9 Massnahmen für ein klimafreundliches Finanzsystem

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Finance Watch hat neun Forderungen vorgestellt, die wir von Unternehmen und Politik verlangen sollen. Die Forderungen bilden das Kernstück einer grundlegenden Finanzreform. Die ist dringend nötig, denn trotz aller Lippenbekenntnisse unterstützen Kreditinstitute weiterhin Investitionen in fossile Brennstoffe. Nur ein aktuelles Beispiel, um den immensen Handlungsbedarf aufzuzeigen. So wird die Credit Suisse, die stolz von sich behauptet, ihren Betrieb CO2-neutral zu führen, den Börsengang von Aramco begleiten. Saudi Aramco ist die grösste Erdölfördergesellschaft der Welt.

Das sind die Forderungen:

  1. Um Finanzströme klimafreundlich umzulenken, braucht es eine klare Deklarationspflicht über „saubere“ und „schmutzige“ Anlagen. Sprich, es braucht eine verbindliche Taxonomie.
  2. Unternehmen müssen dazu gebracht werden, über ihre sozialen und ökologischen Auswirkungen zu berichten. Das machen zwar viele in ihren Nachhaltigkeitsberichten, allerdings oft mit viel Phantasie und wenig Vergleichsmöglichkeiten.
  3. Die Menschen sollen selber entscheiden, wohin ihr Geld fließt. Neben einem Informationsrecht beinhaltet diese Forderung das Recht, Gelder aus nicht gewünschten Investitionen abziehen zu können.
  4. Umweltbelastende Tätigkeiten sollen bestraft werden. Normen, Quoten und Steuern müssen umgesetzt werden, um schmutzige Anlagen teurer zu machen als nachhaltige Aktivitäten. Kurz: Externe Effekte müssen eingepreist werden.
  5. Keine Subventionen mehr für die fossile Wirtschaft. Auch der Staat muss hier deinvestieren.
  6. Finanzinstitute müssen ihre fossilen Risiken reduzieren. Der Wertverlust fossiler Ressourcen wird wahrscheinlich zu einer Finanzkrise führen (Platzen der Carbon Bubble). Diese kann nur verhindert werden, wenn Banken ihre Risiken reduzieren.
  7. Mehr öffentliche Mittel sollen in den Klimaschutz fliessen. Das braucht eine langfristige und koordinierte Planung.
  8. Die Kurzfristigkeit an den Finanzmärkten muss eingedämmt werden. Finanzanlagen dürfen nicht nur an ihrem Wertzuwachs für die Aktionäre oder andere Eigentümer gemessen werden, sondern müssen den langfristigen Nutzen für die Gesellschaft berücksichtigen.
  9. Diversifizierung des Finanzmarktes, damit die systemischen Risiken sehr grosser Finanzinstitute eingedämmt werden. Die Regierungen müssen ein regulatorisches Umfeld schaffen, in dem verschiedene Bankmodelle (öffentliche Banken, regionale Banken, ethische Banken) prosperieren können.

Diese Forderungen dienen also nicht nur dem Klima, sondern auch der Stabilität des Finanzmarktes insgesamt. Wenn das keine Win-Win-Situation ist.

Weitere Informationen findet Ihr auf der Seite von Finance Watch. Eine schöne Visualisierung der Forderungen könnt ihr hier runterladen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. September 2019

Philipp Thers Geschichte des neoliberalen Europa

Die Sommerpause ist vorbei. Unsere Buchbesprechung bei den Mikroökonomen zu Philipp Thers „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa“ (2015) ist online. An der Debatte beteiligten sich Ulrich Voß (danke fürs Hosten und Schneiden!), Marco Herack, Anna-Valentina Cenariu und Barbara Bohr. Hier könnt Ihr die Folge nachhören und kommentieren. Shownotes […]

Grüne Banken sollen städtische Klimainitiativen finanzieren

Grüne Banken gibt es schon lange. Nun scheinen sie erneut auf dem Vormarsch zu sein, da vor allem Städte neue Möglichkeiten suchen, wichtige Vorhaben zur Verhinderung des Klimawandels und seiner Auswirkungen zu finanzieren.

Vorreiterrolle der Städte

Viele Städte haben erkannt, dass sie an vorderster Front der Klimaaktivitäten stehen müssen. Eine wachsende Anzahl von Städten hat bereits offiziell den Klimanotstand erklärt, darunter Krakau, London, Liverpool, Paris, New York und Sydney. Laut der Website der Cedamia (Climate Emergency Declaration and Mobilisation in Action) haben inzwischen mehr als 888 Gerichtsbarkeiten in 18 Ländern mit 161 Millionen Einwohnern einen solchen Notfall erklärt. In der Schweiz engagieren sich ebenfalls viele Städte dafür, die CO2-Emissionen bis spätestens 2050 (teils auch früher) auf Netto Null zu senken. Teils laufen diese Aktionen über die Ausrufung des Klimanotstands, teil aber auch über politische Absichtserklärungen, die konkrete Handlungsfelder im Rahmen der eigenen Kompetenzen beinhalten (s. das Beispiel Zürich)

Public Green Banks

Das alles kostet. Wie das Magazin Smart Cities World berichtet, können grüne Banken eine Vorreiterrolle in der Finanzierung der Vorhaben spielen. Dabei geht es nicht alleine um private Finanzierung, sondern auch um die Etablierung öffentlicher Banken, die die grünen Projekte vorantreiben können. In der Schweiz könnten beispielsweise die Kantonalbanken diese Rolle mit übernehmen, da wir bereits öffentliche Banken besitzen und sich so auch endlich – im Sinne des Gemeinwohls – wesentlich von den privaten Banken differenzieren könnten.

In vielen anderen Ländern fehlt es an öffentlichen Banken, die Infrastruktur und andere gemeinwohlorientierte Investitionen mitfinanzieren können. Am 2. Juli unterzeichnete etwa der Bürgermeister von Washington DC, Muriel Bowser, den Green Finance Authority Establishment Act des Distrikts. Dadurch wurde Washington DC zur ersten Stadt der USA, die eine von der Stadtverwaltung finanzierte grüne Bank gegründet hat. Die Bank wird mit 105 Millionen Dollar an öffentlichen Mitteln kapitalisiert. Das ist zunächst nur als symbolischer Akt anzusehen, Jay Wilson, Programmmanager der DC Green Bank, vom Department of Energy & Environment (DOEE), sagte gegenüber SmartCitiesWorld, dass die Stadt mehr als 2 Milliarden Dollar benötigen würde, um ihre grünen Ziele zu erreichen.

Derzeit gibt es US-weit 14 solcher grüner öffentlicher Banken. Typischerweise sind Green Banks in den USA öffentliche oder quasi-öffentliche Institutionen, die in Zusammenarbeit mit privaten Kreditgebern (also sogenannte Public private partnerships) grüne Infrastrukturprojekte finanzieren.

Eine Green Cities Development Bank

Die Option, eine eigene öffentliche Bank für grüne Vorhaben zu gründen, ist vor allem für finanzstarke Städte realistisch. Für Städte mit geringem finanziellen Spielraum bleibt diese Option ein Traum. Damit auch solche Städte besseren Zugang zu Kapital für ihre grünen Investitionen erhalten, haben bereits im April die Gruppe „C40 Cities Climate Leadership“ und das Overseas Development Institute (ODI) ein Working Paper veröffentlicht.

In diesem schlagen sie die Gründung einer internationalen Finanzinstitution speziell zur Finanzierung städtischer Klimaprojekte vor. Diesen Vorschlag unterstützt beispielsweise Anies Baswedan, Gouverneur von Jakarta.

„Für Städte im globalen Süden mit begrenzten Ressourcen und konkurrierenden Prioritäten kann eine Green Cities Development Bank uns helfen, Programme für nachhaltige Entwicklung zu beschleunigen, die wir sonst nicht hätten unterstützen können.“

Das Zitat macht exemplarisch deutlich, dass der Wille, in grüne Projekte zu investieren, vorhanden ist, es aber gerade in ärmeren Städten viele konkurrierende Prioritäten gibt, so dass grüne Projekte oft das Nachsehen haben.

Hier ist der Link zum gesamten White Paper: Financing the sustainable urban future

Braucht es diese neuen Institutionen überhaupt?

Das Anliegen ist gut nachvollziehbar und klingt zunächst überzeugend. Nun gibt es bereits reichlich Entwicklungs- und Förderbanken. Da gibt es die Europäische Investitionsbank in Luxemburg, da gibt es die KfW in Deutschland. China hat seine China Development Bank, mit einem starken Fokus auf städtischen Infrastrukturen. Als Gegenmodell zur Weltbank gibt es seit einigen Jahren die New Development Bank. Die Liste bereits bestehender und funktionierender Institutionen ist lang.

Wäre es nicht besser, wenn diese bereits bestehenden Banken spezielle Förderprogramme für städtische Klimainitiativen schaffen würden? Wozu sonst wurde denn auch der Green Climate Fonds geschaffen? Vielleicht geht es auch eher darum, dass Städten ein leichterer und unmittelbarer Zugang zu diesen Institutionen gewährt werden muss. Dann bräuchte es nicht noch eine weitere Entwicklungsbank für klimafreundliche Städte. Oder – noch besser – wenn Städte einen besseren Zugang zu den nationalen Steuermitteln erhalten würden.

Ein Herz für Zahlen?!

Die aktuelle MONETA-Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema „Messen und Bewerten“. Anna und ich haben haben uns beide an der Ausgabe beteiligt. Im Artikel „Kann man das Gute messen?“ gebe ich einen Überblick über aktuelle Trends, wie die soziale und ökologische Wirksamkeit von Finanzanlagen gemessen werden kann. Anna zeigt auf, wie die Alternative Bank mit dem Thema umgeht.

Hier geht’s zum Artikel: https://www.moneta.ch/laesst-sich-das-gute-messen

Illustration: Claudine Etter (Copyright: ABS Schweiz)

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 21. Juni 2019

Anna ist neu im Verwaltungsrat der ABS

Anna-Valentina Cenariu, Gründungsmitglied der Vorbänker und Vereinspräsidentin, ist neu im Verwaltungsrat der Alternativen Bank Schweiz. Sie wurde am letzten Freitag als Vertreterin der Mitarbeitenden für eine Amtsdauer von drei Jahren gewählt. Anna leitet bei der Bank die Fachstelle Nachhaltigkeit.

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bei der Generalversammlung der ABS in Aarau

Wir gratulieren und wünschen viel Erfolg bei der neuen Aufgabe!

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 12. Mai 2019

Wie kommt der Wert in die Welt?

Anna und ich waren einmal wieder bei den Mikroökonomen zu Gast. Wir haben mit Marco und Ulrich das neue Buch der Ökonomin Mariana Mazzucato „Wie kommt der Wert in die Welt. Von Schöpfern und Abschöpfern“ (Campus-Verlag, 2019) besprochen. Hier geht’s zur Folge von MikroBuch005.

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In den Shownotes gibt es weitere zusätzliche Informationen. Insbesondere habe ich auch ihre interessanten wirtschaftshistorischen Ausführungen zur Entwicklung des Wertebegriffs in der Ökonomie in eine Tabelle gepackt. So wird das Ganze, meine ich, etwas übersichtlicher.

Wir freuen uns auf Eure Kommentare, entweder hier oder aber direkt bei den Mikroökonomen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 28. April 2019

Mit Finanzwissen gegen die Vorsorgelücke

Frauen verdienen meist weniger als Männer, leben aber länger, weshalb sie im Alter mehr Geld brauchen. Sie müssten sich also intensiver mit Finanzplanung auseinandersetzen, als sie dies im Alltag oft tun. Frauenspezifische Beratungsangebote wollen dieses Manko beheben. Darüber habe ich in der letzten Moneta geschrieben: https://www.moneta.ch/mit-finanzwissen-gegen-die-vorsorgeluecke   Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 02. April 2019  

Rainer Zitelmann: «Für mich ist ’neoliberal‘ ein Ehrentitel»

Nächste Woche kommen Marco, Anna und Barbara zusammen, um das Buch „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ zu besprechen. Der deutsche Historiker Rainer Zitelmann hat zahlreiche Bücher geschrieben, nicht nur zu Geschichts themen, sondern auch zu Fragen der Selbstoptimierung, der Psychologie der Superreichen und zu Fragen der Kommunikation.

Ich bin gespannt, ob Zitelmanns platte, polarisierende Thesen unsere Debatte anregen oder eher abwürgen. Vielleicht wird es unsere kürzeste Buchbesprechung.

Als Vorgeschmack schon mal ein Kurzinterview mit ihm:

😬

Hier ist der Link zur Ankündigung des Podcasts bei den Mikroökonomen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 10. Februar 2019

Das Jahr im Rückblick: Der Bankenpranger 2018

 

This time is different

Das ist der Titel von Reinharts und Rogoffs berühmtem Buch, in dem sie auf die Finanzkrisen der letzten 800 Jahre zurückblicken. In ihrem Titelspruch schwingt der Wunsch mit, dass beim nächsten Mal alles besser läuft und eine neue Krise vermieden werden kann. Wie sieht es 10 Jahre nach dem Ausbruch der letzten grossen Finanzkrise aus? Haben wir etwas gelernt? Zunächst scheint die Krise überwunden. Die Banken sind besser reguliert worden. So meinte im April SNB-Chef Thomas Jordan noch, dass „die getroffenen Regulierungsmassnahmen die Widerstandskraft unseres Bankensystems deutlich erhöht“ hätten. Es gibt mittlerweile in den USA wie auch in Europa Stresstests, um die Belastbarkeit der Banken zu überprüfen. Die europäischen Banken kränkeln zwar noch etwas; gerade die US-Banken verdienen allerdings so viel wie nie zuvor.

Bankkultur bleibt anfällig für Betrügereien

Dennoch gibt es grosse Zweifel, ob sich wirklich etwas Grundlegendes im Bankensystem geändert hat (diese Meinung gab es angesichts des Jahrestags des Krisenausbruchs zuhauf, etwa hier, hier oder hier ). Diese Zweifel teile ich, denn gerade die Organisationskultur von Banken hat sich kaum verändert. Die jetzige Regulierung mit ihren kleinteiligen Vorschriften ermuntert die Banker nur, noch schlitzohriger vorzugehen. Trotz weitreichender Regelungen umgehen sie u.a. Steuergesetze und Vorschriften zur Vermeidung von Geldwäsche. Sie basteln auch weiter an riskanten Produkten, die kaum jemand versteht.

Ein geübter Dieb
Gottfried Heinrich Geißler – Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv.Nr. Gei XVII/12 (Public Domain)

Ich prangere an: Bankenskandale 2018

Banken machen also weiter wie gehabt. Damit diese Schlussfolgerung nicht steil im Raum stehen bleibt, möchte ich  eine Handvoll Ereignisse aus dem Jahr 2018 als Nachweis auflisten. Diese Skandale gehören an den Pranger, denn sie zerstören das Vertrauen in die Institute wie ihre Aufseher. Sie sind mein Jahresrückblick.

  1. Der Geldwäsche-Skandal um die Danske Bank: Zunächst sah es so aus, als ob es sich nur um ein lokales Ereignis der Niederlassung in Estland handelte, doch dann weitete er sich aus. Auch die Deutsche Bank verdankte ihren Verstrickungen eine vorweihnachtliche Razzia. Es geht um über 200 Milliarden Euro.
  2. Der Trick mit Cum und Ex in Deutschland: Diese Formen des Dividendenstrippings sind zwar schon seit 2012 verboten; aber die Aufarbeitung zog in 2018 weitere Kreise. Dem deutschen Staat sind durch die Beratungstricks von Banken und spezialisierten Anwaltskanzleien vermutlich etwa 31,8 Milliarden Euro an Steuereinnahmen verloren gegangen. Zum Vergleich: Die Höhe der Kosten des Bundes in Deutschland für Flüchtlinge und Asyl beträgt mit 15,23 Milliarden Euro nicht einmal die Hälfte dieser Summe. Europaweit soll der Schaden sogar um die 55 Milliarden Euro betragen.
  3. Die „Milchbüchlein“ der UBS: Im Prozess gegen die UBS in Frankreich geht es ebenfalls um mögliche Steuerhinterziehung und Geldwäscherei. Die Schweizer Grossbank bestreitet bisher die Vorwürfe, in separaten Notizbüchern eine parallele Buchhaltung für französische Kunden geführt zu haben. Insgesamt sollen Frankreich ca. 10 Milliarden an Einnahmen entgangen sein.
  4. Kohle mit Kohle. Banken investieren weiterhin in schmutzige Kohlegeschäfte. Und dies trotz schöner Slogans für mehr Nachhaltigkeit und viel PR-Geld für den guten Ruf. Was ihre Investitionen in fossile Energien angeht, halten sich Banken gerne bedeckt. Diese Datenbank zeigt weltweit alle bekannten Investitionen in fossile Energien.
  5. Im Haifischbecken der Coins und Tokens: Viele wünschen sich neue Finanzfirmen und Investitionsmöglichkeiten. Manche glauben gar an eine Zukunft ohne Banken. Die zahlreichen ICO-Scams aus dem Jahr 2018 zeigen leider, dass neue Technologien noch keine besseren Verhaltensmuster garantieren. Wie auch, wenn sich in der Kryptobranche immer mehr Ex-Banker tummeln?

Selbstverständlich gibt es auch viele aufrichtige und gute Banker bzw. Finanzberater. Ich weiss auch noch selber gut, wie es sich anfühlte, als die UBS in Bern um Hilfe bitten musste, weil sich die Investmentbank in der Subprime-Krise verzockt hatte. Als Nachbarn und Bekannte voller Schadenfreude lästerten. Das fühlte sich nicht gut an. Ich bin überzeugt: Je eher die Verantwortungslosen zur Rechenschaft gezogen werden, desto besser können die Ehrlichen weiterarbeiten.

Dieser öffentliche Pranger ist vermutlich alles andere als vollständig. Ergänzt ihn über die Kommentarfunktion!

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 27. Dezember 2018

BlackRock und Microsoft bauen eine Plattform für die Altersvorsorge

Microsoft und BlackRock machen es vor. Sie spannen zusammen, damit Amerikaner  eine solide Altersvorsorge aufbauen können.

Targeted Advertising als Geschäftsmodell ist einfallslos

Oft sieht es so aus, als gäbe es für Plattform-Firmen keine andere Möglichkeit, als mit Werbung Geld zu verdienen. Noch am heutigen Sonntag kritisierte deshalb Tom Goodwin, ein Technologie-Marketeer die Branche auf Twitter:

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Er versteht nicht, warum so grosse, mächtige Firmen wie Facebook, Google, Snap oder Instagram sich darauf beschränken, Geld mit Anzeigen zu verdienen. Er hält dies für ineffizient und einfallslos. Er mokiert sich darüber, dass Plattform-Unternehmen, darunter auch Medienfirmen oder Themenportale, mit einem durchschnittlichen Jahreserlös pro Kunde von 10 Dollar zufrieden sind. Er stellt diesem Geschäftsmodell Apple entgegen, dass aufgrund höherer Produktpreise die Kunden vor Werbung verschont. Dieser Kritik zum Trotz brummt das digitale Werbegeschäft.

Microsoft und Blackrock gründen eine Vermögensberatung

Tom Goodwin sollte sich ausserdem anschauen, was Microsoft und BlackRock treiben. Da könnten sich Facebook & Co. eine Scheibe Einfallsreichtum abschneiden. Die beiden haben gerade eine neue Plattform für die digitale Vermögensberatung beschlossen. Das gemeinschaftliche Unterfangen existiert bisher nur auf dem Papier. Die Arbeitsteilung liegt allerdings auf der Hand: Microsoft sorgt für die technische Infrastruktur und BlackRock für die digitalen Inhalte. Das Wall Street Journal berichtete am 13. Dezember von diesem Joint Venture, welches auf Twitter lebhaft diskutiert wurde, z.B. bei den Twitterfreunden Wolfgang Gierls und Ralf Keuper:

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und

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Der richtige Stups für vernünftiges Verhalten?

Wenn immer mehr Menschen immer weniger für ihre Altersvorsorge tun, ist das ein gesellschaftliches Problem. Da die US-Regierung derzeit andere Prioritäten hat, haben Microsoft und BlackRock diese Initiative gestartet. Das ist notwendig. 30 Prozent der US-Amerikaner legen kein Geld zurück für die Rente. Sie sind froh, wenn ihr Paycheck bis zum Monatsende reicht.

“We are trying to nudge people a little bit towards a more active relationship with retirement,”

meint Mark McCombe, Amerika-Chef von BlackRock zur zukünftigen Strategie. Nun weiss derzeit niemand, was genau McCombe mit Nudging meint. In der Verhaltensökonomie ist mit Nudging eine Methode gemeint, die das Verhalten von Menschen beeinflusst, ohne auf Verbote und Gebote zurückzugreifen. Stattdessen wird ein ansprechendes Angebot gemacht, so dass die gute Wahl leicht fällt. Ausgangslage ist: Keiner weiss, was für ihn am besten ist. Deshalb ist es gut, wenn er (oder sie) in diese Richtung gestupst wird.

Für junge Leute ist es wenig interessant, für die Rente vorzusorgen. Es gibt so viele spannendere Dinge, für die man Geld ausgeben kann: Urlaubsreisen, ein schickes Auto, tolle Kleider. Mit Nudges schafft man es, dass sie sich auch um ihre Altersvorsorge kümmern. Nudges können ganz einfach funktionieren. Bei BlackRock und Microsoft könnten beispielsweise Apps zum Sparen anregen. Vorstellbar sind auch folgende Nudges: Ein Arbeitgeber sieht etwa standardmässig vor, dass die Mitarbeitenden mehr als gesetzlich vorgesehen in ihre Pensionskasse einzahlen. Möchte jemand weniger Absicherung, muss er sich aktiv dagegen entscheiden. Das heisst, er muss sich darüber Gedanken machen, ob er wirklich weniger sparen möchte, als es der Standard vorsieht. Das funktioniert nicht schlecht, kann aber in einer Welt der schnellen Klicks bequem und denkfaul machen. Das können die Firmen ganz in ihrem Sinne ausnutzen.

Die grösste Schattenbank aller Zeiten

Die Partnerschaft macht deutlich, dass Bank- und Anlagegeschäfte eine attraktive Einnahmequelle im Internet sind. Nur die Banken und Versicherungen haben das noch nicht so richtig gemerkt. Wenn sich die grösste Finanzfirma der Welt und der Technologiekonzern, dem immer noch die meisten Firmen-Desktops gehören, zusammentun, sollten wir aufhorchen. Auch wenn derzeit nur der US-Markt ins Visier genommen wird.

Gerade BlackRock wirkt mit seinen aktiven Engagements schon jetzt wie eine Privatpolizei für Corporates. Die kann Gutes bewirken, die kann aber auch ein Zeichen von Allmacht sein. BlackRock ist bei fast allen Grossfirmen der Welt investiert. Ohne sie läuft immer weniger am Finanzmarkt. Interessenkonflikte sind vor allem dann vorprogrammiert, sollten die Vorsorgepläne über die Arbeitgeber angeboten werden. Dort sitzen oft BlackRock-Vertreter in den Aufsichtsgremien.

Auch Microsoft sollte in dieser Partnerschaft nicht unterschätzt werden. Microsoft wirkt in der Runde der GAFAM-Firmen (= Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft) vergleichsweise brav und bieder. Die Charme-Offensive der Firma gegenüber der Open-Source-Bewegung und in Designfragen lässt möglicherweise allzu schnell das alte Motto vergessen, mit dem die Firma marktbeherrschend wurde: „Embrace, extend, extinguish.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 16. Dezember 2018