Aya Jaff: Keine Angst vor Aktien

«Aktien sind nicht böse», meint Aya Jaff und hat deshalb ein Buch über die Börse geschrieben. Ihr Ziel ist es, jungen Menschen Angst vor der Börse zu nehmen. Das tut sie, indem sie über das, was dort geschieht, in leicht verständlicher Form aufklärt und Geschichten über wirtschaftliche Akteure erzählt. Gelingt ihr dies? Marco, Anna und Barbara besprechen Jaffs «Moneymakers. Wie du die Börse für dich entdecken kannst» in unserer nächsten Runde der Buchkritik.

Wer ist Aya Jaff?

Aya Jaff ist eine 24-jährige Studentin der Wirtschaftswissenschaften und Sinologie. Sie ist im Teenageralter als Mitgründerin und CTO des Börsenspiels «Tradity» für deutsche Schulen bekannt geworden. Als 15-Jährige ging sie mit einem Stipendium nach Kalifornien, um an der Draper University die Grundlagen des Business Development kennenzulernen. Inzwischen hat sie mehrere eigene Firmen gegründet und berät andere, die dies gerne tun möchten. Daher wird sie gerne gebucht als Rednerin für Themen wie Start-Up-Entwicklung, Frauen in technischen Berufen sowie Coding und Trading. Geboren im Irak, kam Jaff im Alter von einem Jahr mit ihren Eltern und der Schwester nach Nürnberg.

Hier stellt sie sich und ihr Buch bei Böhmermann vor:

Worum geht es bei den «Moneymakers»?

Das Buch ist nicht ganz so einfach zusammenzufassen, weil es aus einem Mash-Up verschiedener Elemente besteht. Da gibt es Informationsblöcke, in denen Grundprinzipien des Wirtschaftens und des unternehmerischen Denkens leicht verständlich erklärt werden. Dazu gehört auch im letzten Kapitel ein Werkzeugkasten von Apps und weiteren Informationen, die helfen, sich aktiv mit dem Börsengeschehen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig geht es jedoch nicht nur um die Börse aus Anlegersicht, sondern um das «Mind-Set», das es braucht, um als Unternehmer oder Unternehmerin an der Börse erfolgreich zu landen. Deswegen gibt Jaff Einblicke in technologische Trends sowohl aus dem Silicon Valley wie auch aus China. Ebenso wie wir hat sie Kai-Fu Lees Buch über die AI Superpowers gelesen. Angereichert werden die Informationsteile durch zahlreiche Vignetten, in denen sie Persönlichkeiten vorstellt, die «Moneymaker» sind. Deren Geschichten haben sozusagen Vorbildcharakter und zeigen, wie man mit Wirtschaft und Geld umgehen kann.

«Mama didn’t raise no fool»

Aus meiner Sicht lassen sich Text und Person am besten mit einem Zitat von Jay-Z zusammenfassen, das Jaff selber in ihrem Buch bringt (S. 27). Sie ist ein Genie in Sachen Selbstvermarktung:

I sell ice in the winter,
I sell fire in hell,
I am a hustler baby,
I’ll sell water to a well.

Jay-Z, U don’t know, https://www.youtube.com/watch?v=TdAY2g39GdI

Doch genug der Vorrede. Hier könnt Ihr unsere Diskussion über ihr Buch hören:

https://mikrooekonomen.de/podcast/episode/mikrobuch015-geldscheffeln-fuer-anfaenger/

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 09. Juli 2020

Save the Date: 1. Klimakonferenz an der HSR in Rapperswil

Heute gibt es einmal eine Eventankündigung in eigener Sache:

Am 16. September findet an der Hochschule für Technik Rapperswil die 1. Klimakonferenz statt.

2_2018_power_to_gas_betanken
Schnappschuss von der Power-to-Methane-Anlage der HSR

Organisiert wird die Konferenz vom Klimacluster der HSR. Dieses bündelt das an der HSR vorhandene Wissen der einzelnen Institute und ermöglicht so eine intensive interdisziplinäre und praxisorientierte Zusammenarbeit zur Vermeidung und Bewältigung des Klimawandels.

Als Speaker werden meine Kollegen Markus Friedl, Susanne Kytzia, Igor Mojic, Henrik Nordborg und Dominik Siegrist klimarelevantes Arbeiten an der HSR vorstellen. Als Keynote Speaker haben wir Anton Gunzinger eingeladen, der uns zeigen wird, wie die Energiewende in der Schweiz gelingen kann. Die anschliessende Diskussion werde ich moderieren.

Mehr Informationen zur Anmeldung findet Ihr auf der Veranstaltungseite des Klimaclusters. Die ursprünglich für April geplante halbtägige Konferenz musste wegen der Corona-Restriktionen auf den Beginn des Herbstsemesters verschoben werden. Derzeit gehen wir davon aus, dass die Klimakonferenz wie geplant vor Ort unter Einhaltung der Hygiene- und Verhaltensregeln des BAG stattfinden wird.

Monopole im digitalen Kapitalismus

In der aktuellen Folge des MikroBuchs haben wir uns mit den Monopolisierungstrends der Digitalwirtschaft beschäftigt. Als Diskussionsgrundlage dienen uns Philipp Staabs Buch «Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit» (2019) und Peter Thiels «From Zero to One. Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet» (2014).

«Competition is for losers»

Wettbewerb gilt als Grundlage einer erfolgreichen Wirtschaft und gesellschaftlicher Wohlfahrt. Der Markt sorgt dafür, dass das rationale Streben der Akteure nach maximalem Gewinn zu einer effizienten Allokation der knappen Güter führt. Davon haben dann alle etwas, so die Theorie. Das Monopol als Abwesenheit von Wettbewerb wird deshalb in der klassischen Wirtschaftstheorie  – bis auf wenige Ausnahmen – verteufelt.

Peter Thiel hat in seinem Bestseller, der auf den Vorlesungsnotizen seines Studenten Blake Masters basiert, diese unkritische Huldigung des Wettbewerbs entzaubert. Denn Kapitalismus, so zitiert Thiel unter Rückgriff auf Schumpeter die klassische Theorie, basiert auf der Akkumulation von Kapital. Doch im perfekten Wettbewerb fallen sämtliche Gewinne dem Konkurrenzkampf zum Opfer (Thiel, S. 28). Wer als Unternehmen also erfolgreiche Gewinne einfahren möchte, sollte darauf achten, dass er alleine einen Markt besetzt. Solche Unternehmen sind kreative Monopolisten.

Jedes dieser Monopole ist einzigartig und Thiel skizziert mehrere Eigenschaften, die das Entstehen einer solchen Alleinstellung möglich machen: eine eigene Technologie, Netzwerkeffekte, Grössenvorteile und Markenbildung.

Thiel schrieb sein Buch als Manifest gegen Konformität im Unternehmertum. Nur wer es schafft, konträr zur landläufigen Meinung zu denken und zu handeln, ist in der Lage, ein erfolgreiches Monopolunternehmen aufzubauen und der Gesellschaft zu nutzen.

Vom digitalisierten Kapitalismus zum privatisierten Merkantilismus

7515

Thiels Querdenker-Buch ist zur Blaupause des digitalisierten Kapitalismus geworden. Die Überschrift zu seinem Beitrag in der Washington Post, in dem er sein Buch werbewirksam ankündigte, ist längst zum geflügelten Wort in Start-Up-Kreisen geworden: «Competition is for losers.». Die erfolgreichsten globalen Unternehmen scheinen seinem Mantra gläubig zu folgen: Die US-Unternehmen Google, Amazon, Facebook und Apple (GAFA) ebenso wie die chinesischen Firmen Baidu, Alibaba und Tencent (BAT). Und tatsächlich beherrschen diese Firmen inzwischen nicht nur ganze Märkte als klassische Monopolisten, sondern sie haben diese Märkte erst geschaffen. Sie sind ihre Eigentümer geworden. Das ist jedenfalls die Kernthese von Philipps Staabs neuem Buch «Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit». Je näher das Angebot einer dieser Metaplattformen dem Angebot des Gesamtmarkts kommt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Kunden sie wieder verlassen (Staab, S. 185). Staab zeichnet die Phasen nach, die diese neue Form des Kapitalismus erst möglich gemacht haben:

  1. Liberalisierung der Märkte
  2. Wachstum im Mobilfunkbereich
  3. Aufstieg des Internets als Basistechnologie mobiler Kommunikation

Die Globalisierung bezeichnet Staab dabei als Steigbügelhalter dieser Entwicklung. Staab untersucht detailliert die merkantilistischen Mechanismen, die diese Unternehmen entwickelt haben, um ihre Monopolstellung zu zementieren:

  • Informationskontrolle
  • Zugangskontrolle
  • Preiskontrolle
  • Leistungskontrolle (Staab, S. 173).

Gute Monopolisten, schlechte Monopolisten

Im Gegensatz zu Thiel sieht Staab in diesen Monopolkonstellationen erhebliche Nachteile für die Gesellschaft. Er zeigt, wie Praktiken der Kundengewinnung und -bindung auf diesen Plattformen zu Bewertungs- und Überwachungsmechanismen werden, die in unser alltägliches Zusammenleben vordringen, die Ungleichheit vergrößern und überhaupt den Begriff dessen, was mit «sozial» gemeint sein könnte, auf den Kopf stellen.

Gibt es eine Möglichkeit, dieser Vorherrschaft des digitalen Kapitalismus etwas entgegenzusetzen? Wir haben im Podcast bei den Mikroökonomen ausgiebig über diese Frage diskutiert. Hier könnt Ihr unsere Debatte nachhören und Euch an der Diskussion beteiligen.

 

 

Mehr Nachhaltigkeit dank Parallelwährungen: Kann das funktionieren?

Im Rahmen der Reihe „Neue Wirtschaftsmodelle“ lud der Kulturpark Zürich am 31.10. zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung zum Thema „Nachhaltiges Geld für eine nachhaltige Zukunft“ ein. Konkret ging es darum, ob und wie Parallelwährungen helfen können, die Nachhaltigkeitsziele der UN zu finanzieren.

Die Nachhaltigkeitsziele der UN stehen für einen grossen, globalen Konsens. Unser derzeitiges Wirtschafts- und Gesellschaftssystem weist zahlreiche Dysfunktionen auf, die bis zum Jahr 2030 behoben werden müssen. Dennoch bleiben zwei Kernthemen aussen vor: Zum einen, wie das Erreichen der Ziele finanziert werden soll. Zum anderen bleibt das Geldsystem als tragendes Element unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Miteinanders völlig unerwähnt. Das klingt absurd, meint der Veranstalter, denn mit Geld wird die ganze Wirtschaft betrieben, in Geld werden alle wichtigen Wirtschaftsindikatoren gemessen und am Geld entscheidet sich, was möglich ist und was nicht. 

pic-288x277

Für den ersten Redner, Stefan Brunnhuber, Psychiater und Ökonom, besteht kein Zweifel: Eine globale Parallelwährung kann Abhilfe schaffen. Sich zur Erreichung der Zeile alleine auf den Markt zu verlassen, helfe wenig, da 2/3 der SDGs sich auf Allgemeingüter beziehen, war seine Ausgangsthese. Das derzeitige Finanzsystem bezeichnet er als entropischen Sektor, der weitgehend mit sich und der Beseitigung der von ihm angerichteten Schäden beschäftigt sei. Er schlägt deshalb vor, optional eine zusätzliche globale Parallelwährung einzuführen, die nur einen Verwendungszweck kennt: die Erreichung der Nachhaltigskeitsziele. Diese Parallelwährung ist eine rein digitale Währung, die zusätzliche zweckgebundene Liquidität schafft. Die Zweckgebundenheit wird via Smart Contracts sichergestellt. Das Monitoring der Transaktionen soll der UN obliegen. Mit dieser zusätzlichen Währung möchte er vor allem institutionelle Anleger anlocken, die nicht nur langfristig und regelmässig Gewinne für ihre Zielgruppen erwirtschaften wollen, sondern ein immer grösseres Interesse daran haben, ihre risikoreichen, C02-lastigen Assets loszuwerden.

 

Das klingt nach intellektuellem Höhenflug, dem der Nachweis der Umsetzbarkeit noch fehlt. Den lieferte Claudio Gisler, Marketing- und Produktchef der Basler WIR-Bank. Er stellte in seinem Referat die bestens bekannte Parallelwährung WIR vor, die seit 1934 in der Schweiz im Umlauf und an den Schweizer Franken gekoppelt ist. Die Bank wurde in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise als Genossenschaft gegründet, damit sich Schweizer Unternehmen solidarisch mit Liquidität versorgen konnten. So blieb der WIR in der Schweizer Wirtschaft und kurbelte sie an. Gisler bezeichnete den WIR als Schmiermittel, das gut funktioniert, weil alle Teilnehmenden einen klaren Vorteil von seiner Nutzung haben. Hauptmerkmal des WIR ist die Zinsfreiheit. Die Guthaben werden nicht verzinst, damit das Geld schnell wieder in Umlauf kommt. Früher musste sogar eine Gebühr für Guthaben gezahlt werden. Heute muss sich die Mittelstandsbank Neues einfallen lassen, denn die Schweizer Nationalbank kopiert mit ihrer Zinspolitik die ursprüngliche Geschäftsidee der WIR-Bank. Angesichts schrumpfender Umsätze im WIR-System schlug er vor, ob die Bank nicht einen Green Coin einführen solle. Die Überlegungen sind aber nicht abgeschlossen.

Domagoj Arapovic beurteilte die Idee der Parallelwährungen aus makroökonomischer Sicht. Er ist Senior Economist bei der Raiffeisenbank. Er machte gleich zu Beginn klar, dass das Finanzsystem überhaupt nicht nachhaltig ist. Das führt er vor allem auf die impliziten Staatsgarantien zurück, durch die die Banken zu hohe Risiken eingehen würden. Das Geldsystem, wie es heute existiere, werde zu oft als naturgegeben hingenommen. In diesem Bereich sei mehr Forschung notwendig, um Alternativen zu entwickeln. Dennoch zeigte er sich als Ökonom gegenüber einem grossflächigen Einsatz von Parallelwährungen eher skeptisch, da diese zu Effizienzverlusten und möglichen Inflationsrisiken führen könnten. Ihm war es an dieser Stelle wichtig, dass er damit nicht für die ganze Raiffeisenbank sprechen könne, sondern für sich als Privatperson. Er plädierte stattdessen für mehr finanzielle Anreize und Lenkungsabgaben zur Stärkung der Nachhaltigkeit. Das sei auch für die Bürger und Bürgerinnen leichter verständlich. Und ganz ohne Einschränkung werde es sowieso nicht gehen, schloss er.

So divers wie die Redner, zeigten sich auch die Fragen und Beiträge aus dem Publikum. Leider entfernte sich die Diskussion recht schnell von den Redebeiträgen, da es doch in zahlreichen Wortmeldungen mehr um ideologische Selbstdarstellung, als um die Suche nach Dialog ging. Die zahlreichen Thesen, Kommentare und Appelle aus dem Publikum zeigten mir aber auch, wie zersplittert die Gruppe der Menschen ist, die sich für eine grundlegende Überprüfung unseres Geldsystems interessiert. Das ist keine Gemeinschaft.

Dabei wäre es so wichtig, zunächst einmal eine gemeinsame Wertebasis zu schaffen, die eine engere und regelmässige Zusammenarbeit dieser Menschen ermöglicht. Denn Einzelmasken, unabhängig davon, wie überzeugend oder abgefahren ihre Ideen sind, werden das System nicht ändern können. Es wäre begrüssenswert, wenn der Kulturpark als Veranstalter und Jens Martignoni als Organisator und Moderator des Abends Raum und Zeit schaffen würden, dass sich eine Arbeitsgruppe „Nachhaltiges Geld“ in Zürich etablieren könnte, die regelmässig zusammenkommt und das Thema vorantreibt. Der Anlass war ein guter Einstieg. Wir Vorbänker stellen unser Forum auch gerne für Themen rund ums Geldsystem zur Verfügung und würden mitarbeiten.

Und vielleicht schaffen wir es dann auch, dass solche Podiumsdiskussionen nicht mehr nur männlich besetzt sind. Es geht eben nie nur um Geld allein.

Hier gibt es einen Link zur Aufzeichnung des Abends: https://www.kulturpark.ch/neuewirtschaft

Herzlichen Dank an Jens Martignoni, der mir eine Freikarte für die Abendveranstaltung zur Verfügung gestellt hat.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 07. November 2019

 

 

9 Massnahmen für ein klimafreundliches Finanzsystem

Image

Finance Watch hat neun Forderungen vorgestellt, die wir von Unternehmen und Politik verlangen sollen. Die Forderungen bilden das Kernstück einer grundlegenden Finanzreform. Die ist dringend nötig, denn trotz aller Lippenbekenntnisse unterstützen Kreditinstitute weiterhin Investitionen in fossile Brennstoffe. Nur ein aktuelles Beispiel, um den immensen Handlungsbedarf aufzuzeigen. So wird die Credit Suisse, die stolz von sich behauptet, ihren Betrieb CO2-neutral zu führen, den Börsengang von Aramco begleiten. Saudi Aramco ist die grösste Erdölfördergesellschaft der Welt.

Das sind die Forderungen:

  1. Um Finanzströme klimafreundlich umzulenken, braucht es eine klare Deklarationspflicht über „saubere“ und „schmutzige“ Anlagen. Sprich, es braucht eine verbindliche Taxonomie.
  2. Unternehmen müssen dazu gebracht werden, über ihre sozialen und ökologischen Auswirkungen zu berichten. Das machen zwar viele in ihren Nachhaltigkeitsberichten, allerdings oft mit viel Phantasie und wenig Vergleichsmöglichkeiten.
  3. Die Menschen sollen selber entscheiden, wohin ihr Geld fließt. Neben einem Informationsrecht beinhaltet diese Forderung das Recht, Gelder aus nicht gewünschten Investitionen abziehen zu können.
  4. Umweltbelastende Tätigkeiten sollen bestraft werden. Normen, Quoten und Steuern müssen umgesetzt werden, um schmutzige Anlagen teurer zu machen als nachhaltige Aktivitäten. Kurz: Externe Effekte müssen eingepreist werden.
  5. Keine Subventionen mehr für die fossile Wirtschaft. Auch der Staat muss hier deinvestieren.
  6. Finanzinstitute müssen ihre fossilen Risiken reduzieren. Der Wertverlust fossiler Ressourcen wird wahrscheinlich zu einer Finanzkrise führen (Platzen der Carbon Bubble). Diese kann nur verhindert werden, wenn Banken ihre Risiken reduzieren.
  7. Mehr öffentliche Mittel sollen in den Klimaschutz fliessen. Das braucht eine langfristige und koordinierte Planung.
  8. Die Kurzfristigkeit an den Finanzmärkten muss eingedämmt werden. Finanzanlagen dürfen nicht nur an ihrem Wertzuwachs für die Aktionäre oder andere Eigentümer gemessen werden, sondern müssen den langfristigen Nutzen für die Gesellschaft berücksichtigen.
  9. Diversifizierung des Finanzmarktes, damit die systemischen Risiken sehr grosser Finanzinstitute eingedämmt werden. Die Regierungen müssen ein regulatorisches Umfeld schaffen, in dem verschiedene Bankmodelle (öffentliche Banken, regionale Banken, ethische Banken) prosperieren können.

Diese Forderungen dienen also nicht nur dem Klima, sondern auch der Stabilität des Finanzmarktes insgesamt. Wenn das keine Win-Win-Situation ist.

Weitere Informationen findet Ihr auf der Seite von Finance Watch. Eine schöne Visualisierung der Forderungen könnt ihr hier runterladen.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 17. September 2019

Grüne Banken sollen städtische Klimainitiativen finanzieren

Grüne Banken gibt es schon lange. Nun scheinen sie erneut auf dem Vormarsch zu sein, da vor allem Städte neue Möglichkeiten suchen, wichtige Vorhaben zur Verhinderung des Klimawandels und seiner Auswirkungen zu finanzieren.

Vorreiterrolle der Städte

Viele Städte haben erkannt, dass sie an vorderster Front der Klimaaktivitäten stehen müssen. Eine wachsende Anzahl von Städten hat bereits offiziell den Klimanotstand erklärt, darunter Krakau, London, Liverpool, Paris, New York und Sydney. Laut der Website der Cedamia (Climate Emergency Declaration and Mobilisation in Action) haben inzwischen mehr als 888 Gerichtsbarkeiten in 18 Ländern mit 161 Millionen Einwohnern einen solchen Notfall erklärt. In der Schweiz engagieren sich ebenfalls viele Städte dafür, die CO2-Emissionen bis spätestens 2050 (teils auch früher) auf Netto Null zu senken. Teils laufen diese Aktionen über die Ausrufung des Klimanotstands, teil aber auch über politische Absichtserklärungen, die konkrete Handlungsfelder im Rahmen der eigenen Kompetenzen beinhalten (s. das Beispiel Zürich)

Public Green Banks

Das alles kostet. Wie das Magazin Smart Cities World berichtet, können grüne Banken eine Vorreiterrolle in der Finanzierung der Vorhaben spielen. Dabei geht es nicht alleine um private Finanzierung, sondern auch um die Etablierung öffentlicher Banken, die die grünen Projekte vorantreiben können. In der Schweiz könnten beispielsweise die Kantonalbanken diese Rolle mit übernehmen, da wir bereits öffentliche Banken besitzen und sich so auch endlich – im Sinne des Gemeinwohls – wesentlich von den privaten Banken differenzieren könnten.

In vielen anderen Ländern fehlt es an öffentlichen Banken, die Infrastruktur und andere gemeinwohlorientierte Investitionen mitfinanzieren können. Am 2. Juli unterzeichnete etwa der Bürgermeister von Washington DC, Muriel Bowser, den Green Finance Authority Establishment Act des Distrikts. Dadurch wurde Washington DC zur ersten Stadt der USA, die eine von der Stadtverwaltung finanzierte grüne Bank gegründet hat. Die Bank wird mit 105 Millionen Dollar an öffentlichen Mitteln kapitalisiert. Das ist zunächst nur als symbolischer Akt anzusehen, Jay Wilson, Programmmanager der DC Green Bank, vom Department of Energy & Environment (DOEE), sagte gegenüber SmartCitiesWorld, dass die Stadt mehr als 2 Milliarden Dollar benötigen würde, um ihre grünen Ziele zu erreichen.

Derzeit gibt es US-weit 14 solcher grüner öffentlicher Banken. Typischerweise sind Green Banks in den USA öffentliche oder quasi-öffentliche Institutionen, die in Zusammenarbeit mit privaten Kreditgebern (also sogenannte Public private partnerships) grüne Infrastrukturprojekte finanzieren.

Eine Green Cities Development Bank

Die Option, eine eigene öffentliche Bank für grüne Vorhaben zu gründen, ist vor allem für finanzstarke Städte realistisch. Für Städte mit geringem finanziellen Spielraum bleibt diese Option ein Traum. Damit auch solche Städte besseren Zugang zu Kapital für ihre grünen Investitionen erhalten, haben bereits im April die Gruppe „C40 Cities Climate Leadership“ und das Overseas Development Institute (ODI) ein Working Paper veröffentlicht.

In diesem schlagen sie die Gründung einer internationalen Finanzinstitution speziell zur Finanzierung städtischer Klimaprojekte vor. Diesen Vorschlag unterstützt beispielsweise Anies Baswedan, Gouverneur von Jakarta.

„Für Städte im globalen Süden mit begrenzten Ressourcen und konkurrierenden Prioritäten kann eine Green Cities Development Bank uns helfen, Programme für nachhaltige Entwicklung zu beschleunigen, die wir sonst nicht hätten unterstützen können.“

Das Zitat macht exemplarisch deutlich, dass der Wille, in grüne Projekte zu investieren, vorhanden ist, es aber gerade in ärmeren Städten viele konkurrierende Prioritäten gibt, so dass grüne Projekte oft das Nachsehen haben.

Hier ist der Link zum gesamten White Paper: Financing the sustainable urban future

Braucht es diese neuen Institutionen überhaupt?

Das Anliegen ist gut nachvollziehbar und klingt zunächst überzeugend. Nun gibt es bereits reichlich Entwicklungs- und Förderbanken. Da gibt es die Europäische Investitionsbank in Luxemburg, da gibt es die KfW in Deutschland. China hat seine China Development Bank, mit einem starken Fokus auf städtischen Infrastrukturen. Als Gegenmodell zur Weltbank gibt es seit einigen Jahren die New Development Bank. Die Liste bereits bestehender und funktionierender Institutionen ist lang.

Wäre es nicht besser, wenn diese bereits bestehenden Banken spezielle Förderprogramme für städtische Klimainitiativen schaffen würden? Wozu sonst wurde denn auch der Green Climate Fonds geschaffen? Vielleicht geht es auch eher darum, dass Städten ein leichterer und unmittelbarer Zugang zu diesen Institutionen gewährt werden muss. Dann bräuchte es nicht noch eine weitere Entwicklungsbank für klimafreundliche Städte. Oder – noch besser – wenn Städte einen besseren Zugang zu den nationalen Steuermitteln erhalten würden.

Ein Herz für Zahlen?!

Die aktuelle MONETA-Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema „Messen und Bewerten“. Anna und ich haben haben uns beide an der Ausgabe beteiligt. Im Artikel „Kann man das Gute messen?“ gebe ich einen Überblick über aktuelle Trends, wie die soziale und ökologische Wirksamkeit von Finanzanlagen gemessen werden kann. Anna zeigt auf, wie die Alternative Bank mit dem Thema umgeht.

Hier geht’s zum Artikel: https://www.moneta.ch/laesst-sich-das-gute-messen

Illustration: Claudine Etter (Copyright: ABS Schweiz)

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 21. Juni 2019

Anna ist neu im Verwaltungsrat der ABS

Anna-Valentina Cenariu, Gründungsmitglied der Vorbänker und Vereinspräsidentin, ist neu im Verwaltungsrat der Alternativen Bank Schweiz. Sie wurde am letzten Freitag als Vertreterin der Mitarbeitenden für eine Amtsdauer von drei Jahren gewählt. Anna leitet bei der Bank die Fachstelle Nachhaltigkeit.

8ed3ae9d-1353-4b69-adbc-8430a17ab630
bei der Generalversammlung der ABS in Aarau

Wir gratulieren und wünschen viel Erfolg bei der neuen Aufgabe!

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 12. Mai 2019

Die Stadt-„Republik“ Tsüri

Wenn im letzten Jahr von einem neuen Medienprojekt in Zürich geredet wurde, dann ging es meist um die „Republik“. Das Digital-Magazin startete im Januar 2018 nach einem fulminanten Crowdfunding-Erfolg, der weltweit grosse Beachtung fand. Constantin Seibt und Christof Moser führten das leserfinanzierte Projekt an, das sich an ein urbanes, gebildetes und kritisches Bürgertum richtet. Ziel des Projekts ist die Wahrung einer freiheitlichen Gesellschaft.

«Ich rap im Züri-Slang, warum? Wil ich in Züri häng.» 

Und dann gibt es da noch ein vergleichbares, wenn auch viel, viel kleineres Projekt in Zürich. Mit genauso grossen Ambitionen. Eine Art „Stadt-Republik“. Genauso urban, gebildet und kritisch — und ganz lokal. Es geht um Tsüri. Tsüri setzt sich für eine nachhaltige, offene, moderne und umweltbewusste Gesellschaft ein. Das Zürcher Stadtmagazin richtet sich an eine jugendliche, gesellschaftskritische und lebenslustige Leserschaft. Texte, Bilder und Videos werden ergänzt durch Events, Führungen, analoge und digitale Games. In Sachen „Civic Media“ ist Tsüri wesentlich progressiver und gleichzeitig bodenständiger als die grosse, akademisch-intellektuelle Schwester „Republik“ aus der Langstrasse mit ihrem gediegenen Lesepublikum. Ganz wie das echte Zürich eben. Im Lokaljournalismus ist es vielleicht auch einfacher, analoges und digitales Leben zusammenzuführen.

https://www.youtube-nocookie.com/embed/lsj15uu8U2Y

Wo chunnts Geld her?

Mir hat sehr gut gefallen, wie Verleger Simon Jacoby das Projekt und sein Team präsentiert hat. Er tat dies anlässlich der Geldgespräche bei der Alternativen Bank AG in Olten im November. Tsüri wird u.a. vom Innovationsfonds der ABS gefördert. Anders als die „Republik“ verzichtet Tsüri nicht ganz auf Werbung, um die redaktionelle Arbeit sicherzustellen. Die 500’000 Franken Kosten wollen jedes Jahr erneut bezahlt werden, damit die Firma überlebt. Und noch gibt es nicht genug Unterstützer. Geschäftsführer Roland Wagner fällt es deshalb nicht schwer, seine Lieblingstätigkeit bei Tsüri zu benennen:

Ich schreibe sehr gerne Rechnungen, damit wir bei Tsüri.ch einen Lohn bekommen und wir unsere Krankenkasse bezahlen können. Im Moment haben wir alle eine Krankenkasse ohne Halbprivatversicherung.

Bei der Werbung geht Tsüri allerdings nicht über das Google Ad Network, sondern die Firma übt eine „handverlesene Werbekontrolle“ aus, meinte Simon Jacoby auf Nachfrage. Bei den Werbepartnern seien thematische Anknüpfungspunkte wichtig, ergänzte er, wie z.B. für inhaltliche Schwerpunkte wie „Sucht“ oder „Smart Cities“. Damit die Redaktion formell von Werbeeinnahmen unabhängig bleibt, hat Tsüri Verlagsgeschäft und Redaktion voneinander getrennt. Die Geschäfte laufen über die Tsüri AG. Die Redaktion ist im Verein Achtusig-Medien organisiert.

#tsürigang

Neben Werbung versucht Tsüri, seine Finanzierung über Mitgliedschaften sicherzustellen. Nein, der Verlag spricht ganz bewusst nicht von Abonnenten, wie das herkömmliche Magazine tun. Sie nennen diese Förderer auch nicht Verleger, wie die „Republik“ es vormacht. Tsüri ist vor allem Gemeinschaft. Redaktion und Leser bilden zusammen die #tsürigang. Deshalb macht das Magazin derzeit – so mein Eindruck – vor allem Bannerwerbung für sich selber. Mitglied der #tsürigang kann man übrigens bereits ab 5 Franken/Monat werden.

Jo, Tsüri kommt ziemlich hipstermässig daher und ich merke beim Lesen ab und an schon, dass ich eher nicht mehr zur Zielgruppe gehöre. Dennoch, mir gefällt das Konzept. Mir gefällt die Ausrichtung. Für den Journalismus. Für meine Stadt. Das ist glocal, wie ich es mir wünsche. https://tsri.ch/accounts/signup/

Eine ganz kleine Investition, mit ganz grosser Wirkung.

 

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), die bisher zur gediegenen Leserschaft der „Republik“ gehört, 29. November 2018

Neue Regeln für neue Städte?

Im nächsten Wirtschaftsliterarischen Quartett bei den @mikroeokonomen werden wir Titus Gebels Buch Freie Privatstädte. Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt diskutieren. Gebel entwickelt im Text die libertäre Vision einer Stadt, in der die Bürger mit dem privaten Unternehmen, das die Stadt betreibt, einen Einzelvertrag aushandeln und ansonsten machen können, was sie wollen:

„Stellen Sie sich vor, ein privates Unternehmen bietet Ihnen als Staatsdienstleister den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum in einem abgegrenzten Gebiet. Sie zahlen einen vertraglich fixierten Betrag für diese Leistungen pro Jahr. Um alles andere kümmern Sie sich selbst, können aber auch machen, was Sie wollen, solange Sie die Rechte anderer nicht beeinträchtigen.“ (aus dem Buchrückentext)

Um seine Idee zu illustrieren, greift Gebel gerne auf den Vergleich mit einem  Kreuzfahrtschiff zurück:

Denn auf hoher See außerhalb der Hoheitsgewässer unterliegen die Passagiere weder dem Recht des Staates, aus dem sie stammen noch dem, vor dessen Küste gekreuzt wird. Und der Kapitän hat die oberste Exekutivgewalt inne, es gibt an Bord weder ein Gericht noch ein Parlament. Es gibt dafür eine andere Rechtsgrundlage, nämlich den Vertrag, den die Passagiere mit der Kreuzfahrtgesellschaft (in der Regel über den Reiseveranstalter) geschlossen haben. Auch wenn sie ihn nie gelesen haben, ein solcher Vertrag existiert und er legt auch das anwendbare Recht fest. Für die Dauer der Kreuzfahrt übernimmt es das Personal der Kreuzfahrtgesellschaft, für ihre Sicherheit zu sorgen, ihr Eigentum zu schützen und mögliche Streitigkeiten zu schlichten (S. 149).

Damit das Ganze nicht zu sehr nach Titanic klingt, greift Gebel zum einen auf historische Vorbilder, wie Venedig oder die Deutsche Hanse zurück, zum anderen macht er aber auch kräftige Anleihen bei  Paul Romers Idee der Charter Cities (s. S. 156). Und der hat zusammen mit William Nordhaus gerade diese Woche den „Wirtschaftsnobelpreis“ erhalten. Muss man die Idee von diesen neuen Städten mit ihren souveränen Stadtordnungen also ernst nehmen?

Seit 2008 vertritt Romer die Idee, dass Entwicklungsländer mit besseren Regeln und Institutionen auf einen besseren Wachstumskurs gebracht werden können. Um diese These zunächst lokal begrenzt auszutesten, hat Romer das Konzept der Charter City entwickelt.

Die neuen Regeln würden in einer Charter bereits vor Ankunft der Bürger festgelegt. Niemand solle gezwungen werden, in dieser neuen Stadt zu leben. Das geht einfacher, wenn man unbewohntes Gebiet neu besiedelt. Alles basiert also auf Freiwilligkeit. Zwischen der neuen Stadt und dem Gastland soll es einen Vertrag geben, der der Stadt weitgehende Autonomie gewährt, so dass sie sich frei von den Regeln des Gastlandes entwickeln kann. Durch Handel und Migration profitiert auch das Gastland. Damit die Implementierung auch funktioniert, schlägt Romer vor, dass eine Treuhandnation eine Art Patenschaft über die Charter City übernimmt und bei der Einführung der neuen Regeln unterstützt. So könnte beispielsweise Kanada die Patenschaft über Guantánamo Bay nach Ende der US-amerikanischen Verwaltung des Ortes übernehmen und die Region ausserhalb der kubanischen Wirtschaftsordnung neu aufstellen.

Mit diesem Vorschlag hat sich Romer in ein Wespennest gesetzt: Westliche, entwickelte Staaten exportieren ihre Regeln in den unterentwickelten Süden? Das kam überhaupt nicht gut an (s. hier, hier oder hier). Romer hat sich von Anfang an gegen diesen Vorwurf des Kolonialismus gewehrt und auf die Freiwilligkeit des Konzepts hingewiesen.  In neueren Publikationen erwähnt er aber lieber das südchinesische Shenzhen als Beispiel dafür, wie eine Stadt dank Sonderregeln für ihr Gebiet zu einem überdurchschnittlichen Wachstum kam (s. Abbildung).

Shenzhen-Graphs.003
total GDP (GDP/capita∗population), Quelle: https://paulromer.net/economic-growth/

Gebel hat genau registriert, wie emotional die Menschen auf die Idee der Treuhandländer bei Romer reagiert haben. „Fremde Flaggen, das kommt nicht gut“, meinte er auch im Gespräch mit mir in Zürich im letzten Mai. An die Stelle des paternalistisch wirkenden Treuhänders tritt bei ihm der Wettbewerb profitmaximierender Unternehmen, die mit ihrem Produkt  Stadt um neue Kunden bzw. Bürger buhlen. Wenn mir als Bürgerin meine Stadt nicht mehr passt, suche ich mir eine neue. Damit rückt Gebel näher an ein anderes Modell, dass die Idee neuer, unabhängiger Gebietskörperschaften bekannt gemacht hat: die schwimmenden Städte des Seasteading Institute, in denen zukünftig „die Bewohner bei Unzufriedenheit mit der jeweiligen Gesellschaftsordnung ihre schwimmende Wohnplattform abkoppeln und zu einer anderen schwimmenden Stadt wechseln können“ (S. 266).

Was kann da schon schief gehen? Diskutiert mit uns.

Barbara Bohr (@nachrichtenlos), 11. Oktober 2018