Boni sind nicht mehr zeitgemäss

Keine Boni mehr bei der Migros Bank

Diese Woche verkündete die Schweizer Migros Bank, dass sie ab dem Geschäftsjahr 2019 die Boni für die Mitarbeitenden abschaffen wolle. Die Bank liefert drei Argumente für die Abschaffung der variablen Vergütungsbestandteile:

  1. Die Digitalisierung macht den klassischen Verkäufer an der Front weniger wichtig. Stattdessen würden immer mehr Teams entlang der gesamten Wertschöfpungskette die Kundschaft bei ihren Entscheidungen unterstützen.
  2. Die Bank möchte verhindern, dass sich Mitarbeitende lediglich auf Tätigkeiten konzentrieren, die ihren individuellen Bonus erhöhen.
  3. Mit der Abschaffung möchte die Bank den Blick stärker auf die langfristige Ertragskraft des Unternehmens ausrichten.
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Aussenaufnahme einer Filiale der Migros Bank (Foto: Migros Pressestelle)

Das Ganze, so CEO Harald Nedwed, soll keine Kostensparmassnahme sein. Daher erhalten alle Mitarbeitenden, deren variabler Lohnanteil bisher maximal 20 % betragen hat, eine einmalige Erhöhung ihres Fixlohns. Diese wird individuell festgelegt.

Das ist eine gute Entscheidung. Sie ist gut für den Ruf der Bank. Sie kann auch intern dafür sorgen, dass die Erfolgsverantwortung weniger einseitig bei den Verkäufern liegt. Denn die digitalen Bankprodukte werden von vielen Mitarbeitenden gemeinsam verantwortet. Von daher ist die Einschätzung Nedweds, individuelle Boni seien nicht mehr zeitgemäss, völlig richtig. Sogar die deutsche Wirtschaftspresse berichtete diese Woche über den Schritt der kleinen Schweizer Bank. Die Migros Bank beschäftigt etwa 1’300 Menschen, die UBS dagegen über 62’000 (Zahlen von 2017). Zu fürchten ist jedoch, dass bonusgetriebene Mitarbeitende der Migros Bank zur Konkurrenz wechseln. Das ist ein Risiko, dass Nedwed offensichtlich in Kauf nimmt.

Für die Branche bleiben Boni wichtig

Mit Blick auf die gesamte Branche ist die Entscheidung der Schweizer Bank nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Denn der Trend geht teils in eine andere Richtung. Zwar stagnieren die Boni in Europa; in den USA allerdings ist der Bonus-Pool um 78 % höher als zum Höhepunkt der Finanzkrise. Sogar die kriselnde Deutsche Bank kündigte im Frühjahr an, hohe Boni an ihre Angestellten auszuzahlen. Während Mitarbeitende etwa 2,3 Milliarden Euro an variabler Vergütung erhielten, schüttete die Bank nur ein Zehntel dieser Summe an ihre Anteilseigner aus. Der Personalberater Alex May rechnet mit einer insgesamt wachsenden Bedeutung der variablen Gehaltsbestandteile in der Branche.

Was ist denn so schlimm an Boni?

Das ist eine erstaunliche Kehrtwende, denn Experten machen die Bonuspolitik der Banken  verantwortlich für den Ausbruch der Finanzkrise. Die Boni der Händler belohnten die Risikobereitschaft, ohne die Verluste zu bestrafen. Die mussten meist die Steuerzahler übernehmen.

Auch wenn es wenig wissenschaftlichen Konsens über die genauen kausalen Auswirkungen der Vergütungssysteme auf die Finanzkrise gibt, deuten mehrere Studien auf einen Zusammenhang hin (z.B hier oder  hier). Deshalb führte auch die EU eine Obergrenze für Banker-Boni ein: Nicht höher als das Grundgehalt sollen sie ab 2014 sein. Da mag auch viel populistische Schelte eine Rolle gespielt haben, aber das ungute Gefühl, dass die Risiken asymmetrisch zu Gunsten der Bank-Executives verteilt sind, bleibt. Niemand sagt das klarer als der Risikomanager und Publizist Nassim Nicholas Taleb in seinem neuesten Buch „Skin in the game: Hidden Asymmetries in Daily Life„:

So ereigneten sich beispielsweise die Bank-Zusammenbrüche des Jahres 2008 aufgrund der Akkumulation von Risiken, die im System verborgen und asymmetrisch waren: Banker – wahre Meister in der Kunst der Risikoabschiebung – konnten kontinuierlich Bonusse aus einer bestimmten Klasse verborgener explosiver Risiken einstreichen, unter Verwendung von Risikomodellen, die nirgends sonst funktionieren als auf dem Papier (denn Akademiker haben praktisch keine Ahnung von Risiken); und dann berufen sie sich nach dem Zusammenbruch auf Unwägbarkeit, diesen besagten unsichtbaren, unvorhersehbaren Schwarzen Schwan… und behalten die Bonuszahlungen der Vergangenheit –… (S. 30-31)

Er setzt sich deshalb für die Abschaffung der Banker-Boni ein. Zwar ist die kleine Migros Bank mit ihrem Retailgeschäft maximal weit von Talebs Erfahrungswelt mit den Zockerbanken der Finanzkrise entfernt; aber genau darum geht’s Taleb in seinem Buch. Sein Rezept ist einfach und soll für alle Lebenslagen gelten, nicht nur für Banken: Wer Boni zahlt, erhält kein Bailout. Wer Gewinne einstreicht, muss auch für Verluste gerade stehen. Wenn’s nach Taleb geht, hat die Migros Bank also alles richtig gemacht.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 15. November 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

Den Einfluss der Banken eindämmen

Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers Insolvenz an. Damals brach die US-Regierung mit dem Grundsatz des „too big to fail“ und stellte, anders als noch als bei Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac, keine öffentlichen Gelder zur Rettung der Investmentbank zur Verfügung. Was zunächst wie ein Befreiungsschlag aussah, entpuppte sich als folgenreich. Die Insolvenz gilt als Auslöser der globalen Finanzkrise von 2008, deren soziale Folgen bis heute nicht überwunden sind.

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Buch über den Konkurs der Investmentbank, von Lawrence McDonald

Das Datum jährt sich nun bald zum 10. Mal und seit letztem Jahr haben sich bereits viele Symposien, Experten und Wirtschaftsmagazine mit der Aufarbeitung der Krise beschäftigt oder planen dies noch (z.B. die Financial Times,  die Finanzprofessorin Anat Admati, die Bank of England oder auch die Chicago Booth School of Business, um nur einige wenige Beispiele zu nennen).

Seit 2008 hat man denn auch einiges versucht, das Finanzsystem zu stabilisieren. Sowohl in den USA als auch in Europa wurden zahlreiche neue Regulierungen verabschiedet, um eine weitere Krise zu verhindern. Dennoch hat sich grundsätzlich wenig am Einfluss des Finanzsektors und seiner Lobby auf die Politik geändert. So wurden im letzten Jahr vier Regionalbanken im Euro-Raum zahlungsunfähig. Die spanische Banco Popular wurde gemäss den Vorgaben der gemeinsamen Bankenabwicklungsbehörde SRB (Single Resolution Board) abgewickelt und für einen symbolischen Euro an Santander verkauft. Die drei betroffenen italienischen Institute jedoch wurden von der eigenen Regierung mit Steuermitteln gerettet, unter Ausnutzung einer Regulierungslücke.

Laurie MacFarlane von der UK-Website Open Democracy bringt den immensen politischen Einfluss der Banken in diesem kurzen Gespräch, das anlässlich des 1. Change-Finance-Forums von Finance Watch entstand, auf den Punkt.

Der Einfluss der Banken auf die Gesetzgebung wird, so MacFarlanes Hauptthese, weiterhin stark bleiben, solange wir nicht bereit sind, einige Eckpfeiler des derzeitigen wirtschaftlichen Modells zu überdenken und entsprechende Änderungen einzufordern. Beispielsweise werden durch die vorherrschende Ideologie der Banken, die blindlings an die Markteffizienz glauben, weiterhin soziale und ökologische Effekte der Geschäftspolitik als Externalitäten ignoriert. Damit ist die nächste globale Krise, ob sie sich nun als Finanzcrash, Klimawandel und/oder soziale Verwerfung zeigen wird, vorprogrammiert.

 

 

Barbara Bohr, (@nachrichtenlos), 05. September 2018

Anthropologie für Ökonomen

Interessieren sich Ökonomen für Anthropologie?

Ich bin mir da nicht so sicher. Das würde nämlich bedeuten, die gesicherte Modellwelt zu verlassen und sich mit echten Menschen zu befassen. Ein Perspektivwechsel würde sich aber lohnen, wie eine Literaturliste zeigt, die Erin B. Taylor, Postdoc am Instituto de Ciências Sociais der Universität in Lissabon, zusammengestellt hat. Spätestens seit der Finanzkrise übt die „Spezies“ der Banker eine grosse Anziehungskraft auf die Anthropologie aus. Dank ihres speziellen und geheimnisumwitterten Habitus haben sich die Finanzleute eine Parallelwelt aufgebaut, die den meisten Menschen so fremd und unverständlich ist wie ein nicht-kontaktiertes Amazonasvolk – und uns doch zu beherrschen scheint. Inzwischen scheinen sich mehr Soziologen, Anthropologen und Ethnologen um diese Spezies zu kümmern als die Wirtschaftswissenschaft. Das sollte sich ändern.

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Hier ist der Link zur Liste: http://erinbtaylor.com/anthropology-for-economists/

Revisited: Joris Luyendijks Interviews mit Bankern

 

9783608503388Tom Hayes, ehemaliger Händler bei UBS und dann Citicorp, ist gestern von einem Londoner Geschworenengericht zu 14 Jahren Haft verurteilt worden. Zusammen mit anderen hat er über Jahre hinweg den wichtigen Zinssatz Libor manipuliert. Die geheimen Absprachen seien branchenüblich gewesen, meinte der Händler, weshalb er die Beweise für sein Vorgehen in Form von Chats und Emails nicht löschte. Schuld ist nach seinem Verständnis also das System, nicht er persönlich. Das Gericht war anderer Meinung und verwies auf seine persönliche Verantwortung und fehlende Integrität.

An dem Urteil entzündet sich die alte Debatte der Kriminalpsychologie, welcher Einfluss der gewichtigere bei Regelverstössen im Wirtschaftsleben ist: Sind eher individuelle Persönlichkeitszüge für die Unehrlichkeit verantwortlich (das ist die These der „nativists“) oder ist es das Umfeld, das die Gelegenheit für den Betrug schafft (das ist der Ansatzpunkt der „environmentalists“)?

Das Urteil ist ein guter Anlass, noch einmal den Banking Blog von Joris Luyendijk durchzulesen. Er geht in seinen zahlreichen Interviews mit Bankern genau dieser Frage nach. Inzwischen ist der Blog auch in Buchform und zudem in deutscher Übersetzung verfügbar. Von allen Büchern über Banker und die Finanzkrise, die ich gelesen habe, ist Joris Luyendijks „Unter Bankern. Eine Spezies wird besichtigt“ das amüsanteste. Die Distanz des niederländischen Ethnologen zur Finanzwelt, ihrem Jargon und den Menschen, die sie ausmachen, hilft ihm enorm, das Thema unterhaltsam und kritisch distanziert darzustellen. Was er im Buch erzählt, ist alles nicht neu, aber seine humanistische und entspannte Herangehensweise entkrampft ungemein. Seine Interviews sind mehr eine Annäherung als eine Verurteilung. Vor allem, das ist der Schwerpunkt des Buches, lässt er die Banker reichlich selber zu Wort kommen. Er nutzt ihre eigenen Worte, um die Parallelwelt der Finanzwelt zu beschreiben.

Er spricht dabei weniger von Personen als von den Funktionen, die die interviewten Personen in der Bank ausüben. Dieser dramaturgische Kniff hat damit zu tun, dass er die Anonymität seiner Interviewpartner wahren muss. Da ist die Marketingchefin, die ihr Jahresgehalt nicht aussprechen kann, sondern es nur verschämt auf einem Zettel niederschreiben darf. Da sind die Leute, die im Fusionsgeschäft arbeiten oder auch die Asset Manager, die beim Schreiben ihrer Newsletter für die Kundschaft beobachtet werden. Eine prominente Rolle spielen auch die Quants und ihre Sicht auf die Finanzwelt. Durch diesen Rückzug auf die Bankfunktionen seiner Interviewpartner bleiben die dargestellten Schicksale mehrheitlich gesichtslos. Zumindest ging mir das so, auch wenn ich die Branche seit 20 Jahren kenne und ziemlich genau weiss, welche Typen in der Bank herumlaufen. Gleichzeitig gibt Luyendijk einen Einblick in die riskante Spezialisierung der Investmentbanken. Der Kunstgriff mit den Funktionen dient aber auch der Kernaussage Luyendijks. Schuld ist nicht der einzelne, Schuld ist das System:

Wie ich von Anfang an merkte, wollen viele Außenstehende nicht wahrhaben, dass die Finanzwelt zu einem maßgeblichen Teil nicht von Menschen bevölkert ist, die mutwillig Schaden anrichten, sondern von Konformisten, die sich die Frage nach Gut und Böse überhaupt nicht mehr stellen. Sie haben sich in ihrer Seifenblase prima eingerichtet und verkehren ohnehin nur noch mit Gleichgesinnten. (S. 219).

Deshalb schlägt Luyendijk vor, dass wir unsere Vorwürfe nicht gegen einzelne Banker richten, die Fehlanreizen nachgegeben hätten, sondern dass wir „unsere Energie darauf verwenden, diese (Fehlanreize) anzupacken und abzuschaffen.“ (S. 249)

Ich glaube, dem ist nicht zu widersprechen. Für meinen Geschmack klingt „Das Problem ist das System“ jedoch zu viel nach Kollektivschuld. Mir fehlt bei dieser Perspektive der Aspekt der persönlichen Integrität. Genau das ist auch der Punkt des Londoner Gerichts, wobei ich hoffe, die Geschworenen haben die Frage nach der persönlichen Verantwortung ernsthaft gemeint und nicht nur als Vorwand genommen, mit Hayes populistisch ein Exempel zu statuieren.

Weshalb verletzen einige, so wie Tom Hayes und seine Kollegen, das existierende Regelwerk? Weshalb verhalten sich andere regelkonform? Schliesslich schafft es die überwiegende Mehrheit aller Bankmitarbeitenden ihr Leben lang ehrlich zu bleiben, auch wenn ihre Branche mehr als alle anderen von Wirtschaftsdelikten aus den eigenen Reihen geplagt wird. An diesem Punkt hätte ich gerne mehr über die Persönlichkeitsstruktur dieser Menschen erfahren. Erhellend wären in diesem Kontext sicherlich Interviews mit verurteilten Kriminellen aus der Finanzbranche, die Aufschluss über die jeweilige individuelle Motivation geben.

Das Buch von Joris Luyendijk ist dieses Jahr bei Klett-Cotta erschienen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 05. August 2015.

Das Motto von Finance Watch: “Für eine Finanzindustrie, die der Gesellschaft dient”

Die griechischen Banken sind seit einer Woche geschlossen. Die Geldversorgung des Landes steht auf der Kippe und damit irgendwann auch die Güterversorgung. Ohne Moos ist eben nichts los. Die Krise Griechenlands zeigt uns einmal mehr die immensen potentiellen Kosten für die gesamte Gesellschaft, die aus Bankenkrisen folgen können. Im politischen Gegeneinander dieser Tage wird schnell vergessen, dass es auch die verdeckten Bankenrettungen der letzten Jahre waren, die die Kreditprobleme des Landes stetig vergrösserten.

Umso wichtiger ist es, dafür zu sorgen, dass solche Bankenkrisen strukturell vermieden werden. Finance Watch ist eine NGO in Brüssel, die genau dieses Ziel auf ihrer Agenda hat. Banken sollen keine Gefahr für eine Nationalwirtschaft sein, sondern ein produktives Hilfsmittel. Das Team von Finance Watch analysiert Gesetzesvorschläge und verfasst Stellungnahmen, die sowohl für politische Entscheidungsträger als auch für die breitere Öffentlichkeit in der EU aufbereitet werden. Damit versucht die Organisation ein Gegengewicht zur übermächtigen Finanzlobby in Brüssel aufzubauen. Insgesamt vertreten ca. 1.700 Lobbyisten die Interessen der Banken, Versicherungsunternehmen und Investment Fonds auf EU-Ebene.

Angesichts dieser Übermacht der Finanzlobby liegt es mir am Herzen, die Arbeit von Finance Watch bekannter zu machen. Sehr verständlich und auf den Punkt gebracht, informiert das Team in seinem Newsletter über die eigene Arbeit und die Ereignisse rund um die Regulierung des Finanzsektors. Der Newsletter kann hier abonniert werden. Er erscheint auch in deutscher Sprache. Natürlich ist Finance Watch auch auf Twitter. Das engagierte 12-köpfige Team in Brüssel kann mit unserer aktiven Unterstützung viel mehr bewirken.

 

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 04.07.2015. Barbara ist Einzelmitglied bei Finance Watch.

Was hat die Gesellschaft vom Finanzsektor?

Ein funktionierendes Banksystem ist eine nützliche Sache für eine Gesellschaft: Wir müssen uns keine Sorgen machen, dass unser Bargeld gestohlen wird, denn wir können Geld bei der Bank deponieren. Die Bank stellt uns die Technik zur Verfügung, Rechnungen zu bezahlen. Sie gibt Kredit, wenn eine Familie ein Haus kaufen möchte.

Luigi Zingales

So sinnvoll dies erscheint: Luigi Zingales, Finanzprofessor  an der Booth Business School der Universität von Chicago führt in einer Rede vor der American Finance Association aus, dass ein aufgeblähter Finanzsektor nicht unbedingt zum Wachstum der Wirtschaft beitrage. Es gäbe keine Evidenz, dass Aktienmärkte, Swap- sowie Options- und Futuresmärkte eine positive Rolle hätten. Vielmehr hätten die Ereignisse der letzten Jahre gezeigt, dass diese der Gesellschaft schaden würden. Sozial erscheint es wenig sinnvoll, wenn diese Märkte lediglich dazu dienen, Vermögen von den Armen zu den Reichen zu verteilen.

Statt sich immer wieder auf die Nützlichkeit der Basisdienstleistungen von Banken zu berufen, müsse man hinterfragen, weshalb die Finanzwelt so empfänglich für Masslosigkeit und Fehlverhalten sei.

Einer der Schlüsselsätze in seinem Vortrag lautet:

Ein Grossteil der Tricks und Betrügereien  besteht in einer echten Umverteilung von den Betrogenen zu den Betrügern
(S. 22).

Eine gute Regulierung könne einen wertvollen Beitrag leisten, dass Banken und Finanzjongleure der Gesellschaft dienen und nicht schaden. In dieser Hinsicht argumentiert er ähnlich wie Andy Haldane von der Bank of England. Die Regulierung solle einfachen Regeln folgen. Einfache Regeln seien nicht nur für Banker leichter einzuhalten, sie seien auch leichter von aussen zu kontrollieren.

Finanzwissenschaftler sollten, so Zingales, durch ihre Studien die Verzerrungen des Finanzsektors transparent machen („to act as whistleblowser“, S. 32) und methodisch selbstkritisch bleiben. Deskriptive Vorgehensweisen seien keine Entschuldigung, Unehrlichkeit  und unmoralisches Verhalten unter den Studierenden zu fördern. Normative Analysen dürften nicht in wenig besuchte Kurse für angeblich weniger begabte Studierende ausgelagert werden (S.32). Zingales führt diesen Teil mit bemerkenswerter Offenheit aus.

Der  Vortrag ist hier zu sehen:

Wer lieber liest als schaut, hier ist der Text der Rede. Die im Beitrag erwähnten Seitenzahlen beziehen sich auf diese Quelle.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 10.05.2015. Gefunden habe ich die Rede dank eines Tweets von Carolina Garay über den sehr guten Blogbeitrag von Timothy Taylor, dem „conversable economist“.

 

Schwer vermittelbar

Bert Rürup hat einen Kommentar zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit, der vor allem auch ein Aufruf zu mehr privater Vorsorge ist, in der FAZ veröffentlicht. Der Beitrag hat – zu Recht – viele kritische Reaktionen ausgelöst. Wer will schon länger arbeiten, wenn man mit 35 jobtechnisch schon zum alten Eisen gehört? Günter Hack hat die Sache auf den Punkt gebracht:

Dazu fällt mir eine Anekdote aus meinem eigenen Berufsleben in der Bank ein, die seine Aussage schön illustriert. Da sie zu lang für Twitter ist, erzähle ich sie hier.

Bekanntlich wurden im Zuge der Finanzkrise 2008 alle paar Monate neue Entlassungswellen bekannt gegeben. Regelmässig mussten wir Leute mittels Spreadsheet „aussortieren“. Denen wurde dann – mit einer gnädigen Übergangsregelung – gekündigt. Es war schrecklich, denn diese Leute mussten ausbaden, was andere verzockt hatten.
Meine damalige Chefin rief mich während der Vorbereitung zu einer dieser Entlassungsrunden zu sich. Sie brütete über dem Excel-Sheet, auf dem alle Mitarbeiter der Abteilung aufgelistet waren – schön aufgereiht nach den Ergebnissen des letzten Jahresendgespräches. Ganz am Ende der Liste tauchten vor allem Namen von älteren Mitarbeitern auf. Das hat vielleicht damit zu tun, dass der ein oder andere tatsächlich bequem geworden ist. Das hat aber auch damit zu tun, dass diese Leute ohne viel Gewese einfach nur in Ruhe ihre Arbeit machen wollen und Frieden mit ihren Karriereabsichten geschlossen haben. Doch wer in der Bank nicht ständig lauthals mehr fordert, landet schnell auf dem Abstellgleis.
Wie dem auch sei, meine Chefin war nicht ganz glücklich, dass am Ende der Liste lauter Familienväter standen. Deshalb fragte sie mich:

„Hast du nicht noch einen so bis Mitte Vierzig, den man gehen lassen könnte? Weisst du, die über 50 kriegen doch nirgendwo mehr was. Mit Anfang bis Mitte Vierzig reissen sich viele auch schon kein Bein mehr aus, finden aber eher noch was bei einer kleineren Bank. Da würde ich mich besser fühlen.“

Barbara Bohr, auf Twitter @nachrichtenlos, 02.02.2014

„Man dachte, die Welt wächst in den Himmel“

Das dachten viele Investmentbanker vor dem Beginn der Finanzkrise 2008. Und wenn man sich die westlichen Aktienmärkte anschaut, hat dasselbe Spiel längst wieder von vorne begonnen. Die Aussage aus dem Titel stammt aus einer Sammlung von Interviews mit Bankern, die in dem Band Strukturierte Verantwortungslosigkeit  2010 von Claudia Honegger, Sighard Neckel und Chantal Magnin herausgegeben wurden. Was der Anthropologe  Joris Luyendijk im Banking Blog des Guardian für die Londoner City aufgezeichnet hat, haben die drei Soziologen für die deutschsprachige Welt in Buchform veröffentlicht. Anders als bei Luyendijk, dessen Interviews sehr authentisch und nah am Geschehen sind, erlaubt diese Veröffentlichungsform eine kritischere Distanz. Essays ergänzen die Gespräche.

Buchcover: Strukturierte Verantwortungslosigkeit

Wer also wissen möchte, was Menschen dazu bewegt, für eine Bank zu arbeiten bzw. wie es ihnen dann dort ergeht, dem bietet sich ein wunderbarer psychologischer Einblick in eine Welt, die so geheimnisvoll tut, deren Akteure dann doch erschreckend normal und banal erscheinen. Die Vignetten zeigen vor allem, dass weder die Menge an Geld an sich oder die technologische Entwicklung allein das Risiko darstellen, sondern wie die Akteure mit ihnen umgehen (vgl. 303).

Die staatlichen Rettungsaktionen haben dazu geführt, dass sich das Selbstbild der Banker nicht wesentlich hat wandeln müssen. Während nach aussen Bescheidenheit und ein Hang zur sozialen Verpflichtung beschworen wird, herrscht intern weiterhin ein sozialdarwinistisches Modell vor, in dem nur die Allerstärksten überleben. „In harten Zeiten gibt’s keinen Favor“, sagt denn auch eine Absolventin der HSG aus der Ostschweiz, die zum Zeitpunkt des Interviews bei einer Investmentbank in der Schweiz tätig war. Obwohl die Interviews ein paar Jahre zurück liegen, haben sie nichts an Aktualität eingebüsst.

Das Buch ist eine sehr lohnende Lektüre. Ich habe sehr oft gedacht: Ja, genauso ist es gewesen. Natürlich driften die interviewten Personen oft in ihren Jargon ab, so dass Nichtbanker anfangs wenig Gefallen an der Sprache finden werden. Für mich ist dieser Jargon allerdings auch ein Zeichen dafür, wie sehr sich die Bankenwelt auch sprachlich verselbständigt hat. Die grösste Blase am Finanzmarkt ist die sprachliche. Von daher lohnt sich meines Erachtens die Mühe des Einlesens. Fachbegriffe werden ausserdem in einem Glossar erläutert. Das Buch enthält überdies eine Einführung in die Bankensysteme der drei deutschsprachigen Länder.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 10.01.2014

Geld und Nachhaltigkeit

Deutschsprachige Ausgabe

Am 15. September jährte sich die Lehmann-Pleite zum fünften Mal. Die Insolvenz der US-Investmentbank im Jahr 2008 machte der Weltöffentlichkeit schlagartig bewusst, dass im Finanzsystem etwas nicht mehr stimmte. Seither scheinen die Krisen kein Ende mehr zu nehmen: Finanzkrise, Staatsschuldenkrise, Eurokrise…

Aber gab es vor 2008 keine Krisen? Doch, wir erinnern uns nur nicht mehr so genau. Tatsächlich gab es laut dem Internationalen Währungsfonds alleine zwischen 1970 und 2010 in 145 Ländern Bankenkrisen, 208 Währungszusammenbrüche und 72 Staatsschuldenkrisen. Zusammen macht das 425 Systemkrisen in durchschnittlich zehn Ländern pro Jahr. Und jedes Mal haben wir geglaubt: This time is different.

Wir haben die Tendenz, jede Krise als Einzelereignis zu sehen. Aber könnte es nicht sein, dass es einen systemischen Grund für die Instabilität des Finanz- und Wirtschaftssystems gibt? Und gibt es vielleicht auch einen Zusammenhang zwischen den Krisen des Finanzsystems und den Problemen der Realwirtschaft wie zum Beispiel die nicht-nachhaltige Produktionsweise und Kurzfristorientierung?

Diese Thematik untersuchen die vier Autoren Lietaer, Arnsberger, Goerner und Brunnhuber [1] des Buchs „Geld und Nachhaltigkeit“ [2]. Das Buch ist als Bericht an das EU-Chapter des Club of Rome [3] verfasst und erinnert damit an den vor vierzig Jahren veröffentlichten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ [4].

Geldsystem als „missing link“

Gleich zu Beginn präsentieren die Autoren ihre These, wonach der bisher übersehene Anknüpfungspunkt zwischen den Krisen des Finanzsystems und der gegenwärtigen, nicht-nachhaltigen Produktions- und Konsumwelt im Geldsystem selber liegt.

Es ist die Art und Weise, wie unser Geld geschöpft wird, wie es funktioniert und verwaltet wird, die zu den wiederkehrenden Krisen in der Finanzwelt und der realen Welt führt.

Dieses Argument entwickeln die Autoren ausführlich und mit einem breiten, interdisziplinären Ansatz. Zu Beginn halten sie aber erst einmal fest, dass man über die Finanz- und Wirtschaftsordnung durchaus nachdenken kann und dass es verschiedene mögliche Sichtweisen (Paradigmen) gibt. Denn die Annahmen, welche der Wirtschaftsordnung zu Grunde liegen, sind keine Naturgesetze. Darum folgern die Autoren: „Wir haben sie uns ausgedacht, und daher können wir sie auch ändern.“ [Seite 74]

Bevor die Änderungsvorschläge kommen, muss natürlich zuerst das Problem identifiziert werden. Darum folgt eine empirische Darstellung des instabilen Finanzsystems mit seinen 425 Systemkrisen seit 1970 und dann ein Ausflug in die Physik. Mit Erkenntnissen aus der Physik kann man nämlich die Stabilität komplexer Systeme messen. Komplexe Systeme sind dann stabil, wenn ein Gleichgewicht zwischen Effizienz und Widerstandsfähigkeit (Resilienz) herrscht. Dabei besteht Resilienz aus den zwei Elementen Vielfalt und Vernetzung. Beim Geld herrscht aber weltweit keine Vielfalt, sondern Monokultur. In allen Währungsräumen besteht Geld als eine durch Bankschulden geschaffene nationale Währung. Das Finanzsystem ist darum nicht besonders widerstandsfähig.  Als Gegenmittel fordern die Autoren eine grössere Vielfalt von Zahlungsmitteln, ein sogenanntes „monetäres Ökosystem“. Ein Beispiel für ein alternatives Zahlungsmittel, das neben der Hauptwährung existiert, ist die Verrechnungseinheit WIR (der „WIR-Cheque“) [5], welche in der Schweiz seit fast 80 Jahren grossflächig für Unternehmen des Mittelstands im Umlauf ist. Die in Basel und Zürich beheimatete WIR-Bank ist nicht nur Kundenbank, sondern auch gleichzeitig Zentralbank dieser Komplementärwährung.

In einem zweiten Argumentationsstrang zeigen die Autoren, welche negativen Effekte das aktuelle Geldsystem hat und wie es dazu kam, dass es sich trotzdem weltweit etablierte. Dabei anerkennen sie bei aller Kritik auch die Leistungen des aktuellen Geldsystems: „Es hat einen Quantensprung in den Wissenschaften sowie die materiell produktivste Zivilisation in der Geschichte der Menschheit ermöglicht.“ [Seite 159] Aber es verstärkt auch den Wirtschaftszyklus („Boom-and-bust-cycle“), fördert das kurzfristige Denken und zwanghaftes Wachstum und führt zur Konzentration von Reichtum und zur Abwertung des Sozialkapitals.

Komplementärwährungen als Lösung

Zum Schluss präsentieren die Autoren neun verschiedene Ideen für Komplementärwährungen. Sie alle können parallel zum „normalen“ Geld funktionieren. Jede erfüllt einen ganz speziellen Zweck und kommt ohne die erwähnten Schwächen des normalen Geldes aus. Fünf der Projekte können privat, von NGO oder Unternehmen gestartet werden, für vier weitere Projekte braucht es die Unterstützung des Staates.

Zum Beispiel für die Torekes [6], welche in der belgischen Stadt Gent schon seit 2010 in Gebrauch sind. Mit den Torekes wird im armen Quartier Rabot die Lebensqualität verbessert, indem ökologische, gesundheitsfördernde und Stadtbild-verschönernde Aktivitäten angeregt werden. Die Menschen des Quartiers hatten sich in einer Umfrage vor allem einen Garten gewünscht und das machte sich die Stadt zu Nutzen. Sie stellt Land zur Verfügung, wo man für 150 Torekes im Jahr vier Quadratmeter Garten pachten kann. Torekes verdienen kann man sich bei Aktivitäten, welche der Gemeinschaft zugutekommen und die von der Stadt organisiert werden (zum Beispiel aufräumen nach einem Fussballmatch oder Montieren von Blumenkästen).

Ein Buch für viele Zwecke

Diese Handlungsorientiertheit ist eine der Stärken des Buches. Die Autoren beschränken sich nicht auf eine Problemdiskussion, sondern sie präsentieren auch umsetzbare Lösungen. Man spürt den Wunsch der Autoren nach konkreten Folgen ihres Berichts auch in der der leichten Lesbarkeit. Hier wurde bewusst für ein breites Publikum geschrieben, die Sprache ist nicht akademisiert und Fachbegriffe werden erklärt. Die klare und sinnvolle Gliederung in Kapitel und Abschnitte und die Verwendung von Kästen und Fussnoten erleichtern die Lektüre. Das Buch eignet sich dank der thematischen Breite, der übersichtlichen Struktur und den vielen Verweisen auf weiterführende Materialien übrigens auch als Nachschlagewerk und Ausgangspunkt für die weitere Lektüre.

Zusätzliches Material gibt es auf einer speziellen Webseite [7], auf welche im Buch an mehreren Stellen verwiesen wird. Diese Webseite ist leider ein Schwachpunkt des Buches. Sie ist von der Gestaltung und der Interaktivität her nicht auf der Höhe der Zeit. Und einer der Anhänge, auf welche im Buch verwiesen wird, ist nicht vorhanden. Zudem gibt es die Website nur auf Englisch.

Die grösste Schwäche des Buches ist allerdings, dass nicht erklärt wird, wie das konventionelle moderne „Bankschuldengeld“ geschaffen wird. Während andere Konzepte im Buch selbst erklärt werden, wird die moderne Geldschöpfung in einen Anhang auf der Webseite verbannt. Dabei handelt es sich hier um das Kernproblem, das jeder Leser verstanden haben sollte. Es ist darum sehr schade, dass dieser Schritt in einen Online-Anhang ausgelagert wurde. [8]

Trotzdem handelt es sich bei „Geld und Nachhaltigkeit“ um ein sehr lesenswertes Buch, dem eine grosse Leserschaft zu wünschen ist. In einer Zeit, in welcher allenthalben nach neuen Ideen zur Lösung der Finanz- und Staatsschuldenkrisen gesucht wird, zeigt dieser Bericht Lösungsansätze auf, welche zwar ausserhalb des Erwarteten liegen – aber nicht ausserhalb des Möglichen.

[1] Bernard Lietaer (www.lietaer.com), Christian Arnsperger (www.eco-transitions.blogspot.de), Sally Goerner (www.integralscienceinstitute.org/about_ISI.html), Stefan Brunnhuber (www.stefan-brunnhuber.de)

[2] Bei Books.ch: http://www.books.ch/detail/ISBN-9783944305066/Lietaer-Bernard/Geld-und-Nachhaltigkeit; bei Amazon: http://www.amazon.de/Geld-Nachhaltigkeit-%C3%BCberholten-Finanzsystem-%C3%96kosystem/dp/394430506X/

[3] http://www.clubofrome.eu/

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Grenzen_des_Wachstums

[5] http://www.wir.ch/

[6] http://www.torekes.be/

[7] http://www.money-sustainability.net/

[8] http://www.money-sustainability.net/appendix-a-a-primer-on-how-money-works-your-money-in-its-world/

Peter Kaufmann, 19.09.2013