Kate Raworth: Die Donut-Ökonomie

Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. Das verspricht die britische Ökonomin Kate Raworth im Untertitel ihres Buches über die Donut-Ökonomie. Anna und ich haben gemeinsam mit Marco und Ulrich das Buch als Wirtschaftsliterarisches Quartett im Podcast bei den Mikroökonomen besprochen. Hört mal rein! Es ist länger geworden, als gedacht, denn Raworth’s Buch lädt generell zum Nachdenken über die grossen Themen der Wirtschaft ein: Wachstum, Verteilungsgerechtigkeit, Geld.

Für alle Interessierten gibt’s hier im Blog eine schriftliche Übersicht der Kernsaussagen des Buches.

Kate Raworth stellt auf über 350 Seiten vor, woran die bisherige Wirtschaftswissenschaft gescheitert ist und an welchen Werten sie sich zukünftig orientieren sollte, wenn Ökonomie und Ökologie zum Ausgleich gebracht werden sollen. Dazu entwirft sie das Bild des Donuts, das dem Buch auch den Titel gibt:

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Wofür steht der Donut?

Er steht für

eine Zukunft, in der die Bedürfnisse jedes Menschen befriedigt werden, während zugleich die lebendige Welt geschützt wird, von der wir alle abhängig sind (S. 60, Hardcover-Ausgabe)

Die innere Kreislinie des Donuts bezeichnet dabei das gesellschaftliche Fundament, das die primären Bedürfnisse, wie Nahrung, Bildung und Wohnen, sicherstellt. Das Loch des Donuts steht also für den Fall, dass es hinsichtlich dieser Grundbedürfnisse zu Defiziten kommt (Leben unterhalb des Existenzminimums). Die äussere Kreislinie des Donuts bildet die ökologische Decke, die wir Menschen der Umwelt zumuten dürfen. Wird diese Kreislinie aufgrund wirtschaftlicher Aktivitäten nach aussen gedrückt, kommt es zu ökologischen Spannungen, die die Erde in Gefahr bringen. Dazu zählen etwa der Klimawandel, die Abnahme der Biodiversität oder die Versauerung der Meere. Raworth nennt insgesamt neun ökologische Fundamentalrisiken. Der Raum zwischen beiden Kreislinien, der Donut, bildet den idealen Raum, indem sich menschliche Aktivität und Wohlergehen des Planeten im dynamischen Gleichgewicht befinden.

7 Denkansätze, wie dieser Donut-Zustand entstehen kann

Raworth gliedert ihr Buch nach 7 Denkansätzen, damit die Menschheit in diesen Donut-Zustand kommt. In diesen fordert sie, was sich in der heutigen Ökonomie ändern muss. Ich stelle die einzelnen Punkte hier unkommentiert vor (S. 40-41 der Hardcover-Ausgabe zeigt einen tabellarischen Überblick, den ich aus Copyright-Gründen hier nicht einbinden kann).

  1. Das Ziel ändern: Anstelle des BIP eine Vielzahl von Messkriterien entwickeln, die den Zustand des Donuts widerspiegeln (diese befinden sich im Anhang des Buches, S. 357-364)
  2. Das Gesamtbild erfassen: die einfachen Marktmodelle der ersten Studiensemester erweitern (z.B. exogene Faktoren), um die Verflechtung von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft sichtbar zu machen
  3. Die menschliche Natur pflegen und fördern: den homo oeconomicus der ersten Semester durch das vollständigere Bild eines sozial anpassungsfähigen Menschen ersetzen.
  4. Den Umgang mit Systemen lernen: Mechanische Gleichgewichtsmodelle durch dynamisches Komplexitätsdenken ersetzen
  5. Auf Verteilungsgerechtigkeit zielen: Verteilungsgerechtigkeit nicht dem Wachstum überlassen (≈ Kuznets-Kurve), sondern als Ziel wirtschaftlichen Handelns aktiv anstreben
  6. Eine regenerative Ausrichtung fördern: Umweltschutz nicht dem Wachstum überlassen (≈ ökologische Kuznets-Kurve), sondern Ressourcenschonung und Wiederverwendung ebenfalls von vorneherein als aktives Ziel anstreben
  7. Eine agnostische Haltung zum Wachstum einnehmen: Raworth ist eine Postgrowth-Vertreterin.

Weitere Links zu Raworth und der pluralen Ökonomik gibt es bei den Mikroökonomen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 02. Juli 2018 (Update nach der Aufnahme am 09. Juli 2008)

 

 

 

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Zu Gast bei den Mikroökonomen: Was taugt die Blockchain?

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Warum eine Alternative zu kiva und Zidisha?

Jürg Wyss hat vor einigen Monaten über seine Einschätzung zu den Mikrokredit-Plattformen Kiva und Zidisha gebloggt. Über den Podcast zu Mikrokrediten mit @egghat und mir kamen wir auf Twitter ins Gespräch. Lest bitte, welche Alternative zu Mikrokrediten Jürg derzeit in den Phillippinen aufbaut. Das ist sehr interessant. Ich bewundere sein Engagement und verfolge seine Aktivitäten auch regelmäßig.
Für mich selber ist das jedoch nicht der richtige Weg. Ich sehe den Schwerpunkt im Aufbau der relevanten Institutionen vor Ort (NGOs, Kooperativen, Banken, Aufsichtsbehörden), auch wenn – typisch für das Geldgewerbe – ohne Regulierung mit Auswüchsen, wie Wucher und Nötigung, gerechnet werden muss. Diese Makel hindern mich nicht daran, eine ordentliche Finanzinfrastruktur mit aufzubauen. Dann können langfristig viele sicherer zahlen, sparen und bei Bedarf eben auch investieren. Ich denke deshalb, dass dieser Institutionenaufbau in Summe nachhaltiger wirken kann als ein persönliches Engagement – das ist auch mein Fazit aus dem Podcast.
Gerade wenn es um Geld geht, finde ich die persönliche Abhängigkeit eines Kreditnehmers von mir als Geldgeberin eher problematisch. Auf jegliche Form von Emotionalisierung möchte ich im Geldbereich lieber verzichten (auch ein Grund, weshalb ich Kiva nicht mag). Ich möchte auch nicht verschweigen, dass ich auf dieser persönlichen Ebene von finanzieller Unterstützung + Coaching eine ganz schlechte eigene Erfahrung gemacht habe. Ein Einzelfall gewiss – aber für mich prägend.
So ist es gut, dass es verschiedene Wege gibt, nachhaltige Entwicklung voranzutreiben.
Hier geht’s zu seinem Blogbeitrag:

Mikrokredite: Podcast mit den Mikroökonomen

Der Mikroökonomen-Podcast von @egghat und @mh120480 mit mir zum Thema Mikrokredite ist jetzt auch auf Soundcloud verfügbar. Hört mal rein! Wir freuen uns über euer Feedback. Und hier geht’s zu den vollständigen Shownotes zur Sendung: http://mikrooekonomen.de/2016/10/21/mikro-021-mikrokredite-mit-barbara-bohr/ Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 26.10.2016