Weniger Investitionen in saubere Energien

Die EU-Kommission schätzt, dass die Länder der Europäischen Union in den nächsten 20 Jahren ca. 180 Mrd. EUR an zusätzlichen jährlichen Investitionen, insbesondere in saubere Energien, benötigt, um den Anstieg der globalen Temperaturen unter 2°C zu halten. Dazu hat sie ein Gremium gebildet, dass diesen Übergang sicherstellen soll: Die High Level Expert Group on Sustainable Finance.

Industrie, Finanzsektor und Regierungen in der EU werden sich anstrengen müssen, diese Ziele zu erreichen und damit das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Die International Energy Agency hat nämlich einen recht pessimistischen Jahresreport über die weltweiten Energieinvestitionen veröffentlicht. Nach Angaben der Agentur sind die Investitionen in erneuerbare Energien im dritten Jahr in Folge gesunken. Das gefährdet den Umstieg auf saubere Energien. Fatih Birol, Executive Director der Agentur, die zwar autonom agiert, aber zum Umfeld der OECD gehört, fasst die Ergebnisse wie folgt zusammen:

„The decline in global investment for renewables and energy efficiency combined could threaten the expansion of clean energy needed to meet energy security, climate and clean-air goals. While we would need this investment to go up rapidly, it is disappointing to find that it might be falling this year.”

Die Strominvestitionen haben sich zwar in Richtung erneuerbare Energien, Netze und Flexibilität verschoben. Dennoch gingen die Investitionen in erneuerbare Energien im Jahr 2017 um 7% zurück, dies trotz Rekordausgaben für Photovoltaik. Nur teilweise sei dieser Rückgang mit niedrigeren Gestehungskosten zu erklären, kommentiert Michael Waldron, ein Analyst der Agentur. Zudem, so heisst es im Bericht, sank die erwartete Produktion aus CO2-armen Strominvestitionen im Jahr 2017 um 10% und konnte nicht mit dem Nachfragewachstum Schritt halten. Erstmals seit 2014 ist der Anteil der Investments in fossile Brennstoffe wieder gestiegen.

China führt mit einem Anteil von 20 % der weltweiten Energieinvestitionen das Länderranking an. Ein gutes Zeichen ist, dass in China die Investments zunehmend durch kohlenstoffarme Stromversorgung und -netze sowie Energieeffizienz getrieben werden. Die Investitionen in neue Kohlekraftwerke im Jahr 2017 gingen in China um 55 Prozent zurück. Die USA konnten sich dank deutlicher Erholung der Ausgaben im Upstream Öl- und Gassektor (hauptsächlich aus Ölschiefer) sowie Gaskraftwerken und Stromnetzen auf dem zweiten Platz konsolidieren. Europa hielt sich aufgrund erhöhter Ausgaben für Energieeffizienz und einem bescheidenen Anstieg der Investitionen in erneuerbare Energien auf dem dritten Platz. Weltweit geht es übrigens um 1.8 Billionen USD, die 2017 investiert wurden.

Gerade mit Blick auf China schätzt die IEA die Aussichten für das laufende Jahr schlecht ein. Auch 2018 sei mit ähnlich niedrigen Investitionen in Ökoenergien zu rechnen, fürchtet sie. Denn China war 2017 für rund 45 Prozent aller weltweiten Solar-Investitionen verantwortlich. Nun hat das Land seine Solarförderung stark zurückgefahren: Seit Juni werden gewerbliche PV-Anlagen nicht mehr bezuschusst. Ohne solche Förderungen, so die IEA, läuft im Energiesektor fast gar nichts mehr – weder bei den erneuerbaren noch bei den fossilen.

Überhaupt ist das Energiegeschäft immer stärker von staatlichen Investitionen abhängig. Auch bei privaten Investitionen spielt der Staat eine wichtige Rolle (z.B. durch Vergütungsverträge, Förderungen oder Standards für Energieeffizienz).

Einen Lichtblick gibt es doch. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung kohlenstoffarmer Technologien nehmen langsam zu, bleiben aber auf niedrigem Niveau, wie die Abbildung zeigt:

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In der deutschsprachigen Presse fand der Bericht leider kaum Beachtung. Den Hinweis erhielt ich über eine Randnotiz im Economist. Vermutlich ist es draussen einfach zu heiss oder laute Leute drängen sich in den Meldungen vor.

Hier geht es zum vollständigen Report: https://webstore.iea.org/world-energy-investment-20180001493_world-energy-investment-2018_550

 

 

 

 

 

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 24. Juli 2018

 

 

 

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Kate Raworth: Die Donut-Ökonomie

Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. Das verspricht die britische Ökonomin Kate Raworth im Untertitel ihres Buches über die Donut-Ökonomie. Anna und ich haben gemeinsam mit Marco und Ulrich das Buch als Wirtschaftsliterarisches Quartett im Podcast bei den Mikroökonomen besprochen. Hört mal rein! Es ist länger geworden, als gedacht, denn Raworth’s Buch lädt generell zum Nachdenken über die grossen Themen der Wirtschaft ein: Wachstum, Verteilungsgerechtigkeit, Geld.

Für alle Interessierten gibt’s hier im Blog eine schriftliche Übersicht der Kernsaussagen des Buches.

Kate Raworth stellt auf über 350 Seiten vor, woran die bisherige Wirtschaftswissenschaft gescheitert ist und an welchen Werten sie sich zukünftig orientieren sollte, wenn Ökonomie und Ökologie zum Ausgleich gebracht werden sollen. Dazu entwirft sie das Bild des Donuts, das dem Buch auch den Titel gibt:

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Wofür steht der Donut?

Er steht für

eine Zukunft, in der die Bedürfnisse jedes Menschen befriedigt werden, während zugleich die lebendige Welt geschützt wird, von der wir alle abhängig sind (S. 60, Hardcover-Ausgabe)

Die innere Kreislinie des Donuts bezeichnet dabei das gesellschaftliche Fundament, das die primären Bedürfnisse, wie Nahrung, Bildung und Wohnen, sicherstellt. Das Loch des Donuts steht also für den Fall, dass es hinsichtlich dieser Grundbedürfnisse zu Defiziten kommt (Leben unterhalb des Existenzminimums). Die äussere Kreislinie des Donuts bildet die ökologische Decke, die wir Menschen der Umwelt zumuten dürfen. Wird diese Kreislinie aufgrund wirtschaftlicher Aktivitäten nach aussen gedrückt, kommt es zu ökologischen Spannungen, die die Erde in Gefahr bringen. Dazu zählen etwa der Klimawandel, die Abnahme der Biodiversität oder die Versauerung der Meere. Raworth nennt insgesamt neun ökologische Fundamentalrisiken. Der Raum zwischen beiden Kreislinien, der Donut, bildet den idealen Raum, indem sich menschliche Aktivität und Wohlergehen des Planeten im dynamischen Gleichgewicht befinden.

7 Denkansätze, wie dieser Donut-Zustand entstehen kann

Raworth gliedert ihr Buch nach 7 Denkansätzen, damit die Menschheit in diesen Donut-Zustand kommt. In diesen fordert sie, was sich in der heutigen Ökonomie ändern muss. Ich stelle die einzelnen Punkte hier unkommentiert vor (S. 40-41 der Hardcover-Ausgabe zeigt einen tabellarischen Überblick, den ich aus Copyright-Gründen hier nicht einbinden kann).

  1. Das Ziel ändern: Anstelle des BIP eine Vielzahl von Messkriterien entwickeln, die den Zustand des Donuts widerspiegeln (diese befinden sich im Anhang des Buches, S. 357-364)
  2. Das Gesamtbild erfassen: die einfachen Marktmodelle der ersten Studiensemester erweitern (z.B. exogene Faktoren), um die Verflechtung von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft sichtbar zu machen
  3. Die menschliche Natur pflegen und fördern: den homo oeconomicus der ersten Semester durch das vollständigere Bild eines sozial anpassungsfähigen Menschen ersetzen.
  4. Den Umgang mit Systemen lernen: Mechanische Gleichgewichtsmodelle durch dynamisches Komplexitätsdenken ersetzen
  5. Auf Verteilungsgerechtigkeit zielen: Verteilungsgerechtigkeit nicht dem Wachstum überlassen (≈ Kuznets-Kurve), sondern als Ziel wirtschaftlichen Handelns aktiv anstreben
  6. Eine regenerative Ausrichtung fördern: Umweltschutz nicht dem Wachstum überlassen (≈ ökologische Kuznets-Kurve), sondern Ressourcenschonung und Wiederverwendung ebenfalls von vorneherein als aktives Ziel anstreben
  7. Eine agnostische Haltung zum Wachstum einnehmen: Raworth ist eine Postgrowth-Vertreterin.

Weitere Links zu Raworth und der pluralen Ökonomik gibt es bei den Mikroökonomen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 02. Juli 2018 (Update nach der Aufnahme am 09. Juli 2008)

 

 

 

Lesetipp: Mehr Nachhaltigkeit durch künstliche Intelligenz

Gerade habe ich eines der wenigen Interviews auf Deutsch von Joanna Bryson gelesen. Ich kenne Joanna, weil wir beide im Ethics Advisory Board bei Mindfire sind. Sie ist Informatik-Professorin an der University in Bath. Ich kenne wenige Menschen, die in ähnlicher Weise transdisziplinär denken und arbeiten können. Deshalb meint sie denn auch:

Wir brauchen massive Verbesserungen in den Volkswirtschaften, massive Innovationen in den Regierungsstrukturen und den internationalen Beziehungen, und wir brauchen echte Fortschritte in den Humanwissenschaften, um den Menschen zu helfen, mit der ziemlich seltsamen Erkenntnis zurechtzukommen, dass wir nicht einzigartig sind.

Um dorthin zu gelangen,  braucht es mehr Transparenz und Aufklärung, damit die Menschen ihre Angst vor zu viel Einfluss der Maschinen verlieren, meint sie. Die Maschinen seien zwar auf bestimmten Gebieten auf Höchstleistungen programmiert. Künstliche Intelligenzen werden aber nie die Persönlichkeit des Menschen annehmen können. Deshalb ist es ihr auch ein grosses Anliegen, dass Maschinen keine Rechtspersönlichkeit erhalten. Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, mit realen Personen zusammenzuarbeiten und die Maschinen als Mittel für unsere Zwecke nutzen. Dann könne man besser an den grossen Herausforderungen der gegenwärtigen Gesellschaften arbeiten.

Das Interview ist komplett im Buch Neue Allianzen von Elisabeth Hartung nachzulesen:

Joanna Bryson_Auszug aus Elisabeth Hartung (Hrsg)_NEUE ALLIANZEN

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 08. Mai 2018

 

Für einmal rechtzeitig das Richtige tun

Das Pariser Klimaabkommen und verschiedene internationale Initiativen wollen den Finanzsektor in den Kampf gegen den Klimawandel einbinden. Der Bundesrat hat es damit aber nicht eilig. Die Schweiz hat die Wahl: abwarten und schauen, was passiert – oder pro-aktiv das Richtige tun.   

Letzte Woche haben im Parlament die Beratungen zur Totalrevision des CO2-Gesetzes begonnen. Für den Schweizer Finanzplatz ist die Vorlage vor allem aus einem Grund interessant: Die linken Parteien fordern, dass auch die Finanzbranche ihren Teil zum Kampf gegen den Klimawandel beiträgt.

Die Forderung gründet sich auf das Pariser Klimaabkommen von 2015. Der Einbezug des Finanzsektors in den Kampf gegen den Klimawandel ist nicht etwa nur eine Massnahme unter vielen im Pariser Abkommen. Im Gegenteil: „Making finance flows consistent with a pathway towards low greenhouse gas emissions and climate-resilient development,“ ist eines der drei Ziele des Abkommens, wie sie in dessen Artikel 2 definiert sind.

Obwohl die Schweiz das Klimaabkommen unterzeichnet und ratifiziert hat, klammert der Bundesrat in seinem Vorschlag zum CO2-Gesetz den Finanzplatz aus. Die Kritik folgte auf dem Fusse: die SP verlangt Massnahmen für einen klimaverträglichen Finanzplatz und die Grünen wollen das Gesetz in dieser Form zurückweisen.

Am weitesten geht der WWF, der schon im Dezember verlauten lies, dass für ihn „klimafreundliches Investieren und Anlegen zunehmend zur treuhänderischen Sorgfaltspflicht gehört.“

Die Schweizer Banken täten gut daran, hier genau hinzuhören. Klimaschutz als Sorgfaltspflicht ist für die Branche, welche schon lange über zu viel Regulierung klagt, natürlich nicht gerade attraktiv. Aber genau so wenig attraktiv ist es, internationale Entwicklungen zuerst zu ignorieren, dann zu bekämpfen, und sie schlussendlich nachvollziehen zu müssen, ohne sie mitgestaltet zu haben.

Doch das wird passieren, wenn die Schweiz und die Schweizer Banken ihrem üblichen Muster folgen. Denn erstens ist der Einbezug des Finanzsektors in den Kampf gegen den Klimawandel seit dem Pariser Klimaabkommen eine internationale Norm. Diese ist zwar nicht rechtlich verbindlich, aber das war der G20-Beschluss zur Einführung des AIA auch nicht. Zweitens arbeiten verschiedene internationale Gremien (zum Beispiel die UNO und die Weltbank oder das Financial Stability Board) an der Konkretisierung von Nachhaltigkeitsprinzipien für den Finanzsektor. Und drittens hat die EU vor, Nachhaltigkeitskriterien in die Finanzmarktregulierung zu integrieren, zum Beispiel, indem diese Teil des Mandates der Aufsichtsbehörden werden.

Klimaschutz-Sorgfaltspflichten sind eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Dass man heute noch nicht genau sagen kann, ob es bis dahin noch 3 oder 7 Jahre dauert, ist egal. Und auch, was schlussendlich der Auslöser sein wird (internationale Regulierungstandards, EU-Äquivalenzerfordernis, politischer Druck aus dem Ausland), ist unerheblich.

Wichtig ist, dass die Schweiz und die Banken jetzt noch Zeit haben, den Trend zu erkennen und sich darauf einzustellen. Jetzt ist der Moment um die bestmöglichen (warum nicht gerade weltweit führenden?) Instrumente und Konzepte zu entwickeln, wie der Finanzsektor seinen Teil zum Klimaschutz beitragen kann.

Die Schweiz hat die Wahl für einmal rechtzeitig das Richtige zu tun. Oder, wie so oft, nichts falsch zu machen, abzuwarten und sich vom Lauf der Dinge überraschen zu lassen.

Peter Kaufmann (ptr_tweets ) ist Leiter Web und Social Media bei der Schweizerischen Bankiervereinigung, 14. April 2018

Zu Gast bei den Mikroökonomen: Was taugt die Blockchain?

Die Mikroökonomen haben mich mal wieder zu ihrem Podcast eingeladen. Wir haben über sozial sinnvolle Einsatzgebiete der Blockchain gesprochen. Gibt es die überhaupt? Anlass dazu war ein Artikel über „Digital Currencies and Blockchain in the Social Sector“ in der Stanford Social Innovation Review, den ich hier kritisch kommentiert hatte. Solche Gespräche bringen doch viel mehr […]

Kryptowährungen und Blockchain für die Sozialwirtschaft

Die Londoner Firma Everledger verwaltet inzwischen mehr als anderthalb Millionen Diamanten auf ihrem Blockchain Ledger, d.h. für jeden echten Diamanten gibt es einen digitalen Zwilling, der genaue Angaben über Karatzahl, die Farbe, Zertifikate und Herkunft des Edelsteins enthält. Damit wird die Lieferkette fälschungssicher transparent gemacht. Wer einen Trauring mit einem Diamantensplitter aus dem Everledger gekauft hat, kann sicher gehen, dass er keinen Blutdiamanten  am Finger trägt. Das ist nicht nur ein Luxusproblem, denn wer kann sich schon Diamanten leisten? Eine transparente Lieferkette dieser Konfliktrohstoffe kann nicht direkt Menschenrechtsverletzungen verhindern, aber sie hilft, solche Händler auszuschliessen, die diese Transparenz nicht leisten wollen. Everledger ist  ein erfolgreiches Beispiel für den sozial sinnvollen Einsatz der Blockchain-Technologie.

Die beiden Berater David Lehr & Paul Lamb haben in der aktuellen Ausgabe der Stanford Social Innovation Review  mehrere Einsatzbereiche der Sozialwirtschaft aufgelistet, in denen Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie so genutzt werden, dass sie eine positive soziale Wirkung erzielen. Dazu zählen sie:

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Der langsame Abschied vom Shareholder-Value-Kult

„Die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen, und zwar sowohl öffentliche als auch private, einem sozialen Zweck dienen“, schrieb BlackRock-CEO Larry Fink in einem Schreiben am Dienstag. Es ging, so berichtete die New York Times, an die CEOs aller grossen Firmen, an denen BlackRock Anteile hält. Und das sind nicht wenige, denn BlackRock ist mit einer Anlagesumme von 6.3 Mrd. Dollar der grösste Vermögensverwalter der Welt.

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In Finks Brief heisst es unter anderem:

„Without a sense of purpose, no company, either public or private, can achieve its full potential. It will ultimately lose the license to operate from key stakeholders. It will succumb to short-term pressures to distribute earnings, and, in the process, sacrifice investments in employee development, innovation, and capital expenditures that are necessary for long-term growth. It will remain exposed to activist campaigns that articulate a clearer goal, even if that goal serves only the shortest and narrowest of objectives. And ultimately, that company will provide subpar returns to the investors who depend on it to finance their retirement, home purchases, or higher education.“ /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Social Corporate Responsibility soll also nicht mehr nur ein bunter Marketing-Gag sein, indem eine Firma berichtet, wie toll ihre Frauenförderprogramme sind, dass die Mitarbeiter an einem Freiwilligen-Tag Bäumchen pflanzen und dass selbstverständlich jede Flugmeile CO2-kompensiert wird. Verantwortung für die Gesellschaft heisst, Antworten auf die Fragen, die diese Gesellschaft umtreiben, zu finden. Denn damit ist dann auch langfristig Geld zu verdienen.

Companies must ask themselves: What role do we play in the community? How are we managing our impact on the environment? Are we working to create a diverse workforce? Are we adapting to technological change? Are we providing the retraining and opportunities that our employees and our business will need to adjust to an increasingly automated world? Are we using behavioral finance and other tools to prepare workers for retirement, so that they invest in a way that that will help them achieve their goals? /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Es wird Zeit für eine solche Neuausrichtung der Unternehmenswelt und ich bin gespannt, wie die Reaktion auf diese Ankündigung sein wird.

Interessant finde ich diesen Brief zum jetzigen Zeitpunkt vor allem aus zwei Gründen:

Zum einen spielt BlackRock, einer der ganz grossen Player an der Wall Street, mit diesem Vorstoss das progressive Silicon Valley mal locker an die Wand. Während es in Palo Alto früher gerne hiess, dass jede neue App dazu diene, die Welt ein wenig besser zu machen, erhielten die Tech-Konzerne im letzten Jahr sehr viel Gegenwind. Plötzlich hörte man den Ausspruch „Make this world a better place“ nur noch als ironische Replik in der Sitcom „Silicon Valley“. Das hat teils damit zu tun, dass die grossen Firmen (und Behörden) durch ihre Datenanalysen die Ungleichheit in der Gesellschaft  verstärken könnten.  Das hat auch viel mit der Polarisierung von Meinungen durch Manipulationen der User-Feeds zu tun. Die geschmacklosen Geschichten über weltfremde und frauenfeindliche Kapitalgeber haben den Eindruck eines fehlenden moralischen Kompasses noch gestärkt – da fehlen oft kritische Boards, die die Geschäftsleitungen ausreichend beraten und kontrollieren. Ohne gut funktionierende und engagierte Boards gibt es keine solide Unternehmensentwicklung, so die Philosophie von BlackRock.

Bei BlackRock kommt denn der Brief nicht von ungefähr. Die Firma ist Gründungsmitglied bei FCLT Global. Der Name steht für Focusing Capital on the Long Term und entspricht dem Anlagecredo eines Vermögensverwalters, dessen Kunden vor allem auf eine langfristige Wertentwicklung angewiesen sind. Das unterscheidet BlackRock auch von anderen „aktivistischen Aktionären“.  Eine konsequente Ausrichtung der Unternehmen auf eine solch langfristige Wertentwicklung würde auch eines der pet projects der Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley, die Longterm-Stock Exchange, überflüssig machen.

Zum zweiten nennt der Brief die derzeitige Handlungsschwäche vieler Staaten als Grund, Druck auf die Unternehmen auszuüben:

We also see many governments failing to prepare for the future, on issues ranging from retirement and infrastructure to automation and worker retraining. As a result, society increasingly is turning to the private sector and asking that companies respond to broader societal challenges. /zitiert nach dem Abdruck auf SeekingAlpha

Das ist schon eine harte Aussage. Wenn der Staat es nicht richten kann, müssen die Unternehmen in die Bresche springen. Das ist Kapitalismus pur. Und stellt die Frage nach der demokratischen Verantwortung und wie die funktionieren soll, wenn Unternehmen und nicht mehr gewählte Vertreter strategische Entscheidungen für eine Gesellschaft treffen und diese auch kontrollieren.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. Januar 2018