Die vergessenen Hillbillies

Unvergessen ist der Tweet, mit dem Donald Trump in der Wahlnacht von vor fast einem Jahr denjenigen Menschen pathetisch ein Denkmal setzte, denen er zu einem guten Teil seinen Wahlsieg verdankte:

Lange vergessen sind Trumps Versprechen, diesen Menschen zu helfen. Ihr Schicksal ist unverändert. Die Hillbillies, die Hinterwäldler aus den ländlichen Landstrichen Amerikas, die in den Medien auch unter den abfälligen Bezeichnungen „White Trash“ oder „Redneck“ bekannt sind, leiden weiterhin unter ihrer schlechten sozialen Lage. Diese Leute haben  in den letzten Jahrzehnten nichts vom technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt gehabt. De-Industrialisierung, Outsourcing, schlechte Ausbildung und fehlende neue Arbeitsplätze haben aus dem ehemaligen Industriegürtel der USA einen sozialen Brennpunkt gemacht. Ich kannte diese Schicht bisher nur aus abstrakten, soziologischen Studien und Statistiken. Etwas persönlicher, aber nicht unbedingt authentisch, wurde sie für mich dank Eminem, der seinen Weg aus dem Trailer-Park in Detroit zu einem Gesamtkunstwerk gemacht hat. Doch seit 2016 gibt es zu Eminems schrillen  und aggressiven Rap-Anklagen eine konservative Gegenstimme: J.D. Vance, ein junger Mann aus Ohio, hat in seinen Memoiren das Elend seiner Familie beschrieben. Beseelt vom Amerikanischen Traum, sind seine Grosseltern aus Kentucky nach Ohio gezogen, um dann dort angesichts des Niedergangs der US-amerikanischen Stahlproduktion den sozialen Niedergang der eigenen Familie nicht verhindern zu können.

Eine Statistik, die letzte Woche auf Twitter von Max Roser (via Dina Pomeranz) verbreitet wurde, zeigt das Elend dieser Unterschicht. Eine der Krisenregionen dieses Drogenmissbrauchs, ist eben genau Central Appalachia, die ursprüngliche Heimat der Familie von J.D. Vance. Das ist die Gegend um West Virginia und einem Teil Kentuckys, einer ländlichen Gegend, die längst den Anschluss an die vernetzte Dienstleistungsgesellschaft verloren hat.

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https://ourworldindata.org/grapher/overdose-deaths-due-to-opioids-in-the-us-1999-2015

Doch was treibt die Leute in diese Abhängigkeit? Was die Statistik nicht zeigt, das holt J.D. Vance mit seinen Memoiren „Hillbilly Elegy“ nach. Sein Buch über die Abgehängten der weissen Unterschicht gilt vielen in den USA als Erklärung, weshalb Trump bei den zornigen weissen Männern und ihren Frauen so gut ankam. Das Buch, das im Frühsommer 2017 auch auf Deutsch erschienen ist,  erzählt von der Ausweglosigkeit dieser Menschen. Das macht Vance auf sehr persönliche Weise, denn es ist seine eigene Biographie. Er erzählt schonungslos, auch gegenüber seiner eigenen Mutter, deren Lebensgefährten sich als Ersatzpapis regelrecht die Klinke in die Hand geben. Die meisten dieser Lebensgefährten scheitern bei ihrem Unterfangen glorios. Der Junge kann mit keinem von ihnen eine stabile Beziehung aufbauen. Die Mutter, als Krankenschwester ausgebildet, ist, seit er sich erinnern kann, drogenabhängig. Abhängigkeit und Entzug wechseln sich bei ihr ab wie die Männer. Dennoch wirkt die Familie nicht komplett dysfunktional. Starke Grosseltern, die zwar selber ihre Probleme mit Alkohol und Ehe haben, sorgen für eine gewisse Stabilität. Fehlende Bildung und fehlendes Weltwissen sind ein zentrales Thema des Buchs, die Vance selber erst richtig bewusst werden, als er nach Yale zum Studium wechselt. Da hat er’s schon fast geschafft. Ich fand es bewundernswert, mit welcher Offenheit Vance über seine vielen miesen Erfahrungen schreiben konnte und welche Spuren das  in seinem Verhalten hinterlassen hat, z.B. in einer impulsiven Aggressivität, die sich bis heute in seinem Alltag zeigt.

Das Buch ist allerdings keine rein negative Abrechnung mit seiner eigenen gesellschaftlichen Herkunft, sondern bleibt eine ganz traditionelle Geschichte vom „Amerikanischen Traum“. Vance hat es nämlich geschafft, aus dieser Spirale von Armut und Mutlosigkeit auszubrechen und seinen eigenen Weg in den Wohlstand zu gehen. Während er das Buch schrieb, arbeitete er bereits als Principal beim Investmentfonds Mithril Capital Management, der von Peter Thiel und Ajay Royan geleitet wird. Inzwischen ist er aus San Francisco zurück in seine Heimat Ohio gezogen und leitet dort gemeinsam mit dem AOL-Mitgründer Steve Case das Non-Profit „Rise of the Rest“, das ein Ökosystem für Start-Ups aufbaut.  Peter Thiel, Ajay Royan, Steve Case: Das sind ziemlich glamouröse Namen in den USA. Vance hat es in seinen wenigen 32 Jahren ganz schön weit gebracht. Der Amerikanische Traum funktioniert also immer noch. Die Namen seiner Gönner und Arbeitgeber haben wohl dazu geführt, dass manche Kritiker ihm vorwerfen, er setze den Amerikanischen Traum mit der Gier nach grossen Vermögen gleich. Ich habe seine Erzählung nicht so verstanden. Vances Verständnis des American Dream wird im Buch meist mit dem Besitz eines Einfamilienhauses in einer netten Nachbarschaft assoziiert.

Neben den Grosseltern hat er also immer wieder weitere (private) Förderer gehabt, die ihn unterstützt haben, so dass er aus seinen ärmlichen Verhältnissen in Ohio ausbrechen konnte.  Das sind neben seinen Arbeitgebern und Förderern vor allem die Lehrer an seiner High School, seine Ausbilder bei den Marines,  seine Hochschullehrer (u.a. die Tiger Mom Amy Chua) und seine heutige Ehefrau. Starke Frauen spielen überhaupt in Vances Leben eine sehr grosse Rolle. Seine Sicht auf diese Welt ist eine konservative. Das spürt man, wenn er patriotisch über die USA und seinen eigenen Einsatz  im Krieg in Irak schreibt. Das spürt man auch an seinem Familienbild und an manchen Aussagen über die Rolle des Staates in der Bekämpfung der Armut. Der Staat habe keine Möglichkeit, die Situation zu ändern, meint er. „God helps those who help themselves“ ist eine der Glaubenssätze seiner Grossmutter, die er übernimmt. So lehnt er beispielsweise eine Regulierung von Kredithaien vehement ab, weil damit den Armen die einzige Möglichkeit genommen werde, kurzfristig zu Geld zu kommen. Damit habe ich an mancher Stelle im Buch meine Probleme gehabt, aber gerade seine für mich fremde, konservative Sicht erlaubt auch den Einblick, weshalb so viele dieser Menschen Trump gewählt haben. Sie trauen dem Staat nicht und deshalb trauen sie ihm auch nichts zu. Der Staat, das ist immer wieder auch die Polizei, die die drogenabhängigen Väter und Mütter abführt. Der Staat, das ist derjenige, der  Kinder nur in Pflegefamilien platziert, die eine offizielle Zulassung als Pflegeeltern vorweisen können (die die eigene Verwandtschaft meist nicht nachweisen kann). Das Misstrauen und der Neid gegenüber denen, die diesen fernen Staat repräsentieren, wird besonders deutlich an seinen Äusserungen über die Obamas:

Barack Obama strikes at the heart of our deepest insecurities. he is a good father while many of us aren’t. He wear suits to his job while we wear overalls, if we’re lucky enough to have a job at all. His wife tells us that we shouldn’t be feeding our children certain foods, and we hate her for it – not because we think she’s wrong but because we know she’s right (S. 191)

Das Buch ist an manchen Stellen redundant, gerade wenn es um die Bedeutung der Familie geht. Das Familienthema liegt Vance schon sehr am Herzen. Sein Ton ist deshalb manchmal arg feierlich und instruktiv, aber bleibt immer aufrichtig: Kein Joke, um mal die Stimmung zu lockern, kein Versuch, Spannung aufzubauen, um die Leser zu unterhalten. Das Buch ist nicht sexy. Das hat mir sehr gut gefallen. Der Typ erzählt wie es wa(h)r. Angesichts der Alltagsgewalt und des Frustes wäre alles Andere auch unangemessen. Durch seine Authentizität war das Buch für mich sehr gut zu lesen. Bei einem Blogpost oder Tweet hätte ich sicherlich häufiger ungehalten weggeklickt, weil mir die weltanschauliche Haltung nicht passte. Ein Buch lädt doch eher zum geduldigen Zuhören ein.

Wer verstehen möchte, wie es zum Riss zwischen Eliten und weisser Unterschicht in den USA kam, wird in diesen Memoiren manche Antwort finden. J.D. Vances empfehlenswertes Buch ist bei Ullstein auf Deutsch erschienen: https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/hillbilly-elegie-9783550050084.html

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. Oktober 2017

 

 

Let’s not consider the facts! – Herausforderungen des postfaktischen Zeitalters an die Unternehmensethik im Private Banking der Schweiz

Definition und Zweck des Private Banking

Private Banking meint zunächst einmal das Verwalten von Vermögen sogenannter (Ultra) High Net Worth Individuals ((U)HNWI). Dazu gehört die Anlageberatung, je nach Grösse des Private Banking-Anbieters auch die Emission von eigenen (meist strukturierten) Produkten, der Derivatehandel im Auftrag des Kunden, das sogenannte Asset Management und das Kreditgeschäft im Bereich von Garantien sowie Lombard- und oft auch Hypothekarkrediten.

Kern des Private Banking bildet jedoch die Vermögensverwaltung und –beratung (das sogenannte Wealth Management), welche entsprechend der Kundenstruktur die obigen Geschäftstätigkeiten ganz oder teilweise einschliesst. Ziel dieser Tätigkeit(en) ist die Erwirtschaftung eines (Kurs-)Gewinns resp. einer Rendite für den Kunden aus der gewinnbringenden Anlage resp. Anlageberatung und Strukturierung der durch den Kunden eingebrachten Vermögenswerte.

Die bisherigen Charakteristika des Private Banking

Will man einen kurzen Abriss über das Private Banking vor dem sogenannten „postfaktischen Zeitalter“ erstellen, kommt man nicht umhin, eine Strukturierung des zeitlichen Ablaufs in eine Periode vor und nach der sogenannten Finanzkrise von 2008 vorzunehmen.

Vor der Finanzkrise genoss das Private Banking (vor allem in der Schweiz) einen ausgezeichneten Ruf. Dies war zum einen der Stärke des Schweizer Frankens und der Stabilität der Volkswirtschaft, zum anderen aber auch der liberalen Wirtschaftspolitik und seit den 1980er Jahren, mit immer grösserem Gewicht, dem Bankgeheimnis geschuldet.

Seit der Finanzkrise hat sich das Private Banking stark gewandelt. Die starke Zunahme an regulatorischen Richtlinien und die politische Entwicklung im internationalen Finanzsektor haben einerseits zu einer Aufweichung des Bankgeheimnisses geführt und andererseits ein Umfeld hervorgebracht, welches das Erwirtschaften von Renditen immer schwieriger hat werden lassen. Vor allem kleinere Privatbanken haben unter dieser Entwicklung gelitten oder leiden noch. Grössere Institute haben durch Prozessoptimierung, Automatisierung und Digitalisierung sowie das Auslagern von Funktionen an Sourcing-Anbieter einen Kostenvorteil erlangen können, der in Kombination mit einer erhöhten Spezialisierung und Professionalisierung der Mitarbeitenden dem Private Banking in der Schweiz wieder zu einem guten, und je nach Anbieter, sogar hervorragenden internationalen Ruf eingebracht hat.

Als Schlüsselbegriff für ein erfolgreiches Private Banking ist zunächst das Vertrauen der Kunden in den Anbieter zu nennen. Erst hernach können als Erfolgsfaktoren wie Effizienz der Prozesse, Digitalisierung, Robo-Advisors etc. angeführt werden. Vertrauen wird über langjährige Geschäftsbeziehungen aufgebaut und beruht in der Regel auf Eigenschaften, wie Diskretion, Verlässlichkeit oder ein tadelloses Berufsethos. Interessanterweise spielt der Preis, den die Kunden für dieses Vertrauen bezahlen, eine untergeordnete Rolle.

Das postfaktische Zeitalter

Ein Zeitalter zeichnet sich gemeinhin dadurch aus, dass ein bestimmtes Element das Denken und Handeln sowie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung bestimmt. Wann ein Zeitalter beginnt, wann es endet und was als sein Hauptmerkmal gelten kann, ist in der grossen Regel erst im Nachhinein feststellbar. So konnte das Industriezeitalter wohl erst klar umrissen werden, als das sogenannte Informationszeitalter bereits begonnen hatte. Ob Letzteres nun bereits wieder vorbei ist und ein neues, das im Titel genannte „postfaktische“ Zeitalter begonnen hat, oder ob das „Postfaktische“ nur eine Episode oder Teil des Informationszeitalters ist, kann nicht festgestellt werden, solange dieses Zeitalter noch andauert.

Die Erläuterungen zum Terminus „postfaktisch“ werden zeigen, dass hierzu Information und der Umgang damit ein wichtiges Element darstellt, was wiederum die Kategorisierung des „Postfaktischen“ als Teil des Informationszeitalters nahelegt.

Zunächst ist es nötig den Begriff „Fakt“ klar zu umreissen, bevor dargelegt werden kann, was unter „postfaktisch“ zu verstehen ist.

Ein Fakt ist das letzte Glied einer dreiteiligen Erkenntniskette: Daten – Information – Fakt. Aus Daten werden Informationen herausgelesen, welche dann Fakten bilden oder untermauern. Das Herauslesen der Informationen aus den Daten ist bereits eine Interpretation und ist mitunter fehleranfällig. Daraus lässt sich auch das Folgern unterschiedlicher Fakten aus den gleichen Daten erklären. Diese interpretationsbedingte Fehleranfälligkeit darf jedoch nicht mit Beliebigkeit der Interpretation verwechselt werden.

Die verschiedenen Beschreibungen des sogenannten „postfaktischen“ Zeitalters zeichnen jedoch gerade das Bild einer Gesellschaft, in der die Beliebigkeit der Interpretation zu einer Unverbindlichkeit gegenüber den Fakten führt. Diese Beliebigkeit führt dazu, dass „die Menschen nur noch Informationen akzeptieren, welche ihre eigenen Vorurteile bestätigen.“ Edouard Kaeser identifiziert drei Varianten dieser Beliebigkeit und nannte sie: Wahrheit, Macht und Bullshit:

„ Im Szenario der Wahrheit überprüfen wir eine Aussage, bis wir den robusten Konsens für einen Entscheid gefunden haben: Die Aussage ist wahr oder falsch, tertium non datur. Lügner werden überführt, wie US-Aussenminister Colin Powell, der 2003 in der UNO die Intervention im Irak mit falschen faktischen Behauptungen begründete.“

Den Macht-Aspekt hat Ron Suskind umschrieben, als er einen der Sicherheitsberater der Bush-Administration zitierte:

„We’re an empire now, and when we act, we create our own reality. And while you’re studying that reality — judiciously, as you will — we’ll act again, creating other new realities, which you can study too, and that’s how things will sort out. We’re history’s actors . . . and you, all of you, will be left to just study what we do.“

Bewusst ausgeführte Handlungen beruhen in der Regel auf dem vorhergehenden Analysieren von Daten und der Wahl, auf die resultierenden Fakten mit einer bestimmten Tat zu reagieren. Der Macht-Aspekt besagt somit, dass die Wahl des Fakts bereits erfolgt ist und das entsprechende Handeln bereits neue Fakten schafft.

Was den Aspekt des Bullshits betrifft, so führt Kaeser den aktuellen US-Präsidenten an, der mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit unehrlich ist.

Zum Welt- und Menschenbild des „postfaktischen“ Zeitalters resp. dessen prominentesten Verfechtern gehört die Meinung, dass Realität nicht etwas Seiendes oder Werdendes ist, sondern etwas von den Machtmenschen und „Wissenden“ Geschaffenes ist. Daher liegt der Schluss nahe, dass somit all jene, welche die Gegenwart als ein solches Zeitalter benennen, sich (un-)freiwillig als Helfershelfer jener betätigen, die es (in deren Verständnis: im wahrsten Sinne des Wortes) ausmachen.

Als „postfaktisch“ kann also die Gegenwart (ob sie nun ein Zyklus oder ein Trend ist, ist hierfür unerheblich) dahingehend beschrieben werden, dass heute im Umgang mit Fakten und Information die Macht- und die Bullshit-Variante gegenüber der Wahrheit bevorzugt werden. Die Tatsache, dass dies ohne Daten und Informationen nicht möglich ist, legt den Schluss nahe, dass das „postfaktische“ eher eine Entwicklung innerhalb des Informationszeitalter ist. Der Terminus „Information“ wird lediglich definitorisch in die Beliebigkeit verlagert.

Ethik

Zunächst gilt es, den Begriff der Unternehmens- oder Wirtschaftsethik von jenem neudeutschen Begriff der „Business Ethics“ abzugrenzen. Weder den akademisch untersuchten Gegenstand der Business Ethics (ohne Anführungs- und Schlusszeichen), noch die Unternehmensethik darf man mit dem gleichsetzen, was auf den Webseiten vieler Unternehmen als „Business Ethics“ verlinkt ist. Diese „Business Ethics“ sind in der Regel ein Set von Prinzipien, welche marketingtechnisch dahingehend eingesetzt werden, um ein Unternehmen von seiner Konkurrenz zu differenzieren. Sie sind also hauptsächlich ein Element des Corporate Branding sowohl nach aussen wie nach innen.

Die Unternehmens- oder Wirtschaftsethik dagegen ist zunächst ein Element der praktischen Philosophie, der Ethik, welches Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik vor über 2000 Jahren formulierte. Ethik wiederum ist kurz gesagt das Nachdenken über Moral und fragt nach dem Gut-Sein einer Handlung, wobei „gut“ nicht im Sinne eines „gut für …“, sondern eher als ein „gut an sich“ verstanden werden sollte. Diese letzte Differenzierung ist in den letzten Jahren immer unpopulärer geworden, was auch die Verlagerung von Unternehmensethik hin zu den „Business Ethics“ erklären mag. Die Gründe hierfür darzulegen, würde den Rahmen dieses Artikels jedoch sprengen. Handlung ist in diesem Zusammenhang als eine bewusst gewählte Tat zu verstehen.

Wenn also Ethik mit Handlungen zu tun hat und Handlungen bewusste Taten sind, dann hat die Unternehmensethik nicht mit den Handlungen eines Unternehmens zu tun. Unternehmen handeln nicht, nur Menschen handeln. Bei der Unternehmensethik geht es also um die Handlungen der Mitarbeitenden und des Managements, welchen eine moralische Wertung von richtig und falsch oder von gut oder schlecht zugrunde liegt.

Unternehmensethik im Private Banking

Vertrauen und Verlässlichkeit

Als massgeblicher Faktor eines erfolgreichen Private Banking wurde oben bereits das Vertrauen der Kunden genannt. In Zeiten ausufernder Boni und eines zunehmenden schlechten Rufs der Branche in der Öffentlichkeit (ob von der Presse aufgenommen oder durch sie verursacht, sei dahingestellt) ist aber nicht nur das Vertrauen der Kunden, sondern auch das anderer Stakeholder von elementarer Wichtigkeit. Und Vertrauen gewinnt man durch Integrität und Verlässlichkeit im Umgang mit dem Gegenüber. Das heisst auch, dass sich die allgemein vorherrschenden Wertungen von richtig und falsch, gut und schlecht etc. in den Handlungen desjenigen, dem vertraut werden soll, widerspiegeln sollten.

Im Umgang mit den verschiedenen Stakeholdern bedeutet dies u. a., dass die Geschäftstätigkeit eines Private Banking-Anbieters den Investoren eine Rendite erwirtschaften und den Kunden ihr Vermögen vermehren soll. Dies bei gleichzeitiger Wahrung der volkswirtschaftlichen Interessen der Öffentlichkeit sowie der Einhaltung der geltenden Regulierungen und Gesetze. In Zeiten von Shit-Storms und Online-Medien kann die Reputation eines Unternehmens auch durch privates Fehlverhalten exponierter Mitarbeiter oder Manager Schaden nehmen, was diese über ihre Funktion in der Firma hinaus in die Pflicht nimmt.

Kollisionen

Ethik, als die Reflexion von Moral, fusst immer auf einem bestimmen Weltbild, Menschenbild und Handlungs- resp. Daseinszweck. Aus diesem Grund ist es auch möglich, dass Handlungen, welche im Lichte bestimmter Moralvorstellungen als schlecht beurteilt werden, von Menschen mit anderen Moralvorstellungen als neutral oder sogar gut angesehen werden können. Ethisch gesprochen wird ein Utilitarist[1] eine Handlung anders beurteilen als ein Anhänger von Immanuel Kants Pflichtethik[2].

Auch eine Unternehmensethik wird explizit oder implizit ein Weltbild, Menschenbild und im Selbstverständnis den Unternehmenszweck enthalten. Um als verlässlicher Partner für seine Stakeholder zu gelten, müssen sich diese auf die hinter der Unternehmensethik stehenden Prinzipien verlassen können. Umgekehrt muss sich auch die Unternehmensführung darauf verlassen können, dass die allgemein geltenden Regeln von schlechten und guten Handlungen auch von ihren Stakeholdern geteilt werden.

Im „postfaktischen“ Zeitalter dürfte aber gerade dies schwierig sein. Gerade die obigen Herangehensweisen der Macht und des Bullshits an den Umgang mit Information werden es sehr schwer machen, Reaktionen verschiedener Stakeholder zu antizipieren. Letztlich steht hierbei die Verlässlichkeit aufeinander auf dem Spiel. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass jeder vierte Schweizer der Meinung ist, Manager seien korrupt. Die zitierte Studie zeigt auch die steigende Bereitschaft bei jüngeren Managern, mit zunehmendem Druck und Verantwortung Schmiergelder zu bezahlen oder anzunehmen.

Herausforderungen

Aus einer übergeordneten Sichtweise liessen sich die Herausforderungen des „postfaktischen“ Zeitalters an die Unternehmensethik damit beschreiben, die verschiedenen Welt- und Menschenbilder sowie das Verständnis der Unternehmenszwecks der verschiedenen Stakeholder in Einklang zu bringen. Mitarbeiter, Regulator, Öffentlichkeit/Kundschaft und Investor sollen hierbei als Beispiel dienen: Das Hauptinteresse des Shareholders/Teilhabers ist die Rendite, jenes des Managers der Bonus, Kundschaft will Vertrauen haben können und der Regulator die Einhaltung der Regeln.

Wenn aber Fakten ihre Gültigkeit verlieren, resp. nur noch akzeptiert werden, wenn sie ins eigene Weltbild passen, dann ist die Herausforderung nach innen die Steuerung der Interpretation von Information. Gleichzeitig muss die Kommunikation nach aussen immer auch die Klarheit der Beweggründe enthalten. Themen, welche erfahrungsgemäss grosses öffentliches und über kurz oder lang auch regulatorisches Interesse erwecken, müssen nicht nur als Fakt kommuniziert werden, sondern auch die Interpretation der Information enthalten, welche zu den Fakten geführt hat. Nur diese Transparenz lässt die Ethik aber auch die Moral hinter Handlungsentscheidungen hervortreten.

Es versteht sich von selbst, dass die so in Erscheinung tretende Unternehmensmoral und –ethik eine solche sein sollte, welche einerseits nachvollziehbar und andererseits nicht reputationsschädigend ist. Dabei gilt es zu beachten, dass Moral und somit auch Ethik nicht per Managemententscheid herstellbar sind, sondern nur über die HR-Strategie und die Anstellung der zur gewünschten Unternehmensethik passenden Personen beeinflussbar sind.

 

 

[1] Der Utilitarismus beurteilt eine Handlung als gut, wenn die der Erreichung gesetzter Ziele (z.B. Fortschritt) nützlich ist.

[2] Immanuel Kants kategorischer Imperativ: “Handle nur so, dass Du wollen kannst, dass dein Handeln zur allgemeinen Maxime wird.”

Disclaimer: Die Ausführungen fokussieren im Absatz „Definition und Zweck des Private Banking“ auf die Gegebenheiten in der Schweiz.

Gastbeitrag von Claude Del Don. Er ist Legal Reporting Specialist bei der Bank Julius Bär & Co. AG in Zürich.

 

„Changed it“: Nicki Minaj und die US-Bildungsblase

Am Wochenende erklärte sich die Rapperin Nicki Minaj auf Twitter bereit, die Collegegebühren für einige ihrer Fans zu übernehmen. Dazu kam es, weil die Musikerin den Gewinnern eines internationalen Wettbewerbs öffentlich zugesichert hatte, ihnen die Flugkosten für ein Treffen mit ihr in Las Vegas zu bezahlen. Als daraufhin eine US-Studentin keck nachfragte, ob sie ihr auch die Collegegebühren zahlen würde, kam nach kurzer Bedenkzeit ein „Ja“ von Nicki Minaj, vorausgesetzt die Noten würden stimmen.

Damit trat sie eine Lawine los. Nach Angaben des Guardian sicherte die Musikerin im Laufe einer Stunde mehr als 30 Studierenden finanzielle Hilfe zu. Insgesamt soll es sich um Zusagen in Höhe von 30’000 US-Dollar handeln.

Das mag nach reiner PR-Aktion klingen, aber Nicki Minaj nehme ich es schon ab, dass sie tatsächlich ein ganz grosses Herz hat. Natürlich kann auch sie mit ihren Aktionen das strukturell bedingte Überschuldungsproblem vieler Hochschulabsolventen in den USA nicht lösen. Wer kann es sich noch ohne Kreditaufnahme leisten, jährlich 40’000 Dollar für Studiengebühren auszugeben? Zumal längst nicht mehr garantiert ist, dass der Abschluss zu einem Job verhilft, der die Schulden zurückzahlen lässt. Gut an ihrer Aktion wäre, dass überhaupt über das Problem der Studienfinanzierung wieder mehr gesprochen und möglicherweise angegangen wird. Doch genau da habe ich meine Zweifel.

Im Wahlkampf hatten sowohl Clinton als auch Trump angekündigt, sich um eine Regelung der studentischen Kredite zu kümmern. Noch vor der Wahlentscheidung letzten November habe ich einen Überblick über den studentischen Schuldenstand in den USA und die Möglichkeiten eines Erlasses dieser Kredite geschrieben. Er ist in der Moneta 04/2016 nachzulesen.

Die ersten 100 Tage der Regierung Trump zeigen eher, dass er das Problem  als niedrige Priorität einstuft. Vor allem war er mit seiner Trump University selber am profitorientierten Markt für Hochschulbildung aktiv. Und eine Staatssekretärin für Bildung wie Betty De Vos ist auch eher ein Zeichen dafür, dass die Fahrt weiter Richtung überteuerte, kreditfinanzierte Erziehung geht. Lil Wayne wird Nicki Minaj also weiterhin zurufen: „Different hoes doing the same shit“.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 08. Mai 2017