Zu Gast bei den Mikroökonomen: Unser Linkfest zum Jahresende

Der Jahresrückblick unserer publizistischen Aktivitäten ist schnell gemacht: Anna und Barbara waren als Mitwirkende bei den Mikroökonomen aktiv. Insgesamt haben wir 11 Bücher über Wirtschaft und Finanzen vorgestellt und besprochen. Es hat uns sehr viel Spass gemacht und wir hoffen, mit diesen Kritiken Lust auf mehr nachhaltiges Wirtschaftswissen zu machen. Hier ist die Liste der Podcast-Episoden mit Links, in chronologischer Reihenfolge:

Mein persönlicher Favorit war Amartya Sen: eine anspruchsvolle Lektüre, die ich allen Wirtschaftsstudierenden empfehlen kann. Die grösste Enttäuschung war Katrine Marçals Buch, denn zum Thema Ökonomie und Frauen gäbe es sachlich sehr viel Wichtigeres zu sagen.

Herzlichen Dank an Marco, Ulrich und Hannah, dass wir über die Buchbesprechungen ihre Plattform für unabhängigen Wirtschaftsjournalismus mitgestalten können. Der Podcast kann über alle gängigen Player abonniert werden. Viel Spass beim Hören und Mitdiskutieren!

Berufliche Aktivitäten

Viel ausführlicher wäre der Jahresrückblick, wenn wir auch unsere beruflichen Aktivitäten auf dem Blog Revue passieren liessen. Es ist ganz erfreulich, dass wir drei Vorbänkerinnen inzwischen die Zielsetzung dieses Blogs auch hauptberuflich verfolgen: Anna leitet weiterhin die Fachstelle Nachhaltigkeit bei der Alternativen Bank Schweiz AG und ist Vertretende der Arbeitnehmenden im Verwaltungsrat der Bank, Melanie ist seit Oktober 2019 in der Geschäftsleitung der Alternativen Bank Schweiz AG und Barbara unterrichtete die beiden letzten Jahre das Modul „Nachhaltigkeit und Ethik“ im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der OST Ostschweizer Fachhochschule.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 29. Dezember 2020

Geballtes Wissen für den US-Wahlkampf

Rechtzeitig für den US-Wahlkampf hat Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz seine bisherigen Bücher in einem neuen Buch zusammengefasst. Es trägt den Titel Der Preis des Profits. Wir müssen den Kapitalismus vor sich selber retten. Das Buch ist nicht antikapitalistisch, im Gegenteil. Der realistischere Untertitel würde eher in die Richtung „Wir müssen die USA vor den Trumponomics retten“ gehen. Stiglitz nimmt nicht nur die sozioökonomische Situation in den USA auseinander, um einen erneuten Wahlsieg Trumps zu verhindern. Er entwirft auch ein Gegenprogramm, das die USA zu einer sozialeren und gerechteren liberalen Demokratie machen würde.

Als Stiglitz das Buch im englischen Original Ende letzten Jahres publizierte, hatte er – wie wir alle – keine Ahnung, was uns und speziell die USA 2020 erwarten würde. Angesichts der derzeitigen Eskalation so vieler sozialer und ökonomischer Probleme in den USA ist das gut sozialdemokratische Wirtschaftsprogramm von Stiglitz aktueller denn je. Hier ein Zitat aus dem Buch (S. 239 der deutschen Ausgabe):

Bildschirmfoto 2020-06-06 um 10.35.12

 

Bei den Mikroökonomen haben wir Stiglitz‘ neues Buch besprochen. Unter folgendem Link sowie bei allen gängigen Podcast-Verteilern könnt Ihr unsere Debatte herunterladen und hören: https://mikrooekonomen.de/podcast/episode/mikrobuch013-josef-e-stiglitz-der-preis-seines-aktivismus/

 

Monopole im digitalen Kapitalismus

In der aktuellen Folge des MikroBuchs haben wir uns mit den Monopolisierungstrends der Digitalwirtschaft beschäftigt. Als Diskussionsgrundlage dienen uns Philipp Staabs Buch «Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit» (2019) und Peter Thiels «From Zero to One. Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet» (2014).

«Competition is for losers»

Wettbewerb gilt als Grundlage einer erfolgreichen Wirtschaft und gesellschaftlicher Wohlfahrt. Der Markt sorgt dafür, dass das rationale Streben der Akteure nach maximalem Gewinn zu einer effizienten Allokation der knappen Güter führt. Davon haben dann alle etwas, so die Theorie. Das Monopol als Abwesenheit von Wettbewerb wird deshalb in der klassischen Wirtschaftstheorie  – bis auf wenige Ausnahmen – verteufelt.

Peter Thiel hat in seinem Bestseller, der auf den Vorlesungsnotizen seines Studenten Blake Masters basiert, diese unkritische Huldigung des Wettbewerbs entzaubert. Denn Kapitalismus, so zitiert Thiel unter Rückgriff auf Schumpeter die klassische Theorie, basiert auf der Akkumulation von Kapital. Doch im perfekten Wettbewerb fallen sämtliche Gewinne dem Konkurrenzkampf zum Opfer (Thiel, S. 28). Wer als Unternehmen also erfolgreiche Gewinne einfahren möchte, sollte darauf achten, dass er alleine einen Markt besetzt. Solche Unternehmen sind kreative Monopolisten.

Jedes dieser Monopole ist einzigartig und Thiel skizziert mehrere Eigenschaften, die das Entstehen einer solchen Alleinstellung möglich machen: eine eigene Technologie, Netzwerkeffekte, Grössenvorteile und Markenbildung.

Thiel schrieb sein Buch als Manifest gegen Konformität im Unternehmertum. Nur wer es schafft, konträr zur landläufigen Meinung zu denken und zu handeln, ist in der Lage, ein erfolgreiches Monopolunternehmen aufzubauen und der Gesellschaft zu nutzen.

Vom digitalisierten Kapitalismus zum privatisierten Merkantilismus

7515

Thiels Querdenker-Buch ist zur Blaupause des digitalisierten Kapitalismus geworden. Die Überschrift zu seinem Beitrag in der Washington Post, in dem er sein Buch werbewirksam ankündigte, ist längst zum geflügelten Wort in Start-Up-Kreisen geworden: «Competition is for losers.». Die erfolgreichsten globalen Unternehmen scheinen seinem Mantra gläubig zu folgen: Die US-Unternehmen Google, Amazon, Facebook und Apple (GAFA) ebenso wie die chinesischen Firmen Baidu, Alibaba und Tencent (BAT). Und tatsächlich beherrschen diese Firmen inzwischen nicht nur ganze Märkte als klassische Monopolisten, sondern sie haben diese Märkte erst geschaffen. Sie sind ihre Eigentümer geworden. Das ist jedenfalls die Kernthese von Philipps Staabs neuem Buch «Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit». Je näher das Angebot einer dieser Metaplattformen dem Angebot des Gesamtmarkts kommt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Kunden sie wieder verlassen (Staab, S. 185). Staab zeichnet die Phasen nach, die diese neue Form des Kapitalismus erst möglich gemacht haben:

  1. Liberalisierung der Märkte
  2. Wachstum im Mobilfunkbereich
  3. Aufstieg des Internets als Basistechnologie mobiler Kommunikation

Die Globalisierung bezeichnet Staab dabei als Steigbügelhalter dieser Entwicklung. Staab untersucht detailliert die merkantilistischen Mechanismen, die diese Unternehmen entwickelt haben, um ihre Monopolstellung zu zementieren:

  • Informationskontrolle
  • Zugangskontrolle
  • Preiskontrolle
  • Leistungskontrolle (Staab, S. 173).

Gute Monopolisten, schlechte Monopolisten

Im Gegensatz zu Thiel sieht Staab in diesen Monopolkonstellationen erhebliche Nachteile für die Gesellschaft. Er zeigt, wie Praktiken der Kundengewinnung und -bindung auf diesen Plattformen zu Bewertungs- und Überwachungsmechanismen werden, die in unser alltägliches Zusammenleben vordringen, die Ungleichheit vergrößern und überhaupt den Begriff dessen, was mit «sozial» gemeint sein könnte, auf den Kopf stellen.

Gibt es eine Möglichkeit, dieser Vorherrschaft des digitalen Kapitalismus etwas entgegenzusetzen? Wir haben im Podcast bei den Mikroökonomen ausgiebig über diese Frage diskutiert. Hier könnt Ihr unsere Debatte nachhören und Euch an der Diskussion beteiligen.

 

 

Neue Erkenntnisse zur Arbeit der Treuhandanstalt

Rechtzeitig zur 30. Wiederkehr des Mauerfalls am 09. November möchte ich unsere letzte Buchbesprechung bei den Mikroökonomen verlinken.

Im letzten MikroBuch-Podcast sprachen wir nämlich über Norbert F. Pötzls aktuelle Analyse der Treuhandanstalt. Ziel seines Buches ist es, den zahlreichen Legenden über die Treuhandanstalt mit nachprüfbaren Fakten entgegenzutreten, ohne dass dabei übersehen wird, dass Erinnerungen auch von Emotionen bestimmt werden. Anhand von erst seit Kurzem zugänglichen Dokumenten soll aufgezeigt werden, was man wissen kann, wenn man es wissen will (Pötzl, S. 31). Pötzl versucht sich also an einer Neubewertung der Treuhandanstalt, die oft als Sündenbock für die Fehlschritte im Rahmen der Wiedervereinigung genannt wird.

Berlin, Mitte, Wilhelmstraße, Detlev-Rohwedder-Haus

Der Journalist Norbert F. Pötzl  analysiert die turbulenten Jahre der Treuhandanstalt in seinem neuen Buch «Der Treuhand-Komplex. Legenden. Fakten. Emotionen» anhand zahlreicher Akten und Interviews. Pötzl war langjähriger Spiegel-Redakeur und leitete von 1990-1994 das Berliner Büro des Magazins. Er kommt zu einem positiveren, differenzierteren Bild.

Die grosse Frage bleibt: Was hilft diese Form der Neubewertung für die Gestaltung der Zukunft? Haben nicht alle längst ihr Bild im Kopf? Darüber haben Marco, Anna und Barbara diskutiert.

Die Episode könnt Ihr hier nachhören. Auf der Seite findet Ihr auch alle weiteren Links, die wir im Podcast erwähnen.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 06. November 2019

Wie kommt der Wert in die Welt?

Anna und ich waren einmal wieder bei den Mikroökonomen zu Gast. Wir haben mit Marco und Ulrich das neue Buch der Ökonomin Mariana Mazzucato „Wie kommt der Wert in die Welt. Von Schöpfern und Abschöpfern“ (Campus-Verlag, 2019) besprochen. Hier geht’s zur Folge von MikroBuch005.

Image result for wie kommt der wert in die welt

In den Shownotes gibt es weitere zusätzliche Informationen. Insbesondere habe ich auch ihre interessanten wirtschaftshistorischen Ausführungen zur Entwicklung des Wertebegriffs in der Ökonomie in eine Tabelle gepackt. So wird das Ganze, meine ich, etwas übersichtlicher.

Wir freuen uns auf Eure Kommentare, entweder hier oder aber direkt bei den Mikroökonomen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 28. April 2019

Im letzten Wirtschaftsliterarischen Quartett ging’s um „Skin in the Game“

Im letzten Wirtschaftsliterarischen Quartett der Mikroökonomen sprachen Marco, Ulrich und ich  über Nassim Nicholas Talebs neues Buch Das Risiko und sein Preis. Skin in the Game. Anna musste sich leider kurzfristig krank abmelden. Gute Besserung, Anna!

9783844530179

Den Podcast könnt ihr jetzt hören:
https://cdn.podigee.com/podcast-player/javascripts/podigee-podcast-player.js

Hier nochmals die Kurzvorstellung auf dem Mikroökonomen-Blog, die ich als Teaser geschrieben hatte: https://mikrooekonomen.de/talebs-vision-vom-guten-leben/

Wie gefällt euch sein Buch? Diskutiert mit: https://mikrooekonomen.de/podcast/episode/2217/

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 05. Dezember 2018

Neue Regeln für neue Städte?

Im nächsten Wirtschaftsliterarischen Quartett bei den @mikroeokonomen werden wir Titus Gebels Buch Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt diskutieren. Gebel entwickelt im Text die libertäre Vision einer Stadt, in der die Bürger mit dem privaten Unternehmen, das die Stadt betreibt, einen Einzelvertrag aushandeln und ansonsten machen können, was sie wollen:

„Stellen Sie sich vor, ein privates Unternehmen bietet Ihnen als Staatsdienstleister den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum in einem abgegrenzten Gebiet. Sie zahlen einen vertraglich fixierten Betrag für diese Leistungen pro Jahr. Um alles andere kümmern Sie sich selbst, können aber auch machen, was Sie wollen, solange Sie die Rechte anderer nicht beeinträchtigen.“ (aus dem Buchrückentext)

Um seine Idee zu illustrieren, greift Gebel gerne auf den Vergleich mit einem  Kreuzfahrtschiff zurück:

Denn auf hoher See außerhalb der Hoheitsgewässer unterliegen die Passagiere weder dem Recht des Staates, aus dem sie stammen noch dem, vor dessen Küste gekreuzt wird. Und der Kapitän hat die oberste Exekutivgewalt inne, es gibt an Bord weder ein Gericht noch ein Parlament. Es gibt dafür eine andere Rechtsgrundlage, nämlich den Vertrag, den die Passagiere mit der Kreuzfahrtgesellschaft (in der Regel über den Reiseveranstalter) geschlossen haben. Auch wenn sie ihn nie gelesen haben, ein solcher Vertrag existiert und er legt auch das anwendbare Recht fest. Für die Dauer der Kreuzfahrt übernimmt es das Personal der Kreuzfahrtgesellschaft, für ihre Sicherheit zu sorgen, ihr Eigentum zu schützen und mögliche Streitigkeiten zu schlichten (S. 149).

Damit das Ganze nicht zu sehr nach Titanic klingt, greift Gebel zum einen auf historische Vorbilder, wie Venedig oder die Deutsche Hanse zurück, zum anderen macht er aber auch kräftige Anleihen bei  Paul Romers Idee der Charter Cities (s. S. 156). Und der hat zusammen mit William Nordhaus gerade diese Woche den „Wirtschaftsnobelpreis“ erhalten. Muss man die Idee von diesen neuen Städten mit ihren souveränen Stadtordnungen also ernst nehmen?

Seit 2008 vertritt Romer die Idee, dass Entwicklungsländer mit besseren Regeln und Institutionen auf einen besseren Wachstumskurs gebracht werden können. Um diese These zunächst lokal begrenzt auszutesten, hat Romer das Konzept der Charter City entwickelt.

Die neuen Regeln würden in einer Charter bereits vor Ankunft der Bürger festgelegt. Niemand solle gezwungen werden, in dieser neuen Stadt zu leben. Das geht einfacher, wenn man unbewohntes Gebiet neu besiedelt. Alles basiert also auf Freiwilligkeit. Zwischen der neuen Stadt und dem Gastland soll es einen Vertrag geben, der der Stadt weitgehende Autonomie gewährt, so dass sie sich frei von den Regeln des Gastlandes entwickeln kann. Durch Handel und Migration profitiert auch das Gastland. Damit die Implementierung auch funktioniert, schlägt Romer vor, dass eine Treuhandnation eine Art Patenschaft über die Charter City übernimmt und bei der Einführung der neuen Regeln unterstützt. So könnte beispielsweise Kanada die Patenschaft über Guantánamo Bay nach Ende der US-amerikanischen Verwaltung des Ortes übernehmen und die Region ausserhalb der kubanischen Wirtschaftsordnung neu aufstellen.

Mit diesem Vorschlag hat sich Romer in ein Wespennest gesetzt: Westliche, entwickelte Staaten exportieren ihre Regeln in den unterentwickelten Süden? Das kam überhaupt nicht gut an (s. hier, hier oder hier). Romer hat sich von Anfang an gegen diesen Vorwurf des Kolonialismus gewehrt und auf die Freiwilligkeit des Konzepts hingewiesen.  In neueren Publikationen erwähnt er aber lieber das südchinesische Shenzhen als Beispiel dafür, wie eine Stadt dank Sonderregeln für ihr Gebiet zu einem überdurchschnittlichen Wachstum kam (s. Abbildung).

Shenzhen-Graphs.003
total GDP (GDP/capita∗population), Quelle: https://paulromer.net/economic-growth/

Gebel hat genau registriert, wie emotional die Menschen auf die Idee der Treuhandländer bei Romer reagiert haben. „Fremde Flaggen, das kommt nicht gut“, meinte er auch im Gespräch mit mir in Zürich im letzten Mai. An die Stelle des paternalistisch wirkenden Treuhänders tritt bei ihm der Wettbewerb profitmaximierender Unternehmen, die mit ihrem Produkt  Stadt um neue Kunden bzw. Bürger buhlen. Wenn mir als Bürgerin meine Stadt nicht mehr passt, suche ich mir eine neue. Damit rückt Gebel näher an ein anderes Modell, dass die Idee neuer, unabhängiger Gebietskörperschaften bekannt gemacht hat: die schwimmenden Städte des Seasteading Institute, in denen zukünftig „die Bewohner bei Unzufriedenheit mit der jeweiligen Gesellschaftsordnung ihre schwimmende Wohnplattform abkoppeln und zu einer anderen schwimmenden Stadt wechseln können“ (S. 266).

Was kann da schon schief gehen? Diskutiert mit uns.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 11. Oktober 2018

Kate Raworth: Die Donut-Ökonomie

Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. Das verspricht die britische Ökonomin Kate Raworth im Untertitel ihres Buches über die Donut-Ökonomie. Anna und ich haben gemeinsam mit Marco und Ulrich das Buch als Wirtschaftsliterarisches Quartett im Podcast bei den Mikroökonomen besprochen. Hört mal rein! Es ist länger geworden, als gedacht, denn Raworth’s Buch lädt generell zum Nachdenken über die grossen Themen der Wirtschaft ein: Wachstum, Verteilungsgerechtigkeit, Geld.

Für alle Interessierten gibt’s hier im Blog eine schriftliche Übersicht der Kernsaussagen des Buches.

Kate Raworth stellt auf über 350 Seiten vor, woran die bisherige Wirtschaftswissenschaft gescheitert ist und an welchen Werten sie sich zukünftig orientieren sollte, wenn Ökonomie und Ökologie zum Ausgleich gebracht werden sollen. Dazu entwirft sie das Bild des Donuts, das dem Buch auch den Titel gibt:

raworth_onepager

Wofür steht der Donut?

Er steht für

eine Zukunft, in der die Bedürfnisse jedes Menschen befriedigt werden, während zugleich die lebendige Welt geschützt wird, von der wir alle abhängig sind (S. 60, Hardcover-Ausgabe)

Die innere Kreislinie des Donuts bezeichnet dabei das gesellschaftliche Fundament, das die primären Bedürfnisse, wie Nahrung, Bildung und Wohnen, sicherstellt. Das Loch des Donuts steht also für den Fall, dass es hinsichtlich dieser Grundbedürfnisse zu Defiziten kommt (Leben unterhalb des Existenzminimums). Die äussere Kreislinie des Donuts bildet die ökologische Decke, die wir Menschen der Umwelt zumuten dürfen. Wird diese Kreislinie aufgrund wirtschaftlicher Aktivitäten nach aussen gedrückt, kommt es zu ökologischen Spannungen, die die Erde in Gefahr bringen. Dazu zählen etwa der Klimawandel, die Abnahme der Biodiversität oder die Versauerung der Meere. Raworth nennt insgesamt neun ökologische Fundamentalrisiken. Der Raum zwischen beiden Kreislinien, der Donut, bildet den idealen Raum, indem sich menschliche Aktivität und Wohlergehen des Planeten im dynamischen Gleichgewicht befinden.

7 Denkansätze, wie dieser Donut-Zustand entstehen kann

Raworth gliedert ihr Buch nach 7 Denkansätzen, damit die Menschheit in diesen Donut-Zustand kommt. In diesen fordert sie, was sich in der heutigen Ökonomie ändern muss. Ich stelle die einzelnen Punkte hier unkommentiert vor (S. 40-41 der Hardcover-Ausgabe zeigt einen tabellarischen Überblick, den ich aus Copyright-Gründen hier nicht einbinden kann).

  1. Das Ziel ändern: Anstelle des BIP eine Vielzahl von Messkriterien entwickeln, die den Zustand des Donuts widerspiegeln (diese befinden sich im Anhang des Buches, S. 357-364)
  2. Das Gesamtbild erfassen: die einfachen Marktmodelle der ersten Studiensemester erweitern (z.B. exogene Faktoren), um die Verflechtung von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft sichtbar zu machen
  3. Die menschliche Natur pflegen und fördern: den homo oeconomicus der ersten Semester durch das vollständigere Bild eines sozial anpassungsfähigen Menschen ersetzen.
  4. Den Umgang mit Systemen lernen: Mechanische Gleichgewichtsmodelle durch dynamisches Komplexitätsdenken ersetzen
  5. Auf Verteilungsgerechtigkeit zielen: Verteilungsgerechtigkeit nicht dem Wachstum überlassen (≈ Kuznets-Kurve), sondern als Ziel wirtschaftlichen Handelns aktiv anstreben
  6. Eine regenerative Ausrichtung fördern: Umweltschutz nicht dem Wachstum überlassen (≈ ökologische Kuznets-Kurve), sondern Ressourcenschonung und Wiederverwendung ebenfalls von vorneherein als aktives Ziel anstreben
  7. Eine agnostische Haltung zum Wachstum einnehmen: Raworth ist eine Postgrowth-Vertreterin.

Weitere Links zu Raworth und der pluralen Ökonomik gibt es bei den Mikroökonomen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 02. Juli 2018 (Update nach der Aufnahme am 09. Juli 2008)

 

 

 

Zu Gast bei den Mikroökonomen: Was taugt die Blockchain?

Die Mikroökonomen haben mich mal wieder zu ihrem Podcast eingeladen. Wir haben über sozial sinnvolle Einsatzgebiete der Blockchain gesprochen. Gibt es die überhaupt? Anlass dazu war ein Artikel über „Digital Currencies and Blockchain in the Social Sector“ in der Stanford Social Innovation Review, den ich hier kritisch kommentiert hatte. Solche Gespräche bringen doch viel mehr […]

Warum eine Alternative zu kiva und Zidisha?

Jürg Wyss hat vor einigen Monaten über seine Einschätzung zu den Mikrokredit-Plattformen Kiva und Zidisha gebloggt. Über den Podcast zu Mikrokrediten mit @egghat und mir kamen wir auf Twitter ins Gespräch. Lest bitte, welche Alternative zu Mikrokrediten Jürg derzeit in den Phillippinen aufbaut. Das ist sehr interessant. Ich bewundere sein Engagement und verfolge seine Aktivitäten auch regelmäßig.
Für mich selber ist das jedoch nicht der richtige Weg. Ich sehe den Schwerpunkt im Aufbau der relevanten Institutionen vor Ort (NGOs, Kooperativen, Banken, Aufsichtsbehörden), auch wenn – typisch für das Geldgewerbe – ohne Regulierung mit Auswüchsen, wie Wucher und Nötigung, gerechnet werden muss. Diese Makel hindern mich nicht daran, eine ordentliche Finanzinfrastruktur mit aufzubauen. Dann können langfristig viele sicherer zahlen, sparen und bei Bedarf eben auch investieren. Ich denke deshalb, dass dieser Institutionenaufbau in Summe nachhaltiger wirken kann als ein persönliches Engagement – das ist auch mein Fazit aus dem Podcast.
Gerade wenn es um Geld geht, finde ich die persönliche Abhängigkeit eines Kreditnehmers von mir als Geldgeberin eher problematisch. Auf jegliche Form von Emotionalisierung möchte ich im Geldbereich lieber verzichten (auch ein Grund, weshalb ich Kiva nicht mag). Ich möchte auch nicht verschweigen, dass ich auf dieser persönlichen Ebene von finanzieller Unterstützung + Coaching eine ganz schlechte eigene Erfahrung gemacht habe. Ein Einzelfall gewiss – aber für mich prägend.
So ist es gut, dass es verschiedene Wege gibt, nachhaltige Entwicklung voranzutreiben.
Hier geht’s zu seinem Blogbeitrag: