Ethical Finance

Unser Blog heisst «Die Vorbänker – Ethical Finance». Um den Term «Ethical Finance», so wie wir ihn verstehen, zu erklären, zerlegen wir ihn zunächst. Dazu wird in einem ersten Schritt definiert, was wir unter «Finance» verstehen. In einem zweiten Schritt wird definiert, was unter «Ethics» beziehungsweise «Ethik» zu verstehen ist.

Finance

Finance ist ein Sammelbegriff, der sich generell auf das Finanzwesen und die Finanzwirtschaft bezieht, also wie wir mit Geld- und Vermögenswerten haushalten. Was kommt rein, was geht raus. Der Anglizismus «Finance» lässt sich dabei in folgende Aspekte unterteilen:

  • Personal Finance – der persönliche Finanzhaushalt einer individuellen Person oder einer Familie.
  • Corporate Finance – Der Finanzhaushalt eines Unternehmens.
  • Public Finance – Der Finanzhaushalt einer Stadt, eines Staates, eines Bundeslandes, eines Kantons, also einer öffentlichen Körperschaft
  • Financial Services – Dienstleistungen von Banken, Brokern, Vermögensverwaltern, FinTech-Unternehmen, Börsen etc.

Ursprünglich ist «Finance» die Buchhaltungsabteilung eines Unternehmens resp. der Finanzhaushalt einer Person, Familie etc. (siehe oben). Um diese sind im Laufe der Zeit in Unternehmen neue Funktionen und Aufgaben gewachsen, so dass der Chefbuchhalter heute Chief Finance Officer (CFO) heisst und in der Regel Mitglied der Geschäftsleitung ist.

Im Kontext unseres Blogs sollen unter «Finance» primär Financial Services mit Schwerpunkt Banken verstanden werden. Uns interessiert in erster Linie, welche Leistungen die Finanzintermediäre, die zwischen den einzelnen Teilbereichen von Finance vermitteln, erbringen.

Die Funktion des Finance-Bereichs einer Bank kann folgende Aufgabenblöcke umfassen:

  • Financial Accounting
  • Treasury
  • Credit
  • Trading
  • Financial Reporting
  • Financial Risk Management

Die Zuordnung dieser Aufgabenbereiche variiert von Bank zu Bank. So können beispielsweise Financial Risk Management und Credit auch dem Risikobereich zugeordnet werden. Jedoch finden sich Banken, welche die Gesamtheit dieser Finance-Bereiche im Finance zusammenführen. In grossen Instituten wird unter Finance auch lediglich der Back-Office-Bereich verstanden, in dem Buchhaltung, Konzern-Konsolidierung und Controlling zusammengefasst werden. Finance befasst sich im Zusammenhang mit obigen Bereichen nicht nur mit der Erhebung von Finanzkennzahlen, sondern stellt auch die Grundlage für Management-Entscheide dar, die für ein Unternehmen richtungsweisend sein können. Je nach Relevanz des durch Finance ermittelten Zahlenmaterials, kann Finance sogar die treibende Kraft von Management-Entscheiden sein. Insbesondere in der Finanzindustrie dürfte dies vermehrt der Fall sein. Zahlen aus der Vergangenheit werden als Ausgangsbasis genommen, um Entscheide für die Zukunft zu fällen.

Das Kerngeschäft der Bank, die Einlagen der Kundschaft hereinzuholen, Kredite für Investitionen und Konsumgüterausgaben zu vergeben oder auch die Kundschaft in der Anlage und Vorsorge zu beraten bleiben in diesem engen Verständnis von „Finance“ aussen vor. Wenn wir von „Finance“ sprechen, gehört dieses Kerngeschäft unbedingt dazu. Denn dort entscheidet sich, welches Geld für welche Zwecke verwendet wird.

Ethics

Das englische «Ethics» kann sowohl «Moral», «Sitte/Anstand», «Ethik» oder «Ethos» bedeuten. Im Kontext der Vorbänker soll «Ethics» jedoch primär als «Ethik» verstanden werden. «Ethik» soll im Weiteren definiert sein als «systematisches Nachdenken über Moral» und kann in folgende Kategorien unterteilt werden:

Ethik nach Methode:

  • Deskriptive resp. empirische Ethik (rein beschreibend/nicht wertend)
  • Normative Ethik (beschreibend und wertend)

Im Kontext der «Vorbänker» ist deskriptive resp. empirische Ethik allenfalls zu Analysezwecken verwendbar. Grundsätzlich soll aber der normativen Ethik der Vorrang gegeben werden, da es uns darum geht, zu begründbaren normativen Beurteilungen zu kommen.

Das Ziel der normativen Ethik ist es jeweils selbstverständlich Scheinendes mit Rückgriff auf eine kritische Moral zu hinterfragen und wo nötig zu kritisieren, um dann allenfalls ein logisch-deduziertes Sollen zu erarbeiten. Das bedeutet jedoch nicht, dass von dieser Beurteilung klare Handlungsanweisungen zu erwarten sind. Ethik bietet nicht die Lösung von Problemen, sondern ermöglicht die systematische Reflexion komplexer Handlungssituationen. Ethik hilft, indem sie ein Instrumentarium verschiedener Ansätze anbietet. Es gibt keine Musterlösungen. Es kommt auf die Einzelfallbetrachtung an. Zur Systematisierung finden sich verschiedene Ansätze.

Zum einen kann man Ethik nach ihrem Scope unterscheiden:

  • Universalethik (grösstmögliche Gültigkeit /idealerweise gibt es eine universelle Gültigkeit)
  • Sozialethik (Gültigkeit für eine bestimmte Gruppe: Bevölkerung eines Staates, eines Unternehmens, eines Sportverbandes, einer Familie)
  • Individualethik (Gültigkeit für den Einzelnen)

Für die «Vorbänker» kann die Universalethik kein direktes Betätigungsfeld sein und allenfalls implizit einen gewissen argumentativen Raum einnehmen (wenn zum Beispiel unternehmerisches Handeln das Feld universalethischer Prinzipien tangiert). Hauptaugenmerk wird ein sozialethischer Standpunkt sein müssen, der von individualethischen Prinzipien durchzogen ist, da es um Unternehmen und deren Ethik geht, die wiederum durch Individuen geprägt ist.

Moralphilosophisch relevant für die Ethik ist die folgende Einteilung, die häufig auf ein unterschiedliches Welt- bzw. Menschenbild hinweist (Auswahl):

  • Pflichtenethik
  • Gesinnungsethik
  • Diskursethik
  • Wertethik
  • Verantwortungsethik
  • Nützlichkeitsethik

Die Ethikvarianten sollen ein wenig eingehender betrachtet werden, da sie moralphilosophisch die Argumente liefern, um zu einem Urteil über unternehmerisches Handeln zu kommen. Die Ethikvariante resp. das Welt- und Menschenbild, welches einem Handeln zugrunde liegt, kann dieses Handeln ethisch oder eben unethisch machen. Oder umgekehrt formuliert: Wenn unternehmerisches Handeln vom jeweiligen Unternehmen als ethisch bezeichnet/gerechtfertigt wird, geben die Ethikvarianten den Schlüssel zur Hand, um das den Entscheidungen zugrundeliegende Welt- und Menschenbild zu erkennen.

Pflichtenethik

„[…] eine Handlung aus Pflicht hat ihren moralischen Wert […] in der Maxime, nach der sie beschlossen wird, hängt also nicht von der Wirklichkeit des Gegenstandes der Handlung ab, sondern bloss von dem Prinzip des Wollens, nach welchem die Handlung […] geschehen ist.“  Immanuel Kant

Das Menschenbild der Pflichtenethik ist das eines vernünftigen, freien Wesens. Diese Freiheit äussert sich darin, dass der Mensch sich von seinen Neigungen befreit und in seinem Handeln stets das Vernunftgemässe sucht, welches schon immer dem Menschen innerlich ist. Die Neigungen jedoch seien durch äusserliche Reize verursacht, dem Menschen nicht gleichermassen innerlich. Die Pflicht ergibt sich somit für den Menschen aus Achtung vor dem Gesetz des kategorischen Imperativs:

« Handle nur so, dass Du wollen kannst, dass alle gleich handeln. »

Gesinnungsethik

Die Gesinnungsethik ist eine Variante der Pflichtenethik. Unter Gesinnung wird eine sittliche Haltung verstanden. Das kantische Gesinnungsverständnis meint nicht eine subjektive individuell verschiedene, bspw. politische oder weltanschauliche Grundorientierung oder Ideologie, sondern die je subjektive Übernahme des Kantischen Sittengesetzes, des kategorischen Imperativs.

Diskursethik

Damit eine Handlung gut ist, muss nach diskursethischen Grundsätzen ein Konsens der an der Handlung Beteiligten und der von ihr Betroffenen darüber gefunden werden. Damit ein Konsens in einem solchen Konflikt gefunden werden kann, muss der praktische Diskurs auf zwei Argumentationsebenen stattfinden. Auf der ersten Ebene werden die für die beteiligten Parteien geltenden ethischen resp. moralischen Normen dargelegt und sowohl die Normen selbst, als auch das aus ihnen folgernde Verhalten, begründet. Auf der zweiten Argumentationsebene sollen die Beteiligten zu einem solchen Konsens gelangen, der nicht nur für die Beteiligten, sondern universalistisch auch für alle Menschen gelten könnte, so sie an dieser Diskussion teilnehmen würden und vernünftig und guten Willens sind.

Wertethik

Nicht jeder Mensch besitzt die ethische Disposition zwischen ethisch gut und schlecht unterscheiden zu können. Jeder Mensch kennt aber in seiner mentalen und emotionalen Disposition die Ordnung von Vorzug und Zurückweisung. Innerhalb dieser Ordnung gibt es ein Empfinden von Höher- oder Minderwertigkeit, was wiederum die Basis für den ethischen Wertbegriff dient.

In der Ethik stellen Werte a priori existierende Qualitäten dar, die zwar durch Personen zu Tage treten, aber an sich existieren. Als prominentestes und anschaulichstes Beispiel kann hier die Würde genannt werden. Die Würde eines Menschen ist zwar ohne den konkreten Menschen, der sie innehat, denkbar ist aber nur insofern ein ethischer Wert als sie an konkreten Menschen zum Tragen kommt. Es gibt also Würde ohne Menschen, aber keine Menschen ohne Würde.

Das wertethische Menschenbild zeigt den Menschen als ein Wesen, das mit einer Werte setzenden Vernunft ausgestattet ist und sich bei der Handlungswahl von bewussten und/oder unbewussten Orientierungsstandards und Leitvorstellungen leiten lässt. Dazu gehören Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Respekt, Fürsorge bzw. Nichtschaden.

Verantwortungsethik

„Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Hans Jonas

Da diese Ethik in gewissem Sinn als Zukunftsethik verstanden werden kann, hat sie das Problem, dass i.d.R. niemals alle Folgen einer Handlung klar abgeschätzt werden können. Daher der Leitspruch in principio pro malo. Gemeint ist hiermit die Forderung, bei einer Auswahl an möglichen Zukunftsszenarien das schlechteste auszuwählen und Neuerungen gegenüber eine prinzipielle Skepsis entgegenzubringen.

Das Menschenbild in der Verantwortungsethik ist an jenes der Wertethik angelehnt, wobei statt auf den Wert, auf die Wirkung der Handlung fokussiert wird und den Menschen als einen vernunftethisch dem technisch Machbaren immer hinterherhinkenden Skeptiker beschreibt.

Nützlichkeitsethik (Utilitarismus)

Der Handlungsutilitarismus beurteilt eine Handlung als gut, wenn sie das grösstmögliche Glück für die grösstmögliche Zahl von Menschen zum Ziel hat und dieses auch erreicht. Damit gehört die Vergrösserung des Gemeinwohls zu den Zielen des Utilitarismus.

Der Regelutilitarismus hinterfragt nicht die Nützlichkeit einer Handlung selbst, sondern der Regel, der die Handlung folgt.

Im sog. Präferenzutilitarismus wird das Nützlichkeitsprinzip nun nicht mehr der Handlung oder ihrer Regel, sondern an die Präferenzen der Beteiligten angelegt.

Das utilitaristische Menschenbild kann als hedonistisch (griech. Hedonë: Lust, Freude) und nutzenkalkulierend bezeichnet werden. Es entspricht am ehesten dem Bild des Homo Oeconomicus. Aus diesen Gründen ist in Wirtschaftskreisen der Utilitarismus besonders populär.

Um die Verständlichkeit zu erhöhen und auch die unterschiedlichen Handlungsoptionen in Abhängigkeit von der präferierten ethischen Grundeinstellung darzustellen, haben wir ein hypothetisches Beispiel aus dem Berufsalltag konstruiert, das hier nachgelesen werden kann.

Ethical Finance

Aus dem Obigen schliessend, lässt sich «Ethical Finance» wie folgt umreissen:

Ethical Finance befasst sich mit Unternehmensentscheiden und –handlungen aus dem Sektor der Financial Services und untersucht diese dahingehend, welches Welt- und Menschenbild die Handelnden/Entscheidenden haben müssten, wenn ihre Entscheide und Handlungen ethisch sein sollen.

Ist beispielsweise der Shareholder-Value-Ansatz in der Unternehmensführung einer Bank ethisch? Der Shareholder-Value-Ansatz hängt von einem utilitaristischen Menschenbild (der Mensch als des Menschen Wolf) und einem deterministischen Weltbild (die Welt als mathematisch funktionierende und stets berechenbare Maschinerie) ab, orientiert sich also an gängigen ethischen Regelmechanismen. Ist in diesem Sinne nicht auch die Mafia eine „Ehrenwerte Gesellschaft“, weil sie intern nach strikten, eigenen moralischen Regeln agiert, die gleichzeitig als Pflichtenkodex funktioniert und den grösstmöglichen Nutzen der Mitglieder stiften soll?

Welche Werte sind es, die uns dazu bringen, zu sagen, „So nicht!“? Wie bewerten wir das Welt- und Menschenbild, das in solchen Ansätzen zum Tragen kommt? Welche moralphilosophischen Grundsätze ziehen wir heran, um zu einer Bewertung zu kommen? Diese Auseinandersetzungen gehören zu den Themen des Vorbänker-Blogs. Wir wollen uns konstruktiv und kritisch damit auseinandersetzen, wie Banken am Markt agieren und welche ethischen Herausforderungen sich aus ihren Aktivitäten aus unserer Sicht ergeben.

Wir erwarten von den Banken und ihren Führungskräften mehr Verantwortungsbewusstsein im Blick auf Umwelt und Gesellschaft. Wir orientieren uns dabei an den moralischen Grundwerten Selbstbestimmung, Unversehrtheit, Fairness und Fürsorge.

 

Diese Seite ist auf Anregung von Claude Del Don entstanden, der die philosophischen Grundlagen gelegt hat, die wir dann in einer losen Folge von drei Lunch-Terminen im Namanen und der Taquería besprochen haben.

April 2019