Neue Regeln für neue Städte?

Im nächsten Wirtschaftsliterarischen Quartett bei den @mikroeokonomen werden wir Titus Gebels Buch Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt diskutieren. Gebel entwickelt im Text die libertäre Vision einer Stadt, in der die Bürger mit dem privaten Unternehmen, das die Stadt betreibt, einen Einzelvertrag aushandeln und ansonsten machen können, was sie wollen:

„Stellen Sie sich vor, ein privates Unternehmen bietet Ihnen als Staatsdienstleister den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum in einem abgegrenzten Gebiet. Sie zahlen einen vertraglich fixierten Betrag für diese Leistungen pro Jahr. Um alles andere kümmern Sie sich selbst, können aber auch machen, was Sie wollen, solange Sie die Rechte anderer nicht beeinträchtigen.“ (aus dem Buchrückentext)

Um seine Idee zu illustrieren, greift Gebel gerne auf den Vergleich mit einem  Kreuzfahrtschiff zurück:

Denn auf hoher See außerhalb der Hoheitsgewässer unterliegen die Passagiere weder dem Recht des Staates, aus dem sie stammen noch dem, vor dessen Küste gekreuzt wird. Und der Kapitän hat die oberste Exekutivgewalt inne, es gibt an Bord weder ein Gericht noch ein Parlament. Es gibt dafür eine andere Rechtsgrundlage, nämlich den Vertrag, den die Passagiere mit der Kreuzfahrtgesellschaft (in der Regel über den Reiseveranstalter) geschlossen haben. Auch wenn sie ihn nie gelesen haben, ein solcher Vertrag existiert und er legt auch das anwendbare Recht fest. Für die Dauer der Kreuzfahrt übernimmt es das Personal der Kreuzfahrtgesellschaft, für ihre Sicherheit zu sorgen, ihr Eigentum zu schützen und mögliche Streitigkeiten zu schlichten (S. 149).

Damit das Ganze nicht zu sehr nach Titanic klingt, greift Gebel zum einen auf historische Vorbilder, wie Venedig oder die Deutsche Hanse zurück, zum anderen macht er aber auch kräftige Anleihen bei  Paul Romers Idee der Charter Cities (s. S. 156). Und der hat zusammen mit William Nordhaus gerade diese Woche den „Wirtschaftsnobelpreis“ erhalten. Muss man die Idee von diesen neuen Städten mit ihren souveränen Stadtordnungen also ernst nehmen?

Seit 2008 vertritt Romer die Idee, dass Entwicklungsländer mit besseren Regeln und Institutionen auf einen besseren Wachstumskurs gebracht werden können. Um diese These zunächst lokal begrenzt auszutesten, hat Romer das Konzept der Charter City entwickelt.

Die neuen Regeln würden in einer Charter bereits vor Ankunft der Bürger festgelegt. Niemand solle gezwungen werden, in dieser neuen Stadt zu leben. Das geht einfacher, wenn man unbewohntes Gebiet neu besiedelt. Alles basiert also auf Freiwilligkeit. Zwischen der neuen Stadt und dem Gastland soll es einen Vertrag geben, der der Stadt weitgehende Autonomie gewährt, so dass sie sich frei von den Regeln des Gastlandes entwickeln kann. Durch Handel und Migration profitiert auch das Gastland. Damit die Implementierung auch funktioniert, schlägt Romer vor, dass eine Treuhandnation eine Art Patenschaft über die Charter City übernimmt und bei der Einführung der neuen Regeln unterstützt. So könnte beispielsweise Kanada die Patenschaft über Guantánamo Bay nach Ende der US-amerikanischen Verwaltung des Ortes übernehmen und die Region ausserhalb der kubanischen Wirtschaftsordnung neu aufstellen.

Mit diesem Vorschlag hat sich Romer in ein Wespennest gesetzt: Westliche, entwickelte Staaten exportieren ihre Regeln in den unterentwickelten Süden? Das kam überhaupt nicht gut an (s. hier, hier oder hier). Romer hat sich von Anfang an gegen diesen Vorwurf des Kolonialismus gewehrt und auf die Freiwilligkeit des Konzepts hingewiesen.  In neueren Publikationen erwähnt er aber lieber das südchinesische Shenzhen als Beispiel dafür, wie eine Stadt dank Sonderregeln für ihr Gebiet zu einem überdurchschnittlichen Wachstum kam (s. Abbildung).

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total GDP (GDP/capita∗population), Quelle: https://paulromer.net/economic-growth/

Gebel hat genau registriert, wie emotional die Menschen auf die Idee der Treuhandländer bei Romer reagiert haben. „Fremde Flaggen, das kommt nicht gut“, meinte er auch im Gespräch mit mir in Zürich im letzten Mai. An die Stelle des paternalistisch wirkenden Treuhänders tritt bei ihm der Wettbewerb profitmaximierender Unternehmen, die mit ihrem Produkt  Stadt um neue Kunden bzw. Bürger buhlen. Wenn mir als Bürgerin meine Stadt nicht mehr passt, suche ich mir eine neue. Damit rückt Gebel näher an ein anderes Modell, dass die Idee neuer, unabhängiger Gebietskörperschaften bekannt gemacht hat: die schwimmenden Städte des Seasteading Institute, in denen zukünftig „die Bewohner bei Unzufriedenheit mit der jeweiligen Gesellschaftsordnung ihre schwimmende Wohnplattform abkoppeln und zu einer anderen schwimmenden Stadt wechseln können“ (S. 266).

Was kann da schon schief gehen? Diskutiert mit uns.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 11. Oktober 2018

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Kate Raworth: Die Donut-Ökonomie

Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. Das verspricht die britische Ökonomin Kate Raworth im Untertitel ihres Buches über die Donut-Ökonomie. Anna und ich haben gemeinsam mit Marco und Ulrich das Buch als Wirtschaftsliterarisches Quartett im Podcast bei den Mikroökonomen besprochen. Hört mal rein! Es ist länger geworden, als gedacht, denn Raworth’s Buch lädt generell zum Nachdenken über die grossen Themen der Wirtschaft ein: Wachstum, Verteilungsgerechtigkeit, Geld.

Für alle Interessierten gibt’s hier im Blog eine schriftliche Übersicht der Kernsaussagen des Buches.

Kate Raworth stellt auf über 350 Seiten vor, woran die bisherige Wirtschaftswissenschaft gescheitert ist und an welchen Werten sie sich zukünftig orientieren sollte, wenn Ökonomie und Ökologie zum Ausgleich gebracht werden sollen. Dazu entwirft sie das Bild des Donuts, das dem Buch auch den Titel gibt:

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Wofür steht der Donut?

Er steht für

eine Zukunft, in der die Bedürfnisse jedes Menschen befriedigt werden, während zugleich die lebendige Welt geschützt wird, von der wir alle abhängig sind (S. 60, Hardcover-Ausgabe)

Die innere Kreislinie des Donuts bezeichnet dabei das gesellschaftliche Fundament, das die primären Bedürfnisse, wie Nahrung, Bildung und Wohnen, sicherstellt. Das Loch des Donuts steht also für den Fall, dass es hinsichtlich dieser Grundbedürfnisse zu Defiziten kommt (Leben unterhalb des Existenzminimums). Die äussere Kreislinie des Donuts bildet die ökologische Decke, die wir Menschen der Umwelt zumuten dürfen. Wird diese Kreislinie aufgrund wirtschaftlicher Aktivitäten nach aussen gedrückt, kommt es zu ökologischen Spannungen, die die Erde in Gefahr bringen. Dazu zählen etwa der Klimawandel, die Abnahme der Biodiversität oder die Versauerung der Meere. Raworth nennt insgesamt neun ökologische Fundamentalrisiken. Der Raum zwischen beiden Kreislinien, der Donut, bildet den idealen Raum, indem sich menschliche Aktivität und Wohlergehen des Planeten im dynamischen Gleichgewicht befinden.

7 Denkansätze, wie dieser Donut-Zustand entstehen kann

Raworth gliedert ihr Buch nach 7 Denkansätzen, damit die Menschheit in diesen Donut-Zustand kommt. In diesen fordert sie, was sich in der heutigen Ökonomie ändern muss. Ich stelle die einzelnen Punkte hier unkommentiert vor (S. 40-41 der Hardcover-Ausgabe zeigt einen tabellarischen Überblick, den ich aus Copyright-Gründen hier nicht einbinden kann).

  1. Das Ziel ändern: Anstelle des BIP eine Vielzahl von Messkriterien entwickeln, die den Zustand des Donuts widerspiegeln (diese befinden sich im Anhang des Buches, S. 357-364)
  2. Das Gesamtbild erfassen: die einfachen Marktmodelle der ersten Studiensemester erweitern (z.B. exogene Faktoren), um die Verflechtung von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft sichtbar zu machen
  3. Die menschliche Natur pflegen und fördern: den homo oeconomicus der ersten Semester durch das vollständigere Bild eines sozial anpassungsfähigen Menschen ersetzen.
  4. Den Umgang mit Systemen lernen: Mechanische Gleichgewichtsmodelle durch dynamisches Komplexitätsdenken ersetzen
  5. Auf Verteilungsgerechtigkeit zielen: Verteilungsgerechtigkeit nicht dem Wachstum überlassen (≈ Kuznets-Kurve), sondern als Ziel wirtschaftlichen Handelns aktiv anstreben
  6. Eine regenerative Ausrichtung fördern: Umweltschutz nicht dem Wachstum überlassen (≈ ökologische Kuznets-Kurve), sondern Ressourcenschonung und Wiederverwendung ebenfalls von vorneherein als aktives Ziel anstreben
  7. Eine agnostische Haltung zum Wachstum einnehmen: Raworth ist eine Postgrowth-Vertreterin.

Weitere Links zu Raworth und der pluralen Ökonomik gibt es bei den Mikroökonomen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 02. Juli 2018 (Update nach der Aufnahme am 09. Juli 2008)

 

 

 

Zu Gast bei den Mikroökonomen: Was taugt die Blockchain?

Die Mikroökonomen haben mich mal wieder zu ihrem Podcast eingeladen. Wir haben über sozial sinnvolle Einsatzgebiete der Blockchain gesprochen. Gibt es die überhaupt? Anlass dazu war ein Artikel über „Digital Currencies and Blockchain in the Social Sector“ in der Stanford Social Innovation Review, den ich hier kritisch kommentiert hatte. Solche Gespräche bringen doch viel mehr […]

Warum eine Alternative zu kiva und Zidisha?

Jürg Wyss hat vor einigen Monaten über seine Einschätzung zu den Mikrokredit-Plattformen Kiva und Zidisha gebloggt. Über den Podcast zu Mikrokrediten mit @egghat und mir kamen wir auf Twitter ins Gespräch. Lest bitte, welche Alternative zu Mikrokrediten Jürg derzeit in den Phillippinen aufbaut. Das ist sehr interessant. Ich bewundere sein Engagement und verfolge seine Aktivitäten auch regelmäßig.
Für mich selber ist das jedoch nicht der richtige Weg. Ich sehe den Schwerpunkt im Aufbau der relevanten Institutionen vor Ort (NGOs, Kooperativen, Banken, Aufsichtsbehörden), auch wenn – typisch für das Geldgewerbe – ohne Regulierung mit Auswüchsen, wie Wucher und Nötigung, gerechnet werden muss. Diese Makel hindern mich nicht daran, eine ordentliche Finanzinfrastruktur mit aufzubauen. Dann können langfristig viele sicherer zahlen, sparen und bei Bedarf eben auch investieren. Ich denke deshalb, dass dieser Institutionenaufbau in Summe nachhaltiger wirken kann als ein persönliches Engagement – das ist auch mein Fazit aus dem Podcast.
Gerade wenn es um Geld geht, finde ich die persönliche Abhängigkeit eines Kreditnehmers von mir als Geldgeberin eher problematisch. Auf jegliche Form von Emotionalisierung möchte ich im Geldbereich lieber verzichten (auch ein Grund, weshalb ich Kiva nicht mag). Ich möchte auch nicht verschweigen, dass ich auf dieser persönlichen Ebene von finanzieller Unterstützung + Coaching eine ganz schlechte eigene Erfahrung gemacht habe. Ein Einzelfall gewiss – aber für mich prägend.
So ist es gut, dass es verschiedene Wege gibt, nachhaltige Entwicklung voranzutreiben.
Hier geht’s zu seinem Blogbeitrag:

Mikrokredite: Podcast mit den Mikroökonomen

Der Mikroökonomen-Podcast von @egghat und @mh120480 mit mir zum Thema Mikrokredite ist jetzt auch auf Soundcloud verfügbar. Hört mal rein! Wir freuen uns über euer Feedback. Und hier geht’s zu den vollständigen Shownotes zur Sendung: http://mikrooekonomen.de/2016/10/21/mikro-021-mikrokredite-mit-barbara-bohr/ Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 26.10.2016