Die Stadt-„Republik“ Tsüri

Wenn im letzten Jahr von einem neuen Medienprojekt in Zürich geredet wurde, dann ging es meist um die „Republik“. Das Digital-Magazin startete im Januar 2018 nach einem fulminanten Crowdfunding-Erfolg, der weltweit grosse Beachtung fand. Constantin Seibt und Christof Moser führten das leserfinanzierte Projekt an, das sich an ein urbanes, gebildetes und kritisches Bürgertum richtet. Ziel des Projekts ist die Wahrung einer freiheitlichen Gesellschaft.

«Ich rap im Züri-Slang, warum? Wil ich in Züri häng.» 

Und dann gibt es da noch ein vergleichbares, wenn auch viel, viel kleineres Projekt in Zürich. Mit genauso grossen Ambitionen. Eine Art „Stadt-Republik“. Genauso urban, gebildet und kritisch — und ganz lokal. Es geht um Tsüri. Tsüri setzt sich für eine nachhaltige, offene, moderne und umweltbewusste Gesellschaft ein. Das Zürcher Stadtmagazin richtet sich an eine jugendliche, gesellschaftskritische und lebenslustige Leserschaft. Texte, Bilder und Videos werden ergänzt durch Events, Führungen, analoge und digitale Games. In Sachen „Civic Media“ ist Tsüri wesentlich progressiver und gleichzeitig bodenständiger als die grosse, akademisch-intellektuelle Schwester „Republik“ aus der Langstrasse mit ihrem gediegenen Lesepublikum. Ganz wie das echte Zürich eben. Im Lokaljournalismus ist es vielleicht auch einfacher, analoges und digitales Leben zusammenzuführen.

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Wo chunnts Geld her?

Mir hat sehr gut gefallen, wie Verleger Simon Jacoby das Projekt und sein Team präsentiert hat. Er tat dies anlässlich der Geldgespräche bei der Alternativen Bank AG in Olten im November. Tsüri wird u.a. vom Innovationsfonds der ABS gefördert. Anders als die „Republik“ verzichtet Tsüri nicht ganz auf Werbung, um die redaktionelle Arbeit sicherzustellen. Die 500’000 Franken Kosten wollen jedes Jahr erneut bezahlt werden, damit die Firma überlebt. Und noch gibt es nicht genug Unterstützer. Geschäftsführer Roland Wagner fällt es deshalb nicht schwer, seine Lieblingstätigkeit bei Tsüri zu benennen:

Ich schreibe sehr gerne Rechnungen, damit wir bei Tsüri.ch einen Lohn bekommen und wir unsere Krankenkasse bezahlen können. Im Moment haben wir alle eine Krankenkasse ohne Halbprivatversicherung.

Bei der Werbung geht Tsüri allerdings nicht über das Google Ad Network, sondern die Firma übt eine „handverlesene Werbekontrolle“ aus, meinte Simon Jacoby auf Nachfrage. Bei den Werbepartnern seien thematische Anknüpfungspunkte wichtig, ergänzte er, wie z.B. für inhaltliche Schwerpunkte wie „Sucht“ oder „Smart Cities“. Damit die Redaktion formell von Werbeeinnahmen unabhängig bleibt, hat Tsüri Verlagsgeschäft und Redaktion voneinander getrennt. Die Geschäfte laufen über die Tsüri AG. Die Redaktion ist im Verein Achtusig-Medien organisiert.

#tsürigang

Neben Werbung versucht Tsüri, seine Finanzierung über Mitgliedschaften sicherzustellen. Nein, der Verlag spricht ganz bewusst nicht von Abonnenten, wie das herkömmliche Magazine tun. Sie nennen diese Förderer auch nicht Verleger, wie die „Republik“ es vormacht. Tsüri ist vor allem Gemeinschaft. Redaktion und Leser bilden zusammen die #tsürigang. Deshalb macht das Magazin derzeit – so mein Eindruck – vor allem Bannerwerbung für sich selber. Mitglied der #tsürigang kann man übrigens bereits ab 5 Franken/Monat werden.

Jo, Tsüri kommt ziemlich hipstermässig daher und ich merke beim Lesen ab und an schon, dass ich eher nicht mehr zur Zielgruppe gehöre. Dennoch, mir gefällt das Konzept. Mir gefällt die Ausrichtung. Für den Journalismus. Für meine Stadt. Das ist glocal, wie ich es mir wünsche. https://tsri.ch/accounts/signup/

Eine ganz kleine Investition, mit ganz grosser Wirkung.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), die bisher zur gediegenen Leserschaft der „Republik“ gehört, 29. November 2018

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Kryptowährungen und Blockchain für die Sozialwirtschaft

Die Londoner Firma Everledger verwaltet inzwischen mehr als anderthalb Millionen Diamanten auf ihrem Blockchain Ledger, d.h. für jeden echten Diamanten gibt es einen digitalen Zwilling, der genaue Angaben über Karatzahl, die Farbe, Zertifikate und Herkunft des Edelsteins enthält. Damit wird die Lieferkette fälschungssicher transparent gemacht. Wer einen Trauring mit einem Diamantensplitter aus dem Everledger gekauft hat, kann sicher gehen, dass er keinen Blutdiamanten  am Finger trägt. Das ist nicht nur ein Luxusproblem, denn wer kann sich schon Diamanten leisten? Eine transparente Lieferkette dieser Konfliktrohstoffe kann nicht direkt Menschenrechtsverletzungen verhindern, aber sie hilft, solche Händler auszuschliessen, die diese Transparenz nicht leisten wollen. Everledger ist  ein erfolgreiches Beispiel für den sozial sinnvollen Einsatz der Blockchain-Technologie.

Die beiden Berater David Lehr & Paul Lamb haben in der aktuellen Ausgabe der Stanford Social Innovation Review  mehrere Einsatzbereiche der Sozialwirtschaft aufgelistet, in denen Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie so genutzt werden, dass sie eine positive soziale Wirkung erzielen. Dazu zählen sie:

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Der langsame Abschied vom Shareholder-Value-Kult

„Die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen, und zwar sowohl öffentliche als auch private, einem sozialen Zweck dienen“, schrieb BlackRock-CEO Larry Fink in einem Schreiben am Dienstag. Es ging, so berichtete die New York Times, an die CEOs aller grossen Firmen, an denen BlackRock Anteile hält. Und das sind nicht wenige, denn BlackRock ist mit einer Anlagesumme von 6.3 Mrd. Dollar der grösste Vermögensverwalter der Welt.

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In Finks Brief heisst es unter anderem:

„Without a sense of purpose, no company, either public or private, can achieve its full potential. It will ultimately lose the license to operate from key stakeholders. It will succumb to short-term pressures to distribute earnings, and, in the process, sacrifice investments in employee development, innovation, and capital expenditures that are necessary for long-term growth. It will remain exposed to activist campaigns that articulate a clearer goal, even if that goal serves only the shortest and narrowest of objectives. And ultimately, that company will provide subpar returns to the investors who depend on it to finance their retirement, home purchases, or higher education.“ /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Social Corporate Responsibility soll also nicht mehr nur ein bunter Marketing-Gag sein, indem eine Firma berichtet, wie toll ihre Frauenförderprogramme sind, dass die Mitarbeiter an einem Freiwilligen-Tag Bäumchen pflanzen und dass selbstverständlich jede Flugmeile CO2-kompensiert wird. Verantwortung für die Gesellschaft heisst, Antworten auf die Fragen, die diese Gesellschaft umtreiben, zu finden. Denn damit ist dann auch langfristig Geld zu verdienen.

Companies must ask themselves: What role do we play in the community? How are we managing our impact on the environment? Are we working to create a diverse workforce? Are we adapting to technological change? Are we providing the retraining and opportunities that our employees and our business will need to adjust to an increasingly automated world? Are we using behavioral finance and other tools to prepare workers for retirement, so that they invest in a way that that will help them achieve their goals? /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Es wird Zeit für eine solche Neuausrichtung der Unternehmenswelt und ich bin gespannt, wie die Reaktion auf diese Ankündigung sein wird.

Interessant finde ich diesen Brief zum jetzigen Zeitpunkt vor allem aus zwei Gründen:

Zum einen spielt BlackRock, einer der ganz grossen Player an der Wall Street, mit diesem Vorstoss das progressive Silicon Valley mal locker an die Wand. Während es in Palo Alto früher gerne hiess, dass jede neue App dazu diene, die Welt ein wenig besser zu machen, erhielten die Tech-Konzerne im letzten Jahr sehr viel Gegenwind. Plötzlich hörte man den Ausspruch „Make this world a better place“ nur noch als ironische Replik in der Sitcom „Silicon Valley“. Das hat teils damit zu tun, dass die grossen Firmen (und Behörden) durch ihre Datenanalysen die Ungleichheit in der Gesellschaft  verstärken könnten.  Das hat auch viel mit der Polarisierung von Meinungen durch Manipulationen der User-Feeds zu tun. Die geschmacklosen Geschichten über weltfremde und frauenfeindliche Kapitalgeber haben den Eindruck eines fehlenden moralischen Kompasses noch gestärkt – da fehlen oft kritische Boards, die die Geschäftsleitungen ausreichend beraten und kontrollieren. Ohne gut funktionierende und engagierte Boards gibt es keine solide Unternehmensentwicklung, so die Philosophie von BlackRock.

Bei BlackRock kommt denn der Brief nicht von ungefähr. Die Firma ist Gründungsmitglied bei FCLT Global. Der Name steht für Focusing Capital on the Long Term und entspricht dem Anlagecredo eines Vermögensverwalters, dessen Kunden vor allem auf eine langfristige Wertentwicklung angewiesen sind. Das unterscheidet BlackRock auch von anderen „aktivistischen Aktionären“.  Eine konsequente Ausrichtung der Unternehmen auf eine solch langfristige Wertentwicklung würde auch eines der pet projects der Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley, die Longterm-Stock Exchange, überflüssig machen.

Zum zweiten nennt der Brief die derzeitige Handlungsschwäche vieler Staaten als Grund, Druck auf die Unternehmen auszuüben:

We also see many governments failing to prepare for the future, on issues ranging from retirement and infrastructure to automation and worker retraining. As a result, society increasingly is turning to the private sector and asking that companies respond to broader societal challenges. /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Das ist schon eine harte Aussage. Wenn der Staat es nicht richten kann, müssen die Unternehmen in die Bresche springen. Das ist Kapitalismus pur. Und stellt die Frage nach der demokratischen Verantwortung und wie die funktionieren soll, wenn Unternehmen und nicht mehr gewählte Vertreter strategische Entscheidungen für eine Gesellschaft treffen und diese auch kontrollieren.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. Januar 2018

 

Langfristig profitieren

Das Silicon Valley erfindet manchmal Dinge neu, die es schon lange gibt. Im Silicon Valley wurde vor 10 Jahren das Telefon neu erfunden und damit das Telefonieren abgeschafft. Rund um San Francisco gibt es Sammelruftaxis, die zu bestimmten Zeiten eine festgelegte Strecke abfahren. In Europa nennt man dieses System für gewöhnlich „Bus“. Dieser Tage erfinden ein paar geschäftstüchtige Köpfe von dort die Börse neu. Aus gutem Grund. Der sogenannte short-termism beherrscht seit Jahren die Entwicklung der Börsenunternehmen: die Jagd nach kurzfristigen Quartalszahlen und Managementlöhnen, die an kurzfristigen Zielen bemessen werden, setzen die Firmen immer stärker unter Druck. Immer höher, immer weiter, in immer kürzerer Zeit. Dabei bleiben langfristige Strategien sowohl in der Produkt- als auch in der Personalentwicklung auf der Strecke. Für junge, innovative Firmen bedeutet das, dass die Börse als Exit-Strategie immer weniger in Frage kommt. Steven Kaplan hat berechnet, dass die Zahl der börsennotierten Unternehmen in den USA seit 1990 um 50% zurückgegangen ist. Je länger Unternehmen der Börse fern bleiben, desto langfristiger können sie planen und umsetzen. Das ist gerade in risikoreichen Technologien, wie etwa der Medizinalrobotik, Virtual-Reality-Konzepten oder auch den allgemeinen Anwendungen der Künstlichen Intelligenz wichtig. Aber auch ein hippes, vom Geschäftsmodell eher traditionelles Unternehmen, wie die Kaffeehauskette Blue Bottle Coffee hat lieber an Nestlé verkauft, als den Börsengang zu wagen.

Eric Ries, bekannt für sein Buch „The Lean Startup“ und ein begabter Marketeer, arbeitet bereits seit sieben Jahren am Konzept für diese neue Börse, die sich an langfristig orientierte Anleger und Unternehmen wendet. Die Idee kam ihm, als er für sein Buch mit zahlreichen CEOs Interviews führte und sich diese über den zunehmenden Kurzfrist-Druck beschwerten. Die Börse nennt sich LTSE – Longterm Stock Exchange.

LTSE logo

Was unterscheidet diese neue Börse von anderen? Kernelement ist die Wertigkeit der Stimmrechte: das Stimmrecht der Aktien steigt, je länger ein Anleger sie besitzt („tenure voting“). Ausserdem soll es zusätzliche Governance-Regeln geben, die zum Beispiel die Ausrichtung der Managementgehälter an kurzfristigen Gewinnzielen ausschließen soll. Ein White Paper über die LTSE habe ich nicht finden können. Auch über die technische Umsetzung ist mir nichts bekannt.

Bisher engagieren sich 70 Wagniskapitalgesellschaften mit 19 Millionen Dollar an der Finanzierung des Unternehmens. Darunter befinden sich namhafte Vertreter, wie Andreessens a16z, Thiels Founders’ Fund, Hoffmans Greylock Partners und Twitter-Mitgründer Dick Costolo. Für Venturekapitalisten wäre die neue Börse auf zweifache Weise lukrativ: als neues Geschäftsmodell für Corporate Governance und als Exit-Option für ihre zahlreichen, anderen Engagements. Außerdem erhält diese Plattform einen libertären Anstrich, denn die gelisteten Firmen müssen sich nicht von Gesetzes wegen an die Regeln halten, sie dürfen es. Selbstverpflichtung hält den Regulator fern.

Ries ist nicht der Erste, der sich an neuen Regeln für die Börse versucht. Die UNO hat die Initiative SSE (Sustainable Stock Exchanges) lanciert, damit die etablierten Börsen Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit mit in ihr Reglement aufnehmen und dadurch die Geschäftsstrategie der börsennotierten Unternehmen langfristiger ausgerichtet wird. In den USA, aber auch in der Schweiz, gibt es ausserdem die Möglichkeit, die eigene Firma als B-Corporation zu registrieren. B-Corporation bedeutet, dass man neben dem Profit auch die Ziele Umweltschutz und Sozialverträglichkeit mit berücksichtigt. Das B-Lab zertifiziert die Ausrichtung an dieser Triple Bottom Line. Auch als B-Corporation kann man an die Börse gehen und steht dann dort im Wettbewerb mit anderen Aktien um die Gunst der Anleger (Beispiel: New Resource Bank). Wird das Regelwerk als B-Corporation umgesetzt, sollte die strategische Ausrichtung langfristiger Natur sein. Wozu also eine komplett neue Börse, wenn es doch alle Instrumente für eine Neuausrichtung schon gibt? Eine mögliche Antwort: Die existierenden Lösungen kommen nicht aus dem Silicon Valley. Das B-Lab ist zwar in Kalifornien entstanden, braucht aber kaum Technologie für seine Zertifizierung.

Die LTSE hat noch einige Hürden zu überwinden, bis sie die Genehmigung als alternative Handelsplattform erhält. Viele Prozesse sind unklar (oder mir nicht bekannt). Wie kann an einer langfristig orientierten Börse etwa die Liquidität sichergestellt werden, die teils den kurzfristig orientierten Spekulanten zu verdanken ist, wie schon der Bankenethiker Peter Koslowski bemerkte? Wer schon einmal versucht hat, OTX-Werte über die Plattform der Berner Kantonalbank zu kaufen oder zu verkaufen, weiss, wie lange solche Orders unausgeführt im Markt hängen können. Wie sieht es mit strukturierten Produkten auf der Basis der dort notierten Werte aus? Was passiert mit den Stimmrechten bei Vererbung der Aktien? Fängt die „tenure“ wieder von vorne an und sind die Aktien dann plötzlich weniger wert? Werden deshalb neue Konstrukte entstehen, die dafür sorgen, dass auch bei Weitergabe der Aktien innerhalb bestimmter Personenkreise die „tenure“ gewahrt bleibt? Banker hatten schon immer viel Produktfantasie, wenn es darum ging, Reglemente zu umgehen.

Ries kann auch nicht wirklich entkräften, dass die LTSE letztlich mehr den Firmengründern selber als den Investoren nützt. Zwar hat er Recht, dass das Listing an der LTSE besser für Investoren ist als die derzeit populäre Praxis, beim IPO nur stimmrechtslose Aktien auszugeben (Beispiel Snap), so dass die Gründer die Macht auch nach dem Börsengang behalten. Auch können so aktivistische Hedge Fonds gut in Schach gehalten werden. Dennoch: Wer hat denn die meisten Stimmrechte beim IPO? Das sind diejenigen, die am längsten dabei sind, also die Gründer und die Finanziers der ersten Stunde. Damit habe ich als Investorin auch grundsätzlich kein Problem. Zu „absoluten Monarchien“ (Ries) werden Firmen erst dann, wenn ihre Gründer die Macht behalten wollen, wenn sie ihre Aktien bereits längst verkauft haben (so wie Zuckerberg das vor kurzem versucht hat, dann aber seinen Plan zurückgezogen hat).

Insgesamt muss die LTSE also noch einige kritische Fragen zu ihren Geschäftsprozessen beantworten, bevor sie den operativen Betrieb aufnimmt. An sich finde ich die Idee gut.

Welche Chancen räumt Ihr der Plattform ein?

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 18. Oktober 2017