central Appalachia, die ursprüngliche Heimat der Familie von J.D. Vance. Das ist die Gegend um West Virginia und einem Teil Kentuckys, einer ländlichen Gegend, die längst den Anschluss an die vernetzte Dienstleistungsgesellschaft verloren hat.

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https://ourworldindata.org/grapher/overdose-deaths-due-to-opioids-in-the-us-1999-2015

Doch was treibt die Leute in diese Abhängigkeit? Was die Statistik nicht zeigt, das holt J.D. Vance mit seinen Memoiren „Hillbilly Elegy“ nach. Sein Buch über die Abgehängten der weissen Unterschicht gilt vielen in den USA als Erklärung, weshalb Trump bei den zornigen weissen Männern und ihren Frauen so gut ankam. Das Buch, das im Frühsommer 2017 auch auf Deutsch erschienen ist,  erzählt von der Ausweglosigkeit dieser Menschen. Das macht Vance auf sehr persönliche Weise, denn es ist seine eigene Biographie. Er erzählt schonungslos, auch gegenüber seiner eigenen Mutter, deren Lebensgefährten sich als Ersatzpapis regelrecht die Klinke in die Hand geben. Die meisten dieser Lebensgefährten scheitern bei ihrem Unterfangen glorios. Der Junge kann mit keinem von ihnen eine stabile Beziehung aufbauen. Die Mutter, als Krankenschwester ausgebildet, ist, seit er sich erinnern kann, drogenabhängig. Abhängigkeit und Entzug wechseln sich bei ihr ab wie die Männer. Dennoch wirkt die Familie nicht komplett dysfunktional. Starke Grosseltern, die zwar selber ihre Probleme mit Alkohol und Ehe haben, sorgen für eine gewisse Stabilität. Fehlende Bildung und fehlendes Weltwissen sind ein zentrales Thema des Buchs, die Vance selber erst richtig bewusst werden, als er nach Yale zum Studium wechselt. Da hat er’s schon fast geschafft. Ich fand es bewundernswert, mit welcher Offenheit Vance über seine vielen miesen Erfahrungen schreiben konnte und welche Spuren das  in seinem Verhalten hinterlassen hat, z.B. in einer impulsiven Aggressivität, die sich bis heute in seinem Alltag zeigt.

Das Buch ist allerdings keine rein negative Abrechnung mit seiner eigenen gesellschaftlichen Herkunft, sondern bleibt eine ganz traditionelle Geschichte vom „Amerikanischen Traum“. Vance hat es nämlich geschafft, aus dieser Spirale von Armut und Mutlosigkeit auszubrechen und seinen eigenen Weg in den Wohlstand zu gehen. Während er das Buch schrieb, arbeitete er bereits als Principal beim Investmentfonds Mithril Capital Management, der von Peter Thiel und Ajay Royan geleitet wird. Inzwischen ist er aus San Francisco zurück in seine Heimat Ohio gezogen und leitet dort gemeinsam mit dem AOL-Mitgründer Steve Case das Non-Profit „Rise of the Rest“, das ein Ökosystem für Start-Ups aufbaut.  Peter Thiel, Ajay Royan, Steve Case: Das sind ziemlich glamouröse Namen in den USA. Vance hat es in seinen wenigen 32 Jahren ganz schön weit gebracht. Der Amerikanische Traum funktioniert also immer noch. Die Namen seiner Gönner und Arbeitgeber haben wohl dazu geführt, dass manche Kritiker ihm vorwerfen, er setze den Amerikanischen Traum mit der Gier nach grossen Vermögen gleich. Ich habe seine Erzählung nicht so verstanden. Vances Verständnis des American Dream wird im Buch meist mit dem Besitz eines Einfamilienhauses in einer netten Nachbarschaft assoziiert.

Neben den Grosseltern hat er also immer wieder weitere (private) Förderer gehabt, die ihn unterstützt haben, so dass er aus seinen ärmlichen Verhältnissen in Ohio ausbrechen konnte.  Das sind neben seinen Arbeitgebern und Förderern vor allem die Lehrer an seiner High School, seine Ausbilder bei den Marines,  seine Hochschullehrer (u.a. die Tiger Mom Amy Chua) und seine heutige Ehefrau. Starke Frauen spielen überhaupt in Vances Leben eine sehr grosse Rolle. Seine Sicht auf diese Welt ist eine konservative. Das spürt man, wenn er patriotisch über die USA und seinen eigenen Einsatz  im Krieg in Irak schreibt. Das spürt man auch an seinem Familienbild und an manchen Aussagen über die Rolle des Staates in der Bekämpfung der Armut. Der Staat habe keine Möglichkeit, die Situation zu ändern, meint er. „God helps those who help themselves“ ist eine der Glaubenssätze seiner Grossmutter, die er übernimmt. So lehnt er beispielsweise eine Regulierung von Kredithaien vehement ab, weil damit den Armen die einzige Möglichkeit genommen werde, kurzfristig zu Geld zu kommen. Damit habe ich an mancher Stelle im Buch meine Probleme gehabt, aber gerade seine für mich fremde, konservative Sicht erlaubt auch den Einblick, weshalb so viele dieser Menschen Trump gewählt haben. Sie trauen dem Staat nicht und deshalb trauen sie ihm auch nichts zu. Der Staat, das ist immer wieder auch die Polizei, die die drogenabhängigen Väter und Mütter abführt. Der Staat, das ist derjenige, der  Kinder nur in Pflegefamilien platziert, die eine offizielle Zulassung als Pflegeeltern vorweisen können (die die eigene Verwandtschaft meist nicht nachweisen kann). Das Misstrauen und der Neid gegenüber denen, die diesen fernen Staat repräsentieren, wird besonders deutlich an seinen Äusserungen über die Obamas:

Barack Obama strikes at the heart of our deepest insecurities. he is a good father while many of us aren’t. He wear suits to his job while we wear overalls, if we’re lucky enough to have a job at all. His wife tells us that we shouldn’t be feeding our children certain foods, and we hate her for it – not because we think she’s wrong but because we know she’s right (S. 191)

Das Buch ist an manchen Stellen redundant, gerade wenn es um die Bedeutung der Familie geht. Das Familienthema liegt Vance schon sehr am Herzen. Sein Ton ist deshalb manchmal arg feierlich und instruktiv, aber bleibt immer aufrichtig: Kein Joke, um mal die Stimmung zu lockern, kein Versuch, Spannung aufzubauen, um die Leser zu unterhalten. Das Buch ist nicht sexy. Das hat mir sehr gut gefallen. Der Typ erzählt wie es wa(h)r. Angesichts der Alltagsgewalt und des Frustes wäre alles Andere auch unangemessen. Durch seine Authentizität war das Buch für mich sehr gut zu lesen. Bei einem Blogpost oder Tweet hätte ich sicherlich häufiger ungehalten weggeklickt, weil mir die weltanschauliche Haltung nicht passte. Ein Buch lädt doch eher zum geduldigen Zuhören ein.

Wer verstehen möchte, wie es zum Riss zwischen Eliten und weisser Unterschicht in den USA kam, wird in diesen Memoiren manche Antwort finden. J.D. Vances empfehlenswertes Buch ist bei Ullstein auf Deutsch erschienen: https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/hillbilly-elegie-9783550050084.html

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. Oktober 2017

 

 

Geld braucht Gemeinschaft

 

Der Politologe und Soziologe Roland Benedikter hat 2011 ein grundlegendes Buch über Social Banking geschrieben. Wer sind diese Banken, was leisten sie und was verspricht sich Benedikter von ihnen für die Zukunft? Ich sprach mit ihm über diese Themen für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Moneta, die dem Netzwerk sozialer Banken, der Global Alliance for Banking on Values (GABV), gewidmet ist.

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